Dienstag, 4. Oktober 2022

[ #Hohenems ] Salomon Sulzer - Einer der bedeutendsten Vorarlberger


Die Legende berichtet, dass Salomon Sulzer mit elf Jahren in Hohenems beinahe ertrunken wäre. Die Familie gelobte darauf, ihn zum Kantor ausbilden zu lassen. Tatsächlich bewarb sich Sulzer bereits mit dreizehn Jahren und schaffte über seinen Tod am 17. Januar 1890 hinaus berühmt zu werden.

Legende. Die Encyclopaedia Britannica sagt ... he earned the sobriquet “father of modern synagogue music” and the respect of such composers as Franz Liszt, Robert Schumann, and Franz Schubert. An important publication was Shir Zion (1840–66; “Song of Zion”), a comprehensive collection of music for the sabbath, festivals, and holy days, for cantor, choir, and congregational responses with...: " Shir Zion ist auf der Website www.shulmusic.org vollständig digitalisiert online und kann als Zip-Datei heruntergeladen werden. www.ShulMusic.org wird von Stephen Simpson, einem nach Israel ausgewanderten Briten organisiert, der urheberrechtsfreie jüdisch-religiöse Musikwerke online stellt.


Kein Zweifel: Er gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten die Vorarlberg je hervorgebracht hat. Aber wissen wir über diesen bedeutenden Vorarlberger wirklich Bescheid?

Synagogengesang, Goethe, Revolutionslieder. Das kompositorische Hauptwerk Sulzers, das auch seinen Ruf als Reformator des Synagogengesangs begründete, ist das in zwei Teilen erschienene "Schir Zion" (Gesang Zions) mit zum überwiegenden Teil selbst komponierten Werken für den gottesdienstlichen Gebrauch. Unter den frühen modernen Synagogenkomponisten hat Sulzer am radikalsten mit dem überkommenen jüdischen Chorstil gebrochen. Salomon Sulzer gelang es, den westeuropäischen Synagogengesang von den bloßen Schönheitsversuchen und Übertreibungen zu befreien und er war der erste Kantor, der Noten- und Harmonielehre vollständig beherrschte. Er schrieb Kompositionen, die alt und neu miteinander vereinten, und erstmals in der jüdischen liturgischen Musik Harmonien vorführten. Nur wenige Sulzers frühe Chorsätze lehnen sich an starke traditionelle Weisen an. In den meisten finden wir keine jüdische und keine christliche, sondern eine allgemein humane Religiosität, stille Andacht und fromme Stimmung etwa im Geist der zeitgenössischen Malerschule der "Nazarener". Die neuen Kompositionen wurden zum ersten Mal mit vierstimmiger Chorbegleitung geschrieben und beeinflussten den Gebetsstil in vielen Synagogen. "Schir Zion", in dem alle Gebete des Jahres gesammelt sind, prägt den Synagogengesang bis in die heutige Zeit und ist für die Judenheit eine mit den Kantatenjahrgängen von Johann Sebastian Bach vergleichbare Sammlung gottesdienstlicher Musik.


Shir Zion. In "Shir Zion I" ist musikalisch nur wenig genuin Jüdisches anzutreffen; die uralten, so genannten "Mi-sinai-Melodien" tauchen nur vereinzelt und entstellt auf; die einfache Dur-Moll-Harmonik und die Periodizität der Wiener Klassik dominieren. Siebenunddreißig Werke christlicher Komponisten wie Ignaz von Seyfried, Joseph Drechsler, Franz Volkert, Wenzel Wilhelm Würfel und allen voran Franz Schubert nahm Sulzer 1840 in sein "Shir Zion I" auf, ohne die Namen der Urheber zu verschweigen! Charakteristisch synagogal dagegen sind vor allem die Solorezitative für den Kantor und das responsoriale Wechselspiel zwischen Kantor und Chor, das die traditionelle Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst stilisiert. Einen real praktizierten Gemeindegesang lehnte Sulzer, der einer rein künstlerischen Ästhetik huldigte, energisch ab.


Muezzin der Türken. In "Shir Zion II" (1866) nimmt die Tradition allerdings wieder einen größeren Raum ein. Es waren schließlich Chasanim aus dem von Sulzer und seinesgleichen gering geschätzten, orthodox-konservativen Osteuropa, die ihn in Kontakt mit der in Polen und Russland noch liebevoll gepflegten traditionellen Chasanut brachten. Sie waren nach Wien zu dem respektvoll bewunderten Kantor gekommen, um sich den neuen Stil anzueignen und hinterließen ihrerseits markante Spuren, die sich in "Shir Zion II" nachhaltig bemerkbar machten. 163 von insgesamt 372 Nummern tragen die Bezeichnung "A. W." ("Alte Weise"). Der größere Teil dieser 163 ist natürlich für den Vortrag des Kantors bestimmt, und beeindruckten diese Gesänge und Rezitative die Zeitgenossen als eigenartig und "orientalisch". Sulzers Version von Jehuda Halevis berühmtem Zionslied erinnerte 1866 den Musikkritiker der "Neuen Freien Presse" Eduard Hanslick an den Muezzin der Türken und offenbarte ihm die Verwandtschaft jüdischen und orientalischen Gesangstils. Neben dem kompositorischen Hauptwerk "Shir Zion" in zwei Teilen existieren noch der Band "Dudaim" (1860) mit Chören für Kleinstbesetzung und eine Fülle von Gelegenheitsarbeiten weltlicher Natur.


