Freitag, 14. Juli 2017

[ #Brandnertal ] Strassburger-Mannheimer Hütte und Albert Schweitzers Schwiegervater Harry Bresslau

Die seinerzeitige Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems "Hast Du meine Alpen gesehen? Eine jüdische Beziehungsgeschichte" rückte die Bedeutung jüdischer Bergsteiger und Künstler, Tourismuspioniere und Intellektueller, Forscher und Sammler und ihre Rolle bei der Entdeckung und Erschließung der Alpen als universelles Kultur- und Naturerbe zum ersten Male ins Rampenlicht.

Auch Vorarlberg kann davon berichten: Im September 2007 wurde in Strasbourg die Ausstellung "100 Jahre Strassburger-Mannheimer Hütte" von Adrien Zeller, Präsident des Regionalrates des Elsaß und Elisabet Ellison-Kramer, Österreichische Generalkonsulin in Strasbourg, eröffnet. Grund: 1905 war Albert Schweitzers Schwiegervater bei der Eröffnung der Strassburger-Mannheimer Hütte.

Die Mannheimer (Straßburger) Hütte ist eine Schutzhütte der Sektion Mannheim des Deutschen Alpenvereins (DAV). Sie liegt am Brandner Gletscher auf 2679 Metern im Rätikon. Gegenüber befindet sich die Schesaplana, der Hüttengipfel. Im Jahre 1905 wurde sie eröffnet. Die Hütte wurde 1903-05 von der Sektion Straßburg des Deutschen Alpenvereins als Straßburger Hütte errichtet. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde die Hütte geschlossen. Nach dem Krieg gehörte Straßburg nicht mehr zu Deutschland und die Sektion löste sich auf. Da die damalige Sektion Pfalzgau ihre Hütte in Cortina d'Ampezzo verloren hatte, übernahmen die Mannheimer die Straßburger Hütte 1919 und behielten den Namen bei.

Anfang der 30er kamen mehr als 4.000 Gäste pro Saison. Doch nach Einführung der "Tausend-Mark-Sperre" des Dritten Reichs konnten 1934 nur noch 16 deutsche Wanderer begrüßt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Mannheimer ab 1950 die Hütte wieder zu öffnen, doch sie erhielten sie erst 1956. 1970 wurde die Hütte elektrifiziert. Erst 1971 wurde die Hütte dann in Mannheimer Hütte umgetauft. 2005 wurde zusammen mit dem Club Alpin Français das hundertjährige Jubiläum gefeiert.

::: DOKUMENT ::: Wir erlauben uns dazu folgenden höchst informativen Beitrag (von Günther Hagen und Martin Künz) - der im Web wohl aus Anlass dieses Jubiläums herumgereicht wurde - hier zu dokumentieren und zu veröffentlichen:

