Freitag, 18. November 2022

[ #Montafon ] Die Zimbaspitze (2643 m) - Erstbesteigung im Damenrock: Mary Fairbairn

Die Zimba, umgeben von Nebelschwaden, 15.10.2009 . Wikimedia
(Urheber: Cinedoku Vorarlberg - Hanno Thurnher Filmproduktion)

Die Zimba gilt als der bekannteste Berg des Montafons und sogar der gesamten Gebirgsgruppe Rätikon.

Nicht nur Gaststätten und Alpinhotels benennen sich nach der Zimpaspitze: Dancingbars, Shopping-centers, Unterwäsche, Lichtanlagen, Modeartikel, Kosmetika, ... . Schon daran kann man erkennen, welche zentrale Bedeutung der Zimpa zukommt.

Zimperspitz. Die Zimba (früher Zimbaspitze) ist ein 2643 Meter hoher Berg im Rätikon, einer Gebirgsgruppe der westlichen Zentralalpen in Vorarlberg (Österreich). Sie ist die höchste Erhebung der sogenannten Zimbagruppe, einem Seitenkamm des Rätikons.  Der Berner Fürsprech Gottlieb Sigmund Gruner (1717 —1778) hat dank seinem fleißigen Studium der Literatur und den vielen Nachrichten, die er sich durch Korrespondenz verschaffte, in seinem Werk Eisgebirge (1760) Material über die Schweizeralpen zusammengebracht. Im Zuge des Rätikons kam er auch auf die Vorarlberger Seite und benennt den Zimperspitz, die Zimbaspitze, heute nur: Die Zimba.

Erstbesteigung im Damenrock. Die erste dokumentierte Besteigung der Zimba gelang am 8. September 1848 dem Brunnenmacher Anton Neier aus Bludenz im Alleingang. Er brach in Brand auf, wanderte hinauf zur Sarotlaalpe, hielt in südöstlicher Richtung auf das Kargebiet mit dem Namen Steintäli zu, kreuzte den Ostgrat und erreichte den Gipfel durch einen Kamin auf der Südseite in mühseliger Kletterei.

Mary Fairbairn. Mary Fairbairn, die Tochter des schottisch / vorarlbergerischen Textilunternehmers und Alpinisten John Sholto Douglass (vergleiche Douglas-Hütte)  steht am 18. Juni 1893 als erste Frau auf dem Gipfel der Zimba. Geführt wurde sie vom Bludenzer Bergführer Ferdinand Heine, der dreißig Jahre zuvor bereits mit ihrem Vater John Sholto die Zimba bestiegen hatte. Wohl kaum im Rock, aber im Rucksack hatte sie wohl auch einen Rock zu tragen, denn es wäre damals undenkbar gewesen, in Hosen ins Dorf zurückzukommen.


Geologisch interessant.  Die weithin sichtbare Zimba wird häufig das Matterhorn Vorarlbergs genannt. Sie hat eine ebenmäßige Form und sendet nach Nordosten, Osten und Westen gleichmäßige Grate aus. Die Gestalt gleicht stark der Form einer Pyramide, was sie zu einer wahren Sehenswürdigkeit macht und wodurch sie sich von den anderen Gipfeln des Monatfons und Rätikons deutlich abhebt.

Große Teile des Rätikon bestehen aus Sedimentgesteinen. Aus geologischer Sicht ist der Rätikon somit den Nördlichen Kalkalpen zuzuordnen.  Die Zimba ist geologisch aber weitaus interessanter, als damit zum Ausdruck gebracht werden könnte. Sie besitzt eine geschlossene Schichtfolge von der Grauwackenzone bis zur Kreide. Diese Schichtfolge ist an ihrer Südseite im Rellstal recht gut sichtbar. Außerdem ist eine Reliefüberschiebung von selten klarer  Formung und Entwicklung erkennbar.

Der Rätikon wird zur Hauptsache aus einer mesozoischen Sedimentserie aufgebaut, die dem Oberostalpin angehört und der Lechtaldecke zugerechnet wird. Die oberostalpine Deckplatte besteht aus einer Schichtfolge, die vom Buntsandstein bis zur Kreide (Cenoman—Turon) reicht. Sie ist in einzelne große Schollen zerbrochen, die vor allem in südlichen Bereichen schuppenförmig übereinander liegen. Danach folgen von unten nach oben: 1. Die Heuspielscholle, 2. Die Dreischwestem Fundelkopf Scholle, 3. Die Gorvionscholle, 4. Die Zimba-Schesaplana-Scholle, die nach Osten mit dem Davennastock zusammenhängt. Dazu noch einige kleinere Schollen am Nordrand des Rätikon.


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Donnerstag, 17. November 2022

[ #Hohenems ] Die "Gräfin von Hohenembs": Sisi und Sissi


Als Gräfin von Hohenembs gab sich Kaiserin Elisabeth von Österreich auch auf ihrer letzten Reise nach Genf aus, bei der sie von einem Anarchisten erdolcht wurde. Sie ist seit den Filmschnulzen mit Romy Schneider als "Sissi" bekannt. In Wirklichkeit schrieb sie sich jedoch "Sisi" und ließ sich ab dem 32. Lebensjahr weder malen noch fotografieren.

Gräfin von Hohenembs. 1898 reiste Kaiserin Elisabeth, die 1854 ihren Cousin (Kaiser Franz Joseph I.) geheiratet hatte, unter dem Pseudonym Gräfin von Hohenembs nach Genf. Dieses Pseudonym verwendete sie nicht nur dort, sondern auch anderswo, wenn sie bei ihren Reisen unerkannt bleiben wollte. Sie nächtigte bei ihrem Besuch am Genfersee (Lac Léman) im Hotel Beau-Rivage, wo sie bereits 1897 eine Woche verbracht hatte. Das Hotel ist nicht nur wegen der Ermordung der österreichischen Kaiserin Elisabeth 1898 bekannt geworden sondern auch wegen des Selbstmordes des CDU-Politikers Uwe Barschel im Jahre 1987.


Luigi Lucheni. Am 10. September 1898 wird Kaiserin Elisabeth vom italienischen Anarchisten Luigi Lucheni in Genf ermordet. Nur durch Zufall hat er von der wahren Identität der Gräfin von Hohenembs erfahren, dem "Pseudonym" unter dem die Kaiserin stets reiste, um unerkannt zu bleiben.

Auf dem Weg zur Schiffsanlegestelle lauert Lucheni der Kaiserin auf, stürzt sich auf sie und sticht ihr mit einer Feile in die Brust. Elisabeth stürzt zu Boden, steht aber geschockt auf und geht im Glauben, nur niedergestoßen worden sein zu, schnell an Bord, um das Schiff nicht zu versäumen. Kurz darauf bricht die Kaiserin zusammen, beim Öffnen ihres Mieders wird eine winzige Stichverletzung entdeckt. Das Schiff kehrt - nachdem der Kapitän über die wahre Identität der Gräfin von Hohenembs aufgeklärt wurde - um und die tödlich verletzte Kaiserin wird ins Hotel zurückgebracht, wo sie kurz darauf verstirbt.

Kapuzinergruft. Elisabeths Leichnam wird nach Wien gebracht, und in der Kapuzinergruft bestattet. Mit ihrem tragischen Tod beginnt Elisabeths Unsterblichkeit - vergessen ist alle Kritik. Der Mythos Sis(s)i ist geboren.


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[ #Rankweil ] NS-Euthanasie: Die ermordeten Patienten der Valduna


In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Behinderte und psychisch Kranke ermordet.

Eine Ausstellung erzählt sechs Lebensgeschichten von Menschen aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol. Von ihrer Kindheit und Krankheit. Von Abtransport und Tod. Von Versuchen, Leben zu retten. Vom Überleben. Und von Menschen, die Familienmitglieder verloren haben.