Jüdischer Aufbruch in die Moderne. In den heutigen säkularen Zeiten wird Salomon Sulzer allenthalben als Gesangsbuchautor abgetan oder in die Reihe der "Denkmäler der Tonkunst in Österreich" gestellt. Außer Acht gelassen wird bei dieser "Würdigung", dass die Synagoge per Definitionem kein "Gotteshaus" wie die Kirche ist, sondern ein Haus der Versammlung, ein Haus der Gemeinde. Wie kaum einem anderen Kantor gelang Sulzer eine so unnachahmliche und überzeugende Mischung aus modernem Kunstanspruch, Tradition und praktischer Anwendbarkeit für die Synagoge. Daneben war Salomon Sulzer aber auch als Komponist weltlicher Lieder tätig: Neben Revolutionsliedern zum 1848er Jahr vertonte er unter anderem Gedichte von Goethe. In die 1848er Revolution war er so verstrickt, dass er sich für kurze Zeit gar im Gefängnis wieder fand. Sulzer gehört als Erneuerer der Synagogenmusik zu den Vorreitern der Moderne, wie übrigens auch der aus Böhmen stammende Rabbiner Abraham Kohn, der in Hohenems bedeutende Reformen durchsetzte. Sulzer war ein begnadeter Sänger und musikalischer "Superstar" seiner Zeit, ein Freund Schuberts und anderer Musikgrößen. Er ist eine Ikone des jüdischen Aufbruchs in die Moderne und kann nicht nur eingeschränkt als die bedeutendste jüdische Persönlichkeit angesehen werden, die Vorarlberg hervorgebracht hat. Er ist einer der Größten überhaupt, derer sich Vorarlberg rühmen darf!

Weggenossen - Zeitgenossen. Zu seinen Zeit- und Weggenossen gehörte die klassische Wiener Musikszene. Sulzer nahm an den Wiener Schubertiaden teil, sang oft und gern Schuberts Lied "Die Allmacht" . Er musste auch wiederholt öffentlich aufgetreten sein, denn 1837 wurden ihm diese Auftritte von den Vertretern der jüdischen Gemeinde ausdrücklich untersagt, da sie mit der Würde des Vorbeteramtes unvereinbar seien. Der daraus resultierende Verdienstentgang wurde ihm jedoch großzügig entschädigt. Seine Freundschaft mit Franz Schubert führt unter anderem dazu, dass dieser im Juli 1828 den 92. Psalm für Bariton und gemischten Chor Gebetsgesang für Sulzer vertonte. Salomon Sulzers und Franz Schuberts hebräische Psalm-Vertonungen gehören zu den bedeutendsten Leistungen komponierter Aufklärung und sind in ihrer spirituellen wie melodiösen Einmaligkeit wert, auch außerhalb der Synagogen umgesetzt zu werden. Sulzer war auch wegen seines wunderbaren Bariton-Tenors weit bekannt und man kann im Zusammenhang mit dem 92. Psalm wohl behaupten, dass Salomon Sulzer es war, der einen Schubert uraufführte. Er sang auch bei der ersten Aufführung im Sommer 1828 die Solopartie. Von 1844 bis 1847 erteilte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Gesangsunterricht; die Revolution von 1848 setzte dem allerdings ein Ende.

Die damalige Welthauptstadt der Musik, Wien, verehrte Sulzer. Franz Liszt rühmte Sulzer in seinem Tagebuch: "In Wien besuchte ich den berühmten Tenor Salomon Sulzer. ... Einige Augenblicke lang konnte ich seine Seele durchdringen und die Musik unserer Väter erkennen. Selten wurde ich so gerührt wie an diesem Abend". Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann und Niccolo Paganini, besuchten des öfteren wegen Sulzer den Wiener Stadttempel. Die englische Schriftstellerin Frances Trollope lobte in ihrem Werk "Vienna and the Austrians" (London: 1838, deutsch: Trollope, Frances: Ein Winter in der Kaiserstadt, Wien im Jahre 1836, Promedia Verlag, Wien 2003): "There is in truth so wild and strange a harmony in the songs of Israel as performed in the synagogue in this city, that it would be difficult to render full justice to the splendid excellence of the performance, without falling into the language of enthusiasm.... The volume of vocal sound exceeds anything of the kind I have ever heard; and being unaccompanied by any instrument, it produces an effect equally singular and delightful."


