Mittwoch, 25. Januar 2023

[ #Vorarlberg ] Zum Vorarlberger Funkenbrauchtum


Müllverbrennung
Der Vorarlberger Funkenbrauch wurde 2010 in die UNESCO-Liste Immaterielles Kulturerbe in Österreich (nationales Kulturgut) aufgenommen.

Der Funken ist ein Feuerbrauch, der heute noch im schwäbisch-alemannischen Raum (Vorarlberg, Liechtenstein, Schweiz, Schwarzwald, Allgäu, Oberschwaben sowie im Tiroler Oberland und Vinschgau), aber auch in Ostfrankreich und bis in die Gegend von Aachen verbreitet ist. Jedes Jahr am Funkensonntag, manchmal aus Publikumsgründen auch am Samstag davor, werden die Funken abgebrannt.

"Hexe" im Funkenfeuer am Oberfallenberg
in Dornbirn © Wikimedia
Funkensonntag. Mit Funkensonntag bezeichnet man den ersten Sonntag nach Aschermittwoch, also den ersten Fastensonntag.Der Funken ist meist ein Strohhaufen oder aufgeschichteter Holzturm, der nach Einbruch der Abenddämmerung unter den Augen der Dorfbevölkerung angezündet. Die größten Funken können eine Höhe von bis zu 30 Metern erreichen. Im Jahr 2000 schaffte die Funkenzunft Gaissau gar mit einem 40-Meter-Turm den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.

Die Praxis des Funkensonntags ist in ganz Vorarlberg verbreitet. In jeder Gemeinde findet ein eigener Funken statt, macherorts sogar mehrere Funken, die von verschiedenen Funkenzünften veranstaltet werden. Die Herleitung des Funken als heidnisches Brauchtum ist wissenschaftlich nicht haltbar und Kitsch. Er hat ganz pragmatische Ursachen: Er war ursprünglich nichts anderes als eine öffentliche Entrümpelung, vor allem die Verbrennung von Unrat im Zuge der Frühjahrsreinigung von Haus und Wiese.

Auch stehen die Funken nie auf einer Anhöhe sondern immer in Dorfnähe unter Berücksichtiung des Abstandes, den die Gefahr die vom Feuer für das Dorf ausgeht, gebietet. Noch heute werden von verschiedenen Funkenzünften die alten Christbäume für den Funken eigesammelt, wiewohl man sie aus Umweltgründen bis zum August trocknen lassen müsste. Bis zu den entsprechenden Umweltschutzvorschriften wurden in der Nachkriegszeit auch ganze Funken aus abgefahrenen Autoreifen und anderem brennbarem Abfall errichtet. 

Funken in Rungelin
am Haldenweg in Bludenz
© Wikimedia
Wandel. Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein entstand auch die Kritik, dass die Funken eine nicht notwendige Luftverschmutzung darstellen. Die vielfach verwendeten Brandbeschleuniger, unter anderem auch Benzin, wurden in Frage gestellt. Auch der Umstand, dass immer noch Hexen verbrannt werden, bringt nicht nur Feministinnen in Rage, auch wenn das Funkenfeuer historisch nichts mit den Hexenverbrennungen zu tun hat, werden doch unweigerlich Assoziationen daran geweckt.

Fastenzeit. In vielen Orten Vorarlbergs bestehen eigene Funkenzünfte mit einem Funkenmeister, häufig in Kooperation oder Personalidentität der Faschingszunft. Der brennende Funken, ein hoher Turm oder Haufen aus Abfallholz, und die mit Pulver gefüllte Hexe, die schließlich unter lautem Getöse explodiert, hat mit der vermeintlichen Winteraustreibung nichts zu tun sondern ist Faschingsende und Beginn der Fastenzeit. Der Funkensonntag ist nämlich der erste Sonntag nach dem Aschermittwoch, der Termin steht also am Beginn der Fastenzeit bzw. am Ende des Faschings.

Zu diesem Funkenfest gibt es heute häufig ein Feuerwerk, Blasmusik, "Funkenküchle" aus Hefeteig und Glühwein oder Glühmost. Nicht selten wird betont, dass man den "ursprünglichen" Sinn gegen die Vermarktung wieder herstellen müsse.

Alemannenpropaganda. Für Vorarlberg wird dem Brauch nichtsdestotrotz eine identitätsstiftende Funktion nachgesagt. Dabei geht es mehr um eine - verbunden mit der Berufung auf das heidnisch-völkische Brauchtum - traditonsreiche Anti-Wien-Propaganda, um eine Abgrenzung zur urbanen Kultur, um den Gegensatz von Stadt und Land, denn um wirkliche Vorarlberger Identität. Zu diesem regional propagierten Mininationalismus gehört auch das durch die Landesregierung geförderte Funkenabbrennen in Wien durch Vorarlberger in Wien auf der Himmelwiese.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die lokale austrofaschistische Kulturpolitik versucht, den Funken mit ständestaatlichen Ideen zu verbinden und als "heimatliche" Traditionsbildungen fortzuführen. Dies aber nur mit mäßigem Erfolg, schon wegen der allgmeinen wirtschaftlichen Lage, welche dem nutzlosen Verbrennen von Heizmaterial wohl auch entgegenstand.

Dorfgemeinschaft. Identitätstiftend war der Brauch wohl weniger für das Land als für die örtlichen Dorfgemeinschaften. Die gemeinschaftliche Organisation des Brennmaterials, das Funkenbauen war Burschenarbeit, Leistungsschau der jungen Männer, Wettbewerb mit denen der Nachbargemeinden. War das Funkenfeuer wohl auch zum Gaudium der Bevölkerung, vor allem der Burschen Anlass, so ist es heute eine Freude der Kinder geworden, an dem sie sich mit Lampions, Laternen und Fackeln beteiligen.

Dafür spricht auch, dass sich in den aus Dörfern zusammengewachsenen Städten der dorfeigene Funken in den verschiedenen Ortsteilen erhalten hat. Die Funkenbauer entwickeln nämlich einen großen Ehrgeiz hinsichtlich der Höhe, denn schließlich sollt der dorfeigene Turm höher sein als der des Nachbardorfes. Dazu gehört auch die Funkenwacht von Samstag auf Sonntag, welche ursprünglich das vorzeitige Abbrennen des Funken durch die Burschenkonkurrenz aus dem Nachbardorf zu verhindern hatte und heute zu einem eigenen Funkenerreignis gewachsen ist.

Die Bewirtung mit Schnaps, Glühwein, Glühmost und Küachle oder Schübling dient denn auch nicht selten der willkommenen Auffüllung der Vereinskassen von Fasnachts- und Funkenzunft oder anderer Ortsvereine.


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[ #Vorarlberg ] Die Geschichte der Caritas in Vorarlberg


Zuerst sind Vinzenzgemeinschaften und dann Caritasverbände entstanden, und zwar aus doppeltem Grund: 
Einerseits fordern die Nöte und Probleme der Menschen sehr oft eine organisierte Hilfe. Das "Einandervon-Mensch-zu-Mensch-Lieben" reichte  in manchen Fällen nicht aus. Zudem fühlen sich Einzelne oft überfordert, wirksam zu helfen, denken wir nur z. B. an die Suchtproblematik, die Arbeitslosigkeit, die Flüchtlingsströme unserer Zeit. Deshalb sind andererseits auch gesellschaftliche Einflussnahmen und Veränderungen nötig. Soziales Handeln hat eben immer auch eine politische Dimension. 

Vinzenzgemeinschaften. Im Jahr 1833 gründete damalige der Student und spätere Sorbonne-Professor Frédéric Ozanam, der 1997 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde, mit anderen Studenten im Pariser Vorort Bailly die erste Vinzenzgemeinschaft, die er unter das Schutzpatronat des heiligen Vinzenz von Paul stellte. Anlass waren die schlechten sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft im damaligen Paris. Ozanam wies mit Entschiedenheit auf die Verantwortung der Christen für die Armen und Schwachen dieser Welt hin.

Seine Forderung nach Solidarität und das Bestreben, der drückenden Not durch karitative Selbstorganisation aus den Pfarreien heraus zu begegnen, fanden im Paris dieser Zeit großen Widerhall, und schon bald bildeten sich Gruppen von Gleichgesinnten in ganz Frankreich. 1845 entstand die erste Vinzenzkonferenz in Deutschland, 1849 in Österreich. Namensgeber und Vorbild für diese Gruppen ist der heilige Vinzenz von Paul (1581–1660), der als Begründer der neuzeitlichen Caritas gilt.

Vorarlberg. In Vorarlberg setzte die Gründung caritativer Vereinigungen in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ein. Professor Dr. Michael Haidegger und der Servitenpater Magnus Verzager gründeten am 11. März 1849 in Innsbruck die erste Vinzenzkonferenz Österreichs. In den darauf folgenden Jahren bildeten sich in verschiedenen anderen Städten Tirols und in anderen Teilen Österreichs stets neue Vinzenzkonferenzen. Vorarlberg war dabei allerdings das letzte Kronland.

