Posts mit dem Label [ #Nenzing ] werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label [ #Nenzing ] werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 2. Juli 2023

[ #Nenzing ] Ausgrenzung und Privilegierung als kommunales Ordnungsprinzip am Beispiel des Nenzinger Ortsteiles Mariex in Frastanz


Die Archivale des Monats April 2012 des des Vorarlberger Landesarchivs zeigt einen uns heute merkwürdig erscheinenden Streit der Gemeinden Nenzing und Frastanz. Während man im heutigen Verständnis meinen würde, dass sich die Gemeinden um die Vergrößerung ihres Einflussbereiches bemühten, waren sie offenbar um Kleinheit und Begrenztheit der Bürgerzahl engagiert. 

Agrargemeinschaft. Der Sachverhalt weist eigentlich in die aktuelle heutige Zeit, wo der Widerstreit zwischen Agrargemeinschaften (als die alten Bürgergemeinden) und den Gemeinden weiterlebt. Ursprünglich waren alle Gemeindebewohner stets voll gleichberechtigt. Mit der Zunahme der Dorfbewohner durch Zuwanderung und mit dem Aufkommen neuer Berufsgruppen neben dem traditionellen Bauernstand und den Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts änderte sich dies erheblich. Der Anteil der sogenannten nutzungsberechtigten Gemeindebewohner nahm ab, der Anteil der rechtelosen  Gemeindebewohner nahm laufend zu. Mittlerweile beginnt sich auch bei der Vererbung zumindest langfristig eine Gleichstellung von Männern und Frauen zu realisieren.

Das Ende der Allmende. Der Anspruch auf Nutzung von Wald und Weide gründet(e) in der Zugehörigkeit aus der Mitgliedschaft (Bürgerrecht)  zu einem bestimmten Gemeinwesens. Mitgliedschaft und Anspruch auf Nutzung basieren also auf dem Bürgerrecht und machen einen Teil der Ansprüche dieses Rechtes aus. Für die tatsächliche Nutzung ergaben sich jeweils besondere Sacherfordernisse, wie die Führung eines eigenen Haushaltes "eigener Herd" oder "eigener Husröchi". Objekt sind in der Regel der im unmittelbaren Gemeindegebiet oder im Nachbargebiet liegende Wald und die Alpen. Die Besiedlung und verschiedene Rechts- und Herrschaftsverhältnisse haben jedoch auch zu einer geographisch weiteren Streuung von agrargemeinschaftlichen Nutzungen der Gemeinden geführt. In Vorarlberg gibt es 55 Agrargemeinschaften mit offener Mitgliederanzahl. Die zweite große und zahlenmäßig überwiegende Gruppe (443) sind Nutzungsverbände, in diesem Falle vorwiegend an Alpen mit zahlenmäßig fixierten Anteilen, die wiederum als Besonderheit in Vorarlberg nicht oder nicht mehr an einen Stammsitz gebunden sind.

Die Abstammung von einem berechtigten "Bürger" läßt diese Agrargemeinschaften als solche mit offener Mitgliederanzahl definieren, da keine fixen Anteile bestehen. In Vorarlberg besteht darüber hinaus gegenüber den übrigen Bundesländern noch die Besonderheit, dass die Mitgliedschafts- und Bezugsrechte an diese Agrargemeinschaft durchwegs persönliche Rechte sind und nicht oder nicht mehr an einen Besitz gebunden sind.

Die Agrargemeinschaftsrechte sind also nicht Realrechte, sondern durchwegs persönliche Rechte. Spuren von Realbindungen finden sich noch im Montafon und im Klostertal, jedoch vorwiegend für objektgebundene Nutzungsansprüche an Bau- und Nutzholz oder Ansprüche für den Katastrophenfall. Die Hausbedarfsbezüge sind jedoch durchwegs persönliche Rechte. Die Agrargemeinschaft Nenzing ist noch heute die flächengrößte Agrargemeinschaft des Landes, hat jedoch nur 680 nutzungsberechtigte Bürger (Männer!) von rund 6000 Einwohnern.