Salomon Sulzer. (*30.3.1804 Hohenems, † 17.1.1890 Wien, jüdischer Kantor und Komponist) Salomon Sulzer wurde 1804 in Hohenems, der bedeutendsten jüdischen Gemeinde Westösterreichs, geboren. 1817 wurde in Hohenems die Vorbeterstelle vakant, und der gerade erst "Bar mizwa" Gewordene wurde vorgeschlagen. Allerdings stellte sich ein Teil der Gemeinde der Berufung dieses noch sehr jungen Kandidaten entgegen, und es bedurfte einer ausdrücklichen kaiserlichen Bestätigung, um die Anstellung durchzusetzen. Als Voraussetzung wurde ihm eine dreijährige Lehrzeit eingeräumt, die er dazu benützte, um als Meschorer einen Kantor Lipmann, auf "Kunstreisen" durch Elsass-Lothringen und die Schweiz zu begleiten, Eindrücke, die seine grundsätzlich westaschkenasische Kulturzugehörigkeit noch verfestigten. Nach dieser gründlichen traditionellen Praxisausbildung strebte Sulzer als Kind des heraufdämmernden Assimilationszeitalters auch nach "europäischen" musiktheoretischen Kenntnissen, die er sich in Karlsruhe aneignete.1820 trat er sein Amt in Hohenems an und erwies sich trotz seiner Jugend als der Aufgabe gewachsen. In den fünf Hohenemser Jahren entfaltete er eine rege idealistische Tätigkeit, die bereits auf den späteren Reformer hinweist. So schuf er einen Chor und ein kleines Streichorchester, die sicher zu dem hohen kulturellen Niveau dieser jüdischen Gemeinde in späteren Jahrzehnten beitrugen.

1826 wurde Sulzer an den im Jahr zuvor neu errichteten Wiener Stadttempel als Kantor berufen. Er traf am 28. Jänner 1826 in Begleitung seiner beiden Meschorerim in Wien ein, erhielt bei seinem Probevortrag allgemeine Zustimmung und fungierte erstmals bei der Einweihung des Stadttempels am 9. April 1826. Sulzer galt bald auch außerhalb des Wiener Judentums als markante Persönlichkeit. Salomon Sulzers wunderbarer Bariton war weit über die Stadtgrenzen bekannt. Zu seinen begeisterten Bewunderern und Freunden zählten die Komponisten Franz Schubert, Franz Liszt, Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann und Niccolo Paganini, die des öfteren den Wiener Stadttempel besuchten, um Sulzer zu hören.

Als Begründer des modernen Synagogengesanges, der einen Kompromiss zwischen den streng orthodoxen Liedern des östlichen jüdischen Kulturkreises und den geistig offenen Bestrebungen des westjiddischen Kulturbereiches darstellte, brachte er es weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus zu Ruhm und Ansehen. Sein Lebenswerk veränderte den Ablauf des jüdischen Gottesdienstes, seine musikalische Ausgestaltung als auch den Berufsstand und das Selbstverständnis des jüdischen Kantors nachhaltig. Sein temperamentvoller Gesangsstil wirkte vorbildhaft für die nachfolgende Kantorengeneration. Der "Wiener Ritus", eine gemäßigte Form des jüdischen Gottesdiensts, geht auf Sulzer und I. N. Mannheimer zurück.

In den späten Lebensjahrzehnten wurden Sulzer zahlreiche öffentliche Ehrungen zuteil. 1868 wurde er Ritter des Fanz Joseph-Ordens. In Wien bekam der gebürtige Hohenemser Oberkantor für seine Verdienste auf musikalischem und humanitärem Gebiet 1874 die Ehrenbürgerschaft (taxfreies Bürgerrecht der Stadt Wien) verliehen. 1876, zum 50jährigen Jubiläum der Einweihung des Stadttempels, rekapitulierte er in einer "Denkschrift" das halbe Jahrhundert seines Wirkens. 1881, nach 56 Dienstjahren wurde der 77jährige schließlich von Joseph Singer abgelöst. Nach seinem Tod am 17. Jänner 1890 wurde er in einem Ehrengrab in der "Reihe der Großen" am Wiener Zentralfriedhof unter reger Anteilnahme beigesetzt.

Musikerfamilie bis Auschwitz. Auch seine Kinder schlugen musikalische Laufbahnen ein: Seine Tochter Marie (verh. Belart, * 14.4.1828 Wien, † 22.3.1892 Wien. Sängerin - Sopran). Ausgebildet am Konservatorium in Mailand, wo sie an der Scala ihre Laufbahn begann. Weitere Auftritte in Frankreich, Spanien, Italien und Wien (am Kärntnertortheater). Später gab sie Gesangsunterricht an der Wiener Opernschule und privat. Sie war mit dem Sänger Bonaventura Belart verheiratet.

Die Tochter Henriette (verh. Biacchi * 24.9.1832 Wien, † 13.11.1907 Wien) war Sängerin (Alt). Studierte wie ihre Schwester in Mailand und begleitete sie auch nach Frankreich. Sie vermählte sich mit dem Bassisten Annibale Biacchi, der unter Kaiser Maximilian Direktor der Oper in Mexiko war, wo sie als Sängerin auftrat. Nach dem Ende des Kaiserreichs (1867) lebte sie bis 1871 in Wien, dann in der Nähe von Florenz/I.

Eine weitere Tochter Sophie (verh. Altschul, * 4.4.1840 Wien, † ca. 1885 New York/USA) war ebenfalls Sängerin und Gesanglehrerin in New York.

Sohn Julius (* 26.7.1830 Wien, † 13.2.1891 Wien) war wiederum Komponist, Dirigent, Violinist. Ausgebildet u.a. von seinem Vater. Nach mehreren Reisen (Europa, Asien) wurde er 1868 Erster Kapellmeister der italienischen Oper in Bukarest. 1870 war er Operndirektor in Turin. Während der Weltausstellung 1873 in Wien führte er im Prater Singspiele und Konzerte auf. 1875–89 war er Kapellmeister am Wiener Burgtheater.