Reihenfolge der Gründung Vorarlberger Vinzenzkonferenzen:

19.07.1877 hl. Sebastian in Schwarzach
08.12.1881 hl. Nikolaus in Feldkirch
30.01.1885 hl. Nikolaus in Wolfurt
28.03.1885 hl. Gallus in Bregenz
01.10.1885 hl. Mauritius in Nenzing
28.07.1886 hl. Sebastian in Ludesch
27.07.1887 hl. Sulpitius in Frastanz
28.08.1887 hl. Arbogast in Götzis
10.10.1887 U.L.Fr. Maria Heimsuchung in Rankweil
30.10.1887 hl. Laurentius in Bludenz
11.11.1889 hl. Johannes d. Täufer in Höchst
26.11.1889 hl. Petrus u. Paulus in Lustenau
21.07.1890 hl. Sebastian in Hard
01.01.1895 hl. Martin in Dornbirn
01.01.1898 U.L.Fr. Maria Geburt in Tschagguns
12.07.1908 hl. Karl Borromäus in Hohenems
19.03.1909 hl. Josef in Rieden-Vorkloster
26.05.1927 hl. Sebastian in Gisingen

So bestanden bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts in Vorarlberg eine große Vielfalt an (katholisch) caritativen Zusammenschlüssen, sodass auch in Vorarlberg der Ruf nach einer Koordination und einem gebündelten Zusammenschluss immer lauter wurde. Dies sollte in der Gründung des Caritasverbandes geschehen: Ein Proponentenkomitee stellte am 22. Juli 1923 bei der Vorarlberger Landesregierung den Antrag um die behördliche Genehmigung der Statuten des Caritasverbandes für Vorarlberg mit dem Sitz in Feldkirch. In der Gründungsversammlung am 14. März 1924 im bischöflichen Palais in Feldkirch, erfolgte die Bestellung von Dr. Josef Gorbach als Caritasdirektor.


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Inhaltsverzeichnis
Vorwort 9
Einführung  11
I. Teil
Caritatives Wirken in Vorarlberg vor der Gründung des Caritasverbandes
1 Die Vinzenzkonferenzen  13
1.1 Antonie-Frederic Ozanam und die Gründung der Vinzenzkonferenzen
1.2 Die Vinzenzvereine in Vorarlberg
1.2.1 Die Entstehung der Vinzenzkonferenzen in Vorarlberg
1.2.2 Die Tätigkeit der Vorarlberger Vinzenzkonferenzen
1.2.3 Konzept der Vinzenzarbeit
2 Der Vorarlberger Kinderrettungsverein (KRV)  19
2.1 Die Entstehung des KRV
2.2 Das Wirken des KRV von 1885-1905
2.3 Das Wirken des Vereines von 1905-1939
2.4 Die Rekonstruktion des KRV und sein weiteres Wirken
2.5 Namensänderungen des KRV
3 Der Jugendfürsorgeverein für Tirol und Vorarlberg25
3.1 Die Tätigkeit des Jugendfürsorgevereins
3.1.1 Während des 1. Weltkrieges
3.1.2 Nach dem 1. Weltkrieg
4 Das Seraphische Liebeswerk 28
5 Das Verhältnis der caritativen Vereine zueinander  29
5.1 Vermeidung der Konkurrenz
5.2 Koordination der Zusammenarbeit
5.3 Vorarlberger Blumentag
II.Teil
Die Geschichte des Vorarlberger Caritasverbandes
1 In Richtung Gründung des Verbandes 33
1.1 Die Caritasbewegung in Deutschland
1.2 Die Caritasbewegung in Österreich
1.3 Die österreichischen Bischöfe zur Sozialen Frage
1.4 Die Gründung des Caritasverbandes für Vorarlberg
2 Das Wirken des Verbandes in den ersten Jahren  39
2.1 Zur Person von Dr. Josef Gorbach
2.2 Das Wirken nach dem Tätigkeitsbericht von 1925
2.2.1 Tätigkeit in fürsorglicher Hinsicht
2.2.2 Tätigkeit in ideeller Hinsicht
2.2.3 Tätigkeit in organisatorischer Hinsicht
2.2.4 Die Finanzlage im Jahr 1925
2.3 Die Caritaszentrale auf ständiger Wanderschaft
3 Geschehen in Verbindung mit der Caritas  44
3.1 Der Caritaspresseapostolatsverein und die
schriftstellerische Tätigkeit Dr. Gorbachs
3.2 Die Katholische Aktion
3.2.1 Das Konzept der KA
3.2.2 Die KA in Vorarlberg
4 Die 30er Jahre  47
4.1 Der Beginn der 30er Jahre
4.1.1 Der Abschied Josef Gorbachs
4.1.2 Caritasdirektor Markus Schelling
4.2 Die Situation zur Zeit des Nationalsozialismus
5 Die Caritas in der Nachkriegszeit  51
5.1 Die Wiedererrichtung und Leitung der Caritas
5.1.1 Die Caritas als bischöfliches Amt
5.1.2 Die Reaktivierung des Caritasverbandes
5.1.3 Caritasdirektor Dekan Oskar Schuchter
5.2 Tätigkeit der Caritas in der Nachkriegszeit
5.2.1 Die Ferienkinderaktion
5.2.2 Verteilung von Lebensmitteln und Sachspenden 4
5
5.2.3 Die Flüchtlingsbetreuung
5.2.4 Die Errichtung der Bahnhofsmission
5.2.5 Der Auf- und Ausbau der Pfarrcaritas
5.2.6 Die Rückstellung des Hauses am Maria Mutterweg
5.2.7Die finanzielle Situation
6 Die Vorarlberger Caritas in den 50er und 60er Jahren  58
6.1 Die Tätigkeitsbereiche
6.1.1 Die Kinderhilfe
6.1.2 Wohnbaudarlehen
6.1.3 Familienhilfe
6.1.4 Der Kauf des Hauses in der Vorstadt
6.1.5 Katastrophenhilfe
6.1.6 Die Trinkerfürsorge
6.1.7 Erholungsaktionen in Ebnit-Hackwald
6.1.8 Freiwillige Krankenhaushelferinnen
6.1.9 Die Beschützenden Werkstätten der Caritas
6.2 Die Caritasdirektoren dieses Zeitabschnittes
6.2.1 Caritasdirektor Dr. Johann Sähly
6.2.2 Caritasdirektor Msgr. Gerhard Podhradsky
6.3 Die Entwicklung der Personalsituation
7 Die Entwicklung von 1970 bis 1994 67
7.1 Die Ausweitung der Tätigkeitsbereiche
7.1.1 Die Altenhilfe und Altenpflege
7.1.2 Ehe-, Familien- und Lebensberatung
7.1.3 Allgemeine Fürsorge - SOS-Rat und Hilfe,
Caritas-Stelle für Beratung und Sachhilfe
7.1.4 Die Familienhilfe
7.1.5 Mütter in Not
7.1.6 Erholungsheim Ebnit-Hackwald
7.1.7 Die Bahnhofsmission - der Bahnhofsozialdienst
7.1.8 Der Sozialmedizinische Dienst und die Stiftung Maria Ebene
7.1.9 Die Behindertenhilfe
7.1.10 Stützlehrerinnen
7.1.11 Die Flüchtlingshilfe
7.1.12 Die Obdachlosenhilfe
7.1.13 H.I.O.B (Hilfe, Information, Orientierung, Beratung)
7.1.14 Wohngemeinschaft für aidskranke Menschen
6
7.1.15 CARLA Textil/Möbel/Handwerk/Leben
7.1.16 Das Pfarrcaritas-Referat
7.1.17 Die Auslandsarbeit
7.2 Änderung des Rechtsstatus der Caritas
7.3 Die neue Form der Leitung
7.3.1 Caritasdirektor Msgr. Gebhard Amann
7.3.2 Caritasdirektor Peter Klinger
7.3.3 Caritasseelsorger Elmar Simma
7.4 Die Struktur der Organisation
7.4.1 Das Organigramm
7.4.2 Der Caritasrat
7.4.3 Das Kuratorium der Caritas
7.5 Das Leitbild
7.6 Die Finanzierung der Tätigkeit
8 Zusammenfassung
zur geschichtlichen Entwicklung der Vorarlberger Caritas  80
8.1 Von der Koordination zur eigenen Tätigkeit
8.2 Von vorwiegend ehrenamtlicher Tätigkeit zu spezialisierter Sozialarbeit
8.3 Von geringen Mitteln zum 70-Millionen-Budget
8.4 Die Öffentlichkeitsarbeit
9 Geschichte der Caritas seit 1994, Exkurs  81
III. Teil
Theologische Reflexion:
Theologie, Theorie und Praxis der Caritas
1 Inwieweit entspricht die spezialisierte Form von Diakonie
der Diözesancaritas dem biblischen Auftrag?  95
1.1 Der Primat der Nächstenliebe im NT
1.2 Caritas in den frühchristlichen Gemeinden
1.3 Impulse aufgrund dieser Gegenüberstellung
2 Wie versteht sich christliche Sozialarbeit?  98
2.1 Die christliche Qualität der Arbeit
2.2 Die Verwirklichung und Vermittlung christlicher Grundwerte
3 Welche Verantwortung hat die Caritas gegenüber ihren Mitarbeitern
und Mitarbeiterinnen, und welche Anforderungen bestehen an die
Angestellten? 101
3.1 Verantwortung und Anspruch
4 Worauf hat die Caritas in ihrer Einbettung in das soziale Netz
und in ihrer Beziehung zu Gesamtstaat und Bundesland zu achten?  102
5 Welchen Stellenwert hat Öffentlichkeitsarbeit für die Caritas?103
6 Wünsche an die Caritas Vorarlberg  104
7 Quellen- und Literaturverzeichnis 105
7.1. Quellen
7.1.1 Statuten, Protokolle, andere Dokumente
7.1.2 Tätigkeitsberichte, Festschriften, Informationsbroschüren
7.1.3 Briefe, persönliche Aufzeichnungen, Rundschreiben, Aufrufe
7.1.4 Interviews
7.2 Zeitschriften und Zeitungen
7.3 Literatur
Fußnoten 110

