Sonntag, 4. Juni 2017

[ #Montafon ] Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Biographie einer Montafoner Bergbauerntocher

Anna Egele  verbrachte den Großteil ihres Lebens im Montafon und betrachtet das Tal heute als ihre Heimat. Geboren wurde sie 1922 in Kappl im Paznaun als Tochter der Bergbauernfamilie Jehle. Als Vollerwerbsbauern war die Familie allein auf die 1400 Meter hoch gelegene Landwirtschaft angewiesen. Das gemeinsame Kennzeichen der Bergbauern im Paznaun wie im Montafon war die Armut. 

Lucie Varga. An einen Aufsatz ("Ein Tal in Vorarlberg") von Lucie Varga ist man bei der vorliegenden Biografie einer Montafoner Bergbauerntochter unmittelbar erinnert und klingt auch Vargas Theorie vom Faschismus als lokalen Modernisierungsfaktor mit aller Vehemenz durch.

Im Jahr 1936 hatte die Wiener Historikerin Lucie Varga in den berühmten „Annales d’histoire économique et sociale“ eine mentalitätsgeschichtliche Studie über das Montafon veröffentlicht. Lucie Varga rekonstruierte nicht nur eine bestimmte lokale Entwicklung, sondern nahm vor allem das in den Blick, was die Bauern als „Früher“ bezeichneten – einen „historischen Sinn“ der Talbewohner, der dazu führte, dass das Heute stets an den erlebten und erinnerten Epochen der Lokalgeschichte gemessen wurde. Damit verstand sie Geschichte als eine noch nicht  abgeschlossene Vergangenheit und zeigte den untrennbaren Zusammenhang von Modernisierung und Traditionalisierung auf.

Paznaun. Die Beziehungen zwischen dem Paznaun und Montafon waren seit alter Zeit intensiv. In Paznaun überschneiden sich der rätoromanische, der alemannische und der bairisch-tiroler Kulturkreis. So wurde es von den Engadinern aus dem Süden, den Walsern und Vorarlbergern aus dem Westen und von Tirolern aus dem Osten besiedelt. Um 1300 erfolgte die Zuwanderung durch eingewanderte Walser aus dem Montafon, die bei den rätoromanischen Grundherren gern gesehen waren. Heute markiert die Tourismusmarke Bielerhöhe den Scheitelpunkt der Silvretta-Hochalpenstraße zwischen dem Montafon und dem Paznauntal.

Montafoner Armut: Von Krauthoblern und Hütekindern. Die „Krauthobler“ aus dem Montafon boten ihre Dienste in weiten Teilen Europas an. Ihre Arbeit war das Hobeln des Krautes, damit es konserviert und damit über den Winter haltbar gemacht werden konnte. die Krautschneider im Spätherbst sehr gefragt. Leute aus dem Tale Montafon nahmen einen Krauthobel auf den Rücken und wanderten weit in die Welt hinaus, um dort gegen Entgelt den Hausfrauen das Weißkraut in die Bottiche zu schneiden, damit daraus das begehrte Sauerkraut entstand. Wahrscheinlich hatten damals die Sensenhändler diesen Erwerb entdeckt. Oktober und November waren die Saisonmonate der Krautschneider und zu Hunderten wanderten sie in die Ferne, vorwiegend in das Rheinland und Elsass. Dieser Verdienstzweig war relativ gut und so konnten so manche der damals sehr armen Montafoner durch diesen Nebenverdienst die harten Wintermonate überbrücken.

Und selbst Kinder und Jugendliche mussten als saisonale Arbeitskräfte über den Sommer bei reicheren Bauern im benachbarten Schwaben arbeiten. Die als „Schwabenkinder“ oder „Hütekinder“ bezeichneten Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol und der Schweiz mussten in früheren Jahrhunderten aus Armut alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben ziehen, um dort als Arbeitskräfte für eine Saison an Bauern "verkauft" zu werden.

MMag Dr Edith Hessenberger. Geb. 1980; Doktoratsstudium Europäische Ethnologie in Innsbruck; Diplomstudien Europäische Ethnologie sowie Geographie in Wien und Innsbruck; Lehramt für Volksschulen. Forschungsschwerpunkte: Biografieforschung, Erzählforschung, Oral History, Tourismusgeschichte, Migrations- und Integrationsforschung.


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