Valduna. Dazu die folgenden Zahlen aus "Euthanasie" in Vorarlberg - Die Ermordung von "Geisteskranken" aus der Valduna und den Versorgungshäusern" (Gernot Kiermayr-Egge , 1990):
  • "Aus der "Landes- Heil- und Pflegeanstalt Valduna" wurden insgesamt 592 Personen deportiert.Darunter waren 145 Schweizer Bürger, die an die Grenze gestellt wurden. 220 Menschen, davon 125 Frauen, wurden im Februar und März 1941 direkt nach Niedernhart bzw. Hartheim gebracht und dort - mit einer einzigen Ausnahme - sofort vergast.
  • 227 Insassen der Anstalt Valduna, unter ihnen 106 Frauen, kamen zunächst in die Anstalt Hall in Tirol. Von diesen wurden 43 nach Hartheim gebracht und dort vergast; 32 davon nach dem Stopp der Vergasungen im Herbst 1941.
  • 68 Personen, die in Hall hatten bleiben können und zum Teil in den Jahren 1942 und 1943 in angeschlossene Anstalten und Versorgungshäuser (Mils, Imst und Ried) verlegt worden waren, starben unter nicht ganz geklärten Umständen. Ihr Tod ist aber jedenfalls zum Teil eine Folge der Deportationen.
  • Somit sind 330 Patienten der Anstalt Valduna im Rahmen der Deportationen zu Tode gekommen, 262 davon vergast worden. 87 von ihnen sind unmittelbar vor den Verlegungen aus Vorarlberger Armen- und Versorgungshäusern nach Valduna gebracht worden. Ungefähr 300 Patienten haben die "Euthanasie" überlebt, allerdings fast die Hälfte nur deswegen, weil ein Zugriff auf sie aus staatsrechtlichen Gründen nicht möglich war. Unter Einrechnung der Schweizer Patienten ist in etwa jeder zweite Patient der Valduna getötet worden; läßt man sie in der Bilanz weg, sind von gut 500 Patienten aus Vorarlberg und Liechtenstein 330 oder 66 Prozent zu Tode gekommen." 
Ausgelöscht. "Ausgelöscht. Opfer der NS-Euthanasie aus Tirol, Vorarlberg und Südtirol" ist der Beitrag des Instituts für Geschichte zu den Aktionstagen der "Jungen Uni 2004". Von Oktober 2003 bis Februar 2005 lief am Institut für Geschichte an der Leopold Franzens Universität Innsbruck eine dreisemestrige Lehrveranstaltung unter dem Titel "Wissenschaftliches Recherchieren und
Schreiben für Ausstellungen / Planung und Organisation von Ausstellungen". Das Ziel der "Projektgruppe Zeitschatten" war es, eine Ausstellung für SchülerInnen zum Thema der "NS-Euthanasie" in Tirol, Vorarlberg und Südtirol zu erstellen. Die Ausstellung richtete sich vor allem an die 9 bis 14-jährigen SchülerInnen. Deshalb war die  Projektgruppe besonders bemüht, das vielschichtige und sensible Thema der "NS-Euthanasie" nicht nur verantwortungsvoll aufzubereiten sondern auch altersgerecht und verständlich zu präsentieren. Die gegenständliche Webseite wurde mit dem Ziel erstellt, die Texte für SchülerInnen lesbar und verständlich werden zu lassen.


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[ #Bregenz ] Hugo von Montfort XII.: Ein Vorarlberger als Landeshauptmann der Steiermark

Hugo von Montfort XII.:

Ein "Vorarlberger" als Landeshauptmann der "Steiermark" 

Graf Hugo von Montfort, 1357 bis 1423, als vorarlbergisch-steirischer Landherr, Landeshauptmann der Steiermark, Heiratspolitiker in eigener Sache mit drei vorteilhaften Heiraten und geschätzter Mediator bei Streitigkeiten hat auch ein reizvolles lyrisches Werk mit rund 40 gattungsmässig vielfältigen Texten hinterlassen.


Prachthandschrift. Diese lyrisch-didaktische Kleindichtung gestaltet typische Themen wie Liebe, Totenklage, Weltabsage, Sündenklage. Lyrik spielt in der Kultur der Höfe im Spätmittelalter keine nennenswerte Rolle mehr. Umso merkwürdiger ist es, dass zu Beginn des 15. Jahrhunderts noch einmal fast gleichzeitig vier bedeutende adlige Autoren Gedichte schreiben: Der "Mönch von Salzburg", Hugo von Montfort, Eberhard von Cersne und Oswald von Wolkenstein. Das Fort- und Nachleben des Minnesangs beleuchtet im 15. Jahrhundert schlaglichtartig die lyrische Produktion der adligen "Literaturliebhaber": Minnesang ist auch bei ihnen Teil adligen Lebens, er dient nun aber eher dem repräsentativen Hausgebrauch und dem Privatvergnügen. Vorherrschend wurde bei Hugo von Montfort eine didaktisch-gelehrte Dichtung. Er verhalf Motiven und Formen des Minnesanges zu einem letzten Aufleben und die anonyme Gesellschaftskunst des Minnesanges eine subjektive Wendung. Die Minnelieder sind meist in Sammelhandschriften überliefert, deren bedeutendste die Große Heidelberger Handschrift (1. Hälfte 14. Jh.), die Kleine Heidelberger Handschrift (13. Jh.), die Weingartner Liederhandschrift (um 1300) und die Jenaer Handschrift (mit Noten, um 1310) sind.

Hugo von Montfort. Das poetische Werk. Das Angebot der Internet-Plattform zur Edition "Hugo von Montfort, Das poetische Werk" umfasst neben dem Kernstück der Basistransliterationen (mitsamt den Codierungsschlüsseln und einer Transponierungs-Synopse) ausgewählte Abbildungen zur Überlieferung und zum biographischen Hintergrund Hugos von Montfort (1357 – 1423).

Graf Hugo von Montfort XII. hinterließ ein beachtliches literarisches Werk. Er hinterließ in mehr als 170 heute noch erhaltenen Dokumenten zahlreiche urkundliche Spuren. Überliefert sind uns vierzig Texte: Lieder, poetische Briefe sowie politische und didaktische Reden zum Vortrag vor höfischem Publikum. In seinen Dichtungen zeigt sich Hugo immer wieder als Moralist, denn neben der Liebe macht er hauptsächlich Didaktisches und Religiöses zu seinem Thema. Im Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York ist im April 2005 ein interessantes Werk zum Minnesänger Hugo von Montfort erschienen. Neben den spätmittelalterlichen Originaltexten bietet sie eine Einleitung zu Leben, Werk und Zeit Hugos von Montfort sowie einen Anhang zu den Melodien. Die nach modernen Editionsprinzipien neu erarbeitete Studienausgabe bezieht erstmals auch die gesamte Streuüberlieferung mit ein.


Vorarlberger Landeswappen. Das von Hugo I. von Montfort († 1235) - einem Sohn Hugos von Tübingen († 1182) - begründete Adelsgeschlecht unter dem frei gewählten Prunknamen "Montfort" wirkte von etwa 1200 bis zum Aussterben des Geschlechtes 1787 durch sechs Jahrhunderte prägend auf die Bodenseeregion: Sowohl als Herrschaft aber auch in Literatur und Kunst. 1258 Spaltung in die Linien Montfort-Feldkirch, mit der Abspaltung der Grafen von Werdenberg (bis 1390), Montfort-Bregenz (bis 1338) und Montfort-Tettnang-Bregenz (bis 1536); eine jüngere Linie Tettnang erlosch 1787. Die umfangreichen Besitzungen fielen an die Habsburger, das rote Banner der Montfort ist Landeswappen von Vorarlberg.