Samstag, 21. Januar 2023

[ #Arlberg ] Schipionier Hannes Schneider: Der weiße Rausch


In der Geschichte des Vorarlberger Schipioniers Hannes Schneider, der in dem Dorf Stuben am Arlberg geboren ist, verdichtet sich die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts auf eine eigenartige Weise. 

Hannes Schneider (Johann Schneider * 24. Juni 1890 in Stuben am Arlberg / Klösterle; † 26. April 1955 in North Conway, New Hampshire, USA) ist jener  Vorarlberger, welcher den Schilauf  revolutionierte. Als erster leitete er dazu an, in den Kurven das Gewicht zu verlagern, um dann die Schier mit einem kräftigen Schwung in die richtige Bahn zu lenken. Für Schussfahrten ging er in die "Arlberg-Hocke". Seine spektakuläre Technik zog immer mehr Menschen an und der Pionier gründete im Winter 1921/22 die erste Schischule der Welt.

Filmstar. Die Popularität steigerte sich vor allem durch die Schifilme von Dr. Arnold Fanck, der in Schneider einen kongenialen Partner zur Umsetzung seiner Ideen fand. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war Fanck auf Hannes Schneider aufmerksam geworden. Mit ausgesuchten Kameramännern präsentierte er 1920 schließlich im Film „Wunder des Schneeschuhs" den Schilauf der damaligen Zeit im Film, wobei die Fahrweise Hannes Schneiders die Umsetzung erst ermöglichte.


Das gleichnamige Lehrbuch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es folgten weitere Filmproduktionen, die teilweise – wie etwa „Der große Sprung" – in Stuben am Arlberg , dem Geburtsort von Hannes Schneider, gedreht wurden. Die größte Breitenwirkung erzielte der 1931 produzierte Tonfilm „Der weiße Rausch", in dem Hannes Schneider neben der Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl in der Rolle "Leni" zu sehen ist. Auch wenn der Film, der in Österreich unter dem Titel "Sonne über dem Arlberg" vertrieben wurde,  eine recht dünne Handlung hat, so hat er doch für den Wintersport und den Wintertourismus eine enorme Bedeutung erreicht.

Staatssekretär Guido Schmidt mit Bundeskanzler Schuschnigg (Mitte) und Hannes Schneider (links) 1937 in St. Christoph am Arlberg

Verhaftung. Wenig bekannt ist, dass sich Hannes Schneider mit den Nationalsozialisten angelegt hatte. In den Morgenstunden des 13. März wird Hannes Schneider verhaftet und in das Gefängnis von Landeck verbracht. Dort waren neben vielen Geschäftstreibenden und Funktionären der Vaterländischen Front und anderen politischen Funktionären auch der damalige Landecker Bezirkshauptmann  inhaftiert.  Gegen Schneiders Verhaftung wehrte man sich nicht nur in St. Anton, auch aus dem Ausland wurde interveniert, nicht zuletzt von Arnold Lunn, dem britischen Skiverbandspionier, der 1927 mit Schneider das Arlberg-Kandahar-Rennen ins Leben gerufen hatte. Am 6. April wird Schneider endlich freigelassen, darf aber nicht nach St. Anton zurückkehren. Zu groß war der Widerstand und der Neid der Nazis gegen den erfolgreichen Hannes Schneider. Andere Hoteliere hofften wiederum auf die deutschen Gäste.

Zum Vorwurf wurde Schneider aber nicht nur sein geschäftlicher Erfolg gemacht, sondern seine "Judenfreundichkeit".  Er unterband in seiner Schischule von Anfang an antisemitische Umtriebe. Seine Freundschaft mit dem Juden Ing. Rudolf Gomperz, der 1904 nach St. Anton am Arlberg gekommen war, und zusammen mit ihm Unglaubliches für den Tourismus und den Schisport geleistet hatte.

Gleich nach dem Anschluß an das deutsche Reich wurde Ing. Gomperz, der nach den Nürnberger Rassengesetzen als Jude galt - wiewohl er längst zum Protestantismus konvertiert war - , aus allen Ämtern enthoben und von der Gestapo angewiesen, St. Anton zu verlassen.  Um seine beiden Söhne vor Verfolgungen zu schützen, kommen er und seine Frau, sie ist "arisch", auf eine ungeheure Idee. Die Frau erklärt den Behörden, die Söhne seien nicht von ihrem jüdischen Gatten. Tatsächlich bekommen die Söhne so einen Arier-Ausweis. Die St. Antoner Bürger ziehen sich völlig von Gomperz und seiner Frau zurück und es setzt eine Art Kesseltreiben gegen sie ein. Auch ihre finanzielle Lage wird immer schwieriger. 1942 muss Gomperz auf Veranlassung der Nationalsozialisten seinen Wohnsitz nach Wien verlegen. Er wird von dort in einem der so genannten "Judentransporte" nach Minsk deportiert. Von diesem Transport überlebt nur einer. Seine Frau hört nie mehr etwas von ihrem Mann.

Auswanderung in die USA. Abenteuerlich ist auch Schneiders Weg in die Vereinigten Staaten. Hanno Loewy (Wunder des Schneeschuhs? Hannes Schneider, Rudolf Gomperz und die Geburt des modernen Skisports am Arlberg) zeichnet diesen Weg nach: "1937 hatte der aus North Conway stammende Präsident der Manufacturers Hannover Bank Harwey Dow Gibson, das Skigebiet erworben und begonnen, es in großem Stil mit der Errichtung eines eigenwilligen Skiliftes, dem Skimobil, auszubauen. Seine Funktion als Vorsitzender des Kongress-Komitees für kurzfristige Auslandskredite an Deutschland brachte ihm zugleich die Chance, den 'Vater des modernen Skilaufs' in die USA abzuwerben. Seine Verhandlungen mit Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht blieben geheim. Aber im Januar 1939 konnte Hannes Schneider seiner Familie in St. Anton mitteilen, dass man sich in Paris treffen werde, um auf große Reise zu gehen. Am 9. Februar kommen sie mit der Queen Mary von Cherbourg in New York an. Zwei Tage später wird Hannes Schneider in North Conway triumphal empfangen."


Der Hindukusch am Arlberg. Ebenso lehrreich ist Schneiders Intiative für das Kandahar Rennen in St. Anton. Das Arlberg-Kandahar-Rennen war schon vor Winter-Olympiade und FIS-Weltmeisterschaften eine Institution im alpinen Schisport. Kandahar, die Stadt in Afghanistan spielt eine Schlüsselrolle im aktuellen politischen Geschehen am Hindukusch. Doch welche Verbindung besteht zwischen dem Traditions-Skiwettbewerb und der Stadt Kandahar, die seit 200 Jahren Unruheherd und Schauplatz erbitterter Kämpfe ist? Die Engländer waren Anfang der 1920er Jahre des vorigen Jahrhunderts, was Skireisen anbelangte, allen anderen europäischen Ländern voraus. Und da die Briten mit Bergen wenig gesegnet sind, tummelten sie sich überall in den Alpen. Auf Bitten von Sir Arnold Lunn, einem der britischen Skipioniere und unermüdlicher Kämpfer um die Anerkennung der alpinen Disziplinen Abfahrt und Slalom, stiftete der Brite und Vizepräsident der "Public School of Wintersport", Frederick Roberts, 1911 einen Pokal für ein Abfahrtsrennen. Roberts hatte 1879 als Kommandant der britischen Streitmacht im zweiten Afghanischen Krieg die britische Garnison in Kandahar befreit. In Anerkennung seines Sieges wurde er zum "Earl of Kandahar" ernannt. Das Rennen wurde somit zur "Challenge Roberts of Kandahar". Sir Arnold Lunn intervenierte bekanntlich auch gegen die Inhaftierung von Hannes Schneider erfolgreich beim Deutschen Reich.

