Mittwoch, 9. Juli 2014

[ #Hohenems ] Zeitschrift Alemannia: 1926-37 (Digitalisat) online: Ihr Chefredaktor Albert Drexel


Notizen zu einem Hohenemser "Ehrenbürger": Träger des Goldenen Ehrenrings der Stadt Hohenems (1976).

Die Zeitschrift "Alemania : Zeitschrift für alle Gebiete des Wissens und der Kunst mit besonderer Berücksichtigung der Heimatkunde" 1926 bis1934 herausgegeben von der Leogesellschaft am Bodensee und ihr unmittelbarer Nachfolger "Alemannia : Zeitschrift für Geschichte, Heimat- u. Volkskunde Vorarlbergs" 1935 bis 1937 herausgegeben von dem Verein für Geschichte, Heimat- und Volkskunde Vorarlbergs unter Mitwirkung des Vorarlberger Landesarchivs in Bregenz, beide verlegt bei der Vorarlberger Verlagsanstalt in Dornbirn ist beim Internetauftritt der Bodenseebibliotheken digitalisiert online.

Leo-Gesellschaft. Der ursprüngliche Herausgeber Leogesellschaft. Die Leo-Gesellschaft war ein österreichischer Verein, der nach Papst Leo III. benannt war. Das Ziel des 1892 gegründeten Vereins war die Förderung von Wissenschaft und Kunst auf katholischer Basis.

Albert Drexel. Chefredakteur der ersten Ausgabe 1926/27 war der aus Hohenems stammende Priester Albert Drexel (*18. Juni 1889, † 9. März 1977).  Er war eines von zehn Kindern in einer einfachen Familie geboren, die sich von Landwirtschaft und Stickerei ernährte. Fünf Geschwister starben bereits im Kindesalter, aus den überlebenden entsprangen fünf katholische Priester, drei davon Jesuiten. Nach Franz Xaver und Josef war Albert Drexel der drittälteste. Der ältere Kaspar Drexel wurde nach dem Weggang von Albert Dorfpfarrer in Batschuns. Der älteste Bruder Anton Drexel, ebenfalls Jesuit, wurde gar als Professor für Dogmatik an der theologischen Hochschule in Schanghai berufen.

Der früh sprachbegabte Albert Drexel war Sprachwissenschaftler und Völkerkundler und gründete 1924 das Afrikanische Institut in Innsbruck, das bis zu seiner Schließung infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme im März 1934 existierte. Faktisch wird er heute - wohl aufgrund seines Spätwerkes und seiner "Visionen" - eher als Pseudowissenschaftler und Esoteriker "anerkannt" denn als Wissenschafter, wiewohl er schon 1931 ein großes Kartenwerk über die Sprachen der Welt geschaffen hatte. 1932 gewährte ihm angeblich Papst Pius XI. eine Privataudienz (gemeinsam mit Weihbischof  Sigismund Waitz) und soll "Experte für Rassenfragen" am Vatikan gewesen sein. 1933 soll Drexel als Professor an die päpstliche Missionshochschule "Propaganda" in Rom berufen worden sein. Dort dozierte er bis 1936 und kehrte nach internen klerikalen Querelen nach Innsbruck zurück. Nach dem Anschluß Österreichs reiste er in die Schweiz und kam in einem Kloster in Schaan (FL) unter. In der Schweiz schrieb er für rechtskonservative Verlage, für die katholisch-fundamentalistische Zeitschrift "Das Neue Volk" (Herausgeber Front der militanten Katholiken), die anfänglich dem italienischen Faschismus und dem Nationalsozialismus nahe stand.  Ihm wollte auch seit 1922  bis zu seinem Tode, also über fünf Jahrzehnte, jede Nacht auf Herz-Jesu-Freitag eine Jesus-Vision widerfahren sein. 1977 verstarb Drexel  in St. Gallen und wurde auf dem Friedhof von Batschuns  beigesetzt.

Drexel'scher Antisemitismus. Er äußerte sich auch ausdrücklich für den reaktionären französischen antisemitischen Erzbischof Marcel Lefebvre (Piusbruderschaft) der exkommuniziert worden war, gegen Papst Paul VI.  Drexel verfolgte einen eigenen besonderen katholischen Antisemitismus. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei sein Buch "Die Judenfrage in wissenschaftlicher Beleuchtung" aus dem Jahre 1936. Dort steht u.a.:"Eine dritte Lösung stellt die Hypothese der Eliminierung (Ausscheidung; Ausmerzung) dar. Diese Art von Lösung ist von radikalem Charakter und sie ist auf eine zweifache Weise denkbar: erstens als Unterdrückung (Ausrottung oder Ausweisung), zweitens als freiwillige Auswanderung." Er votierte aber für einen etwas wirren, scheinbar "humanen" Antisemitismus. Er unterschied sich von den Nazis nicht im Feindbild ("Jude") sondern in der Ausgestaltung der Judenverfolgung: Er sprach sich für rassenbiologische Reinheit und "wirtschaftlichen Schutz des angestammten Volkes" (!) aus, sprach den aber so Ausgegrenzten und Entrechteten naturrechtlichen Schutz zu. Er kritisierte die Nürnberger Rassengesetze von 1935 und Hitler soll er schon 1938 als krankhaftes, vielleicht dämonisches Monstrum erkannt und genannt haben.

Erste Vorarlberger Passionsspiele. Welche Entwicklung hat dieser Mann nur genommen? Noch in seinem ersten Beitrag in der Zeitschrift Alemannia über die Götzner Mysterienspiele (Drexel verfasste 1903 die Passionstext für die ersten Vorarlberger Passionsspiele in Götzis) wehrt er sich gegen den "neuzeitlichen Antisemitismus" ja zitiert Jesu nach Johannes 4,22 gegen den zeitgeistigen rassischen und wirtschaftlichen Antisemitismus: "Das Heil kommt von den Juden".


Batschuns. Welcher Widerspruch auch zwischen dem "frühen" und vergrämten alten Albert Drexel bestehen müssen, macht auch der Bau der Pfarrkirche zum Hl. Johannes dem Täufer in Batschuns (Gemeinde Zwischenwasser] deutlich. Den Auftrag zum Bau seiner ersten Kirche erhielt der berühmte österreichische Architekt Clemens Holzmeister 1921 von Kaplan Albert Drexel.  Die Grundmauern für einen neugotischen Bau waren schon vorhanden, als das
neue Projekt von Albert Drexel gegen großen Widerstand durchgesetzt wurde. Holzmeister nimmt hier bereits Einiges vorweg, was bei seinen späteren Kirchen von Bedeutung sein wird:  Die Übernahme von Elementen aus der  lokalen Baukultur und die formale Steigerung des Baukörpers zur Zeichenhaftigkeit mit stilistischen Spuren des Expressionismus.

Index. Drexel wurde übrigens eine seltene, vielleicht sogar einmalige "Ehre" zuteil. Drexels Werk  "Die Judenfrage in wissenschaftlicher Beleuchtung"  stand sowohl auf der "Liste des schädlichen und unerwünschtes Schrifttums der Nationalsozialisten" als auch auf der vom allierten Kontrollrat angeregten Liste der (aus den Büchereien) auszusondernden nazistischen, rassistischen und militaristischen Literatur welche in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, aufgelegt wurde.

[Zeitreiseführer-Vorarlberg]⇒

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