Mittwoch, 5. April 2017

[ #Ludesch ] Der Kaiserin Sisi Vorarlberger Wellness-Guru: "Net lugg lo"

War Dr. Ludwig Seeger als Landarzt in Ludesch nur für die "Wehwehchen" der Blumenegger zuständig, so war er nach seinem Umzug nach Wien höchstpersönlicher Trainer von Kaiserin Elisabeth (im Volksmund Sisi).

"Net lugg lo" heißt der dichterischer Wahlspruch und der einzige Gedichtband des Vorarlberger Arztes Ludwig Seeger und gehört damit in der Vorarlberger Literaturgeschichte in die erste Reihe der frühen Mundart-Dichter. Weniger beachtet sind seine Leistungen als Arzt, Lebensreformer, Pionier der Ergonomie und Fitness- und Ernährungsprogramme.
Bild aus Seegers Buch: "Diätische und ärztliche Zimmer-Gymnastik für beide Geschlechter und jedes Alter", Wien (1878)
© Wikimedia Commons

Anleitung und Behelfe zur richtigen und gesunden Schreibhaltung. Wer denkt daran, dass sich der kaiserliche Wellnessberater mit den ergonomischen Problemen der Beamten und Fabricsangestellten, der Schüler und der schreibenden Arbeiter auseinandersetzt. Schon 1876 publizierte er die Broschüre "Anleitung und Behelfe zur richtigen und gesunden Schreibhaltung". Bildschirmarbeit und Schreibmaschine gab’s zwar noch nicht, wenngleich die Erfindung der Schreibmaschine schon im Gange war und die kaiserlichen Gutachter den Wert der Erfindung Peter Mitterhofers noch nicht erkennen wollten. So war das "Wiener Modell 1869" bereits mit Volltastatur und Walze sowie mit Lettern als Typen ausgestattet und stellte bereits eine gebrauchsfähige Schreibmaschine dar. Sie wurde zwar für 200 Gulden vom Wiener Hof angekauft und als Geschenk von Kaiser Franz Joseph I. in die Modellsammlung des Polytechnischen Institutes aufgenommen, aber sichtlich als Spielerei, Spinnerei und Tüftlerei verstanden, nicht als technologischen Fortschritt. Daraus allein lässt sich schon die Fortschrittlichkeit Ludwig Gabriel Seegers - vulgo "Seeger an der Lutz" erkennen. Und dass es seinen ergonomischen Ratschlägen eigentlich nicht viel besser beschieden war, das zeigt sich an der bis in die heutigen Tage andauernden Diskussion um die Ausstattung der Schulen mit ergonomisch vertretbaren Stühlen für die Kinder! Bereits zu Seegers Zeiten gab es - selbstredend nur in vornehmen privaten Schulen - bereits nach seinen Plänen gebaute ergonomisch verstellbare Schülertische und Stühle.

Wellness. Ludwig Gabriel Seeger war als Arzt in Ludesch ab 1856 tätig und übersiedelte nach dem Tod seines Vaters nach Wien, wo er sich einen größeren Wirkungskreis als Heilgymnastiker erwartete. So die offizielle Geschichtsschreibung. Die inoffizielle weiß davon zu erzählen, dass er seinen Zeitgenossen gegenüber ein scharfer Beobachter war, der sich mit seinen Gedichten und Aktivitäten nicht nur Freunde machte. Der Konflikt mit der Kirche führte schlussendlich sogar zu seiner "Vertreibung" aus der Provinz, ins "Exil" nach Wien. Wie dem auch sei, die an sich gänzlich unpolitischen und um Gesundheit bemühten Werke das "Das Zimmerturnen mit Kugelstab, Hantel und Wurfnadel" (1863) oder das gar im damaligen Geiste geradezu emanzipatorische "Diätetische und ärztliche Zimmer-Gymnastik für beide Geschlechter (sic!) und jedes Alter" (2. Aufl. 1878) werden in der Provinz und bei der Geistlichkeit nicht unbeachtet gebliebenes "Treiben" gewesen sein.

