Dienstag, 26. Mai 2015

[ #Wolfurt ] Frauentaufe in Wolfurt

Wolfurt Friedhofsaufnahme 1906
Der Tod wird heute ganz selbstverständlich mit dem hohen Alter asoziiert. Nur 2 Prozent der Todesfälle treffen unter 25-Jährige, rund 60 Prozent die über 75-Jährigen und unter fünf Promille die Neugeborenen. Nicht immer war aber das  Sterben mit dem Alter verbunden. 

Um 1880 war dies noch ganz anders: Damals betraf der überwiegende Teil aller Todesfälle die jüngsten Altersgruppen. 42 Prozent entfielen auf die 0- bis 4-Jährigen, in mehr als der Hälfte der Todesfälle waren die Verstorbenen unter 25 Jahre alt. Der Tod eines alten Menschen war dagegen ein seltens Ereignisein seltenes Ereignis: Nur in 8 Prozent der Todesfälle war der/die Verstorbene 75 Jahre oder älter.

Weihwasser. Das lokale Geschichtsblatt "Heimat Wolfurt" berichtet: "Weil die Kindersterblichkeit groß und die Angst, ein Kind könnte ungetauft sterben, noch viel größer war, stellte die Hebamme bei jeder Geburt auch Weihwasser bereit. Falls das Kind schwächlich oder die Geburt schwer war, taufte die erfahrene Helferin das Kind unverzüglich. Frauentauf schrieb dann der Pfarrer in sein Taufbuch. Wenn das Kind bei der Geburt wirklich starb, hatte es oft noch gar keinen Namen. Dann schrieb der Pfarrer einfach Anonymus oder bei einem Mädchen Anonyma, also 'Kind ohne Namen'. Und wie die vielen anderen so früh verstorbenen Kinder nannte man es einen Engel und hoffte auf seine Fürsprache im Himmel." (Vgl. Engelmacherin war früher auch die Bezeichnung für eine Frau, die kleine und insbesondere uneheliche Pflegekinder absichtlich sterben ließ - „zu Engeln machte“ -, um sich am Pflegegeld zu bereichern.)

Frauenordinierung. Im Adelung - Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart heißt es unter "Die Nothtaufe" die Taufe, welche einem Kinde im Falle der Noth, d. i. in einer augenscheinlichen Lebensgefahr, ohne die sonst üblichen äußern Feyerlichkeiten ertheilet wird, besonders so fern sie von weltlichen Personen verrichtet wird; im Oberd. die Sachtaufe, Jähtaufe, und, so fern sie auch von Weibern verrichtet werden kann, die Frauentaufe." Die Spende eines Sakramentes durch eine Frau (von Weibern verrichtet) war gar nicht so selten. Angesichts unserer heutigen Diskussion im eine Frauenordinierung in der katholischen Kirche geradezu merkwürdig. Im Dornbirner Familienbuch fndet schon Google 120 Eintragungen undter "frauentauf".

Auch schon im "Füeger-Gebetbuch mit Familienchronik", einem kleinen Gebetbuch einer vornehmen nordtirolischen Familie mit deutschen Texten mit Notizen im Inneren - kurz nach 1500 entstanden und von da an hundert Jahre lang auch als Familienchronik benützt - steht:
"Anno 1587 Am 21. Augusti ist gewesen Freitag vor Bartholomei, umb8 Uhr nach Mittag hatt mein haußfraw einen Sohn geboren und dessen zu Frue Niderkomen allein die Frauentauf erlanngt,auch leider in gefahr Ihres lebens gestanden".
Engelgräber. Von der Gemeinde Wolfurt kennnen wir Zahlen, ganz erschütternd und für uns unfassbar sind die Zahlen aus Pfarrer Gmeiners Sterberegister:
  • 1790 42 Verstorbene davon 32 Kinder unter 7 Jähren
  • 1791 52 Verstorbene davon 29 Kinder
  • 1792 52 Verstorbene davon 34 Kinder
  • 1849 66 Taufen / 54 Verstorbene, davon 24 weniger als ein Jahr alt
  • 1850 58 Taufen / 79 Verstorbene, davon 33 weniger als ein Jahr alt
  • 1851 64 Taufen / 56 Verstorbene, davon 23 weniger als ein Jahr alt.
Um die Jahrhundertwende 1899/1900 gab es unter den über 2000 Wolfurtern jedes Jahr im Durchschnitt 73 Geburten und 51 Sterbefälle. Und noch immer lag die Kindersterblichkeit mit etwa 20 Prozent Verstorbenen im ersten Lebensjahr. Weil der Friedhof zu klein geworden war, ließ man 1906 eine Zählung am Wolfurter Friedehof machen. Von den insgesamt 605 Gräbern entfielen 127 "Engelgräber", so nannte man die Kinder die tot geboren oder bei der Geburt bereits gestorben waren.

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