Der Sohn Joseph (* 11.2.1850 Wien, † 14.1.1926 Wien) war Violoncellist und Komponist. Er war bis 1868 Schüler von K. Schlesinger am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. 1868 ging er mit seinem Bruder nach Bukarest, kehrte 1873 nach Wien zurück und war ab 1874 Mitglied des Orchesters der Hofoper und des Quartetts von J. Hellmesberger sen. 1892 wurde er zum Musikdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde ernannt.

Auch dessen Sohn Rudolf ( * 23.10.1885 Wien, † 16.2.1943 Auschwitz) widmte sich bis zu dessen Ermordung in Auschwitz als Sänger (Bariton, Tenor) der Musik. Er wurde ans Deutsche Theater in Prag engagiert. Danach sang er an der Volksoper Wien und an der Komischen Oper in Berlin. Am Berliner Neuen Operettentheater wechselte er zum Operettentenor, war nach dem Ersten Weltkrieg bis 1922 am Carltheater, anschließend wieder in Berlin und bei Gastspielen erfolgreich.


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Mittwoch, 21. September 2022

[ #Bregenz ] Ein Anarchist in Bregenz: Gustav Landauer


Gustav Landauer wohnte in den Jahren 1894/95 zeitweise in Bregenz.

In Karlsruhe stellt Gustav Landauer das Bezirksamt am 15. Oktober 1894 einen Reisepass „auf die Dauer von drei Jahren zum Zwecke des Aufenthaltes im Ausland“ aus. Unmittelbar darauf meldet das Bezirksamt dem badischen Innenministerium, dass sich Landauer mit seiner Familie in Bregenz niederlassen wolle, und macht gleichzeitig der Bezirkshauptmannschaft in Bregenz „geeignete Mitteilung“ über die Persönlichkeit des Passinhabers. Am 20. Oktober geht diese Mitteilung bei der Bezirkshauptmannschaft ein und wird sogleich an den örtlichen Gendarmerieposten weitergeleitet. Landauer ist mit Margarethe Leuschner und der gemeinsamen Tochter Charlotte Clara bereits am 16. Oktober in Bregenz eingetroffen.

Heilloseste Pfaffenwirtschaft. Bereits im August 1894 war Landauers Vetter Hugo Landauer, der damals ein Textilgeschäft der „Brüder Landauer“ in Biberach führte beschöftigte, eine Wohnung anzumieten. Eine solche hatte er dann in der Bregenzer Oberstadt gefunden. Das Haus am Ehregutaplatz 1, in dem fünf weitere Parteien wohnten, umschließt das Stadttor der Oberstadt und gehörte dem freisinnigen Buchdrucker und Verleger Anton Flatz, der seit 1886 das Bregenzer Tagblatt verlegte. Einem Studienfreund berichtet er: „Hier gibt es Kapuziner, Nonnen verschiedener Gewandung und die heilloseste Pfaffenwirtschaft, die sich einer vorstellen kann. Wie sehr lebendig der Katholizismus ist, sehe ich hier mit Schrecken. Und klug sind diese Leute! Alles Weltliche, allzu Weltliche wird geistlich umkleidet. Wenn die kleinen Mädchen in einer hiesigen Schule (Klosterschule) aufs Klosetchen müssen, haben sie zu sagen, sie wollten dem Jesukindlein ein Opfer bringen! Hübsch, nicht wahr?“




Gustav Landauer.  Gustav Landauer (* 7. April 1870 in Karlsruhe; † 2. Mai 1919 in München-Stadelheim) war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Theoretiker und Aktivisten des Anarchismus in Deutschland. Während der revolutionären Ereignisse zum Ende des I. Weltkrieges und unmittelbar danach war er an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Münchner Räterepublik durch Reichswehr und Freikorpsverbände wurde Landauer am 1. Mai 1919 in München verhaftet und einen Tag später im Zuchthaus Stadelheim von Soldaten ermordet.

Ein umfassender Text zur Recherche über den Aufenthalt Gustav Landauers in Bregenz, der 2009 im Jahrbuch des Franz-Michael-Felder-Archivs der Vorarlberger Landesbibliothek, 10. Jahrgang (S. 37 - 63) erschien, steht kostenfrei online.


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[ #Vorarlberg ] Vorarlbergisch für den Urlauber


Das Bemühen, sich den Gästen und den zugereisten Hinterdemarlberger heimische Sprache verständlich zu machen, ist löblich.

Auf der Homepage des Gemeindeamtes Dalaas / Wald am Arlberg (am Arlberg ist Gemeinde und Tourismusbüro fast immer dasselbe) findet sich ein knapper Kurs für "Vorarlbergisch für den Urlaub". Das Bemühen, sich den Gästen und den zugereisten Hinterdemarlberger heimische Sprache verständlich zu machen ist löblich.

