Sonntag, 2. April 2017

[ #Vorarlberg ] Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert

Auch wenn die Umstände unvergleichbar sein müssen, Assoziationen zur augenblicklichen gesellschaftlichen Situation drängen sich dennoch auf. 

Die Alltagsbewältigung unter erschwerten wirtschaftlichen Umständen nützte eben ein großer Teil, wohl der bedrängtere Teil der Bevölkerung Vorarlbergs zu den Zeiten der Hexenverfolgung, die vermeintlichen Verursacher ihres Elends im Zuge von Hexenprozessen zu eliminieren. Da die Behörden jedoch an rechtliche Normen und Vorgaben der (Innsbrucker) Regierung gebunden waren, gingen diese in den Augen der Bevölkerung vielfach zu wenig konsequent gegen die als Hexen Verdächtigten vor, wodurch neue soziale Konflikte entstanden.

Elsa Guotschelckhin. Die erste bekannte Person, die in Vorarlberg als Hexe gefangen genommen wurde, war die Mutter des späteren kaiserlichen Hofhistoriografen Dr. Jakob Mennel aus Bregenz (1498/99); die Erste, gegen die nachweislich prozessiert wurde, hieß Elsa Guotschelckhin und stammte aus Latz bei Nenzing (1528). Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kam es in den Herrschaften Bregenz und Feldkirch zu einer Hexenverfolgungswelle, von welcher der Bregenzerwald besonders stark betroffen war.

In den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg standen in den 130 Jahren zwischen 1528 und 1657 insgesamt mindestens 165 Personen als Hexen oder Hexer vor Gericht. In Anbetracht des Aktenverlustes wird es nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man diese Zahl auf etwas über dreihundert verdoppelt. Mindestens 95 Personen wurden im erwähnten Zeitraum nachweislich als Hexen oder Hexer getötet. Tatsächlich muß man hier wohl mit etwa zweihundert Todesopfern rechnen.

Frühneuzeitliche Erklärungswelten. Die meisten frühneuzeitlichen Menschen glaubten, dass alles, was sie betraf, Ausdruck einer Absicht war. Sie lebten damit in einer ständig bedrohten Welt, zu deren Bewältigung angesichts der Entwicklungen des 16. und 17. Jahrhunderts die traditionellen Erklärungsmuster nicht mehr hinreichten. Bevor sie zu einer umfassenderen sachorientierten Wahrnehmungsweise gelangen konnten, ermöglichte es ihnen das theologisch-rechtliche Vorstellungsangebot vom übermächtigen Feind der christlichen Welt und der Verschwörung der Hexen weiterhin, Nöte und Konflikte aus einem unverständlichen in einen klaren Zusammenhang zu heben, somit leichter zu ertragen und vermeintlich auch zu beseitigen. Das wirkte sich jedoch besonders im engeren nachbarschaftlichen Verband, der ohnehin immer einen guten Nährboden für Antagonismen und Aggressionen bildete, letztlich verheerend aus.

Soziale Konflikte, Bei einer quellenorientierten Untersuchung versagen viele gängige Erklärungen des Hexenwesens. Es zeigt sich, dass die Hexenverfolgungen in den Herrschaften vor dem Arlberg in erster Linie als Ausdruck sozialer Konflikte verstanden werden müssen. Auch der christliche Kontext muss dabei hinterfragt werden: Zwar nutzten die Verfahren das theologisch-rechtliche Angebot, ermöglichte dieses doch kraft dem religiösen Vorstellungsangebot vom übermächtigen Feind der christlichen Welt von der Verschwörung der Hexen auszugehen. In den Geständnissen der Angeklagten standen jedoch die vermeintlich zauberischen Schädigungen im Vordergrund. Von der Satansverehrung der theologischen Hexenvorstellung sind nur Ansätze dokumentiert. Statt dessen lassen sich sowohl in den Prozessunterlagen als auch im volksmagischen Umfeld der Hexenverfolgungen auch Denkmuster feststellen, die an nichtchristliche Verbindungen zur Totenwelt und Fruchtbarkeitsvorstellungen erinnern.

Johann-August-Malin-Gesellschaft. Diese Vorarlberger historische Gesellschaft macht auf ihrer Website Texte zugänglich, die ihr für die geschichtswissenschaftliche Diskussion in Vorarlberg wesentlich erscheinen und in Zusammenhang mit ihrem selbstgewählten Arbeitsbereich stehen. Darunter ist auch dieser Beitrag von Manfred Tschaikner online bzw. als kostenfreies PDF zum Herunterladen.