"Wenn ma rupft an'ra Kutta nu a bitzle am Som,
so gnappan d'r alle bis ahe gi Rom".

Citoyen. Jedenfalls trat er für den Bürger ein. Als Wiederbegründer des Blumenegger Schützenvereines, Gründer des Blumenegger Männerchores und Gründer der Ludescher Feuerwehr setzte Dr. Ludwig Seeger deutliche Zeichen. Als "Querdenker" stand Dr. Ludwig Seeger auch hinter der liberalen Presse und damit im Kreuzfeuer des Klerus. Da war sogar vom "lutherischen Dorf" (Ludesch) die Rede. Der Überlieferung zufolge soll der junge Kaplan Anton Walter als Prediger in Ludesch gegen die liberale Presse zu Felde gezogen sein, sodass schließlich nur noch in vier Ludescher Haushalten die "kirchenfeindliche" Feldkircher Zeitung gelesen wurde. Seeger wird dabei als "Seele der kirchenfeindlichen Bewegung" zitiert. Mit seinem "Net lugg lo" hat er den Generationen danach einen Auftrag hinterlassen und mit "Gibile Gäbile Rechazah, s'Wib isch Meister und net dr Ma" hat Seeger bereits der Emanzipation das Wort geredet. Mit der Lebensweisheit "Bist grad wia-na Latta, stoßt öftermol aa. Bist krumm wia-n-an Schwiischwanz, bist no letzter dra" hält Dr. Ludwig Seeger den Spießbürgern den Spiegel vors Gesicht.

A Wässerle, so kli und klar,
ma ment, as künn nit si -
und doch, es grift vertüflet a,
’s ist Kriesewasser gsi!

Net lugg lo. Im "Exil" in Wien bewährt sich Ludwig Seeger. Als Lebensreformer zählte auch die damals noch junge Elektromedizin zu Seegers Forschungsgebieten. Und so baute er ab den 1860er Jahren im Wiener Krankenhaus auf der Wieden eine entsprechende Abteilung auf, die später dann von seinem Sohn Ludwig Eduard Seeger (1862-1927) übernommen wurde. Er wirkte also in Wien einerseits als Elektrotherapeut und Leiter der Station für elektrische Behandlung am Krankenhaus Wieden (Man vergegenwärtige sich: 1884 begann Siegmund Freud "nervöse" Krankheiten mit der Elektrotherapie zu behandeln. 1860 begannen amerikanische Zahnärzte, Gleichstrom zur Lokalanästhesie einzusetzen. 1859 ließ sich der Zahnarzt Oliver die Elektroanästhesie sogar patentieren).

Anderseits hatte er auch seine eigene, von ihm gegründete Anstalt für orthopädische Gymnastik im ersten Bezirk in Wien, wie er überhaupt zu den Pionieren dieser Bewegung zu zählen ist. Zu seiner Klientel zählten die höchsten Kreise der Geburts- und Geldaristokratie, ebenso die so beliebte Kaiserin "Sisi". Immerhin war Dr. Seeger einige Jahre als Landarzt in Ludesch nur für die "Wehwehchen" der Blumenegger zuständig und nach seinem Umzug nach Wien nun höchstpersönlicher Trainer von Kaiserin Elisabeth (im Volksmund Sisi). Sie hielt sich mit den von Seeger eigens entwickelten Trainingsgeräten fit und folgte brav seinen aufgezeichneten Übungsanweisungen. Er entwickelte spezielle Übungsreihen mit seinen Turnstäben, Kugelstab, Hantel, Ringe, Wurfnadel, Schaukel, Turnstuhl und Stangenreck als "Turnbehelfe". Mit seiner Vortragsreihe "Rationelle Volksernährung" darf man ihn auch als Vorreiter der ganzheitlichen Ernährungsberatung nennen.

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