Filmografie:
  • DAS WUNDER DES SCHNEESCHUHS.  D 1919/20, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck, Deodatus Tauern; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Schnitt: Arnold Fanck; 1822m. Darsteller: Hannes Schneider, Ernst Baader, Sepp Allgeier, Arnold Fanck, Bernhard Villinger.
  • IM KAMPF MIT DEM BERGE. D 1921, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Musik: Paul Hindemith; Schnitt: Arnold Fanck; 1536m. Darsteller: Ilse Rohde, Hannes Schneider.
  • DAS WUNDER DES SCHNEESCHUHS. 2.TEIL: EINE FUCHSJAGD AUF SKIERN DURCHS ENGADIN. D 1921/22, Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Sepp Allgeier, Arnold Fanck; Schnitt: Arnold Fanck; 2466m. Darsteller: Hannes Schneider, Ernst Baader, Hans Schneeberger, Dagfin Carlsen, Vigo Christensen u.a.
  • DER BERG DES SCHICKSALS. EIN DRAMA AUS DER NATUR. D 1923/24 Regie: Arnold Fanck; Produktion: Berg- und Sportfilm GmbH, Freiburg; in Zusammenarbeit mit Alpenfilm AG; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Arnold Fanck, Hans Schneeberger, Herbert Oettel (Außen), Eugen Hamm, Sepp Allgeier (Innen); Schnitt: Arnold Fanck; 2432m. Darsteller: Hannes Schneider, Erna Morena, Frida Richard, Luis Trenker, Gustav Oberg, Hertha von Walther.
  • DER HEILIGE BERG.  D 1925/26 Regie: Arnold Fanck; Produktion: Universum-Film AG (Ufa); Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Helmar Lerski, Hans Schneeberger (Innen), Sepp Allgeier (Außen); Musik: Edmund Meisel; Schnitt: Arnold Fanck; 3100m. Darsteller: Leni Riefenstahl, Luis Trenker, Ernst Petersen, Frida Richard, Friedrich Schneider, Hannes Schneider.
  • DER WEISSE RAUSCH  D 1930/31Regie: Arnold Fanck; Produktion: H. R. Sokal-Film GmbH; Drehbuch: Arnold Fanck; Kamera: Richard Angst, Kurt Neubert (Außen), Hans Gottschalk (Innen); Musik: Paul Dessau; Schnitt: Arnold Fanck; 2565m. Darsteller: Leni Riefenstahl, Hannes Schneider, Guzzi Lantschner, Walter Riml, Rudi Matt u.a.

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Dienstag, 17. Januar 2023

[ #Leiblach ] Der Schieber vom Bodensee: Modellstehen für Dr. Mabuse

Wikimedia: Waldemar Flaig: Porträt Norbert Jacques, 1927

Tatsächlich stammt die Figur des Dr. Mabuse vom Bodensee. Geschrieben hat ihn der luxemburgische Schriftsteller Norbert Jacques, angeblich in nur 20 Tagen im Gasthaus Bad Diezlings in Hörbranz. 

Die Figur entstand als der Schriftsteller nach dem Ersten Weltkrieg auf einer Dampferfahrt über den Bodensee war. Zu dieser Zeit war die Gegend um den Bodensee ein beliebter Umschlagplatz für den in höchster Blüte stehenden Schwarzhandel. Der Autor beobachtete einen Mitpassagier, dessen Statur und Gesicht ihn inspirierten. Im Geiste machte er dann aus dem beobachteten kleinen Schieber mit der berührenden Ausstrahlung einen genialen Großverbrecher um dessen Gestalt herum Geschichten um Geldwäsche, Mädchenhandel, Schmuggel, Diebstahl und Glücksspiel: Dr. Mabuse, der Spieler.


Norbert Jacques
, der Erinder von Dr. Mabuse, bleibt mit dem Bodensee bis ans Lebensende verbunden. Wegen seines Verhaltens während des Ersten Weltkrieges und auch des Nationalsozialismus ist sein Werk nach einer Tabuisierung heute weitgehend unbekannt. Bekannt hingegen ist die Verfilmung des Dr. Mabuse durch Fritz Lang aus dem Jahr 1921. Gemeinsam mit dem Regisseur Fritz Lang bereiste er 1931 die Türkei.

Während des Ersten Weltkrieges fungierte Norbert Jacques dank eines luxemburgischen Passes als Kriegsberichterstatter und veröffentlichte Berichte über den Krieg in Belgien, Holland, Frankreich und England, wobei ihm die Parteinahme für Deutschland in Luxemburg verübelt wurde und Verachtung, Ablehnung und Boykott zur Folge hatte. Ursprünglich meldete sich Norbert Jacques 1914 in Berlin gar als deutscher Kriegsfreiwilliger, wurde aber wegen seiner luxemburgischen Staatsangehörigkeit nicht akzeptiert. Für ihn war Luxemburg als Land zwischen zwei Völkern und zwei Sprachen geprägt von Provinzialismus, Konservatismus und Klerikalismus.

1938 wurde für seine Familie zum Schicksaljahr. Seine Frau Jacques Margerite Samuely war Jüdin aus Wien, eine ehemalige Sekretärin von Arthur Schnitzler. Mit ihr hatte er zwei Töchter: Aurikula und Adeline. Die Eheleute (Ehe seit 1912 nach der Scheidung von der Sachuspielerin Olga Hübner, mit der er seit 1902 verheiratet war) ließen sich scheiden und Margerite emigrierte Anfang 1939 in die USA. Immerhin verschaffte er seinen Töchtern über Luxemburger Freunde die luxemburgische Staatsangehörigkeit, seine jüdische Ehefrau Grete Samuely ging nach der Scheidung ebenfalls via Luxemburg ins amerikanische Exil.

Der Kreis. Vor seiner Auflösung ist er Vorsitzender der über die Grenzen tätigen Künstlervereinigung der Maler und Bildhauer am Bodensee "Der Kreis".  In einem Schreiben an den in Wien tätigen Vorarlberger Bildhauer Albert Bechtold kündigt sich, wenn man so will - seine "innere Emigration" zum nationalsozialistischen Deutschland an. In Ingrid Adamers Buch über Albert Bechtold (Ingrid Adamer: Albert Bechtold 1885-1965. Böhlau Verlag Wien, 2002 - 471 Seiten) finden wir folgenden Satz:
"Fragen Sie nicht allzu verwundert, ob denn 'Der Kreis' überhaupt noch exisitierte. Wenn er auch in den letzten beiden Jahren ein etwas zurückgezogenes Leben geführt hat, so ist sein Lebenswille deswegen noch nicht erloschen. Es liegt an den allgemeinen Verhältnissen, dass wir nicht stärker hervortreten können, mit Ausstellungen, mit Festen und kollegialen Zusammenkünften, wie früher, denn diese inzwischen entstandenen Verhältnisse legen sich würgend auf die für eine internationale Vereinigung wie den 'Kreis' so notwendige Freizügigkeit."
Norbert Jacques selbst konnte sich aber trotz verschiedener Repressalien wie einer 14-tägigen Gestapohaft und eines zeitweiligen Schreibverbots nicht zur Emigration entschließen. 1940 heiratete er  in 3. Ehe in Bregenz Maria Jäger aus der Schweiz.

Im Mai 1940 stellte er sich wiederum in den Dienst der reichsdeutschen Kulturpropaganda in Luxemburg und gab 1941 linientreue Stellungnahmen in deutschen Zeitungen zur Luxemburg-Frage ab. Für 20 Tage war er in Sigmaringen im Jahr 1945 gar Bürgermeister. Nach 1945 wurde er der Kollaboration, germanophiler Hetze, Denunziation und des Landesverrats bezichtigt. Es folgte eine viermonatige Untersuchungshaft im Staatsgefängnis und schließlich, ohne offizielle Anklageerhebung, eine Ausweisung im Juli 1946. Er verbrachte danach bis zu seinem Tode sein Leben im wesentlichen auf dem Bauernhof in Schlachters in Sigmarszell im deutschen Teil des Leiblachtales. Beerdigt ist Norbert Jacques auf dem Friedhof von Schlachter.


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[ #Vorarlberg ] Um ihre Jugend betrogen: Ukrainische Zwangsarbeiter/innen in Vorarlberg 1942-1945

[Free eBook] Im Mai 1995 empfing der damalige Landeshauptmann Dr. Martin Purtscher Sinaida Wassiljewa-Hapitsch aus der Ukraine und entschuldigte sich bei ihr stellvertretend namens der Landesregierung für das den Fremd- und Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen einst in Vorarlberg zugefügte Unrecht:
  • Denn auch in Vorarlberg wurden während der NS-Zeit tausende Arbeitskräfte aus den verschiedensten Ländern - vor allem aus Polen, Russland und der Ukraine - oft unter den schrecklichsten Bedingungen und gegen ihren Willen in den heimischen Fabriken, die zum Teil in Rüstungsbetriebe umfunktioniert waren, auf den Großbaustellen des Landes und im landwirtschaftlichen Bereich beschäftigt.
Malin-Gesellschaft. Die Johann-August-Malin-Gesellschaft widmet sich der Erforschung der Vorarlberger Zeitgeschichte, und hier besonders ihren lange vernachlässigten Themen wie Antisemitismus, Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Sie bringt sich auch in öffentliche Debatten zu diesen Fragen ein. Diese Publikation und ihre freundliche kostenfreie Online-Stellung ist ein Teil dieser auch sonst beachtenswerten Tätigkeit.