Auf der Website des Landesarchivs wird vom "Hexenforscher" Manfred Tschaikner über diesen Streit berichtet:  
"Als es in den Jahren um 1820 aber darum ging, eine der seltsamsten Grenzen in Vorarlberg, nämlich jene zwischen Frastanz und Nenzing, endgültig festzulegen, bemühten sich die beiden Gemeinden dennoch, Mariex und einen Hof in der nahen Au (Bardella) ihrem Nachbarn zuzuschieben. Gemeinwesen waren damals nicht daran interessiert, ihr Siedlungsgebiet auszuweiten, sondern die Zahl der Nutzungsberechtigten am beschränkten Gemeingut gering zu halten. 
Während der Nenzinger Gemeindevorstand – historisch richtig – die Auffassung vertrat, es gebe in diesem Raum keine einfache Grenzziehung, gelang es der Gemeinde Frastanz, das zuständige Landgericht Sonnenberg davon zu überzeugen, dass sie durch den Mariexbach von Nenzing geschieden werde. So verordnete dieses am 3. Februar 1821, dass fortan alle Anwesen im Talboden östlich des Bachs auf Nenzinger Gemeindegrund lägen. Die Frastanzer hatten sich damit auch der ehemaligen Lehenshöfe der Feldkircher Johanniter als althergebrachten Mitnutzern ihres Gemeinguts entledigt und sie der Nachbargemeinde aufgebürdet, wogegen sich diese zwar heftig, aber vergeblich zur Wehr gesetzt hatte."

 

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

Dienstag, 23. Mai 2023

[ #Nenzing ] Frühneuzeitlicher Bergbau im Nenzinger Himmel


Der Raum von Tirol, Südtirol, Salzburg und Vorarlberg zählte einst zu den bedeutendsten Bergbauregionen Europas. Schon während der Bronzezeit und Eisenzeit erreichte der Bergbau in diesen Gebieten einen bemerkenswerten Höhepunkt.

Bartholomäberg. Dieses Gebiet gehört zu den ältesten urkundlich erwähnten Bergbaugebieten im Alpenraum. Die ältesten noch erhaltenen Urkunden stammen aus der Zeit Ludwigs des Frommen aus den Jahren 814 und 820 n. Chr. Neben einer Vielzahl von teils neu entdeckten Dokumenten spielt auch das churrätische Reichsurbar, das bischöfliche Einkünfteverzeichnis aus dem Jahre 842 n. Chr. eine bedeutende Rolle. Darin wird erstmals direkt auf den Eisenerzabbau hingewiesen. Um 1550 nimmt die Bergbautätigkeit im Montafon dramatisch ab. Die Konkurrenz ertragreicherer Bergwerke brachten den heimischen Bergbau kurz nach 1600 weitgehend zum Erliegen.

Sonnenberg. Wie im Montafon kam im Spätmittelalter und in der frühesten Neuzeit auch in der Herrschaft Sonnenberg, die sich vom Arlberg bis vor die Tore Feldkirchs erstreckte, dem Bergbau hohe Bedeutung zu. Streitigkeiten um entsprechende Rechte an der Grenze zu Tirol und im Klostertal trugen nicht zuletzt dazu bei, dass das Territorium 1474 an Österreich fiel. Die Grafen von Sonnenberg gerieten mit Herzog Sigismund dem Münzreichen von Tirol wegen Hoheitsrechten im Bergbau am Arlberg und Christberg in Streit. Im Frühjahr 1473 belagerten Habsburger Söldner das Schloss Sonnenberg, eroberten und verbrannten es. So wurde die Burg zerstört und seither nicht wieder aufgebaut. 1474 verzichteten die Grafen Sonnenberg auf ihr Land zugunsten der Habsburger.