Vischer Stich aus dem Buch Topographia Ducatus Stiriae (1681) - Die südlich von Frohnleiten auf einer östlich der Mur gelegenen Felskuppe ab Anfang des 13. JH. errichtete mächtige Burganlage befand sich im 14. und 15. JH. im Besitz der Grafen Montfort. 

Hugo von Montfort-Bregenz. ("der Minnesänger", XII., * 1357, † 4. 4. 1423). Er war Graf von Montfort-Bregenz und Pfaffenberg, ein angesehener Politiker, und unter anderem auch Landeshauptmann der Steiermark. Er nahm 1377 an dem Zug Herzog Albrechts III. von Österreich gegen die heidnischen Preußen teil, war auch sonst mehrfach in kriegerische Händel verwickelt, machte eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land und starb, nachdem er dreimahl vermählt gewesen war. Er war nicht nur in eigener Sache als "Heiratspolitiker" geschickt, er war auch ein geschätzter Mediator bei Streitigkeiten. Der Dichter beschreibt auch, wie er als Vierzehnjähriger in die Welt aufgebrochen ist: "ich sprach. 'ja herr, ich sag ü für war ich hatt der tag mint viertzehn jar sid hân ich wunders vil gesehen. was plâgen der welt ist beschehen, (Lied 5, 135-138). Er ist in Bruck an der Mur in der Steiermark begraben. Bekannt als der Minnesänger spielte er auch in der habsburgischen Verwaltung eine wichtige Rolle. Durch mehrere Heiraten gelangte er in der Steiermark und in Kärnten zu einem ausgedehnten Besitz. Er bekleidete zahlreiche hohe Verwaltungsämter und machte in der Politik seiner unmittelbaren Heimat, der habsburgischen Schweiz und der Steiermark Karriere. So war er ab 1401 vorwiegend auf der Festung Pfannberg, dort von 1413 – 1415 auch in der Funktion als Landeshauptmann der Steiermark, wo er auch begraben ist (Bruck an der Mur).

Die mit dem Tod des Grafen Hugo V. 1338 ausgestorbene Bregenzer Linie wurde durch die (ältere) Tettnanger Linie beerbt. Graf Wilhelm II. von Tettnang († 1354), der die Herrschaften Bregenz und Tettnang wieder vereinigte, kam als kaiserlicher Statthalter in der Lombardei zu großem Reichtum. Nach dem Tod Wilhelms II. ("des Reichen") 1354 erbte dessen Sohn Wilhelm III. († 1373) die Herrschaft Bregenz und begründete dort die neuere Linie (Tettnang-)Bregenz. Seine Söhne Konrad I. († 1399) und Hugo XII. († 1423) teilten die Herrschaft Bregenz (8.6.1379) unter sich auf: Graf Hugo (der Minnesänger) erhält die nördliche Hälfte mit Hofrieden, Sulzberg und Oberlangenegg, Graf Konrad die südliche Hälfte mit Hofsteig, Alberschwende und Lingenau. 1379 wird auch die Burg geteilt Graf Konrad von Montfort erhielt das obere Haus, wo sich heute die Kirche befindet und der Minnesänger Hugo von Montfort das untere, an dessen Stelle das Restaurant steht. Stadt und Vogtei über das Kloster Mehrerau bleiben in gemeinsamer Verwaltung. Am 2.1.1409 wird Bregenz neuerlich Objekt einer rigiden Teilung: Die Stadt Bregenz wird zwischen den Grafen Hugo und Wilhelm von Montfort-Bregenz geteilt. Mitten durch die Stadt wird eine Trennungslinie gezogen. Der Rat der Stadt wird je zur Hälfte aus Bürgern beider Teile besetzt; der Ammann wird von den beiden Teilen abwechselnd gestellt.

Regionale Bedeutung. Seine Herrschaft hatte wohl vor allem in den beiden erwähnten Teilungen von Bregenz Bedeutung. Für die Landeswerdung Vorarlbergs hatte das zur Folge, dass Bregenz in zwei Hälften, 1451 und 1523 – an Österreich überging. Sein Nachfahre verkaufte hundert Jahre nach seinem Tode (Graf Hugo XVII. von Montfort-Bregenz, der Letzte; † 1536) seine Anteile an der Grafschaft Bregenz um 50.000 Gulden an Österreich, während dessen Bruder Georg III. († 1544) die innerösterreichischen Besitzungen übernahm. Damit war auch der nördliche Teil der Grafschaft Bregenz an Österreich gegangen. Graf Hugo darf dafür aber als österreichischer Vogt in Feldkirch wirken.

Gegen die österreichischen Vögte setzten sich die Eidgenossen zur Wehr: Der Minnesänger Hugo von Montfort-Bregenz sowie Kontingente des Grafen Rudolf V. von Montfort-Feldkirch und Truppen aus dem Walgau, dem Rheintal und dem Allgäu kämpften in der Schlacht bei Näfels (9.4.1388) auf Seiten der geschlagenen Habsburger gegen die Eidgenossen.

Während die Bregenzer Linie der "Montforter", sieht man von dem Minnesänger Hugo XII. ab, über eine lokale Bedeutung kaum je hinauskamen und sich häufig als kleinliche und tyrannische Potentaten erwiesen, kamen die Feldkircher Grafen ihren Untertanen mit großzügigen Freiheitsrechten und einer Kodifikation des auf reichsstädtischem Lindauer Recht beruhenden Stadtrechtes frühzeitig entgegen und ermöglichten demokratische Strukturen, insbesondere auch eine Mitbeteiligung an politischen Entscheidungsfindungen. So konnte Feldkirch während des Mittelalters Bregenz an Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft und politischer Bedeutung weit überflügeln.

Knecht Burk Mangolt.
Dass er aber nicht nur in der Steiermark wirkte, darüber gibt seine Minne Auskunft, die übrigens für seine Zeit auch eine einmalige urheberrechtliche Bedeutung hat. Er darf geradezu als Pionier genannt werden. Er fühlte sich nur als der Dichter seines Minnegesangs und verheimlichte nicht, dass die kompositorische Leistung bei seinem "Knecht" Burk Mangolt lag: "Die weysen zu den lieden der han ich nicht gemachen, ich will euch nicht betriegen ... die weysen hat gemachet Burk Mangolt, unser treuer knecht." Dieser war natürlich kein Knecht im heutigen Sinn, sondern wohl ein angesehener Untertan unter Hugo von Montfort und mit den Bürgerrechten der Stadt Bregenz ausgestattet.

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[ #Dornbirn ] Stadtmuseum Dornbirn


Das noch  junge Dornbirner Stadtmuseum ist in einem 200 Jahre alten Patrizierhaus (Lorenz-Rhomberg-Haus) am Dornbirner Marktplatz untergebracht. 

Es befindet sich damit direkt am Eingang der Fußgängerzone auf der dem Rathaus gegenüberliegenden Seite, hinter der Bushaltestelle Rathaus und ist juristisch seit 1997 als eine Abteilung der Stadt Dornbirn konstruiert.

Die Dauerausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte der "Gartenstadt" und seiner BewohnerInnen. Auf drei Stockwerken werden ausgewählte Fundstücke, Fotosammlungen und Objekte aus dem Alltagsleben präsentiert, welche die Entwicklung von der bäuerlichen Gemeinde zur Textilstadt verdeutlichen. Ergänzt wird die Schausammlung durch Sonderausstellungen zu lokalen historischen und volkskundlichen Bereichen.