Gsi-Seite. Doch dürfte dies angesichts der Urlauberkarawanen und der Sprach- und Definitionsmacht der Medien vielleicht zu spät kommen, aber immerhin wird liebevoll das Gsibergerische bewahrt, wie "Mörtel" Lugner seine Mausi auf Vorarlbergisch nennen würde: Statt Mausi hieße das "Müsle", eventuell auch Schätzle oder Wible.

Ostösterreicher - Innerösterreicher - Vorarlberger. Dass es in Vorarlberg auch für tagtägliche Produkte wie Kartoffeln oder Erdäpfel (Grumpara) andere Bezeichnungen gibt als in Hinterdemarlberg ist vielleicht der älteren Generation noch bekannt. Der Vorarlbergische Begriff wird dem innerösterreichischen hier gegenübergestellt.


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Dienstag, 13. September 2022

[ #Göfis ] Die Hinrichtung des Josef Gasser in Göfis (1864)


Am 9. September 1864, morgens um 9 Uhr, fand die letzte öffentliche Vollstreckung eines ordentlichen Todesurteils in Vorarlberg statt. 

Gasser-Platz. Der Ort war der nach dem Delinquenten Josef Gasser aus Lauterach, damals 36 Jahre alt,  seither so genannte Gasser-Platz (im Steinwald in Göfis). Der Platz ist heute ein Naturschutzgebiet. Nicht wegen des Josef Gasser, sondern weil es ein Feuchtgebiet ist, das von Wissenschaftlern als Flach- und Zwischenmoor ausgewiesen wird. Es bietet seltenen Moorpflanzen Lebensraum.

Die "Archivale des Monats" des Vorarlberger Landesarchivs für den September 2014 stellt das Protokoll der Hinrichtung online und vermerkt: 
Als zwei Gendarmen am 17. Jänner 1864 in Lauterach den gewalttätigen Josef Gasser entwaffnen wollten, erschoss er einen, den anderen verletzte er schwer. Dann tötete er einen Verwandten, der ihn besänftigen wollte. Gasser verbarrikadierte sich in seinem Haus. Bei Schusswechseln kam ein weiterer Mann ums Leben.
Vor dem Kreisgericht Feldkirch wurde Gasser der Prozess gemacht. Mit der „Feldkircher Zeitung“ berichtete ein modernes Medium aus dem Gerichtssaal. Mord war nach dem Strafgesetz 1852 mit dem Tod zu bestrafen, die Strafe durch den Strang zu vollziehen. Das Urteil wurde bestätigt, ein Gnadengesuch an den Kaiser abgewiesen.
Hinrichtung. Gasser wurde am 9. September zum Richtplatz im Steinwald in Göfis gefahren. Die Hinrichtung war nach der Strafprozessordnung von 1853 öffentlich und das Publikum hatte so großes "Interesse", dass man der damaligen Feldkircher Rösslewirtin den Ausspruch „A so a Henggate ischt mir lieber als zehn Primiza“ nachsagt.

Das zeigt, dass auch in dem damals erzkatholischen Vorarlberg auch noch ganz ohne Einfluss einer Yellow-Presse die Moral eine andere war als sie sonst an Kirchtagen fromm gezeigt wurde. Aber auch die Predigt des Geistlichen nach der Hinrichtung war alles andere denn eine feine und anständige: Er beschuldigte die Eltern des längst erwachsenen und für sich selber verantwortlichen Josef Gasser, dass sie ihn religionslos und religionswidrig erzogen hätten.

Reform. Der exzessartige Publikumsauflauf bei den Wiener Hinrichtungen hat 1873 zu einer Reform der Strafprozessordnung geführt. Danach hatten Hinrichtungen innerhalb der Gefängnismauer stattzufinden. Die letzte Hinrichtung fand in Vorarlberg am 15. September 1947 um 5:30 früh statt. Hingerichtet wurde der "Doppelmörder von Altach" Egon Ender.


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Donnerstag, 8. September 2022

[ #Walgau ] Die Flurnamen im Walgau

Großräumige Flurnamen oder Lagebezeichnungen sind meist über Jahrhunderte überliefert. In den Flurnamen spiegeln sich alle historischen und sprachlichen Entwicklungen wider.

Die Flurnamen des Walgaus stellen einen ganz besonderen Schatz unserer historischen und kulturellen Vergangenheit dar. Deshalb wurden sie im Jahr 2011 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe Österreichs anerkannt. Da auch andere Gebiete spannende und interessante Flurnamen bieten, wurde der Antrag, der ursprünglich nur für den Walgau gedacht war, damals von den beiden Initiatoren Dr. Dieter Petras und Thomas Gamon auf das ganze Landausgeweitet und daher kamen alle Flurnamen Vorarlbergs zu dieser Ehre.

Flurnamen spiegeln die Geschichte eines Gemeinwesens wieder. Sie wurden über Jahrhunderte hinweg mündlich von Generation zu Generation überliefert. Sie bildeten einen selbstverständlichen Bestandteil der damaligen Lebenswirklichkeit, sie dienten der Orientierung und der Besitzfeststellung. Sie zeugen von Rodungen und Besiedlung, von Naturgefahren und Erschließung, kurzum sie zeigen oft den Wandel von der Natur- zur Kulturlandschaft. 

Erst im Laufe der tiefgreifenden landwirtschaftlichen Umstrukturierungen nach dem 2.Weltkrieg und insbesondere ab den 1960-er Jahren gerieten viele Flurnamen in Vergessenheit. 