Gamperdonatal. Es gibt eine Reihe von Dokumenten, Quellen und Flurnamen, welche auch auf den Erzabbau im Gebiet rund um Nenzing verweisen. Der „Eisenberg“ von Bürs ist bereits in einer Urkunde aus dem Jahr 1355 bezeugt. Unweit davon wurde auch auf dem heutigen Gemeindegebiet von Nenzing Bergbau betrieben.

Dr. Manfred Tschaikner vom Vorarlberger Landesarchiv hat im Tiroler Landesarchiv besondere Urkunden über den Nenzinger Himmel aufgestöbert. Darin heißt es nämlich, dass im Mittelalter dort Eisenerzabbau getätigt wurde und dass dies im Jahr 1577 wieder aufgenommen werden sollte. Dass im Galinatal früher Eisenerz gewonnen wurde, ist in der Literatur bekannt, für Gamperdond ist dies aber tatsächlich neu. Einen längeren Artikel über diese beiden Nenzinger Bergwerke veröffentlicht Dr. Tschaikner in den Bludenzer Geschichtsblätter (Download siehe unten).

Der „ganng eines eysen ärzts in der Nennzinger albm im Gamperthan“. Bei der von Erzherzog Ferdinand unterschriebenen Urkunde von 1577 verleiht er die Schürfrechte in der Herrschaft Sonnenberg an die beiden Bludenzer Hans Sepp und Lukas Felix und einer Gruppe von Mitinteressierten. Dabei kommt eben auch der „ganng eines eysen ärzts in der Nennzinger albm im  Gamperthan“ zur Sprache, das wieder aufgenommen werden solle. Wann hier Abbau betrieben wurde, lässt sich nicht mehr sagen, gehörte doch das Alpgebiet von Gamperdond ab der Schafbrücke bis 1515 zur Herrschaft Vaduz. Das gewonnene Eisen wurde daher über das Bettlerjoch und Steg/Malbun nach Vaduz gebracht. Wir finden auch keine Hinweise auf Erzabbau hier in den mündlichen Erzählungen der Nenzinger Bevölkerung wie bei den Sagen im Galinatal. Bei dieser Urkunde von 1577 finden wir jedenfalls den Zusatz, dass dort „in anngen jarn her nit gearbait noch vil weniger belehnet worden sei.

Univ.–Doz. Dr. Mag. Manfred Tschaikner.   Manfred Tschaikner wurde 1957 in Bludenz geboren und wuchs in Feldkirch und Dornbirn auf. Er maturierte 1975 am Bundesgymnasium Dornbirn und begann nach dem einjährig-freiwilligen Präsenzdienst 1976 an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte zu studieren. Nach der Sponsion und Lehramtsprüfung 1982 unterrichtete er in Innsbruck und von 1983 bis 2002 als begeisterter Pädagoge am Bundesgymnasium Bludenz. Er zählte zu jenen Mittelschullehrern, die sich neben dem Lehramt auch um die F

orschung bemühten. Aufgrund einer Dissertation über die Hexenverfolgung in Vorarlberg wurde der Historiker 1992 von der Universität Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Inzwischen hat Tschaikner mehrere Bücher und wohl über 200 wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. 2002 wechselte er ins Vorarlberger Landesarchiv nach Bregenz, wo er sehr engagiert und erfolgreich die Abteilung "Historisches Archiv" leitet. 2008 wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Wien erteilt. Sein Forschungsschwerpunkt bildet neben der allgemeinen Regionalgeschichte das frühneuzeitliche Hexenwesen Westösterreichs, Liechtensteins und der Ostschweiz, wo er international als Kapazität geachtet wird.


 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

Donnerstag, 5. Januar 2023

[ #Frastanz ] Starker "Tubackh" aus Frastanz


Die Pfeife ist mit dem Kaffee das Symbol türkischer Gastfreundschaft. Seit 2002 wächst vor dem Frastanzer Rathaus Tabak.