Einen thematischen Schwerpunkt in der Sammlung bildet das internationale Textilmusterarchiv mit über 300.000 Objekten. Das mehrfach ausgezeichnete "Haus der Geschichte" bietet heimatkundlich Interessierten und wissenschaftlich Arbeitenden eine moderen Infrastruktur: Fachbibliothek, Lesesaal, Internet, Studiensammlungen und eine interaktive Datenbank über Dornbirn ermöglichen einen selbstständigen Zugang zu einer Fülle an Informationen.


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Samstag, 12. November 2022

[ #Vorarlberg ] Von Schamanen, Goldgräbern und Soldaten


Frühe Formen der „Aneignung“ von Gebirgen in Vorarlberg

Am 26. April des Jahres 1336 erreichte Francesco Petrarca, "lediglich aus Verlangen", zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren Begleitern den Gipfel des Mont Ventoux, den Windberg. Man bezeichnet ihn als den "Vater der Bergsteiger" und den 26.April 1336 als den "Geburtstag des Alpinismus". Gerne würde man auch in Vorarlberg einen frühen alpinistischen Start, eine alpinistische Großtat, eine Geburtsstunde des (Vorarlberger) Alpinismus belegen. Doch diesem Wunsch erteilt der Wissenschaftler eine Absage und belegt vielmehr einen Wechsel in der Wertung und Bewertung der Bergwelt, die keineswegs immer nur als gefährlich und ungeheuerlich gesehen wurde.

Die von dem Bludenzer Historiker und "Hexenforscher" Manfred Tschaikner angeführten Beispiele verweisen darauf, dass in dem langen Zeitraum, der nun durch archäologische und paläobotanische Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte alpiner Räume in Vorarlberg belegt ist, durchaus eine Art von Normalität in den Beziehungen der Menschen zum Gebirge herrschte. Auch wenn sie sich von unseren Vorstellungen stark unterschied, ermöglichte sie über viele Generationen hindurch alpines Leben, das sich nicht, wie bis vor kurzem geglaubt, auf saisonale Alpbewirtschaftung beschränkte.

Gipfelstürme als Vorarlberger Großtat konnte der Historiker nicht identifizieren und auch keinen Beleg für eine linear fortschreitende alpinistische Eroberung des (Vorarlberger) Alpenraums finden. Vielmehr hat er die Mär, dass der Bludenzer Vogteiverwalter Hauptmann David Pappus ein alpinistischer Vorarlberger Vorfahre sei und die Schesaplana erstiegen habe, widerlegt.

Mag. Dr. Manfred Tschaikner. Manfred Tschaikner wurde 1957 in Bludenz geboren und wuchs in Feldkirch und Dornbirn auf. Er maturierte 1975 am Bundesgymnasium Dornbirn und begann nach dem einjährig-freiwilligen Präsenzdienst 1976 an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte zu studieren. Nach der Sponsion und Lehramtsprüfung 1982 unterrichtete er in Innsbruck und von 1983 bis 2002 als begeisterter Pädagoge am Bundesgymnasium Bludenz. Er zählte zu jenen Mittelschullehrern, die sich neben dem Lehramt auch um die Forschung bemühten.

Aufgrund einer Dissertation über die Hexenverfolgung in Vorarlberg wurde der Historiker 1992 von der Universität Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Inzwischen hat Tschaikner mehrere Bücher und wohl über 200 wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. 2002 wechselte er ins Vorarlberger Landesarchiv nach Bregenz, wo er sehr engagiert und erfolgreich die Abteilung "Historisches Archiv" leitet. 2008 wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Wien erteilt. Sein Forschungsschwerpunkt bildet neben der allgemeinen Regionalgeschichte das frühneuzeitliche Hexenwesen Westösterreichs, Liechtensteins und der Ostschweiz, wo er international als Kapazität geachtet wird.

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Freitag, 11. November 2022

[ #Bludenz ] Das Schloss Bludenz - "Gayenhofen"


Das Schloss Gayenhofen von dem italienischen "Gastarbeiterkind" Giovanni Gaspare Bagnato gebaut.

Die Grafen von Werdenberg erbauten zwischen 1222 und 1245 als Mittelpunkt der gräflich-werdenbergisch-heiligenbergischen Herrschaft bzw. der Herrschaft Bludenz eine Burganlage. Damit war auch Bludenz neben Bregenz und Feldkirch im Mittelalter eine befestigte Stadt in Vorarlberg.

Barockschloss. Das Barockschloss auf dem Felsen oberhalb der Stadt und auch dessen Vorläufer, die alte Burg, wurden vor dem 19. Jahrhundert nie „Gayenhofen“ genannt. In den alten Schriftstücken ist immer nur vom „Schloss Bludenz“ die Rede. Es lässt sich mittlerweile dank der Forschungen von Manfred Tschaikner auch nachvollziehen, wie man gerade auf diese Bezeichnung gekommen ist: nämlich durch eine bewusste oder unbewusste Verwechslung. Die erhaltenen archivalischen Quellen zeigen, dass hinter der Bezeichnung „Gayenhofen“ ein ähnliches historisches Missverständnis steckt wie hinter dem Namen der Bürser Burg „Rosenegg“, den es in dieser Form ebenfalls nie gegeben hat.
"Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Vorarlberg einige Jahre lang zum Königreich Bayern gehörte, verursachte die Frage nach der künftigen Nutzung des Schlosses Bludenz einen schweren Konflikt. Die Freiherren von Sternbach als Besitzer des repräsentativen Gebäudes hoch über der Stadt versuchten damals mit allen Mitteln zu verhindern, dass das neu geschaffene Landgericht Sonnenberg dort seinen Amtsitz einrichtete beziehungsweise auf Dauer behielt. Um ihre privaten Rechte zu untermauern, betrieben sie auch eine Umbenennung der seit jeher nach Bludenz benannten Baulichkeit in ein „Schloss Gayenhofen“, was eine stärkere Distanz zur gleichnamigen Stadt und Herrschaft signalisierte." (Manfred Tschaikner Wie der Name „Gayenhofen“ nach Bludenz kam – Neue Burgennamen in Blasius Huebers Vorarlberg-Karte von 1783)
Schloss Gayenhofen. Das Schloss Gayenhofen im baulichen Ensemble mit der Laurentiuskirche wurde in den Jahren 1745 bis 1752 von Giovanni Gaspare Bagnato unter Einbeziehung des mittelalterlichen Baukörpers gebaut. Freiherr Franz Andreas Baron von Sternbach (1675–1755) gab dem neu erbauten Schloss den Namen Gayenhofen und schuf damit das Schloss am Standort der mittelalterlichen Burg von Bludenz. Johann Caspar Bagnato schloss diese Arbeit offenbar unmittelbar an seine Bauleitung beim Schloss Mainau an, welche er 1739 begonnen und nach siebenjähriger Bauzeit vollendet hatte.

Die Bezirkshauptmannschaft Bludenz war seit der Einrichtung der politischen Verwaltungsbehörden im Jahr 1868 im Schloss Gayenhofen untergebracht. Von 1929 bis Herbst 1963 stand ihr jedoch ein anderes Gebäude zur Verfügung. 1956 als viele Ungarnflüchtlinge ins Land strömten, diente es als Unterkunft für die Asylsuchenden. Im Jahr 1959 hat dann die Stadt Bludenz das seit 1937 in ihrem Eigentum stehende Schloss dem Land Vorarlberg mit der Bedingung zur Verwendung als Amtsgebäude für die Bezirkshauptmannschaft kostenlos übereignet.

In der Folge wurde das denkmalgeschützte Gebäude in rund dreijähriger Bauzeit umgebaut. Der Denkmalschutz hinderte das Land Vorarlberg allerdings nicht den Nordtrakt des alten Schlosses, welches bis dahin einen geschlossenen "Vierkant" mit Innenhof bildete, abzubrechen. Am 26. Oktober 1963 wurde schließlich das heutige Amtsgebäude der Bezirkshauptmannschaft Bludenz offiziell seiner Bestimmung übergeben.