Verlagsinformation. Margarethe Ruff: "Um ihre Jugend betrogen". Ukrainische Zwangsarbeiter/innen in Vorarlberg 1942-1945 - Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, Band 13. 1996, 200 Seiten, kt., 41 Abb., ISBN 3-900754-19-5, öS 239,- / € 17,37


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Inhalt

1 Einführung 7
2 Vorbemerkungen17
3 Von der Anwerbung zur Deportation 24
3.1 Die Anwerbung 29
3.2 Transport 33
3.3 Verteilung an die Arbeitsplätze 37

4 Kennzeichnungspflicht und sonderrechtliche Bestimmungen 40
5 Lebens- und Arbeitsbedingungen der lagermäßig untergebrachten Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen 45
5.1 Arbeitskräfte in der Industrie 45
5.2 Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft 54
5.3 Arbeitslohn in der Textilindustrie und Bauwirtschaft 64
5.4 Freizeitgestaltung, Verpflegung und Bekleidung der Lagerbewohne67 

6 Lebens- und Arbeitsbedingungen der Ostarbeiterinnen im Einzeleinsatz 76
6.1 Einsatz in der Landwirtschaft 76
6.2 Einsatz in Haushalten und im Kleingewerbe 81
6.3 Arbeitslohn, Unterbringung, Verpflegung, Bekleidung und Freizeitgestaltung im Einzeleinsatz 84

7 Soziale und medizinische Versorgung 92 
8 Kontakt zur Heimat 96 
9 Polizeiliche Überwachung 97
9.1 Arbeitserziehungslager Reichenau 102
9.2 Arbeitserziehungslager Jenbach, KZ Mauthausen 105 

10 Das Verhalten der Heimischen 107 
11 Verbotene Beziehungen 114
12 Kriegsende, Rückkehr in die Heimat 117
12.1 Repatriierung120
12.2 Widerstand gegen die Rückführung122
12.3 Rückkehr in die Heimat 124

13 Schlussgedanken131 
14 Anmerkungen 138
15 Interview-, Quellen-, Literatur- und Bildverzeichnis150
16 Ortsregister 158 
17 Namenslisten der ehemaligen Zwangsarbeiter/innen 160


Montag, 16. Januar 2023

[ #Hohenems ] Rudolf von Ems - ein früher Vorarlberger Dichter


Rudolf von Ems ist vor allem der erste namentlich genannte Dichter Vorarlbergs, der erste Ich-Erzähler und der erste, der statt eines Adeligen einen Bürger zum Helden machte.

Er gilt als einer der gelehrtesten Autoren mittelhochdeutscher Sprache. Zwischen 1220 und 1254 dichtete er und war einer der fruchtbarsten Dichter seiner Zeit. Urkundlich jedoch lässt er sich leider nicht nachweisen.


Rudolf von Ems. Der hochmittelalterliche Epiker Rudolf von Ems (* um 1200, † um 1254) wurde in Hohenems geboren, wahrscheinlich aus dem Geschlecht der späteren Grafen von Hohenems. Er war ein Ministeriale im Dienst des Hugo II. von Montfort, einem vehementen Anhänger der Staufer. Im "Willehalm von Orlens" bezeichnete er sich selbst als "dinstmann zü montfort". Seine Tätigkeit als Schriftsteller lässt sich von etwa 1220 bis in die Mitte der fünfziger Jahre des 13. Jahrhunderts belegen. Er gilt als einer der gelehrtesten Autoren mittelhochdeutscher Sprache. Urkundlich jedoch lässt er sich nicht nachweisen. Kenntnis von und über ihn besitzen wir nur aus Selbstzeugnissen und Erwähnungen anderer Autoren.

Zwei Legendendichtungen, der "Guote Gerhart" und "Barlaam und Josaphat", der Ritterroman "Alexander", der Minneroman "Willehalm von Orlens" und die "Weltchronik" machen Rudolf zu einem wichtigen Vertreter der spätmittelalterlichen Dichtung. Die Weltchronik war nicht nur das erste deutschsprachige Historienbuch, sondern auch Propaganda für die Staufer. Politische Propaganda kennen wir ja auch bei Walther von der Vogelweide. Er war einer der fruchtbarsten Dichter seiner Zeit, dessen Werke jedoch nicht alle erhalten sind. Als sein Vorbild bezeichnet er selbst Gottfried von Straßburg. Er starb vermutlich als Begleiter Kaiser Konrads IV. "in welschen Landen".

Turmbau zu Babel - Weltchronik

Weltchronik. Der Ministeriale gilt auch als der erste namentlich bekannte "Vorarlberger Dichter". Besonders sein letztes Werk, die "Weltchronik" (entstanden zwischen 1250 und 1254), erfreute sich unter den Adeligen größter Beliebtheit und vermittelte ihnen das Wissen über die Geschehnisse im Alten Testament. Die Weltchronik dürfte im ausgehenden Mittelalter zu einer der beliebtesten Dichtungen geworden sein, weil sie es verstand, biblische Geschichte in der Sprache der Zeit zu erzählen. Hier wurde biblisches Heilsgeschehen von der Betrachtung der Vergangenheit in die Bewährung der Gegenwart geführt: Die Geschichte längst vergangener Jahrhunderte wurde in den illustrierten Handschriften in die Erlebnisnähe des gotischen Hochmittelalters gebracht.

Die "Weltchronik" war ein dem Kaiser Konrad IV. gewidmetes Werk, das im Anschluss an die Bibel, die "Historia scholastica" des Petrus Comestor und das "Panthéon" Gottfrieds von Viterbo die Weltgeschichte in 36338 paarweise gereimten Versen in mittelhochdeutscher Sprache von der Schöpfung bis zu Salomos Tod erzählt.

Der gute Gerhard. Rudolf von Ems verfasst im Auftrag Rudolfs von Steinach, eines bischöflich-konstanzischen Ministerialen, zwischen 1215 und 1225 sein erstes Werk "Der gute Gerhard". Von den uns überlieferten Werken ist diese Erzählung das älteste und zugleich beste, eine Verherrlichung der Demut christlichen Sinnes, wahrscheinlich nach lateinischer Quelle bearbeitet. Es ist zugleich auch der erste Roman mit einem Kaufmann als Helden und die erste Ich-Erzählung der deutschen Literatur.

In einer Binnengeschichte berichtet der Ich-Erzähler – die Figur des Kaufmanns Gerhard – dem Kaiser Otto von seinen Wohltaten, die ihm den Beinamen "der guote" eingebracht haben. Der sozial dem Kaiser weit untergeordnete Kaufmann übertrifft den Höherstehenden durch sein ethisches Handeln – welches nicht gerade von gewinnorientierter Kaufmannsmentalität bestimmt wird. Das Beispiel Gerhards vermittelt die Lehre, dass Gottes Lohn für eine gute Tat sich einzig nach der inneren Einstellung bemisst, mit der diese Tat begangen wird. Hoffnung auf irdischen Ruhm hingegen bringt den gerechten Lohn im Jenseits in Gefahr. In seiner dem Typus der Exempelgeschichte folgenden Erzählung zitiert Rudolf einerseits aus Heiligenlegenden vertraute Motive, kombiniert diese jedoch auch mit Elementen höfischer Gattungen, etwa des Artusromans – dies betrifft vor allem die formale Ebene – sowie des Minneromans.

Es ist aber auch eine politische Geschichte. Der Held Gerhard ist dem historischen Kölner Vogt und Zollmeister Gerhard Unmaze, einem der mutmaßlichen Königsmacher von 1198, nachgebildet. 1198 fielen auf Betreiben Richard Löwenherzs sowie der Kölner, vom Englandhandel profitierenden Hochfinanz unter Führung des Zöllners Gerhard Unmaze, die Stimmen einiger Königswähler auf Otto IV, worauf er am 12.Juli 1198 in Aachen als Gegenkönig gekrönt wurde.

Holzschnitt aus "Barlaam und Josaphat"

Barlaam und Josaphat. "Barlaam und Josaphat" ist ein volkssprachlicher Legendenroman über das Leben Buddhas und wurde etwa zwischen 1225 und 1230 nach einer aus dem Griechischen ins Lateinische übertragenen Bearbeitung der Sage von der Bekehrung eines indischen Königssohns zum Christentum verfasst. 1755 wurden in der Bibliothek des Hohenemser Palastes gemeinsam mit der Handschrift C des Nibelungenliedes eine Handschrift der von Rudolf von Ems verfertigten Erzählung "Barlaam und Josaphat" entdeckt.

