Mittwoch, 4. Oktober 2017

[ #Arlberg ] Schipionier Hannes Schneider: Der weiße Rausch

In der Geschichte des Vorarlberger Schipioniers Hannes Schneider, der in dem Dorf Stuben am Arlberg geboren ist, verdichtet sich die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts auf eine eigenartige Weise. 

Hannes Schneider (Johann Schneider * 24. Juni 1890 in Stuben am Arlberg / Klösterle; † 26. April 1955 in North Conway, New Hampshire, USA) ist jener  Vorarlberger, welcher den Schilauf  revolutionierte. Als erster leitete er dazu an, in den Kurven das Gewicht zu verlagern, um dann die Schier mit einem kräftigen Schwung in die richtige Bahn zu lenken. Für Schussfahrten ging er in die "Arlberg-Hocke". Seine spektakuläre Technik zog immer mehr Menschen an und der Pionier gründete im Winter 1921/22 die erste Schischule der Welt.

Filmstar. Die Popularität steigerte sich vor allem durch die Schifilme von Dr. Arnold Fanck, der in Schneider einen kongenialen Partner zur Umsetzung seiner Ideen fand. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Fanck auf Hannes Schneider aufmerksam geworden. Mit ausgesuchten Kameramännern präsentierte er 1920 schließlich im Film „Wunder des Schneeschuhs" den Schilauf der damaligen Zeit im Film, wobei die Fahrweise Hannes Schneiders die Umsetzung erst ermöglichte.



Das gleichnamige Lehrbuch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es folgten weitere Filmproduktionen, die teilweise – wie etwa „Der große Sprung" – in Stuben am Arlberg , dem Geburtsort von Hannes Schneider, gedreht wurden. Die größte Breitenwirkung erzielte der 1931 produzierte Tonfilm „Der weiße Rausch", in dem Hannes Schneider neben der Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl in der Rolle "Leni" zu sehen ist. Auch wenn der Film, der in Österreich unter dem Titel "Sonne über dem Arlberg" vertrieben wurde,  eine recht dünne Handlung hat, so hat er doch für den Wintersport und den Wintertourismus eine enorme Bedeutung erreicht.

Staatssekretär Guido Schmidt mit Bundeskanzler Schuschnigg (Mitte) und Hannes Schneider (links) 1937 in St. Christoph am Arlberg
Verhaftung. Wenig bekannt ist, dass sich Hannes Schneider mit den Nationalsozialisten angelegt hatte. In den Morgenstunden des 13. März wird Hannes Schneider verhaftet und in das Gefängnis von Landeck verbracht. Dort waren neben vielen Geschäftstreibenden und Funktionären der Vaterländischen Front und anderen politischen Funktionären auch der damalige Landecker Bezirkshauptmann  inhaftiert.  Gegen Schneiders Verhaftung wehrte man sich nicht nur in St. Anton, auch aus dem Ausland wurde interveniert, nicht zuletzt von Arnold Lunn, dem britischen Skiverbandspionier, der 1927 mit Schneider das Arlberg-Kandahar-Rennen ins Leben gerufen hatte. Am 6. April wird Schneider endlich freigelassen, darf aber nicht nach St. Anton zurückkehren. Zu groß war der Widerstand und der Neid der Nazis gegen den erfolgreichen Hannes Schneider. Andere Hoteliere hofften wiederum auf die deutschen Gäste.

Zum Vorwurf wurde Schneider aber nicht nur sein geschäftlicher Erfolg gemacht, sondern seine "Judenfreundichkeit".  Er unterband in seiner Schischule von Anfang an antisemitische Umtriebe. Seine Freundschaft mit dem Juden Ing. Rudolf Gomperz, der 1904 nach St. Anton am Arlberg gekommen war, und zusammen mit ihm Unglaubliches für den Tourismus und den Schisport geleistet hatte.

Gleich nach dem Anschluß an das deutsche Reich wurde Ing. Gomperz, der nach den Nürnberger Rassengesetzen als Jude galt - wiewohl er längst zum Protestantismus konvertiert war - , aus allen Ämtern enthoben und von der Gestapo angewiesen, St. Anton zu verlassen.  Um seine beiden Söhne vor Verfolgungen zu schützen, kommen er und seine Frau, sie ist "arisch", auf eine ungeheure Idee. Die Frau erklärt den Behörden, die Söhne seien nicht von ihrem jüdischen Gatten. Tatsächlich bekommen die Söhne so einen Arier-Ausweis. Die St. Antoner Bürger ziehen sich völlig von Gomperz und seiner Frau zurück und es setzt eine Art Kesseltreiben gegen sie ein. Auch ihre finanzielle Lage wird immer schwieriger. 1942 muss Gomperz auf Veranlassung der Nationalsozialisten seinen Wohnsitz nach Wien verlegen. Er wird von dort in einem der so genannten "Judentransporte" nach Minsk deportiert. Von diesem Transport überlebt nur einer. Seine Frau hört nie mehr etwas von ihrem Mann.

