Mittwoch, 4. November 2015

[ #Feldkirch ] Deutsche Truppen in Feldkirch - Flüchtlinge an der Schweizer Grenze

Die nationalsozialistische Bedrohung als Gründungsmythos des modernen Liechtstein.

Glück- und Friedenswünsche an Hitler. Am 16. März 1938 treten in dem Vaduzer Rathaussaal die Wiener Sängerknaben auf, derweil marschiert in Feldkirch die deutsche Wehrmacht ein. Im Einvernehmen mit der Regierung in Vaduz sandte Fürst Franz am Tag darauf dem 17. März 1938 Reichskanzler Hitler "anlässlich der Vereinigung von Österreich ... mit dem Deutschen Reiche ... meine Glückwünsche",. Er fügte hinzu, dass er von Deutschland eine "Gewähr für einen dauernden Frieden" in Europa erwarte. Hitler dankte dem Fürsten auf telegrafischen Wege.

Rüsckständiges Liechtenstein. Liechtenstein hatte über Nacht mit dem Deutschen Reich eine gemeinsame Grenze bekommen. Das Fürstentum war ein sehr, sehr armes Land. Seine innere Sicherheit wurde von gerade mal 7 Polizisten und 10 Helfern besorgt. Von den gut 10.000 Einwohnern waren in den wenigen Industriebetrieben knapp 500 Arbeitskräfte beschäftigt, weit weniger als vor dem Ersten Weltkrieg. Die Landwirtschaft, Hauptzweig der Wirtschaft, litt seit Jahren unter dem Preisverfall. Es gab gerade mal 17 Traktoren im ganzen Land. Die Sparkasse (Landesbank) hatte am 19. März nur durch ein Darlehen vor Zahlungsunfähigkeit gerettet werden können.Der Geldabfluss hielt bis in den Herbst an. Das Arbeitsamt verzeichnete 1938 3.124 Arbeitssuchende, statistisch weit über die Hälfte der erwerbsfähigen Männer. Noch während der Naziherrschaft waren mehr Liechtensteiner Gastarbeiter im Deutschen Reich als etwa in der Schweiz.

Märzkrise. Bereits am 11. März 1938 wandte sich die liechtensteinische Regierung an Schweizer Behörden, diesmal mit der Bitte um die Entsendung von Schweizer Militär an die vorarlbergisch-liechtensteinische Grenze. Die Schweiz lehnte jedoch rundweg ab, da sie gegenüber Deutschland keine Verletzung ihrer Neutralität dokumentieren wollte. Liechtenstein war nämlich nicht in die schweizerische Neutralität einbezogen, und es bestand auch kein militärisches Besetzungsrecht.

Die beiden Liechtensteiner Parteien waren zerstritten und das Fürstenhaus war ortsabwesend, betrieb wörtlich lediglich ein "Absteigequartier" in Vaduz. Zudem hatte das Fürstenhaus in Österreich und der Tschechoslowakei weit größere Besitzungen und war offenbar bemüht diese auch zu erhalten. Auf der Landkarte war aber Liechtenstein auch für das Deutsche Reich bedeutungslos und man wollte die Beziehungen zur Schweiz damals nicht gefährden. Das konnten die Liechtensteiner Regierungsverantwortlichen aber nicht wissen und hatten sehr wohl die Begehrlichkeiten der Nationalsozialisten "aus Feldkirch" gesehen. Gleichzeitig waren sie aber angewidert von dem, was in Vorarlberg und an ihrer Grenze stattfand. In Feldkirch hatte der Autotouring-Club in vorauseilendem Gehorsam schon seit dem 11. März als willkürliche Grenzeinheit gewütet und beschlagnahmt. In Liechtenstein war man von den Vorarlbergern angewiedert und wohl auch überrascht, wie schnell die Konservativen die Fahnen wechselten. Dabei war im armen ländlichen Liechtenstein auch für die Jugend Deutschland eine moderne und vor allem urbane Größe, die durchaus auch ihre Anziehungskraft haben musste, da die Zukunft im eigenen Land ja trist ausschaute. Es trafen wohl auch dieselben Verhältnisse zu, welche Lucie Vargas vielbeachtete Feldforschung im Montafon 1935 zutage gebracht hatten: Der Zulauf zum Nationalsozialismus als urbane Reaktion auf die verkarsteten ländlichen Traditionen.