Giovanni Gaspare Bagnato. Der Barockbaumeister Giovanni Gaspare Bagnato (Johann Caspar Bagnato,*13.9.1696 †15.6.1757) zählt zu den bedeutendsten Architekten jener Zeit also zwischen Elsass und Lech. Er war als Baumeister des Deutschritterordens tätig und barockisierte zahkreiche kirchliche und weltliche Gebäude. Zu Bagnatos Hauptwerken gehören das Schloss und die Schlosskirche auf der Insel Mainau, die Umgestaltung der Lindauer Marienkirche sowie die Deutschordenskommenden im schweizerischen Hitzkirche und im elsässischen Rixheim. Als Baumeister eng mit dem Dt. Ritterorden und dem Adel verbunden, vertrat er einen sich von den Vorarlberger Meistern deutlich unterscheidenden, österreichisch-böhmisch geprägten höfischen Stils.

Geboren wurde er in Landau (Pfalz) als Sohn eines italienischen Gast-Bauwerkers. Bagnatos Mutter, Anna Maria Stickelmeyer, war eine Einheimische. Das Bürgerrecht erwarb er sich 1729 durch Heirat mit der Ravensburgerin Maria Anna Walser, die einem angesehenen Bürgergeschlecht entstammte. Am 15. Juni 1757, gerade 60, verstarb er auf einer Reise zur Insel Mainau, wo er die Schlosskirche Maria baute.

So erfolgreich seine umfangreiche Arbeit war, so wenig schien ihm sonst das Glück hold gewesen zu sein. Der älteste, als Nachfolger vorgesehene Sohn, sei kriminell geworden, seine Frau untreu. Schließlich war er ja bei den damals zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel auch weitläufig und wohl dauernd unterwegs, worunter wohl Erziehung und Familie gelitten haben mussten. Zudem litt er an Gicht, was das lange Reisen umständlicher und unbequemer machte.

Mag. Dr. Manfred Tschaikner. Manfred Tschaikner wurde 1957 in Bludenz geboren und wuchs in Feldkirch und Dornbirn auf. Er maturierte 1975 am Bundesgymnasium Dornbirn und begann nach dem einjährig-freiwilligen Präsenzdienst 1976 an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte zu studieren. Nach der Sponsion und Lehramtsprüfung 1982 unterrichtete er in Innsbruck und von 1983 bis 2002 als begeisterter Pädagoge am Bundesgymnasium Bludenz. Er zählte zu jenen Mittelschullehrern, die sich neben dem Lehramt auch um die Forschung bemühten. Aufgrund einer Dissertation über die Hexenverfolgung in Vorarlberg wurde der Historiker 1992 von der Universität Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Inzwischen hat Tschaikner mehrere Bücher und wohl über 200 wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. 2002 wechselte er ins Vorarlberger Landesarchiv nach Bregenz, wo er sehr engagiert und erfolgreich die Abteilung "Historisches Archiv" leitet. 2008 wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Wien erteilt. Sein Forschungsschwerpunkt bildet neben der allgemeinen Regionalgeschichte das frühneuzeitliche Hexenwesen Westösterreichs, Liechtensteins und der Ostschweiz, wo er international als Kapazität geachtet wird.



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[ #Walgau ] Die wichtigsten Talschaften Vorarlbergs im Sachunterricht: Der Walgau

 

Wikimedia: Blick von der Feldkircherhütte (Frastanz) in den Walgau.
Asurnipal - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Der Walgau reicht von der Talenge von Lorüns bis zur oberen Illschlucht (Felsenau) bei Feldkirch.  

Welschgau. Walgau bedeutet soviel wie "Welschgau", da "welschsprechende" Rätoromanen, das Tal bewohnten. Der Walgau ist ~20 km lang, die breiteste Talsohle ist ca. 4,5 km. Die Ill fließt durch den Walgau und nimmt Seitenbäche aus den Seitentälern auf. Bludenz ist die wichtigste Siedlung des Tales.
Service. Dies ist nur der Hinweis auf einen Beitrag eines hier verlinkten Weblogs, einer Website oder eines Downloads. Mehr erfährt man, wenn man den untenstehenden Links folgt! Nütze auch den Link „[Google Search] ⇒ “. Er liefert allenfalls einen aktuelleren Link im Falle einer Verwaisung und/oder auch zusätzliche oder aktuellere Infos!

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Donnerstag, 10. November 2022

[ #Dornbirn ] Kein Intelligenzwahlrecht für Lehrerinnen


Steuerpflichtige Frauen waren in den österreichischen Ländern bereits vor 1918 aktiv wahlberechtigt, denn wer ein Mindestmaß an direkten Steuern zahlte, war in Vorarlberg zum Gemeindeausschuss und zum Landtag aktiv wahlberechtigt; selbst Minderjährige (bis 1909) und ebenso juristische Personen.

Umstritten bliebe hingegen die Anwendung des Intelligenzwahlrechtes: 1849/50 unterschieden viele Gemeinden im Zuge der Gemeindeautonomie in ihren Wahlordnungen nicht nach dem Geschlecht. Steuerzahlerinnen waren auf der Basis von Haus- oder Grundbesitz bzw. Gewerbe oder Erwerb wahlberechtigt. Ohne Steuerauflagen dürften u.a. Staatsbeamte, Akademiker und Lehrer wählen. Die Frage, ob Frauen in diesem sogenannten “Intelligenzwahlrecht” eingeschlossen waren, wurde in späteren Jahrzehnten zu einem Streitpunkt. Mehrere Fälle in Mähren gingen sogar bis zum Reichsgericht, wurden dort zuungunsten der Frauen entschieden.

Die Dornbirner Lehrerin Katharina Huber aus der Volksschule Oberdorf wollte dieses 1897 für sich beanspruchen. Wobei Frauenwahlrecht nicht ganz korrekt in diesem Zusammenhang ist: Sie waren zwar wahlberechtigt, ebenso steuerzahlende Kinder, aber wie für diese gab die Stimme der Ehemann ab. Die Frauen hatten keinen Zutritt ins Wahllokal. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts entschieden ab 1919 die Frauen die Wahlen. Nun hatten sie auch das passive Wahlrecht. Allerdings zogen die ersten Frauen in den Vorarlberger Landtag erst 40 Jahre später, im Jahre 1959 ein.


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[ #Vorarlberg ] Rote Liste der Heuschrecken in Vorarlberg


Rote Listen dienen der allgemeinen Feststellung der Artengefährdung, der Information der Öffentlichkeit; sowie nicht zuletzt dem Naturschutz. 

Heuschrecken haben sich dabei als besonders aussagekräftige Indikatorgruppe in naturschutzfachlichen Fragen erweisen. Während der Osten Österreichs als recht gut untersucht gelten kann, lagen aus Vorarlberg bisher nur spärliche Daten vor.

Mit der vorliegenden Arbeit wird zum ersten Mal eine Rote Liste gefährdeter Heuschrecken für das Bundesland Vorarlberg präsentiert. Um eine solide Datenbasis zu erhalten, wurden ab dem Jahr 2005 umfangreiche Kartierungsarbeiten durchgeführt.