Der von Rudolf von Ems geschaffene mittelhochdeutsche Versroman ist zwar ziemlich breit überliefert, doch nur vier Handschriften wurden mit Buchschmuck versehen. Aus dieser Gruppe ragt zweifelsfrei die mit einem reichen Bilderzyklus ausgestattete Handschrift von Hans schilling aus der Werkstatt des Diebold Lauber heraus, 1469, jetzt im J. Paul Getty Museum (Ms. Ludwig XV 9). Sie enthält 138 kolorierte Federzeichnungen.

Das Ziel der Dichtung des Rudolf von Ems war hier neben der Verkündung des Sieges des Christentums die ethische Formung der Menschen. Rudolf von Ems formuliert über seine lateinische Vorlage: ze latîne erz rihte / durch got und durch alsolhe site, / daz sich diu liute bezzern mite. / derselben hân ouch ich gedâht (Rudolf von Ems 130–133). Er wolle den Menschen einen Leitfaden zu ihrer Besserung an die Hand geben (vorbilde in guoter lêre Rudolf von Ems 140) und für seine Memoria wirken (Rudolf von Ems 160).

Willehalm von Orlens. Das 15689 Verse und fünf Bücher umfassende Epos um Minne und Heldentum gehört zu den am weitesten verbreiteten deutschsprachigen Werken des Mittelalters. Insgesamt wird es von 45 Textzeugen überliefert. Fünf dieser Handschriften enthalten Illustrationen, in zwei weiteren waren Miniaturen vorgesehen. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Französischen, deren genaue Vorlage unbekannt ist. Allerdings weist der "Willehalm" inhaltlich Parallelen zum Versroman "Jehan et Blonde" des Philippe de Rémi (ca. 1205-1240) auf. Rudolf dürfte aber auch aus Gottfrieds von Strassburg "Tristan" und dem "Parzival" Wolframs von Eschenbach geschöpft haben. Als Vermittler des französischen Originals nennt er einen sonst nicht nachweisbaren, schwäbischen Ministerialen namens Johannes von Ravensburg. Auftraggeber der Übersetzung war Konrad von Winterstetten, seit 1220 Verwalter des Herzogtums Schwaben, Erzieher und Berater der jungen Könige Heinrich (VII.) und Konrad IV. und politischer Ratgeber und Beauftragter Kaiser Friedrichs II. Vermutlich entstand der Roman um 1235. Den wichtigsten Protagonisten seines Werks aber auch sich selbst und seinem Zuträger Johannes widmet Rudolf übrigens jeweils ein Akrostichon: Zu Beginn eines jeden Buches lassen sich aus den Anfangsbuchstaben der aufeinanderfolgenden Zeilen von oben nach unten die Namen der genannten Personen herauslesen.

Alexander. Das unvollendet gebliebene Werk "Alexander" (um 1230) über Alexander den Großen mit 21.643 Versen war vermutlich als Unterweisung für die Söhne Kaiser Friedrichs II. gedacht. Es werden die Erziehung und die Kämpfe Alexanders geschildert, der Held ist ein Muster an ritterlicher Tugend. Als Quelle dienten Rudolf die "Historia de preliis" und die "Historiae Alexandri Magni" des Curtius Rufus und das lateinische Epos des Walter von Châtillon (Gualtherus de Castellione).


Mittelalterliche Belagerungstechnik. Die bebilderte Weltchronik gibt auch über den Stand der Technik zur Zeit ihrer Auflage Auskunft. Ein Ausschnitt hier aus der Weltchronik von Rudolf von Ems (spätes 13. Jh.) zeigt eine Belagerungsszene. Auffallend ist die Verwendung großer, eigentlich veralteter Tropfenschilder, die sich durch ihre große Fläche bei Belagerungen noch eine Funktion zu haben scheinen. Bei den kleinen Reiterschilden fallen die drei Armfesseln auf. Der Armbrustschütze trägt einen Topfhelm, alle anderen tragen entweder einen Eisenhut oder ausschließlich die Kettenhaube. Sehr plakativ ist auf dieser Abbildung auch der Einsatz von Bogenschützen zu sehen. Über Bautechnik und Hebewerkzeuge gibt beispielsweise die Abbildung des Turmbaus zu Babel Hinweise.


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[ #Hohenems ] Donato Arsenio Mascagni - Hofmaler des Salzburger Fürsterzbischof Markus Sittikus von Hohenems


Italienische Kunst prägte das frühneuzeitliche Europa. Künstler aus Italien erfüllten in Mitteleuropa eine bedeutende Kulturmission. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts strömten italienische Künstler nach Österreich.

Am Anfang wurden sie in dem seit 1529 unmittelbar von der Expansion des osmanischen Reiches bedrohten Land vor allem als Baumeister von Befestigungsanlagen geschätzt. Bald konnten sie sich auch im Bereich der "architectura civilis" und in allen anderen Kunstgattungen durchsetzen. Vorteilhaft und von grundlegender Bedeutung für ihren Erfolg zeigte sich auch die um sich greifende und alle Gesellschaftsschichten erfassende "italianità" der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Die "italianità" setzte sich in der Literatur, in der Musik, im Theater, in der Architektur und in der bildenden Kunst durch und wurde zur universellen Sprache des politisch und konfessionell gespaltenen Kontinents. (Anmerkung: Der Begriff Italianità  -„Italianität“ - kam erst während während des 19. Jahrhunderts im Zuge des Risorgimento in den Reihen der panitalienischen Bewegung auf. Unrühmlich in Erinnerung ist das Schlagwort Italianità durch die Zeit des Faschismus, als es bei der zwangsweisen Italianisierung der nach dem Ersten Weltkrieg einverleibten Gebiete, u.a. auch Südtirol propagandistisch verwendet wurde.).




Donato Arsenio Mascagni.
Weder zum Datum der Geburt noch zur Jugend Donatos existieren verlässliche Informationen. Er dürfte um 1570 in Florenz geboren worden sein und starb am 10.3.1636 im Kloster SS. Annunziata. Mit 26 Jahren trat er in das Servitenkloster bei Florenz ein und erhielt den Namen Fra Angelico. 1608 wechselte er in das Kloster SS. Annunziata, wo er ein Jahr später die Priesterweihe erhielt.

Fürsterzbischof Markus Sittikus von Hohenems holte ihn nach Salzburg, wo er Hofmaler wurde. Ab 1615/16 weilte Mascagni in Salzburg, ab 1616 erscheinen im Geheimen Archiv Salzburg unter der Rubrik `Paumaistery` erste Zahlungen an ihn, die mit einigen Unterbrechungen bis 1629 geleistet wurden. Nachdem er 1622 nach Rom berufen wurde, kehrte er für die Jahre 1628 bis 1630 erneut nach Salzburg zurück. In Salzburg ist nach ihm die Mascagnigasse in der Josefiau im Stadtteil Salzburg Süd benannt.

Bild oben: Erzbischof Markus Sittikus von Hohenems vor einem Gemälde von Schloss Hellbrunn, in der Hand ein Gemälde des Salzburger Doms im Bau. ( Fürsterzbischof Marcus Sitticus war ein Sohn von Jakob Hannibal von Hohenems und Bruder von Kaspar von Hohenems. 1612-19 Fürsterzbischof von Salzburg. Führte die Rekatholisierung in Salzburg mit großer Härte durch, hielt seinen Vorgänger Wolf Dietrich gefangen, begann 1614 den Bau des barocken Doms und ließ 1613-19 Schloss Hellbrunn errichten. Gemälde von Donato Arsenio Mascagni aus dem Jahr 1617.


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[ #Bludenz ] Vorarlbergs erste Papierfabrik - 1834 in Bludenz

RONDO Papier Frastanz
Quelle: Vorarlberger Wirtschaftsmuseum

Auch wenn die Papierfabrik in Frastanz schon über 100 Jahre alt ist, sie ist nicht die älteste. Die älteste mechanische Papierfabrik Vorarlbergs war die k.k.privilegirte Mechanische Papierfabrick Karl Blum in Bludenz. Sie wurde  gegründet 1834 gegründet und ist ein wichtiger Teil der Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte. 

1834 wird Marianna Blum (geb. Gehring) der Betrieb einer Papierfabrik in Bludenz-Klarenbrunn auf dem Gelände der abgebrannten Spinnerei von Ganahl & Co. genehmigt. Bereits 1836 übernehmen die Söhne Karl und Johann Blum den Betrieb als "Mechanische Papier-Fabrick Bludenz".

Klarenbrunn

Um die Papierqualität zu verbessern, lobte Karl Blum mit anderen österreichischen Papierfabrikanten (darunter auch die noch heute bekannten österreichischen Papiererzeugern Neusiedler und Leykam) 1840 einen Preis für 2060 Gulden aus. Den Preis sollte für eine Abhandlung vergeben werden, welche sich mit der Qualitätssteigerung von Papier befasste. Insbesondere sollten die Maschinenpapiere dieselbe Festigkeit erreichen  wie die hangeschöpften. Die maschinell hergestellten Papiere litten damals insbesondere wegen der enthaltenen Säuren.