Proporz und Konkordanz. Aber anders als in Österreich fanden dort die Parteien zusammen. Man einigte sich auf eine paritätische Koalitionsregierung, welche man in Vorarlberg bis heute nicht zustande gebracht hat. Man legte damit den Grundstein für den heutigen Reichtum, den gesellschaftlichen Frieden und Wohlstand. Auch das Sicherheitskorps wurde von 10 auf 20 Mitglieder erhöht. Nicht etwa weil man damit mehr Sicherheit erreichen wollte, sondern aus dem hier beschimpften Parteienproporz: Neben zehn Bürgerpartei-Hilfspolizisten kamen zehn Leute, welche die Vaterländische Union benannte. Nachdem Österreich im März 1938 an das Deutsche Reich angeschlossenen worden war, entschied sich der neu regierende Fürst Franz Josef II. als erster Fürst Liechtensteins seinen Wohnsitz nach Liechtenstein auf das Schloss Vaduz zu verlegen.

Franz Josef II., Fürst von und zu Liechtenstein (Franz Josef Maria Aloys Alfred Karl Johannes Heinrich Michael Georg Ignatius Benediktus Gerhardus Majella von und zu Liechtenstein, Herzog von Troppau und Jägerndorf, Graf zu Rietberg; * 16. August 1906 auf Schloss Frauenthal, Steiermark, Österreich; † 13. November 1989 in Grabs, Kanton St. Gallen, Schweiz) war der erste Sohn von Prinz Alois von und zu Liechtenstein und Erzherzogin Elisabeth Amalie von Österreich.  Sein Titel Herzog von Troppau und Jägerndorf verwies auf das ehemalige Österreichisch-Schlesien, nunmehr Teil Tschechiens. Sein Taufpate war Kaiser Franz Joseph I.. Die Jugend verbrachte Franz Josef II., ein Ururenkel des Fürsten Johann Josef I., vorwiegend auf Schlössern des Fürstenhauses Liechtenstein in Österreich, darunter 1911–1914 auf Schloss Groß Ullersdorf in Mähren.  Seit dem 12. März 1938 lagen die österreichischen Besitzungen der Fürstenfamilie im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich. Am 30. März 1938 wurde er als Prinzregent des Fürsten berufen. Am 25. Juli 1938 übernahm Franz Josef II. die Regentschaft seines verstorbenen Vorgängers Fürst Franz I. und ließ sich in Liechtenstein nieder. Die NS-Herrschaft wurde im Herbst 1938 und im Frühjahr 1939 auf ganz Böhmen und Mähren ausgedehnt; im Lichte dieser und weiterer Entwicklungen war die Entscheidung des Fürsten ein weitblickender Entschluss. Er war der erste Fürst, der seinen Hauptwohnsitz in Liechtenstein hatte. Ständiger Wohnsitz der Fürstenfamilie wurde das Schloss Hohenliechtenstein über Vaduz, das der Fürst wohnlich ausbauen ließ.

Putschgerüchte. Damit war noch nicht alles geschafft und die "landeseigenen" Nationalsozialisten taten dasselbe was die Vorarlberger Nazis vor der Machtübernahme taten. Böllerattentate, Hakenkreuzfeuer und ähnliches. Aber der Vaduzer Regierungsfrieden war stärker, auch wenn Vorarlberger und Liechtensteinische HJ-Führer noch einen dilletantischen Putschversuch probierten, den sowohl deutsche als auch liechtensteinische Sicherheitsbehörden im Keim erstickten.

Flüchtlingspolitik. Freilich hatte die Appeasementpolitik gegenüber dem Deutschen Reich auch ihre Opfer. Noch 1937 waren 67 Personen eingebürgert worden, darunter 40 wegen jüdischer Herkunft in Deutschland Verfolgte. Nicht ohne eigene Interessen: Daraus nahmen Gemeinden und Land allein 1937 zusammen fast eine Million Franken ein, und die Sparkasse erhielt einen Zufluss von gut 800.000 Franken an Kautionsgeldern. In den Verhandlungen mit der Schweiz in diesen Märztagen hatte Liechtenstein auch eine Kritik aus Bern wegen der "laxen Judeneinbürgerung" gebracht. Man versprach gegenüber der Schweiz genauer hinzuschauen und dem Deutschen Reich überhaupt einen Stop.