Von den 4001 ausgewerteten Datensätzen stammen 97,4% aus dem Zeitraum von 1990 bis 2011: 
  • Im Rahmen der Untersuchungen konnten mit der Wanstschrecke (Polysarcus denticauda), der Gemeinen Dornschrecke (Tetrix undulata) und der Gefleckten Keulenschrecke (Myrmeleotettix maculatus) drei Arten erstmals in Vorarlberg
  • nachgewiesen werden. 
  • Die verschollenen Arten Nordische Gebirgsschrecke (Bohemanella frigida), Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) und Buntbäuchiger Grashüpfer (Omocestus rufipes) wurden wiedergefunden. 
  • Insgesamt umfasst die Heuschreckenfauna Vorarlbergs 54 Arten, von denen mit der Hausgrille (Acheta domesticus) und der Ägyptischen Heuschrecke (Anacridium aegyptium) zwei als nicht bodenständige Neozoen zu betrachten sind und in der Roten Liste daher nicht eingestuft wurden. 
  • Beachtliche 34 Arten (63%) gelten in unterschiedlichem Ausmaß als bedroht. Fünf Arten (9%) sind ausgestorben bzw. verschollen, neun Arten (17%) sind vom Aussterben bedroht, sechs Arten (11%) sind stark gefährdet,sieben Arten (13%) sind gefährdet und weitere sechs Arten (11%) weisen eine drohende Gefährdung auf. Bei einer Art ist die Datengrundlage defizitär. 
  • Mit 18 Arten (33%) weist lediglich ein Drittel der Vorarlberger Heuschreckenfauna derzeit keine Gefährdung auf. Für die Westliche Beißschrecke (Platycleis albopunctata albopunctata) und die Alpenschrecke (Anonconotus alpinus) trägt das Bundesland Vorarlberg eine besondere Verantwortung. 

Gefährdung. Hauptgefährdungsursache für die heimische Heuschreckenfauna ist die Veränderung bzw. der Verlust geeigneter Lebensräume. Dies geschieht vor allem durch Intensivierungen in der Landwirtschaft, Nutzungsaufgabe von Grenzertragsflächen und Verbauungsmaßnahmen. Zu den am stärksten gefährdeten Heuschrecken zählen die Bewohner von Wildflusslandschaften, trockenen Magerstandorten und Feuchtgebieten. Maßnahmen zum Schutz der Heuschrecken in den verschiedenen Lebensraumtypen werden empfohlen. Für besonders gefährdete Arten werden Artenhilfsprogramme vorgeschlagen.

Die Autoren:

  • Mag. Alois Ortner, geboren 1967 in Schwaz in Tirol, Studium der Biologie (Studienzweig Zoologie) an der Universität Innsbruck. Seit 1999 freiberuflicher Biologe. Ab 2007 für das Land Tirol und den Österreichischen Naturschutzbund als Schutzgebietsbetreuer tätig. Wissenschaftlicher Schwerpunkt: Entomologie – mit vornehmlich faunistisch–ökologischen Arbeiten über Schmetterlinge und Heuschrecken.
  • Mag. Kurt Lechner, geboren 1966 in Schwaz in Tirol, Studium der Biologie (Studienzweig Zoologie) an der Universität Innsbruck. Seit 1999 freiberuflicher Biologe. Kernpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit sind Faunistik und Ökologie heimischer Schmetterlinge und Heuschrecken wie auch die Faunistik thailändischer Tag- und Nachtfalter. Schutzgebietsbetreuer im Auftrag des Landes Tirol und des Naturschutzbundes seit 2010.

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Abstract  7
Zusammenfassung 7
1. Einleitung 8
2. Dank 10
3. Ausgangssituation und Methodik    11
3.1. Naturräumliche Eckdaten   11
3.2. Datengrundlagen   12
3.3. Heuschreckenforschung in Vorarlberg  14
3.4. Einstufungsmethodik   16
3.5. Gefährdungskategorien   19
4. Ergebnisse    20
4.1. Aktueller Artenbestand   20
4.2. Exkludierte Arten, zweifelhafte Nachweise 21
4.3. Gesamtartenliste der Heuschrecken Vorarlbergs  23
4.4. Gefährdung der Heuschrecken Vorarlbergs 25
4.5. Artenbeschreibung    28
4.6. Heuschreckenlebensräume in Vorarlberg  103
4.7. Die Heuschreckenfauna exemplarisch
ausgewählter Standorte    107
5. Aspekte zum Heuschreckenschutz in Vorarlberg  120
5.1. Gefährdungsursachen   120
5.2. Maßnahmen zum Schutz der Lebensräume  123
5.3. Heuschreckenarten mit dringendem Handlungsbedarf126
6. Literatur    128
Anschrift der Autoren 134
Index der beschriebenen Arten – deutsch   135
Index der beschriebenen Arten – wissenschaftlich 136


Sonntag, 6. November 2022

[ #Vorarlberg ] Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert


Auch wenn die Umstände unvergleichbar sein müssen, Assoziationen zur augenblicklichen gesellschaftlichen Situation drängen sich dennoch auf. 


Die Alltagsbewältigung unter erschwerten wirtschaftlichen Umständen nützte eben ein großer Teil, wohl der bedrängtere Teil der Bevölkerung Vorarlbergs zu den Zeiten der Hexenverfolgung, die vermeintlichen Verursacher ihres Elends im Zuge von Hexenprozessen zu eliminieren. Da die Behörden jedoch an rechtliche Normen und Vorgaben der (Innsbrucker) Regierung gebunden waren, gingen diese in den Augen der Bevölkerung vielfach zu wenig konsequent gegen die als Hexen Verdächtigten vor, wodurch neue soziale Konflikte entstanden.

Elsa Guotschelckhin. Die erste bekannte Person, die in Vorarlberg als Hexe gefangen genommen wurde, war die Mutter des späteren kaiserlichen Hofhistoriografen Dr. Jakob Mennel aus Bregenz (1498/99); die Erste, gegen die nachweislich prozessiert wurde, hieß Elsa Guotschelckhin und stammte aus Latz bei Nenzing (1528). Um die Mitte des 16. Jahrhunderts kam es in den Herrschaften Bregenz und Feldkirch zu einer Hexenverfolgungswelle, von welcher der Bregenzerwald besonders stark betroffen war.

In den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg standen in den 130 Jahren zwischen 1528 und 1657 insgesamt mindestens 165 Personen als Hexen oder Hexer vor Gericht. In Anbetracht des Aktenverlustes wird es nicht zu hoch gegriffen sein, wenn man diese Zahl auf etwas über dreihundert verdoppelt. Mindestens 95 Personen wurden im erwähnten Zeitraum nachweislich als Hexen oder Hexer getötet. Tatsächlich muß man hier wohl mit etwa zweihundert Todesopfern rechnen.

Frühneuzeitliche Erklärungswelten. Die meisten frühneuzeitlichen Menschen glaubten, dass alles, was sie betraf, Ausdruck einer Absicht war. Sie lebten damit in einer ständig bedrohten Welt, zu deren Bewältigung angesichts der Entwicklungen des 16. und 17. Jahrhunderts die traditionellen Erklärungsmuster nicht mehr hinreichten. Bevor sie zu einer umfassenderen sachorientierten Wahrnehmungsweise gelangen konnten, ermöglichte es ihnen das theologisch-rechtliche Vorstellungsangebot vom übermächtigen Feind der christlichen Welt und der Verschwörung der Hexen weiterhin, Nöte und Konflikte aus einem unverständlichen in einen klaren Zusammenhang zu heben, somit leichter zu ertragen und vermeintlich auch zu beseitigen. Das wirkte sich jedoch besonders im engeren nachbarschaftlichen Verband, der ohnehin immer einen guten Nährboden für Antagonismen und Aggressionen bildete, letztlich verheerend aus.