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Lohnt sich ein Download? Ein Blick auf den Inhalt sagt mehr:

Vorwort

Göfis

Frastanz

Satteins

Schlins

Röns

Düns

Dünserberg

Schnifis

Nenzing

Bludesch

Thüringen

Ludesch

Nüziders

Bürs


[ #Feldkirch ] Paula Ludwig und Bert Brecht

Exil aus Anstand.  

Paula Ludwig (* 5. Januar 1900 in Feldkirch; † 27. Januar 1974 in Darmstadt) war eine Vorarlberger Schriftstellerin und Malerin. Sie lernte Brecht bereits Anfang der 20er Jahre in München kennen. In Berlin begegnete man sich wieder. Paula Ludwig besuchte die Aufführungen der Brecht-Stücke: den "Baal", später die "Dreigroschenoper".

Der Nationalsozialismus machte dem intensiven künstlerischen Leben der Weimarer Republik ein jähes Ende. Brecht ging ins Exil nach Dänemark, später in die UdSSR und die USA. Paula Ludwig fühlte sich unwohl im nationalsozialistischen Deutschland. Obwohl sie weder rassisch noch politisch verfolgt war, lebte sie ab 1933 in Ehrwald in Tirol. 1938 floh sie - wegen ihres Eintretens für deutsche Juden bedroht - über die Schweiz nach Frankreich und 1940 nach Brasilien, wo ihre Schwester lebte. In Rio de Janeiro und Sao Paulo blieb die Regimekritikerin von 1940 bis 1953 im Exil. Heute ürden die östereichischen Asylbehörden Paula Ludwig zurückschicken. Anstand ist ja bekanntlich kein Asylgrund.

Als sie 1953 nach (West-)Deutschland zurückkehrte und bald nach Ehrwald in Tirol auswich, machten Freunde von ihr Bertolt Brecht in (Ost-)Deutschland auf die dramatischen Lebensumstände von Paula Ludwig aufmerksam. Es entwickelte sich ein kurzer Briefwechsel im Jahr 1955. Bertolt Brecht erinnerte sich an Paula Ludwig, versuchte ihr auch unkompliziert und rasch zu helfen. Brecht starb aber schon ein Jahr später, im August 1956.


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Dienstag, 6. September 2022

[ #Vorarlberg ] Vorarlberg auf der Mercator Europakarte

British Library - Online Gallery: Teil von Vorarlberg:
The Tyrol and part of Lombardy, f.28

Die British Library hat in ihrer Reihe "Turning the Page" Mercators Europakarte von 1554 digitalisiert online gestellt. 

Das fast 100seitige Werk zeigt auch eine Karte "Tyrolis" in der Teile Vorarlbergs dargestellt sind: Vom Arlberg übers Klostertal nach Bludenz bis Feldkirch und das Montafon mit dem "Illfluß".
Service. Dies ist nur der Hinweis auf einen Beitrag eines hier verlinkten Weblogs, einer Website oder eines Downloads. Mehr erfährt man, wenn man den untenstehenden Links folgt! Nütze auch den Link „[Google Search] ⇒ “. Er liefert allenfalls einen aktuelleren Link im Falle einer Verwaisung und/oder auch zusätzliche oder aktuellere Infos!

 

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Sonntag, 4. September 2022

[ #Vorarlberg ] Lexikon Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933-1945


Das Lexikon Verfolgung und Widerstand ist ein Auszug aus dem Buch "Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933-1945", das die Johann-August-Malin-Gesellschaft 1985 veröffentlicht hatte.

Vergriffen. Das Buch ist inzwischen vergriffen. Es behandelte für Vorarlberg zum ersten Mal ausführlich und umfassend Verfolgung und Widerstand unter dem "ständestaatlichen" Regime (von der Ausschaltung des Bundesparlaments im März 1933 bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung im März 1938) sowie unter der NS-Diktatur vom März 1938 bis zum Kriegsende Anfang Mai 1945.

Personen-Lexikon. Das Lexikon steht jedoch online zur Verfügung und enthält Daten zu Personen, die entweder ihren regulären Wohnsitz zwischen 1933 und 1945 in Vorarlberg hatten oder durch ihre Herkunft an das Land gebunden waren. Freilich enthält das Lexikon auch Täter, nämlich solche von 1933 bis 1945 die nach 1938 auch verfolgt wurden. Vergleichsweise sehr geringfügig und begünstigt etwa Otto Ender, Altlandeshauptmann und ehemaliger Bundeskanzler.

Aktenbestände, Interviews, schriftliche Mitteilungen sowie Literaturangaben - sind am Schluss des Lexikons vollständig aufgeschlüsselt. Im Anschluss an das Lexikon befindet sich auch eine Bilanz, mit einer Auflistung der Menschen aus Vorarlberg, die durch die Verfolgungsmaßnahmen der NS-Herrschaft um ihr Leben gebracht wurden.