Der Flüchtlingsandrang an der Schweizer wie Liechtensteiner Grenze war enorm: Gerhard Wanner (Flüchtlinge und Grenzverhältnisse in Vorarlberg 1938 - 1944) sagt dazu:

"Statistische Zahlen über die illegalen Grenzübertritte, meist handelte es sich um mittellose, männliche Wiener Juden im Alter von 18-25 Jahren, gibt es nicht. Wir sind lediglich auf sporadische Hinweise angewiesen: Nach einem Bericht eines St. Galler Landjägers (Kantonspolizist) überschritten Ende Juli 1938 innerhalb von drei Nächten etwa 1.200 Flüchtlinge die Grenze bei Diepoldsau und St. Margrethen. Der Liechtensteiner Fluchthelfer Gebhard Lorenz berichtete, Ende Juni würden in Feldkirch 1000 jüdische Emigranten ankommen. Mitte August durchwateten bei Diepoldsau täglich 50 und mehr Juden den seichten Alten Rhein. Ende August betrug ihre Anzahl in der Schweiz ca 2.300. ... Beträchtlich scheint der Flüchtlingsstrom auch nach Liechtenstein gewesen zu sein: Er ging vor allem über die Feldkircher Ortsteile Tisis und Tosters und gelangte fallweise ins Haus der Liechtensteiner Witwe Ida Fehr, das unmittelbar an der Grenze im Liechtensteiner Ort Mauren lag. Sie gab an, in den Monaten zwischen August und Oktober 'die Küche und Stube voll Juden gehabt' zu haben, und wenn die Flüchtlinge wieder weitergegangen seien, sei 'es gerade gewesen wie eine Prozession'."

Nach dem Einmarsch in Österreich ließ man vorerst keine Einbürgerungen mehr zu. Der Aufenthalt wurde gelegentlich, aber nur ausnahmsweise und nur noch gegen hohe Barkaution von vorerst 20.000 Franken gewährt. Der Landtag erhöhte am 4. August einstimmig die Kaution auf 50.000 Franken. In einzelnen Fällen sind Aufenthaltsgenehmigungen bekannt, welche die Regierung 1938 doch erteilte, wenn eine Auswanderungszusage Bedingung für die Entlassung aus KZ-Haft war.

Ohne Kaution gab es aber für jüdische oder staatenlose Flüchtlinge keine legale Einreisemöglichkeit. Juden, die schon im Lande waren, beließ man im Lande. Von ihnen versuchten jene, die eine Möglichkeit fanden, nach Übersee weiterzukommen. Knapp zwei Wochen nach dem Novemberpogrom zählte man am 21. November gut 120 jüdische Ausländer im Lande. Darauf sistierte die Regierung am 1. Dezember 1938 alle "Juden-Einreisen", wohl auch als Reaktion auf eine zunehmende antisemitische Radikalisierung und Propaganda im Lande.

Flüchtlinge ohne Mittel und Visum versuchten nun über die grüne Grenze schwarz den Weg durch Liechtenstein. Sie überquerten nachts die Grenze, angewiesen auch im Keller des "Ochsen" in Feldkirch. Paul Geier büßte dafür mit sieben Jahren KZ - Mauthausen. Von Liechtensteinern wurden sie in Ruggell, in Schellenberg, in der Binzen, vor Nendeln oder in Schaan von dortigen Helfern in Empfang genommen und per Taxi oder zu Fuss nach Sargans und dann nach Zürich weitergeführt. Mit größeren Schwierigkeiten konnte man die Liechtensteiner Gebirgsgrenze überqueren, sofern man genügend Ortskenntnisse bzw. geeignete einheimische Helfer besaß. Dafür kamen die Übergänge im Rätikon über das Bettlerjoch, das Mattlajoch, durch das Saminatal und über den Sarojasattel auf dem Älpele bei Frastanz in Frage. Einzelne verirrten sich in den Felsen, auf ihre Hilferufe hin geleiteten sie Mitglieder des Liechtensteiner Alpenvereins über die Schweizergrenze beim Luziensteig, wo sie weiterkamen.
Fluchthelfer wurden von der Regierung in Vaduz zwar wegen "Emigrantenschlepperei" zwar scharf verwarnt, aber nicht bestraft. Das Liechtensteiner Grenzregime scheint aber schon wegen des beschränkten Personaleinsatzes lax gewesen zu sein. Im Raum Feldkirch nach Liechtenstein verlief bis zum Frühjahr 1940 lediglich eine grüne Grenze ohne Stacheldraht über Felder, Wiesen und durch Wälder. Vor allem im Gebiet der Orte Mauren und Schellenberg gab es beliebte Schleichwege, über die Feldkircher und Liechtensteiner Fluchthelfer die jüdischen Flüchtlinge führten. Das Privathaus der Liechtensteiner Fluchthelferin Ida Fehr, direkt an der Grenze in Mauren, war buchstäblich "zur Raststation" zahlreicher Juden geworden, bis schließlich die Polizei doch eingriff.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

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