1841 hatte die Papierfabrik Karl Blum eine Maschine, betrieb ein Wasserrad mit 20 PS und beschäftigte 43 Arbeiter Sie erzeugte um 83.250 Gulden Papier und gehörte zu den drei größten Papierfabriken von Tirol-Vorarlberg. In Vorarlberg war sie die größte. Ab 1843 wurden Papiertapeten und Buntpapiere erzeugt und 1845 wird das Privileg "Landesfabrik" erteilt.

Besitzer einer Landesfabrik genossen Privilegien. Landesfabrik konnte man nur auf Ansuchen werden, wenn man ein Fabrikunternehmen in einem größeren Umfange betrieb, viele Arbeiter beschäftigte und damit den Nationalwohlstand beförderte. Sie genossen einen besonderen Schutz der Verwaltung. So durften sie als "k.k.privilegirte Fabrik" den kaiserlichen Adler führen und auch Niederlassungen in den Provinzhauptstädten der Monarchie gründen. Schließlich waren sie vom Zunftzwang befreit und konnten trotzdem Lehrlinge ausbilden. Ihre Betriebsstätten waren von Militäreinquartierungen befreit. Auch Kinder ab neun Jahren durften in den Landesfabriken - wie wohl auch anderswo - arbeiten.


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Mittwoch, 11. Januar 2023

[ #Sulz ] Pogrom in Sulz 1744: Von der Synagoge zur "Vorarlberger Landeskristallnacht"

Im Pogrom von 1744 wurden die Sulzer Juden vertrieben und ihre Häuser zerstört.

Am 23. und 24. Dezember 1744 rottete sich die christliche Bevölkerung zusammen, um die Häuser der Juden zu plündern und zu zerstören und die jüdische Bevölkerung zu misshandeln und zu vertreiben. Was sich damals im "Raubzuges von Sulz" (Rabbiner Aron Tänzer) kurz vor Weihnachten 1744 in Sulz abspielte, stellt sich als eine "Landeskristallnacht" (Burmeister) dar, als deren geistige Urheber die Vörarlberger Landstände anzusehen sind, deren judenfeindliche Politik seit 200 Jahren angehalten hatte.

Zwischen 1676 und 1744 bestand in Sulz eine kleine Landjudengemeinde. Noch 1738 - also just in dem Jahr in dem Joseph Süß Oppenheimer in Stuttgart erwürgt wurde - schien es so, als ob trotz der ständigen Neidgenossenschaft und Interventionen der Vorarlberger Landstände (welche in der Vorarlberger Geschichtsschreibung gerne als demokratisch mystifiziert werden) eine Symagoge in Sulz errichtet werden könnte. Jedenfalls bestand eine Art Gebetsraum. Er wurde wahrscheinlich in einem Flügel eines Hauses eingerichtet, das von einer jüdischen Familie verlassen wurde, als diese nach Hohenems zurückkehrte. Nur sechs Jahre - bis 1744 - war dieses Bethaus in Gebrauch.


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Dienstag, 10. Januar 2023

[ #Vorarlberg ] Joseph Feßler: Der Vorarlberger Bischof von St.Pölten

DDr. Klaus Küng ist "nur" der zweite gebürtige Vorarlberger, der in der Geschichte der Diözese St. Pölten zum Bischof bestellt wurde. Aus Vorarlberg  stammte auch Dr. Josef Feßler, Bischof in St. Pölten von 1865 bis 1872.

Joseph Feßler  (* 2. Dezember 1813 in Lochau,  als  erstes Kind von Gebhard und Genoveva Feßler ; † 25. April 1872 in Sankt Pölten) war römisch-katholischer Theologe und Bischof von Sankt Pölten.war von 1865 bis 1872 Bischof von St. Pölten und zuvor Weihbischof seiner Heimatdiözese Feldkirch.

Geboren in Lochau bei Bregenz, trat er nach dem Schulbesuch in Feldkirch  (1824 bis 1830), Salzburg und Innsbruck 1833 in das Brixener Priesterseminar ein. Nach seiner Priesterweihe 1837 lehrte er als Dozent für Kirchengeschichte und Kirchenrecht in Brixen, studierte aber auch an der Weltpriesterbildungsanstalt Frintaneum in Wien.

Konservativer Politiker. 1848 wurde Feßler als Abgeordneter für den Wahlbezirk Bregenz in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Reden hat er dort keine gehalten, angeblich weil sich alle anderen draum gedrängt hatten. Leo Haffner berichtet in seiem Aufsatz "Die Aufklärung und die Konservativen" (Ein Beitrag zur Geschichte der katholisch-konservativen Partei in Vorarlberg - Erschienen in: Nachträge. Zur neueren Vorarlberger Landesgeschichte. Hrsg. Von Meinrad Pichler, Fink's Verlag Bregenz 1983, S. 10-31) :
"Als Beispiel für die Spannungen zwischen führenden Vertretern der Kirche und Vorarlberger Demokraten mag der Hinweis auf eine Episode dienen: Bürger von Feldkirch, der Hochburg der Demokraten, waren über einen der Vorarlberger Delegierten im Frankfurter Parlament, den Theologen und späteren Bischof von St. Polten, Dr. Josef Feßler, "so aufgebracht, dass er auf der Heimreise, schon in Bregenz angelangt, nach Bayern zurückkehren musste, um über Imst ins Oberinntal und nach Innsbruck und Brixen zu gelangen". Er hatte sich, so Paula Geist in ihrer "Geschichte Vorarlbergs im Jahre 1848/49", "verdächtig gemacht durch die Art, in der er für alles stimmte, was reaktionär war und allem opponierte, was nur anscheinend in den Bereich des Fortschritts gehörte. ... Er stimmte gegen die Aufhebung des Adels, weil er nicht einsah, 'warum ein Graf oder ein Baron oder ein Herr von ... seinen Titel verlieren sollte, der niemand schade'. Er stimmte für die Todesstrafe, 'weil Gott nach der Lehre der heiligen Schrift den Obrigkeiten das Recht über Tod und Leben gegeben hat'. ... Er hat gegen die Wahrung des Briefgeheimnisses gestimmt, weil dieses Gesetz für Vorarlberg, wo solche 'Missbräuche' nicht herrschten, gar nicht in Betracht käme..." .
1852 wurde er als Professor für Kirchengeschichte an die Wiener Universität berufen. Er erwarb sich den Ruf eines Sachverständigen für die Unierte Kirche. Als Unierte Kirchen (offiziell Katholische Ostkirchen) werden jene Ostkirchen bezeichnet, die als Teilkirchen der römisch-katholischen Kirche unter dem Papst von Rom mit der Lateinischen Kirche in Glaubens-, Gebets- und Sakramentengemeinschaft stehen.  In der heftigen Diskussion um das Konkordat wandte er sich gegen die liberale Kritik und war auch später an den Verhandlungen um eine Revision des Konkordats beteiligt. Seine Position ist nicht unähnlich der heutigen: Er stand als konservativer Repräsentant des flachen Landes gegen die fortschrittsorientierten ökonomischen, kulturellen und sozialen  urbanen Entwicklungen.

Bischof von St. Pölten. 1862 wurde Joseph Feßler zum Weihbischof und Generalvikar der Diözese Feldkirch ernannt, zwei Jahre später erfolgte seine Ernennung zum Nachfolger des verstorbenen St. Pöltner Bischofs Ignaz Feigerle.  Am 30. April 1865 wurde er in St. Pölten inthronisiert. Während seines siebenjährigen Episkopats galt sein Wirken besonders dem Kampf gegen den Liberalismus und den liberalen Religionsgesetzen von 1868. Er erwarb 1869 für die katholische Kirche den "St. Pöltener Boten" als Sprachrohr gegen den Liberalismus und legte damit den Grundstein für die katholische niederrösterreichische Pressepolitik bis in die heutigen Tage, das Niederösterreichische Pressehaus.  In der Seelsorge in Niederösterreich war er aber so gut wie nicht tätig sondern kümmerte sich um die Belange der österreichischen und der Gesamtkirche.

Vaticanum I
Vatikanisches Konzil. Als ein (gemäßigter) Hauptvertreter des Unfehlbarkeitsdogmas in Österreich war er 1869/70 Generalsekretär des Vatikanischen Konzils. Das Erste Vatikanische Konzil (Vaticanum I vom   8. Dezember 1869 bis 20. Oktober 1870), das von der römisch-katholischen Kirche als das 20. Ökumenische Konzil angesehen wird, erhob die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes „bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren“ definitiv zum Dogma.