Ergänzungen und Aktualisierungen. Wo erforderlich, wurden die ursprünglichen Angaben der Buchveröffentlichung auf der Basis neuer Forschungsergebnisse aktualisiert. Es handelt es sich um:

Personen, die mindestens einige Tage in Gestapo-Haft waren, und zwar nicht nur "Politische" im engeren Sinne, sondern auch Leute, die durch ihr Verhalten den politischen Totalitätsanspruch des NS-Regimes in irgendeiner Form unterhöhlten. Die Gestapo-Haft ist deshalb das entscheidende Kriterium, weil die Geheime Staatspolizei sich grundsätzlich für alle "staatsfeindlichen" und "staatsgefährdenden" Angelegenheiten zuständig erklärte. Zu dieser Personengruppe wären noch weitere Recherchen erforderlich;
* von NS-Gerichten Verurteilte und in Konzentrationslager Deportierte;
* Wehrdienstverweigerer und Deserteure;
* Opfer des militärischen Widerstandes der letzten Tage;
* aus "rassischen" und sozialen Gründen Verfolgte;
* Personen, die nachweislichen und wirksamen Widerstand geleistet haben, den NS-Behörden aber nicht bekannt wurden;
* Antifaschisten, die auf Grund ihrer politischen Einstellung zwischen März 1933 und März 1938, also nach der Beseitigung der parlamentarischen Demokratie durch den Austrofaschimsus und sodann während des "Ständestaats", inhaftiert waren.
Vollständigkeit. Nicht verzeichnet sind diejenigen, deren Widerstand oder Verfolgung nicht aktenkundig wurde, sowie die "Euthanasie"-Opfer unter der NS-Herrschaft, da deren namentliche Erwähnung noch lebenden Familienmitgliedern unangenehm sein könnte. In diesem Rahmen strebt das Lexikon möglichste Vollständigkeit an.

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Donnerstag, 1. September 2022

[ #Vorarlberg ] Praktisch, aber anstößig - Skihasen in Skihosen

Bild: Trude Jochum-Beiser 
* 2. 9. 1927 Lech /Vorarlberg, Skisportlerin. Erste österreichische Olympiasiegerin im alpinen Skisport . 1948 Olympische Winterspiele/St. Moritz Schweiz/Kombination Gold und 1952 Olympische Winterspiele/Oslo Norwegen/Abfahrt/Gold.

In den 1930er Jahren standen im Vorarlberger Landesschulrat die Skihosen zur Diskussion. 

In den 1930er Jahren standen auch im Vorarlberger Landesschulrat die Skihosen zur Diskussion. Dürfen die Mädchen aus den Schulen der Berggemeinden ausnahmsweise Hosen tragen? Frauen in Hosen galten lange Zeit als Tabubruch, ja als "erotische Sensation". Sie brachten vermeintlich Männer in Wallung und angeblich auch deren Frauen in Rage.In Wirklichkeit ging es nicht um "Maskulierung" der Frauen oder um die Emanzipation der Frauen, es ging um die religiös verbrämte Vorrangstellung des Mannes.

Modefrei. Denn die Mode dürfte kaum solche Wallungen bewirkt haben, schon gar nicht die "selbstgestrickten" Skihosen von armen Bergbauernmädchen. Die Mädchen mit Gamaschen und Breecheshosen, Eschenbrettern ohne Stahlkanten und mit Haselnusstock! Die Erfahrung der Menschen damit entsprach wohl eher jener zeitgenössischen deutschen Zeitungsmeldung: "Die Damen sind alle vermännlicht, kaum dass man sie von den Männern unterscheiden kann. Eleganz und weiblicher Charme gewinnen nicht durch diese Maskulinisierung.“

Landesschulrat. Der amtierende Landesschulinspektor Heinrich Winsauer vertrat im Kollegium die  Auffassung, dass die Skihose für Mädchen bei Ausübung des Skisports "vom gesundheitlichen und  ästhetischen Gesichtspunkte aus  die angebrachte Kleidung sei" und beantragte, in Berggemeinden den Mädchen, die die weiten Schulwege auf Skiern zurücklegen, auch in den Klassen das Tragen von Skihosen zu gestatten, zumal keine Umkleidemöglichkeit bestehe.

Kirche. Damit löste Winsauer keine Euphorie aus. Im Landesschulrat gab es Bedenken.  Landeshauptmann Dr. Otto Ender war erst im Dezember 1930 zum  österreichischen Kurzzeit-Bundeskanzler berufen worden, kehrte jedoch im Juli 1931 schon wieder in die Landesregierung zurück. Unter dem konservativen und wenig demokratiefreundlichen Landeshauptmann war kein Platz für solche Reformen, schon gar nicht gegen die Zustimmung der Kirche. Ender war ein Befürworter der obrigkeitlichen Zensur und hatte willkürlich und gegen die österreichische Bundesverfassung die Zensur im Vorarlberger Kino wieder eingeführt.

Politik. Der Landesschulrat war da auch keine Ausnahme, sondern wachte wohl mehr über die Einhaltung der Moral und Disziplin als er am Fortgang der Bildung der Vorarlberger Jugend interessiert war. Keine gänzlich unbekannte Erscheinung auch in der heutigen scheinbar modernen Zeit. So beschloss der Landesschulrat auch, eine Stellungnahme der Apostolischen Administratur Feldkirch einzuholen. Bischof Sigismund Waitz ließ draufhin ausrichten, dass er Skihosen für Schulmädchen als keine dringende Notwendigkeit erachte und die kirchliche Behörde durch eine Befürwortung der Skihose als Schulkleidung nicht dazu beitragen möchte, dass sich ein  solcher Usus mit ihrer Zustimmung  einbürgere. Das hatte Gewicht. Der Landesschulrat sagte untertänigst und prompt gegen jedwede sachliche Begründung und gesundheitlicher Rücksichtnahme nein.