Tabacco di Frastanza. Um das Jahr 1700 beschlossen einige Landwirte in Frastanz ihr Einkommen durch den Anbau von Tabakpflanzen aus dem Elsass aufzufetten. Wohl hatten Frastanzer Wanderarbeiter das Wissen und die Idee mit in die Heimat gebracht. Schon bald hatten sie sich nicht nur das Wisssen für den Anbau sondern auch für die Verarbeitung angeeignet. In der Frastanzer Gemeindegeschichte wird gar kolportiert, dass der Tabak bis nach Straßburg und Mailand transportiert worden sei, wo er als „Tabacco di Frastanza“ und „Tabacco di Mariexa“ gehandelt worden sein soll. Angebaut wurde der Tabak hauptsächlich in den Parzellen Hofen, Einlis, Mariex und Amerlügen. Wobei "Frastanz" eben nicht ganz richtig ist, ist doch Mariex Teil von Nenzing!

In Vorarlberg wurde dann also Tabak von der Mitte des 18. Jahrhunderts an bis etwa 1835 in der Gegend von Frastanz angebaut. Die Blütezeit des Frastanzer Tabakanbaus war vor 1784, vor der  Einführung  des Tabakmonopols durch Kaiser Joseph II. Der  Tabakanbau war denn auch sichtlich für viele Frastanzer Familien des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein wichtiger landwirtschaftlicher Zuerwerb. Dies  belegen diverse Verlassenschaftsakten, in denen der "Tubackh" ausdrücklich erwähnt wird.

Den Frastanzern kam die Monopolisierung von 1828 besonders auch deshalb äußerst  ungelegen, weil damit besonders der Tabakverarbeitung ein Riegel vorgeschoben wurde. In Frastanz wurde Tabak nämlich nicht nur die Pflanze angebaut, sondern auch weiterverarbeitet. Um 1806 wird eine Tabakstampfe in Frastanz erwähnt. Betrieben wurde die  Tabakmühle im Haus Beim St. Wendelin von Johann Christian Walser.

Als Anbaufläche dienten  den Frastanzern nicht  nur die Hausgärten, sondern kleinere Mengen an Tabakpflanzen wurden oft auf den Misthaufen gepflanzt. So werden die Tabakstauden wie auch das Ver- und Bearbeitungswissen wohl für den Hausgebrauch auch noch länger gehalten haben, sodass man 1848 mit der Revolution auch den Tabakanbau wieder versuchen konnte. Dies wurde aber von der Obrigkeit nach dem Kartätschen der Revolution ebenso nachhaltig unterbunden. Ein  solcher Tabakanbau als Hausgbrauch ist aber immerhin noch für die Notzeiten der beiden Weltkriege überliefert.


Österreichische Tabak-Regie.  Der Tabakanbau begann mit der Globalisierung durch die Entdeckung Amerikas. Die Spanier übernahmen die Verwendung des indianischen und vor allem dort kultisch verwendeten Tabaks als Genussmittel  und führten ihn 1518 in Europa ein.

Ab zirka 1570 wurde auch in Österreich Tabakanbau für Heilzwecke betrieben, im Feldbau wurde Tabak in Oberösterreich und Niederösterreich, anfänglich wohl auch mit guten Gewinnen gepflanzt. In der Steiermark begann man gegen Ende des 17. Jahrhunderts  mit dem Tabakanbau. Doch allzubald entdeckte der Staat sein Interesse.

Die Monopolisierung des Verkaufs, steuerliche Belastung und Importe ließen den Tabakanbau interessant werden. Die Landstände als Großgrundbesitzer fürchteten nicht nur eine Bodenverschlechterung, die Konkurrenz des ungarischen Tabaks und staatliche Eingriffe verhinderten einen Aufschwung, der Tabakanbau ging ständig zurück. Eine Tendenz zur Monopolisierung gab es im Habsburgerreich bereits im frühen 18. Jahrhundert. Um 1700 wurde daher der Tabakanbau außerhalb von Hausgärten verboten. Eine Verbesserung brachte kurzfristig die Gründung der 1. Tabakfabrik 1722 in Hainburg.