Darüber führte er mit dem bedeutendsten  Kirchenrechtslehrer seines Jahrhunderts, Johann Friedrich (Ritter) von Schulte aus Prag,  einen wiederholenden Disput. Er konnte wohl als konservativer Repräsentant der katholischen Kirche die Abspaltung der Altkatholiken nicht wirksam begegnen, namentlich von Johann Friedrich (Ritter) von Schulte und  Johann Joseph Ignaz (Ritter) von Döllinger, obwohl sich gerade letzterer ständig gegen das Schisma wehrte und in der katholischen Kirche bleiben wollte, ja sich fortan um Ökumene bemühte. Diese Niederlage überrascht umso mehr, als es ihm ja umgekehrt gelungen war, Gegner des Dogmas unter den Bischöfen in Deutschland und  Österreich "umzudrehen". Offenbar war er hier weit weniger diplomatisch und unversöhnlicher, ließ eine weniger großzügige Interpretation zu als zu jener Zeit als man noch um die Mehrheit beim Vatikanischen Konzil bangen musste. Durch seinen frühen Tod im Alter von 59 Jahren fand sein kirchliches  und politisches Engagement gegen die Liberalen allerdings ein jähes Ende.


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Donnerstag, 5. Januar 2023

[ #Frastanz ] Starker "Tubackh" aus Frastanz


Die Pfeife ist mit dem Kaffee das Symbol türkischer Gastfreundschaft. Seit 2002 wächst vor dem Frastanzer Rathaus Tabak.


Tabacco di Frastanza. Um das Jahr 1700 beschlossen einige Landwirte in Frastanz ihr Einkommen durch den Anbau von Tabakpflanzen aus dem Elsass aufzufetten. Wohl hatten Frastanzer Wanderarbeiter das Wissen und die Idee mit in die Heimat gebracht. Schon bald hatten sie sich nicht nur das Wisssen für den Anbau sondern auch für die Verarbeitung angeeignet. In der Frastanzer Gemeindegeschichte wird gar kolportiert, dass der Tabak bis nach Straßburg und Mailand transportiert worden sei, wo er als „Tabacco di Frastanza“ und „Tabacco di Mariexa“ gehandelt worden sein soll. Angebaut wurde der Tabak hauptsächlich in den Parzellen Hofen, Einlis, Mariex und Amerlügen. Wobei "Frastanz" eben nicht ganz richtig ist, ist doch Mariex Teil von Nenzing!

In Vorarlberg wurde dann also Tabak von der Mitte des 18. Jahrhunderts an bis etwa 1835 in der Gegend von Frastanz angebaut. Die Blütezeit des Frastanzer Tabakanbaus war vor 1784, vor der  Einführung  des Tabakmonopols durch Kaiser Joseph II. Der  Tabakanbau war denn auch sichtlich für viele Frastanzer Familien des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein wichtiger landwirtschaftlicher Zuerwerb. Dies  belegen diverse Verlassenschaftsakten, in denen der "Tubackh" ausdrücklich erwähnt wird.

Den Frastanzern kam die Monopolisierung von 1828 besonders auch deshalb äußerst  ungelegen, weil damit besonders der Tabakverarbeitung ein Riegel vorgeschoben wurde. In Frastanz wurde Tabak nämlich nicht nur die Pflanze angebaut, sondern auch weiterverarbeitet. Um 1806 wird eine Tabakstampfe in Frastanz erwähnt. Betrieben wurde die  Tabakmühle im Haus Beim St. Wendelin von Johann Christian Walser.

Als Anbaufläche dienten  den Frastanzern nicht  nur die Hausgärten, sondern kleinere Mengen an Tabakpflanzen wurden oft auf den Misthaufen gepflanzt. So werden die Tabakstauden wie auch das Ver- und Bearbeitungswissen wohl für den Hausgebrauch auch noch länger gehalten haben, sodass man 1848 mit der Revolution auch den Tabakanbau wieder versuchen konnte. Dies wurde aber von der Obrigkeit nach dem Kartätschen der Revolution ebenso nachhaltig unterbunden. Ein  solcher Tabakanbau als Hausgbrauch ist aber immerhin noch für die Notzeiten der beiden Weltkriege überliefert.


Österreichische Tabak-Regie.  Der Tabakanbau begann mit der Globalisierung durch die Entdeckung Amerikas. Die Spanier übernahmen die Verwendung des indianischen und vor allem dort kultisch verwendeten Tabaks als Genussmittel  und führten ihn 1518 in Europa ein.

Ab zirka 1570 wurde auch in Österreich Tabakanbau für Heilzwecke betrieben, im Feldbau wurde Tabak in Oberösterreich und Niederösterreich, anfänglich wohl auch mit guten Gewinnen gepflanzt. In der Steiermark begann man gegen Ende des 17. Jahrhunderts  mit dem Tabakanbau. Doch allzubald entdeckte der Staat sein Interesse.

Die Monopolisierung des Verkaufs, steuerliche Belastung und Importe ließen den Tabakanbau interessant werden. Die Landstände als Großgrundbesitzer fürchteten nicht nur eine Bodenverschlechterung, die Konkurrenz des ungarischen Tabaks und staatliche Eingriffe verhinderten einen Aufschwung, der Tabakanbau ging ständig zurück. Eine Tendenz zur Monopolisierung gab es im Habsburgerreich bereits im frühen 18. Jahrhundert. Um 1700 wurde daher der Tabakanbau außerhalb von Hausgärten verboten. Eine Verbesserung brachte kurzfristig die Gründung der 1. Tabakfabrik 1722 in Hainburg.

Ab 1723 waren Anbaulizenzen erforderlich und wurde der freie Verkauf untersagt. 1764 erließ Kaiserin Maria Theresia ein Monopol für Ober- und Niederösterreich, das sie einer privaten Gesellschaft übertrug.

1784 wurde die Österreichische Tabakregie unter Joseph II. als Vollmonopol für alle österreichischen Länder gegründet. Dieses war unter anderem zur Versorgung von Kriegsinvaliden gedacht, die bei der Zuteilung der Verschleißstellen bevorzugt wurden (Trafik für einfache Soldaten, Großhandel für Offiziere). Dieses Monopol schwächte einerseits die Lage der Tabakbauern, andererseits gab es ihnen in Krisenzeiten Sicherheit.

1825 hörte der Tabakanbau in Österreich faktisch völlig auf. Es wurde nur noch in begrenzten Mengen der Anbau von Bauerntabak akzeptiert, der durch seine schlechtere Qualität keine Bedrohung für das Monopol war. Dokumentiert ist eine derartige förmliche Erlaubnis für die Bauern des oberen Inntales 1848-1860. 1850 wurde das Monopol auf die ungarischen Kronländer ausgeweitet, damit verlagerte die Regie auch allmählich den Großteil ihres Anbaues in diese Länder mit ihrem milderen Klima. 1864 wurden die ersten Regiezigaretten gedreht, mit dem steigenden Bedarf stieg Tabak zur wichtigsten Kolonialimportware auf.

Ende des 19. Jahrhunderts und 1918-39 versuchte man vergeblich, den Tabakanbau wieder zu beleben. Erfolge stellten sich erst nach 1945 ein. 1994 wurden 190,12 ha von 184 Anbauern bestellt, davon entfielen auf die Steiermark 122,05 ha, Niederösterreich 35,6 ha, Burgenland 25,17 ha und Oberösterreich 7,30 ha. 1993 betrug die Erntemenge 393 t, das waren damals noch gerade mal drei Prozent der Verarbeitungsmenge der Tabak-Regie.

Europäische Union. Der Tabakanbau in Europa wurde von der Europäischen Union mit Subventionen von bis zu 1 Milliarde Euro jährlich gefördert. Ab 2005 wurden 20 Prozent der EU-Zahlungen gezielt dafür eingesetzt, die Tabakbauern zum Umsteigen auf andere Erzeugnisse zu ermuntern. Im Jahr 2010 wurde die Subventionierung des Tabakanbaus in der EU gänzlich eingestellt, Umstellungsbeihilfen gab es noch bis 2013.

Entwicklungsländer. Zu Anfang des 21. Jahrhundert lagen fast 90 Prozent der Anbauflächen in den südlichen Ländern. Besonders in den Niedrig- und Mitteleinkommensländern der tropischen und subtropischen Landschaftszonen in Afrika, Lateinamerika und Asien, den Schwellen- und Entwicklungsländern des Südens, nimmt der Tabakanbau zu.

Im Zeitraum von 1961 bis 2002 ist die Anbaufläche in Europa und Nordamerika um 60 Prozent gefallen und stieg in der gleichen Zeitspanne in der „Dritten Welt“ um ca. 60 Prozent an. Beispiele für extreme Anbauzunahme ist Malawi mit Verdoppelung und Tansania mit Versechsfachung innerhalb von 40 Jahren. Der Tabakanbau führt in den afrikanischen Anbaugebieten zu verstärkter Abholzung von Wäldern, ist eine Konkurrenz zum unmittelbar lebensnotwendigen Nahrungsmittelanbau, führt zu Humusabbau des Bodens und starker wirtschaftlicher Abhängigkeit von den Tabakaufkäufern.


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