Verlagsinformation. Manfred Tschaikner: "Damit das Böse ausgerottet werde". Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert - Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, Band 11. 1992, 312 Seiten, kt., 20 Abb., ISBN 3-900754-12-8, öS 317,- / € 23,04

Mag. Dr. Manfred Tschaikner. Manfred Tschaikner wurde 1957 in Bludenz geboren und wuchs in Feldkirch und Dornbirn auf. Er maturierte 1975 am Bundesgymnasium Dornbirn und begann nach dem einjährig-freiwilligen Präsenzdienst 1976 an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte zu studieren. Nach der Sponsion und Lehramtsprüfung 1982 unterrichtete er in Innsbruck und von 1983 bis 2002 als begeisterter Pädagoge am Bundesgymnasium Bludenz. Er zählte zu jenen Mittelschullehrern, die sich neben dem Lehramt auch um die Forschung bemühten. Aufgrund einer Dissertation über die Hexenverfolgung in Vorarlberg wurde der Historiker 1992 von der Universität Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Inzwischen hat Tschaikner mehrere Bücher und wohl über 200 wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. 2002 wechselte er ins Vorarlberger Landesarchiv nach Bregenz, wo er sehr engagiert und erfolgreich die Abteilung "Historisches Archiv" leitet. 2008 wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Wien erteilt. Sein Forschungsschwerpunkt bildet neben der allgemeinen Regionalgeschichte das frühneuzeitliche Hexenwesen Westösterreichs, Liechtensteins und der Ostschweiz, wo er international als Kapazität geachtet wird.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]
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Vorwort 9

1. Voraussetzungen 11
1.1. Vorüberlegungen 11
1.2. Literaturübersicht zum Hexenwesen in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg 16
1.3. Grundlagen und Entwicklung des Hexenwesens bis zum Beginn der Verfolgungen in Vorarberg 23
1.3.1. Kirche und Zauberei bis um 1200 23
1.3.2. Einführung der lnquisition und Verketzerung der Zauberei 25
1.3.3. Der theologische Hexenbegriff 29
1.3.4. Verbreitung des Hexenwesens im süddeutschen Raum 31
1.4. Allgemeine wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Hintergründe der Hexenverfolgungen 34
1.5. Verwaltungsstrukturen der österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg in der frühen Neuzeit 40

2. Der Verlauf der Verfolgungen 45
2.1. Die frühesten Vorarlberger Hexenverfolgungen 45
2.2. Die Hexenverfolgungen um die Mitte des 16. Jahrhunderts 49
2.3. Die Hexenverfolgungen zwischen 1570 und 1590 57
2.4. Die Hexenverfolgungen um 1600 64
2.5. Die Bregenzer Hexenprozesse von 1609 79
2.6. Die Bregenzer Hexenprozesse von 1615 91
2.7. Die Hexenverfolgungen zwischen 1616 und 1640 103
2.8. Die Hexenverfolgungen nach 1640 114
2.9. Das Ende der gerichtlichen Hexenverfolgungen 128
2.10. Die Injurienprozesse des 17. Jahrhunderts 134

3. Recht und Gerichtsverfahren 139
3.1. Zum rechtlichen Hintergrund der Hexereiverfahren 139
3.2. Das Gerichtsverfahren 150
3.3. Die Gefängnisse 160
3.4. Die Hinrichtung 161
3.5. Prozesskosten und Konfiskation 164

4. Die Geständnisse 170
4.1. Die ältesten Urgichten 171
4.2. Bludenzer Urgichten 173
4.3. Bregenzer Urgichten 176
4 .3.1. Zeitpunkt des Teufelsbundes 176
4.3.2. Erste Begegnung mit dem Teufel 177
4.3.3. Aussehen des Teufels 179
4.3.4. Teufelsbund und Teufelsbuhlschaft 180
4.3.5. Teufelsnamen 183
4.3.6. Hexenflug 186
4.3.7. Hexensabbat 186
4.3.8. Hexentanzplätze 188
4.3.9. Schadenzauber 190
4.3.10. Verwandlungen und Teufelsmäler 191
4.3.11 lm Gefängnis 192
4.4. Volkskundliches 193
4.5. Kirchengeschichtliches 196

5. Die Opfer der Hexenprozesse 197
5.1. Liste der gerichtlich Verfolgten 197
5.2. Quantitative Auswertung 208
5.2.1. Zeit zwischen 1525 und 1555 208
5.2.2. Zeit zwischen 1570 und 1605 209
5.2.3. Zeit zwischen 1609 und 1616 210
5.2.4. Zeit zwischen 1619 und 1660 211
5.2.5. Zusammenfassung 212
5.3. Anteil der Hinrichtungen und Freisprüche 213
5.4. Anteil der Geschlechter 214
5.5. Alter der Verfolgten 215
5.6. Kinderhexenprozesse 216
5.7. Soziale Stellung der Opfer 217
5.8. Regionale Verteilung der Hexenprozesse 218
5.9. Zahl und Größe der Hexenprozesse 221

6. Vergleich mit den Hexenverfolgungen in den Nachbarländern 223
6.1. Schwaben 223
6.2. St. Gallen und Appenzell 225
6.3. Prättigau 227
6.4. Hohenems und Vaduz/Schellenberg 229
6.5. Tirol 230
6.6. Verbindungen mit den Nachbargebieten 231

7. Zur Rolle der Kirche bei den Vorarlberger Hexenverfolgungen 233

8. Zur Rolle der Frau bei den Vorarlberger Hexenverfolgungen 239

9. Schlußbemerkungen 245

10. Anmerkungen 249

11. Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Bildquellennachweis 279
11.1. Abkürzungsverzeichnis 279
11.2. Ungedruckte Quellen 280
11.3. Bildquellennachweis 281
11.4. Gedruckte Quellen und Darstellungen 281
12. Register 301
12.1. Personenregister 301
12.2. Ortsregister 308

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