Ab 1723 waren Anbaulizenzen erforderlich und wurde der freie Verkauf untersagt. 1764 erließ Kaiserin Maria Theresia ein Monopol für Ober- und Niederösterreich, das sie einer privaten Gesellschaft übertrug.

1784 wurde die Österreichische Tabakregie unter Joseph II. als Vollmonopol für alle österreichischen Länder gegründet. Dieses war unter anderem zur Versorgung von Kriegsinvaliden gedacht, die bei der Zuteilung der Verschleißstellen bevorzugt wurden (Trafik für einfache Soldaten, Großhandel für Offiziere). Dieses Monopol schwächte einerseits die Lage der Tabakbauern, andererseits gab es ihnen in Krisenzeiten Sicherheit.

1825 hörte der Tabakanbau in Österreich faktisch völlig auf. Es wurde nur noch in begrenzten Mengen der Anbau von Bauerntabak akzeptiert, der durch seine schlechtere Qualität keine Bedrohung für das Monopol war. Dokumentiert ist eine derartige förmliche Erlaubnis für die Bauern des oberen Inntales 1848-1860. 1850 wurde das Monopol auf die ungarischen Kronländer ausgeweitet, damit verlagerte die Regie auch allmählich den Großteil ihres Anbaues in diese Länder mit ihrem milderen Klima. 1864 wurden die ersten Regiezigaretten gedreht, mit dem steigenden Bedarf stieg Tabak zur wichtigsten Kolonialimportware auf.

Ende des 19. Jahrhunderts und 1918-39 versuchte man vergeblich, den Tabakanbau wieder zu beleben. Erfolge stellten sich erst nach 1945 ein. 1994 wurden 190,12 ha von 184 Anbauern bestellt, davon entfielen auf die Steiermark 122,05 ha, Niederösterreich 35,6 ha, Burgenland 25,17 ha und Oberösterreich 7,30 ha. 1993 betrug die Erntemenge 393 t, das waren damals noch gerade mal drei Prozent der Verarbeitungsmenge der Tabak-Regie.

Europäische Union. Der Tabakanbau in Europa wurde von der Europäischen Union mit Subventionen von bis zu 1 Milliarde Euro jährlich gefördert. Ab 2005 wurden 20 Prozent der EU-Zahlungen gezielt dafür eingesetzt, die Tabakbauern zum Umsteigen auf andere Erzeugnisse zu ermuntern. Im Jahr 2010 wurde die Subventionierung des Tabakanbaus in der EU gänzlich eingestellt, Umstellungsbeihilfen gab es noch bis 2013.

Entwicklungsländer. Zu Anfang des 21. Jahrhundert lagen fast 90 Prozent der Anbauflächen in den südlichen Ländern. Besonders in den Niedrig- und Mitteleinkommensländern der tropischen und subtropischen Landschaftszonen in Afrika, Lateinamerika und Asien, den Schwellen- und Entwicklungsländern des Südens, nimmt der Tabakanbau zu.

Im Zeitraum von 1961 bis 2002 ist die Anbaufläche in Europa und Nordamerika um 60 Prozent gefallen und stieg in der gleichen Zeitspanne in der „Dritten Welt“ um ca. 60 Prozent an. Beispiele für extreme Anbauzunahme ist Malawi mit Verdoppelung und Tansania mit Versechsfachung innerhalb von 40 Jahren. Der Tabakanbau führt in den afrikanischen Anbaugebieten zu verstärkter Abholzung von Wäldern, ist eine Konkurrenz zum unmittelbar lebensnotwendigen Nahrungsmittelanbau, führt zu Humusabbau des Bodens und starker wirtschaftlicher Abhängigkeit von den Tabakaufkäufern.


 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

Mittwoch, 23. Februar 2022

[ #Nenzing ] Denkmal: Filialkirche der Heiligen Julius, Ottilie und Martin in Nenzing-Beschling


Die Kirche in Beschling beherbergt mit dem gotischen Flügelaltar von 1484 ein besonders wertvolles Kunstwerk. 