Harry und Carry Bresslau, Hermann Bresslau, Helene Schweitzer-Bresslau und Albert Schweitzer. Auf der ersten Seite des Hüttenbuches der Straßburger Hütte vom 14. August 1905, somit dem Eröffnungstag und der feierlichen Einweihung der Schutzhütte in 2700 m Seehöhe am Brandner Gletscher findet sich die Unterschriftdes damaligen Rektors der Universität Straßburg Dr. Harry Bresslau, seinem Sohn Hermann und seine Frau Caroline (Carry). 
Wer war dieser Harry Bresslau? (* 22.März 1848 in Dannenberg,+ 27.Okt.1926 in Heidelberg) Er und seine Frau Carry stammten aus angesehenen jüdischen Familien, die über den Bildungsweg die Integration in die etablierte "christliche" Gesellschaft anstrebten. Harry (auch Heinrich) studierte Geschichte in Göttingen und Berlin, wurde Assistent von Leopold von Ranke, habilitierte sich über "Die Kanzlei Kaiser Konrads II." und erhielt 1890 (somit zu einem Zeitpunkt, als das Elsaß vom Deutschen Reich annektiert war) eine Berufung an die Universität Straßburg. ( In Berlin war ihm als ungetaufter Jude der Weg zum ordentlichen Professor versperrt). Bereits 1879 hatte er in ungesicherter beruflicher Position Zivilcourage bewiesen, als er dem hochprominenten Heinrich von Treitschke, der eine (nationalistische) Streitschrift gegen die Juden verfasst hatte, öffentlich widersprach. 
In Straßburg entfaltete er eine umfangreiche Lehr- und Forschertätigkeit, wobei er sich politisch als nationalliberaler Deutscher empfand. Das Professorenkollegium wählte ihn 1904 sogar zum Rektor, was für einen nicht getauften Juden sensationell und erstmalig in Deutschland war. Bereits 1891, also ein Jahr nach seiner Berufung nach Straßburg, findet man ihn als Mitglied der 1885 gegründeten Sektion Straßburg des DÖAV. Diesem Verein blieb er über all die Jahre treu und man findet ihn auch in den Mitgliederlisten bis 1910 (die späteren Mitgliederlisten bis zur Auflösung 1919 sind nicht mehr auffindbar). Es war somit wohl selbstverständlich, dass er 1905 mit seiner Familie zur Hütteneröffnung den gefährlichen" Leiberweg" von der Oberzalimhütte zur Straßburgerhütte gegangen ist.
Dass seine Tochter Helene damals nicht mit dabei war, erklärt sich wohl aus der Tatsache, dass sie am 1.April 1905 über Auftrag des Bürgermeisters Rudolf Schwander hauptamtliche Waiseninspektorin von Straßburg wurde und in dieser Zeit die konsequente Betreuung von 1200 zumeist außerehelichen Säuglingen und Kleinkindern aufbaute, samt der Gründung einer Heimes für unverheiratete Mütter – eine für die damalige Zeit europäische Pioniertat, zumal nach dem Code Civil, der damals im Elsaß galt, "la recherche de la paternité" verboten war. 
Harry Bresslau wollte auch, als das Elsaß 1918 wieder zu Frankreich kam, in Straßburg bleiben, da dies nach seiner Darstellung nach 28 Jahren seine zweite Heimat geworden war. "Mais il fut un des premiers expulsés, et il franchit le pont de Kehl le 2/12/1918 d´après l´ordre du Q.G.de la IVe Armée car il figurait comme" pangermaniste militant sur une liste noire etablie par des Alsaciens" (Theodore Lang, Archives de la Ville de Strasbourg, Br 354). "Die Vertreibung aus der Stadt, die ihm jahrzehntelang Heimat war, ist für Harry Bresslau eine der demütigendsten Erfahrungen seines Lebens. Etwa fünfzig Menschen werden an diesem Tag aus dem Elsaß ausgewiesen. Unter dem Gejohle und den Spottrufen der Umstehenden muss Harry Bresslau (70-jährig/g.h.) sein schweres Gepäck über die Rheinbrücke schleppen. Als er in der Mitte der Brücke nicht mehr weiter kann und sich eine Zerrung am linken Arm zuzieht, kommen ihm zwei französische Soldaten von der anderen Rheinseite zu Hilfe" (zit. aus Verena Mühlstein: Helene Schweitzer-Bresslau, C.H.Beck 2001). 
Wie bedeutend Harry Bresslau war, ersieht man u.a. aus Wikipedia, wo u.a.Literatur angeführt ist: Peter Rück(Hg): Erinnerung an Harry Bresslau zum 150.Geburtstag, 1998, wiederabgedruckt in: Erika Eisenlohr, Peter Worm(Hgg.): Fachgebiet Historische Hilfswissenschaften .Marburg 2000, ISBN 3-8185-0304-4,S.- Ganz abgesehen von seinem Handbuch der Urkundenlehre (2.Auflage Leipzig 1912), das bis heute ein Standardwerk der mittelalterlichen Diplomatik ist, oder seine bedeutende Mitarbeit an den Monumenta Germaniae Historica. 
