Mittwoch, 15. März 2017

[ #Bregenz ] Kaspar Hagen: Dichtungen in alemannischer Mundart aus Vorarlberg online

Drei Bände der "Dichtungen in alemannischer Mundart aus Vorarlberg" aus den 1870er-Jahren stehen als Retrodigitalisat  auf internet.archive kostenlos online.

Einer der wohl bekanntesten Vorarlberger Autoren des 19. Jahrhunderts war der Bregenzer Arzt Caspar Hagen ((*12. Dezember 1820 in Bregenz; †20. März 1885 in Bregenz), der mehr als 550 Mundartgedichte verfasste und der Dialektdichtung im ganzen Land zu einem enormen Aufschwung verhalf.

Caspar Hagen (heute meist Kaspar Hagen) verbrachte seine Jugendzeit in Bregenz, wo er eine erste Schreiberstelle beim Rentamt (eine Art "Finanzamt") hatte. Dort schien ihn aber die Arbeit zu langweilen und er holte mit 22 Jahren eine Gymnasialausbildung nach. Die begann er in Bregenz und setzte sie in Görz fort, schloss sie schließlich in Padua ab. Auch sein Medizinstudium war ein Wanderstudium zwischen den Universitäten München, Wien und Prag. 1856 erlangte er schließlich den Grad eines Doktors der Medizin. In der Folge übete er fünf Jahre seinen Arztberuf in Hard und anschließend in Bregenz aus. In seinem Geburtshaus in der Rathausstraße in Bregenz befindet sich heute die Löwen-Apotheke, ein schönes haus im Jugendstil.


Oh Hoamatle. Von ihm stammt auch der Text der angeblich heimlichen Vorarlberger Landeshymne „Oh Hoamatle, oh Hoamatle, am himmelblaue Bodesee“. Das Lied wurde 1941 von der Bregenzer BDM-Untergauführerin 1941 Anna Burger-Seeber bei einem Nazi-Jugendtreffen auf der Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen vertont. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) war in nationalsozialistischer Zeit der weibliche Zweig der Hitlerjugend (HJ). Darin waren im Sinne der totalitären Ziele des NS-Regimes die Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren organisiert. Bei dem Treffen wurden die Hitlerjugendführerinnen zum Singen heimischen Liedgutes angehalten. Dass der Sinn dieser Anordnung weniger Heimatliebe den Propaganda war, ist aus heutiger Sicht vielleicht leichter als damals nachvollziehbar.

Nun Kaspar Hagen kann auch dafür nichts und nazistisch sind weder Text noch Ton. Peinlich ist vielleicht nur, dass ausgerechnet beim offiziellen Festakt aus Anlass des Jubiläumsjahres 2005 (1945-2005), im Gedenken an die Wiedererringung der Freiheit und vor allem der Vorarlberger Unabhängigkeit besonders dieses Lied und die Vertonung aufgeführt und in den Mittelpunkt gestellt werden musste. War das schon unsensibel und geschichtslos genug, dann erst recht die Rede des seinerzeitigen Vorarlberger Landtagspräsidenten (Gebhard Halder,ÖVP, Präsident des Vorarlberger Landtages von 2004 bis 2009), der liebevoll von  der "Nani" (gemeint ist die BDM-Untergauführerin Anna Burger-Seeber) sprach und unmittelbar von ihr zu den KZ-Opfern überleitete, sie quasi in den Rang einer Widerstandskämpferin erhob:
"Als die Bregenzer Innenstadt am 1. Mai 1945 in Flammen stand, verbrannte auch der dichterische Nachlass des Arztes Kaspar Hagen. Doch sein Gedicht „’s Hoamatle“, das Hagen 1857 veröffentlicht hatte, war populärer denn je, seit es Nanni Burger-Seeber 1941 – mitten im Krieg – vertont hatte.
In Konzentrationslagern und in Kerkern, an der Front und in Gefangenschaft, in Ruinen und Kellern, auf der Flucht oder aus der Heimat verschleppt: Millionen Menschen sehnten sich in dieser furchtbaren Zeit nach einer Heimat in Frieden und Freiheit ..."
[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

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