Die ebenfalls sehr wertvolle Kasettendecke aus dem 17. Jhdt. stammt zum Teil vom Nenzinger Künstler Christian Lutz. Sie ist ein seltenes Beispiel kirchlicher Ausstattung und gibt Zeugnis der lokalen Kulturgeschichte sowie der gesellschaftlichen und künstlerischen Möglichkeiten im 17. Jahrhundert.


Die Kirche in Beschling beherbergt mit dem gotischen Flügelaltar von 1484 ein besonders wertvolles Kunstwerk. Die ebenfalls sehr wertvolle Kasettendecke aus dem 17. Jhdt. stammt zum Teil vom Nenzinger Künstler Christian Lutz. Sie ist ein seltenes Beispiel kirchlicher Ausstattung und gibt Zeugnis der lokalen Kulturgeschichte sowie der gesellschaftlichen und künstlerischen Möglichkeiten im 17. Jahrhundert.

Die Decke wurde anlässlich der Vergrößerung der Kirche 1680 angefertigt. Die 45 unterschiedlich großen Tafeln bestehen aus aneinander gefügten, gefassten Brettern, die mittels geschmiedeter Nägel und geschwärzter Profilleisten an den Bundträmen der Dachkonstruktion befestigt sind. Vierzehn der Kassettenfelder sind von Christian Lutz aus Nenzing mit figuralen Bildern ausgefüllt worden. Dargestellt sind jeweils eine oder zwei Heiligengestalten, die als Namenspatrone mit den entsprechenden Attributen und Hinweisen aus der Heiligenlegende den Bezug zu den Stiftern herstellen. Bei den auf den Tafeln genannten Stiftern handelt es sich durchwegs um alte in Nenzing eingesessene Geschlechter, die bis ins 16. und zum Teil bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden können.

1957 erfolgte eine umfassende Restaurierung, die schriftlich dokumentiert wurde und sich deutlich zu erkennen gab. Im Zuge dieser relativ umfassenden Restaurierung wurden Beschädigungen großzügig mit einer Spachtelmasse gekittet oder mit zahlreichen Holzeinsetzungen geschlossen und dann retuschiert. Alle einfärbigen Felder wurden bis auf den Holzträger abgearbeitet und erhielten anschließend einen neutral-beigen Anstrich mit Dispersionsfarbe. In den 1970er Jahren kam es zu weiteren, eher rudimentären Ausbesserungsarbeiten an den Heiligendarstellungen.
Vor Beginn der aktuellen Restaurierung wiesen die Gemälde aber auch die einfarbig gehaltenen Tafeln ein vielschichtiges Schadensbild auf: Die Gemälde waren durch Holzwurmbefall der Holztafeln und die stark kreidende und abblätternde originale Malschicht akut gefährdet. Darüber hinaus führten zahlreiche Risse in den Tafeln, Wasserränder, Retuschen und die Übermalungen des 20. Jahrhunderts zu einem gesamthaft fleckigen und unruhigen Erscheinungsbild.

Die Holzkassettendecke musste aufgrund ihrer Konstruktion und der sehr fragilen Malerei im eingebauten Zustand restauriert werden. Zuerst wurden sämtliche Tafeln der Holzdecke einer vorsichtigen Reparatur durch einen Tischler unterzogen. Hierfür mussten Profilleisten abgenommen, neuzeitliche Nägel für eine bessere Beweglichkeit der Tafeln in den Rahmen entfernt und Risse teilweise neu verleimt oder ausgespant werden. Für die Gemälderestaurierung war die Festigung der kreidenden und abblätternden originalen Bemalung vorrangig, wobei Verfärbungen durch das Festigungsmittel zu vermeiden waren. Die Reinigung und ein optisches Zurückdrängen der Flecken und Wasserränder, sowie eine vorsichtige, partiell angelegte Retusche in den Fehlstellenbereichen sollten dann wieder zu einem geschlossenen Erscheinungsbild der barocken Bildtafeln führen.