Auswanderung in die USA. Abenteuerlich ist auch Schneiders Weg in die Vereinigten Staaten. Hanno Loewy (Wunder des Schneeschuhs? Hannes Schneider, Rudolf Gomperz und die Geburt des modernen Skisports am Arlberg) zeichnet diesen Weg nach: "1937 hatte der aus North Conway stammende Präsident der Manufacturers Hannover Bank Harwey Dow Gibson, das Skigebiet erworben und begonnen, es in großem Stil mit der Errichtung eines eigenwilligen Skiliftes, dem Skimobil, auszubauen. Seine Funktion als Vorsitzender des Kongress-Komitees für kurzfristige Auslandskredite an Deutschland brachte ihm zugleich die Chance, den 'Vater des modernen Skilaufs' in die USA abzuwerben. Seine Verhandlungen mit Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht blieben geheim. Aber im Januar 1939 konnte Hannes Schneider seiner Familie in St. Anton mitteilen, dass man sich in Paris treffen werde, um auf große Reise zu gehen. Am 9. Februar kommen sie mit der Queen Mary von Cherbourg in New York an. Zwei Tage später wird Hannes Schneider in North Conway triumphal empfangen."



Der Hindukusch am Arlberg. Ebenso lehrreich ist Schneiders Intiative für das Kandahar Rennen in St. Anton. Das Arlberg-Kandahar-Rennen war schon vor Winter-Olympiade und FIS-Weltmeisterschaften eine Institution im alpinen Schisport. Kandahar, die Stadt in Afghanistan spielt eine Schlüsselrolle im aktuellen politischen Geschehen am Hindukusch. Doch welche Verbindung besteht zwischen dem Traditions-Skiwettbewerb und der Stadt Kandahar, die seit 200 Jahren Unruheherd und Schauplatz erbitterter Kämpfe ist? Die Engländer waren Anfang der 1920er Jahre des vorigen Jahrhunderts, was Skireisen anbelangte, allen anderen europäischen Ländern voraus. Und da die Briten mit Bergen wenig gesegnet sind, tummelten sie sich überall in den Alpen. Auf Bitten von Sir Arnold Lunn, einem der britischen Skipioniere und unermüdlicher Kämpfer um die Anerkennung der alpinen Disziplinen Abfahrt und Slalom, stiftete der Brite und Vizepräsident der "Public School of Wintersport", Frederick Roberts, 1911 einen Pokal für ein Abfahrtsrennen. Roberts hatte 1879 als Kommandant der britischen Streitmacht im zweiten Afghanischen Krieg die britische Garnison in Kandahar befreit. In Anerkennung seines Sieges wurde er zum "Earl of Kandahar" ernannt. Das Rennen wurde somit zur "Challenge Roberts of Kandahar". Sir Arnold Lunn intervenierte bekanntlich auch gegen die Inhaftierung von Hannes Schneider erfolgreich beim Deutschen Reich.

Filmografie:
  • DAS WUNDER DES SCHNEESCHUHS.  D 1919/20, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck, Deodatus Tauern; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Schnitt: Arnold Fanck; 1822m. Darsteller: Hannes Schneider, Ernst Baader, Sepp Allgeier, Arnold Fanck, Bernhard Villinger.
  • IM KAMPF MIT DEM BERGE. D 1921, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Musik: Paul Hindemith; Schnitt: Arnold Fanck; 1536m. Darsteller: Ilse Rohde, Hannes Schneider.
  • DAS WUNDER DES SCHNEESCHUHS. 2.TEIL: EINE FUCHSJAGD AUF SKIERN DURCHS ENGADIN. D 1921/22, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Schnitt: Arnold Fanck; 2466m. Darsteller: Hannes Schneider, Ernst Baader, Hans Schneeberger, Dagfin Carlsen, Vigo Christensen u.a.
  • DER BERG DES SCHICKSALS. EIN DRAMA AUS DER NATUR. D 1923/24 Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; in Zusammenarbeit mit Alpenfilm AG; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Arnold Fanck, Hans Schneeberger, Herbert Oettel (Außen), Eugen Hamm, Sepp Allgeier (Innen); Schnitt: Arnold Fanck; 2432m. Darsteller: Hannes Schneider, Erna Morena, Frida Richard, Luis Trenker, Gustav Oberg, Hertha von Walther.
  • DER HEILIGE BERG.  D 1925/26 Regie: Arnold Fanck; Produktion: Universum-Film AG (Ufa); Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Helmar Lerski, Hans Schneeberger (Innen), Sepp Allgeier (Außen); Musik: Edmund Meisel; Schnitt: Arnold Fanck; 3100m. Darsteller: Leni Riefenstahl, Luis Trenker, Ernst Petersen, Frida Richard, Friedrich Schneider, Hannes Schneider.
  • DER WEISSE RAUSCH  D 1930/31Regie: Arnold Fanck; Produktion: H. R. Sokal-Film GmbH; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Richard Angst, Kurt Neubert (Außen), Hans Gottschalk (Innen); Musik: Paul Dessau; Schnitt: Arnold Fanck; 2565m. Darsteller: Leni Riefenstahl, Hannes Schneider, Guzzi Lantschner, Walter Riml, Rudi Matt u.a.
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