Soziale Konflikte, Bei einer quellenorientierten Untersuchung versagen viele gängige Erklärungen des Hexenwesens. Es zeigt sich, dass die Hexenverfolgungen in den Herrschaften vor dem Arlberg in erster Linie als Ausdruck sozialer Konflikte verstanden werden müssen. Auch der christliche Kontext muss dabei hinterfragt werden: Zwar nutzten die Verfahren das theologisch-rechtliche Angebot, ermöglichte dieses doch kraft dem religiösen Vorstellungsangebot vom übermächtigen Feind der christlichen Welt von der Verschwörung der Hexen auszugehen. In den Geständnissen der Angeklagten standen jedoch die vermeintlich zauberischen Schädigungen im Vordergrund. Von der Satansverehrung der theologischen Hexenvorstellung sind nur Ansätze dokumentiert. Statt dessen lassen sich sowohl in den Prozessunterlagen als auch im volksmagischen Umfeld der Hexenverfolgungen auch Denkmuster feststellen, die an nichtchristliche Verbindungen zur Totenwelt und Fruchtbarkeitsvorstellungen erinnern.

Johann-August-Malin-Gesellschaft. Diese Vorarlberger historische Gesellschaft macht auf ihrer Website Texte zugänglich, die ihr für die geschichtswissenschaftliche Diskussion in Vorarlberg wesentlich erscheinen und in Zusammenhang mit ihrem selbstgewählten Arbeitsbereich stehen. Darunter ist auch dieser Beitrag von Manfred Tschaikner online bzw. als kostenfreies PDF zum Herunterladen.

Verlagsinformation. Manfred Tschaikner: "Damit das Böse ausgerottet werde". Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert - Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, Band 11. 1992, 312 Seiten, kt., 20 Abb., ISBN 3-900754-12-8, öS 317,- / € 23,04

Mag. Dr. Manfred Tschaikner. Manfred Tschaikner wurde 1957 in Bludenz geboren und wuchs in Feldkirch und Dornbirn auf. Er maturierte 1975 am Bundesgymnasium Dornbirn und begann nach dem einjährig-freiwilligen Präsenzdienst 1976 an der Universität Innsbruck Germanistik und Geschichte zu studieren. Nach der Sponsion und Lehramtsprüfung 1982 unterrichtete er in Innsbruck und von 1983 bis 2002 als begeisterter Pädagoge am Bundesgymnasium Bludenz. Er zählte zu jenen Mittelschullehrern, die sich neben dem Lehramt auch um die Forschung bemühten. Aufgrund einer Dissertation über die Hexenverfolgung in Vorarlberg wurde der Historiker 1992 von der Universität Innsbruck zum Doktor der Philosophie promoviert. Inzwischen hat Tschaikner mehrere Bücher und wohl über 200 wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht. 2002 wechselte er ins Vorarlberger Landesarchiv nach Bregenz, wo er sehr engagiert und erfolgreich die Abteilung "Historisches Archiv" leitet. 2008 wurde ihm die Lehrbefugnis für das Fach Österreichische Geschichte an der Universität Wien erteilt. Sein Forschungsschwerpunkt bildet neben der allgemeinen Regionalgeschichte das frühneuzeitliche Hexenwesen Westösterreichs, Liechtensteins und der Ostschweiz, wo er international als Kapazität geachtet wird.


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Vorwort 9

1. Voraussetzungen 11
1.1. Vorüberlegungen 11
1.2. Literaturübersicht zum Hexenwesen in den österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg 16
1.3. Grundlagen und Entwicklung des Hexenwesens bis zum Beginn der Verfolgungen in Vorarberg 23
1.3.1. Kirche und Zauberei bis um 1200 23
1.3.2. Einführung der lnquisition und Verketzerung der Zauberei 25
1.3.3. Der theologische Hexenbegriff 29
1.3.4. Verbreitung des Hexenwesens im süddeutschen Raum 31
1.4. Allgemeine wirtschafts-, sozial- und kulturgeschichtliche Hintergründe der Hexenverfolgungen 34
1.5. Verwaltungsstrukturen der österreichischen Herrschaften vor dem Arlberg in der frühen Neuzeit 40

2. Der Verlauf der Verfolgungen 45
2.1. Die frühesten Vorarlberger Hexenverfolgungen 45
2.2. Die Hexenverfolgungen um die Mitte des 16. Jahrhunderts 49
2.3. Die Hexenverfolgungen zwischen 1570 und 1590 57
2.4. Die Hexenverfolgungen um 1600 64
2.5. Die Bregenzer Hexenprozesse von 1609 79
2.6. Die Bregenzer Hexenprozesse von 1615 91
2.7. Die Hexenverfolgungen zwischen 1616 und 1640 103
2.8. Die Hexenverfolgungen nach 1640 114
2.9. Das Ende der gerichtlichen Hexenverfolgungen 128
2.10. Die Injurienprozesse des 17. Jahrhunderts 134

3. Recht und Gerichtsverfahren 139
3.1. Zum rechtlichen Hintergrund der Hexereiverfahren 139
3.2. Das Gerichtsverfahren 150
3.3. Die Gefängnisse 160
3.4. Die Hinrichtung 161
3.5. Prozesskosten und Konfiskation 164

4. Die Geständnisse 170
4.1. Die ältesten Urgichten 171
4.2. Bludenzer Urgichten 173
4.3. Bregenzer Urgichten 176
4 .3.1. Zeitpunkt des Teufelsbundes 176
4.3.2. Erste Begegnung mit dem Teufel 177
4.3.3. Aussehen des Teufels 179
4.3.4. Teufelsbund und Teufelsbuhlschaft 180
4.3.5. Teufelsnamen 183
4.3.6. Hexenflug 186
4.3.7. Hexensabbat 186
4.3.8. Hexentanzplätze 188
4.3.9. Schadenzauber 190
4.3.10. Verwandlungen und Teufelsmäler 191
4.3.11 lm Gefängnis 192
4.4. Volkskundliches 193
4.5. Kirchengeschichtliches 196

5. Die Opfer der Hexenprozesse 197
5.1. Liste der gerichtlich Verfolgten 197
5.2. Quantitative Auswertung 208
5.2.1. Zeit zwischen 1525 und 1555 208
5.2.2. Zeit zwischen 1570 und 1605 209
5.2.3. Zeit zwischen 1609 und 1616 210
5.2.4. Zeit zwischen 1619 und 1660 211
5.2.5. Zusammenfassung 212
5.3. Anteil der Hinrichtungen und Freisprüche 213
5.4. Anteil der Geschlechter 214
5.5. Alter der Verfolgten 215
5.6. Kinderhexenprozesse 216
5.7. Soziale Stellung der Opfer 217
5.8. Regionale Verteilung der Hexenprozesse 218
5.9. Zahl und Größe der Hexenprozesse 221

6. Vergleich mit den Hexenverfolgungen in den Nachbarländern 223
6.1. Schwaben 223
6.2. St. Gallen und Appenzell 225
6.3. Prättigau 227
6.4. Hohenems und Vaduz/Schellenberg 229
6.5. Tirol 230
6.6. Verbindungen mit den Nachbargebieten 231

7. Zur Rolle der Kirche bei den Vorarlberger Hexenverfolgungen 233

8. Zur Rolle der Frau bei den Vorarlberger Hexenverfolgungen 239

9. Schlußbemerkungen 245

10. Anmerkungen 249

11. Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Bildquellennachweis 279
11.1. Abkürzungsverzeichnis 279
11.2. Ungedruckte Quellen 280
11.3. Bildquellennachweis 281
11.4. Gedruckte Quellen und Darstellungen 281
12. Register 301
12.1. Personenregister 301
12.2. Ortsregister 308

[ #Braz ] Der weltberühmte Exorzist aus Vorarlberg: Johann Joseph Gaßner


Johann Joseph Gaßner (auch: Gassner; * 20. August 1727 in Braz bei Bludenz in Vorarlberg; † 4. April 1779 in Bendorf, Rheinland-Pfalz) war ein katholischer Pfarrer, der am 20. August 1727 in Braz zur Welt kam.