 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

Donnerstag, 18. November 2021

[ #Vorarlberg ] Kulturerbe "Scheibenschlagen" als Frevel verboten


Neben dem Abbrennen eines Scheiterhaufens (Funkens) gibt es in einigen Dörfern Tirols und Vorarlbergs am Abend des Funkensonntags den Brauch des Scheibenschlagens. 

Dabei werden im Feuer kleine glühende Holzscheiben auf einer Anhöhe mittels langer Stangen über einen schräg aufgelegten Brett abgeschlagen, sodass sie - ähnlich Sternschnuppen - Richtung Tal fliegen. Unmittelbar vorher spricht der Schläger einen Vers oder widmet die Scheibe einer prominenten oder persönlich nahestehenden Person. Man kann aber auch eine Person verspotten.

Erlen- oder Birkenholz. Zum Scheibenschießen werden eigens angefertigte Scheiben aus Erlen- oder Birkenholz auf 70 bis 120 Zentimeter lange Haselstöcke gesteckt, im sogenannten Vorfeuer zum Glühen gebracht und mit Hilfe einer kleinen Holzbank von den Stöcken abgeschlagen. Bei einem gelungenen Schuss beschreibt die glühende Scheibe einen leuchtenden Bogen am dunklen Nachthimmel. Jeder Schütze versucht, seine Scheibe möglichst weit zu schießen.


Feuergefahr. Erstmals urkundlich bezeugt ist das Scheibenschlagen bereits 1090. Damals führte eine brennende Scheibe zum Brand des Klosters Lorsch. Scheibenschlagen und Funkensonntag gehören somit zu den ältesten Fastnachtsbräuchen, die infolge des alten Fastnachtstermines (Aschermittwoch) am Sonntag Invocavit (Sonntag nach Aschermittwoch; Funkensonntag) stattfanden.

Der Brauch des Funkensonntags bzw. des Scheibenschlagens wird heute noch in Vorarlberg gepflegt. Das Funkenabbrennen am ersten Sonntag der Fastenzeit gehört heute zu den spektakulärsten und publikumswirksamsten Brauchtumsveranstaltungen Vorarlbergs. Die Ursprünge des Brauches liegen jedoch im Dunkeln, denn es fehlen stichhaltige Quellen zu seiner Geschichte. Besser steht es diesbezüglich um das Scheibenschlagen, das allerdings nur noch in wenigen Orten des Landes praktiziert wird. Die Aufnahme dieser Tradition in die Liste des immateriellen Kulturerbes (UNESCO) im Jahre 2016 verweist auf deren lange Geschichte und ehedem große Bedeutung.

Frevel. Der älteste bekannte Vorarlberger Quellennachweis für den Brauch des Scheibenschlagens findet sich in einem Verzeichnis von „Freveln“ (Vergehen), die in der Herrschaft Bludenz im Jahr 1604 geahndet wurden.

Damals bestrafte man etliche Burschen aus Bartholomäberg dafür, dass sie sich "in der heiligen fasten zeit, da man sich sonnderlichen aller andacht, demueth und gottsforcht gegen dem allmechtigen gott verhalten und gebrauchen solte, mit ungebürlichem scheibenschlagen, juzen und annderer unzüchten" wie dem Entwenden und Verbrennen von Hölzern und Dachschindeln vergangen hatten. In diesem Zusammenhang ist auch bezeugt, dass es am Bartholomäberg einen eigenen "scheiben plaz" gegeben hat, wo der Brauch ausgeübt wurde, indem man die angeglühten Holzscheiben in einer Art von Wettkampf und begleitet von Sprüchen möglichst hoch, weit und schön durch die Luft schleuderte.

Das Scheibenschlagen war ursprünglich wie das Fackelschwingen und das Abbrennen von größeren Feuern an unterschiedlichen Terminen im Jahr üblich. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bemühte sich der Bludenzer Stadtrat allerdings, das Treiben auf die „Alte Fasnacht“, also auf den Funkensonntag, einzuschränken. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sah sie sich der aufgeklärte Bludenzer Vogteiverwalter Franz Josef Gilm (von Rosenegg) bemüßigt, das Scheibenschlagen als einen verderblichen Brauch sogar noch einige Zeit vor dem bald ebenfalls geächteten Funkenbrennen zu verbieten.