Es half Harry Bresslau auch nichts, dass er aktives Mitglied und "secrétaire-président" der "Kommission für die Herausgabe elsäßischer Geschichtsquellen" (1912) war und führendes Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Straßburg, in der er im Kriegsjahre 1917 im Jahresbericht entgegen dem herrschenden Nationalismus erklärte "die Wissenschaft muss wieder international werden". Als Harry Bresslau begleitet von seiner Frau Caroline Frankreich verlassen musste, fand er zuerst Unterkunft bei den Verwandten seiner Frau in Hamburg und ließ sich danach in Heidelberg nieder, wo er bis zu seinem Tod 1926 weiter wissenschaftlich tätig blieb für die oben zit. Gesellschaft und die "Monumenta". Der Sohn Hermann Bresslau wurde Mathematiker, starb aber schon 1913 an einer Blinddarmoperation. 
Helene Schweitzer-Bresslau und Albert Schweitzer 
Die Tochter Helene blieb (hochschwanger) in Straßburg bei ihrem Mann Albert Schweitzer, mit dem sie seit 1911 verheiratet war und mit dem sie ab 1913 das Urwaldspital Lambarene im Kongo aufgebaut hatte. Dort hatte sie der Ausbruch des I.Weltkrieges im August 1914 überrascht, sie wurden überwacht und erhielten Reiseverbot. Schließlich wurden sie, gesundheitlich bereits schwer angeschlagen, 1917 nach Südfrankreich in ein Internierungslager deportiert. Auf Grund des Berner Zivilgefangenenaustausches werden die Schweitzers freigelassen, können im Juli 1918 in Konstanz die Eltern Bresslau wiedersehen und im August Vater Louis Schweitzer in Günsbach. Danach ziehen sie nach Straßburg, wo Albert Schweitzer wieder Vikar in St.Nikolai wird und als Assistent im Bürgerspital arbeitet. 
Am 10. November übernimmt in Straßburg ein Arbeiter- und Soldatenrat die Macht und am 21. November zieht die französische Armee unter dem Jubel der elsäßischen Bevölkerung in Straßburg ein. Wegen seiner unabhängigen Haltung gilt Albert Schweitzer als "gefährlicher Autonomist" und wird von Anfang 1919 bis Ende 1920 von der französischen Geheimpolizei überwacht. Vor dem Haus der Schweitzer wurde ein Spitzel postiert (Mühlstein, s.o.) 
Als die Nazizeit 1933 über Deutschland hereinbrach, kam die Verfolgung von der anderen Seite, diesmal lebensbedrohend. Albert Schweitzer war wieder nach Lambarene zurückgegangen. Helene hatte aber aus gesundheitlichen Gründen in Europa bleiben müssen. Die Nürnberger Rassegesetze 1935 bringen ihre Angehörigen in Deutschland in größte Schwierigkeiten, einigen gelingt die Emigration, den anderen droht die Deportation. Helene reist zur Tochter Rhena, die mit ihrem Mann, einem Orgelbauer aus dem Elsaß, in Paris lebt; jedoch kurz nach der Geburt des Enkelkindes muss die Familie in größter Eile flüchten, da die Deutschen Truppen auf Paris vorrücken. Es kommt zu einer hastigen Flucht unter härtesten Bedingungen, da alles auf der Flucht ist, bis nach Südfrankreich. Aber erst im Sommer 1941 gelingt Helene die Überfahrt nach Afrika. Im Dezember 1941 erreicht sie die Nachricht vom Tod der Mutter Carry Bresslau. Diese war offenbar wegen ihres hohen Alters von den Nazis ungehelligt in Heidelberg geblieben. Ihre Betreuerin Johanna Engel jedoch nahm sich im August 1942, als sie erfuhr, dass sie nach Theresienstadt deportiert werden sollte, das Leben. Die Familie der Tochter kann sich erst 1943 mit Hilfe des Schweizer Regierungsrates Briner in die Schweiz retten.
Dies ein paar kurze Auszüge aus dem Leben der Bresslaus und der Schweitzers, welches les Alsaciens et Alsaciennes sicher besser kennen als wir Vorarlberger. Wir dürfen aber mit Genugtuung vermerken, dass die Vorarlberger Landesbibliothek über 123 Buchtitel von Albert Schweitzer resp. über ihn u.Helene Schweitzer-Bresslau und immerhin 10 inclusive der "Monumenta Germaniae Historica" über Harry Bresslau besitzt, davon Schweitzers theologische und philosophische Werke und insbesondere seine Schriften und Predigten gegen den Krieg, seine Lebensethik, den Wiederaufbau der Kultur, seine Kulturkritik und über die Ehrfurcht vor allem Lebendigen. 
Eine Länder und schwere Zeiten überbrückende Ausstellung kann daher in einer Zeit der beweglich gewordenen Grenzen nicht besser abschließen als mit einem Zitat des Friedensnobelpreisträgers Albert Schweitzer: "Nachdenklich Machen ist die tiefste Art zu begeistern".
F.d.Inhalt: Günther Hagen / Martin Künz

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