 Gaßner studierte in Innsbruck und Prag und wurde 1750 in Chur zum Priester geweiht. In Dalaas war er ab 1751 Frühmeßner und 1758 Pfarrer in Klösterle. Bis er zum Exorzisten wurde, sollte noch einige Zeit vergehen. Man mag ihn und seine Techniken heute belächeln, trotzdem gehört er zu den bedeutendsten Vorarlbergern. sogar den Papst in Rom beschäftigte er und er gehört zu den Vorläufern der hypnotischen Behandlungen in der Psychotherapie.

Selbstversuch. Ein Selbstversuch brachte ihn darauf. Heute werden die Auseinandersetzungen mit und um Gaßner zur Frühgeschichte der Hypnose und Psychotherapie gezählt. Johann Joseph Gaßner erkrankte um 1760 heftig an Kopfschmerzen mit Übelkeit und Schwindelgefühlen. Diese Symptome traten hauptsächlich während seiner priesterlichen Obliegenheiten auf. Er trieb sich selbst den Teufel aus, befahl dem Teufel ihm wieder Kopfschmerzen zuzufügen, bekam sie und trieb sie wieder aus.

In der Folge dehnte er diese "Techniken" gegen seine Migräneanfälle auch auf seine Pfarrkinder aus und begab sich auf Wanderschaft. In einem von ihm verfassten Lehrbuch beschreibt er verschiedene Formen der Besessenheit und deren Heilung durch hypnotische Techniken (die er freilich als eine besondere Form des Exorzismus beschrieb). So versuchte er zunächst durch Provokation den Beweis der Besessenheit zu führen. War dieser erbracht, so ließ er zunächst Krämpfe in verschiedene Glieder fahren und die Teufel im Menschen dort verschiedene Gefühle und Verhaltensweisen ausüben. Anschließend befahl er durch die somit erhaltene Macht über diese Teufel, deren verschwinden. Die von Gaßner geschilderten Symptome der Besessenheit würden heute wohl eher dem Formenkreis der Dissoziativen Störung zugeschrieben werden.

Bayern. 1774 ließ er sich in Meersburg nieder, bis ihn der Fürstprobst zu Ellwangen und Bischof von Regensburg einlud, in Ellwangen im Allgäu seine Exorzitien fortzusetzen. Bald kamen bis zu 1500 Kranke und Schaulustige täglich, bis April 1775 sollen es über 20.000 gewesen sein. So entstand allerdings auch ein Treiben, welches den meisten aufgeklärten kirchlichen und vor allem auch den weltlichen Würdenträger bald zu bunt wurde.

Komödienstadel. Aus einem Bericht (zit. Rheticusgesellschaft, Drei Wunderheiler aus dem Vorarlberger Oberland, 1986) geht folgende Darstellung hervor: "Die seltsamen Gebärden, Zuckungen, Stellungen usw., welche die Patienten machten, die Blähungen, die nicht ohne Geräusch abgingen, die Liedlein, die sie sangen oder trallerten, gefielen dem Wunderthäter und dem Haufen der Zuschauer so herzlich, erschütterten oft so angenehm ihr Zwerchfell, dass er sie mehrmals wiederholen, vermehren, abändern und noch lächerlicher werden ließ (...) Die Kapelle, wo sie meistens vorgenommen wurden, wurde oft so sehr vom lauten, schallenden Gelächter erfüllt, daß man sie eher für ein Komödienhaus oder für die Bude eines Zahnbrechers hätte halten sollen, wo einem die lustigst Farce vorgestellt würde".

Schwabenstreiche. Solche lächerlichen Zurschaustellungen waren für viele kirchliche Würdenträger alles andere denn ein gesittetes Exorzieren und manche Aufklärer des schwäbisch - bayerischen Raumes schämten sich ganz einfach für ihre Landsleute zu Tode. Der Herausgeber der Deutschen Chronik (1774) schreibt in voller Verzweiflung: "Der Pfarrer zu Klösterle Gaßner fährt fort, den dummen Schwabenpöbel zu blenden. (...) Und da giebts noch tausend Menschen um mich her, die diesen Narrheiten glauben. Heiliger Sokrates, erbarme dich meiner! Wann hören wir doch einmal auf, Schwabenstreiche zu machen"

Unbefugte Unternehmungen. Im Auftrag des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph und der neugegründeten Bayerischen Akademie der Wissenschaften wurde gar der Magnetiseur Franz Anton Mesmer (er stammte eigentlich aus Konstanz) von Paris nach München gerufen, um in der Causa Gaßner zu urteilen. Dies geschah 1775, vermutlich nach einer Bodenseereise. Diese gutachterliche Tätigkeit Mesmers war anscheinend ausschlaggebend, dass dem Pater Gaßner schließlich weitere öffentliche Auftritte verboten wurden. Dabei war Messmers Wunderheil-Methode nicht weniger umstritten, der Magnetismus passte aber besser als Gaßners modernisierter Hexenwahn in das aufgeklärt-naturwissenschaftliche Zeitalter. Wenn Messner auch in Paris eine Modeerscheinung war, eine von Ludwig den XVI. eingesetzte Untersuchungskommission lies Mesmers Versuch, den animalischen Magnetismus wissenschaftlich anzuerkennen scheitern. Aber sowohl Mesmers "Magnetismus" als auch Gaßners "Exorzismus" werden heute als hypnotische Phänomene begriffen – und waren die Grundlagen für ein schnelles Aufblühen der Hypnose in der Medizin.

Man sollte nicht vergessen, es war die Zeit der Aufklärung und selbst der Salzburger Erzbischof Colloredos wandte sich 1776 eigens in einem Hirtenbrief gegen die "Unternehmungen" des Johann Joseph Gaßner: "Gegen die unbefugten Unternehmungen gewisser Exorcisten." Als Joseph II. ein generelles Verbot des Exorzismus für das gesamte Heilige Römische Reich Deutscher Nation erließ, wurde Gaßner in das kleine Pondorf an der Donau "verbannt", wo er 1778 starb. Heute werden die Auseinandersetzungen mit und um Gaßner zur Frühgeschichte der Hypnose und Psychotherapie gezählt.

Besessenheit. Nach Johann Joseph Gaßner (Nützlicher Unterricht wider den Teufel zu streiten. Kempten, 1774; S. 20.) : "Gleichwie der Satan alle Menschen an der Seele pflegt anzufechten, also kan er auch alle Menschen ohn Unterschied des Geschlechts oder Stands anfechten am Leib, durch Nachahmung der natürlichen Krankheiten. Daher kommt es, daß so viele Menschen unheylbare Krankheiten haben, obwohl sie alle mögliche natürliche Hülfsmittel von denen Arzneyverständigen gebraucht, weil nemlich sehr oft die Krankheit entweder nicht natürlich, oder weil bey dem Natürlichen etwas Unnatürliches sich vereiniget findet. Dessentwegen will ich aber nicht verstanden werden, als wann es keine natürlichen Krankheiten geben sollte, sondern nur andeuten, daß sehr oft Unnatürliche vom bösen Geist gemacht werden, durch eine pure lauter Versuchung, welche man natürlich zu seyn vermeinet, und zwar auf dreyerley Weise, erstlich Physice , oder durch würkliche Schmerzen, auf eine dem Teufel bekannte Weise, applicando activa passivis . Zweytens imaginative durch eingebildeten Schmerzen, da der böse Feind in der Phantasie oder Einbildungskraft, als wie bei einem traumenden Schmerzen vorstellen kann, als wenn sie würklich wären, da sie in der That keine sind. Drittens per naturam, oder daß er natürliche Feuchtigkeiten, Flüß, Geblüt und andere Sachen also weißt, Vermög seines beybehaltenen Verstands, von einem Ort zum anderen zu führen, wodurch das Uebel zugleich natürlich, aber auf und von unnatürlicher Kraft ist verursacht worden."


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