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒ 

Mittwoch, 30. Juni 2021

[ #Nenzing ] Konrad Tiefenthaler: Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit "Neu Beginnen"


Der Eisenbahner Konrad Tiefenthaler aus Nenzing wurde als Mitglied der Widerstandsgruppe "Neu Beginnen" von der Gestapo zu Tode gequält. 


Mitte der 1920er Jahre wurde Konrad Tiefenthaler (*26.11.1897 in Nenzing;† 6.8.1942 in Innsbruck) von Vorarlberg in die Bundesbahndirektion als Verwaltungsbeamter nach Innsbruck versetzt, weil er wegen seines Engagements in der Sozialdemokratischen Partei unliebsam aufgefallen war, als Eisenbahnergewerkschafter und Sozialdemokrat.Nach den Februarkämpfen 1934 wurde er mit gekürzten Bezügen zwangspensioniert, da er als einer der führenden Eisenbahnergewerkschafter bekannt war. Tiefenthaler fand schließlich Verwendung im Vorstand des "Konsums".

Acht Tage lang saß er bereits als Häftling des Austrofaschismus im Landesgericht Innsbruck. Während des Austrofaschismus betätigte sich Tiefenthaler bei den Revolutionären Sozialisten im Untergrund und stellte Verbindungen mit Sozialdemokraten in Wien, Salzburg, Wörgl und Süddeutschland her und leistete Fluchthilfe über die Grenze in die Schweiz.

Neu Beginnen. Deshalb bemühte sich der bayrische Sozialdemokrat Waldemar von Knöringen (* 6.10.1906; † 2.7.1971) erfolgreich, ihn als Stützpunktleiter seiner antinationalsozialistischen Widerstandsgruppe "Neu Beginnen" in Innsbruck zu gewinnen. Ab 1933 war von Knoeringen bereits Mitglied dieser Widerstandsgruppe und lebte von Vorträgen, die er größtenteils vor der Sozialdemokratischen Partei Österreichs hielt. Er musste nach der Ausschaltung der Demokratie durch Dollfuß und dem Verbot der Sozialdemokraten und Auflösung der Gewerkschaften aus Österreich in die Tschechoslowakei fliehen, wo er von Prag aus die Inlandsarbeit von "Neu Beginnen" leitete und die Widerstandsarbeit eines Netzwerkes von 13 Stützpunkten und Gruppen im bayerischen und österreichischen Raum koordinierte.

Im Dezember 1938 trat Tiefenthaler der NSDAP bei, engagierte sich aber weiterhin im Widerstand. Zunächst wurde er speziell über seine alten Gewerkschaftskontakte zu Eisenbahnern in Österreich und Deutschland aktiv, ab Herbst 1941 verstärkt in der Gruppe "Neu Beginnen".

Verhaftung und Tod. Im Frühjahr 1942 rollte die Gestapo von Salzburg her die Widerstandsgruppe auf. Es kam zu rund 200 Verhaftungen. Unter diesen war auch Konrad Tiefenthaler. Die Gestapo und verhaftete ihn am 2. Juli 1942 und brachte ihn ins Landesgerichtliche Gefängnis. In der Innsbrucker Gestapozentrale in der Herrengasse wurde Konrad Tiefenthaler gefoltert. Trotz Folter wird er im Gestapo-Bericht vom 8. Dezember 1942 noch immer als "fanatischer und verbohrter Gegner des Nationalsozialismus" bezeichnet. Bei einem dieser Verhöre dürfte er am 6. August 1942 zu Tode gequält worden sein. Als offizielle Todesursache wurde von den Nazi-Schergen Selbstmord durch Erhängen in seiner Zelle im landesgerichtlichen Gefängnis in Innsbruck angegeben.


 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