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[ #Schnifis ] Laurentius von Schnifis: Retrodigitalisat von dem in Hohenems erschienenen "Philotheus" ist online


Laurentius von Schifis  ist für den kleinen Ort Schnifis wichtig. Wein und Käse werden mit seinem Namen vermarktet. Der Kapuziner ziert seit 1970 auch das Wappen der Gemeinde. 

Vorarlberger Stationen: Schnifis - Feldkirch - Hohenems. Dabei begann das Leben des Johannes MARTIN (* 24. August 1633 in Schnifis in Vorarlberg; † 7. Januar 1702 in Konstanz) keineswegs so fromm. Geboren in einfachen Verhältnissen,  Sohn des Caspar Martin und der Maria Gom besuchte angeblich 1650/51 das Jesuitengymnasium in Feldkirch. Dies war in dem erst 1649 gegründeten Gymnasium wohl nur möglich, weil die Jesuiten kein Schulgeld verlangten. Im Jahre 1650 waren dort 124 Schüler in Ausbildung. Nicht unwahrscheinlich, dass dort bereits seine Leidenschaft für Theater und Literatur geweckt wurden. Immerhin wurden dort schon 1652 zwei Klassen für Literatur und Dichtkunst eingerichtet.

Fahrender Komödiant. Nach dem Schulbesuch war er jedenfalls bis 1658 als Wanderschauspieler im süddeutschen Raum unterwegs bis er an den Hof von Innsbruck zu einer Anstellung gelangte. dort arbeitete er angeblich als Hofschauspieler und wurde auch von Kaiser Leopold sein 1682 erschienenes "Mirantisches Flötlein" zum Poetas laureatus, zum Dichterkönig gekrönt. Mit dem Tod seines Gönners Erzherzog Ferdinand Karl scheint die Abkehr vom Hofleben zu beginnen und 1665 erfolgt sein Eintritt in den Kapuzinerorden. Schon zwei Jahre zuvor, 1663, war er  zum Priester geweiht worden. Sein erstes Priesteramt versah er in Hohenems.

In der gräflichen Hohenemser Herrschaft scheint Johannes Martin einen Förderer gefunden zu haben. Besonders der Gattin des Grafen wird großer Einfluss auf ihn nachgesagt. Die Nachwelt verdächtigt ihn aufgrund seiner Werke aber auch als Schwerenöter mit Frauen und so scheint sich sein Eintritt in das Priesterleben und das Kapuzinerkloster keineswegs nur als Sieg der Frömmigkeit über die Laster des fahrenden Komödianten darzustellen. Mit dem Eintritt von Johannes Martin (von Schnüfis) in das Kapuzinerkloster wird aus ihm der Laurentius von Schnifis, als der er uns durch eine montane Landesgeschichtsschreibung und in Schnifis als Käse in Erinnerung ist.

Annemarie Bösch-Niederer führt dazu in ihrem Beitzrag über die Tanzlust in früheren Zeiten (Verba volant Nr. 7/2008) aus:
Der Kapuzinermönch Laurentius von Schnifis zählt zu den führenden Liedmeistern des süddeutschen Barock. In seinen Gedichtbänden geht er kritisch auf die Auswüchse des barocken Lebensstils ein und stellt diese in Kontrast zur himmlischen Harmonie. Diese literarischen Werke sind nicht nur wegen der beigegebenen Melodien für die Musikwissenschaft von Interesse, siel liefern auch Details zum Musikleben der Zeit. Obwohl Laurentius seinen Liedern zum Teil Tanzmelodien unterlegt, verurteilt er den Tanz. So wettert er unter anderem in seinem IX. Lied des Mirantischen Flötlein 1682: 
„Man tanzt und springt
Biß an den Morgen
Man scherzt/lacht und singt
Ohn alle Todessorgen:
Man schwimmt nach der Areta-Lehr/
Biß an den Hals im Nectar-Meer/
Drauf fahren die Gesellen/
Ach laider! Scharen-dick/
Hinab zur Höllen.“
Embser Druckerei Schwendimann. In Hohenems erscheint bereits 1665 in der gräflichen Embser Druckerei Schwendimann  - wohl nicht ohne Unterstützung des Grafenhauses und Ausfluß seiner Priestertätigkeit in Hohenems - sein Schäferroman Philoteus. Der Roman wird in den Vorarlberger Bezugnahmen auf Laurentius, die ihn immer nur als Vorarlberger "Quasiheiligen" darstellen, kaum oder gar nicht erwähnt, wiewohl er auch Zeugnis früher Vorarlberger Drucktätigkeit und einer Zuwendung der Literatur an breitere Bevölkerungsschichten zum Ausdruck bringt. Er ist wohl auch eine der ersten Quellen seines Buchstabenverwirrspieles: Aus MARTIN wird MIRANT (Vgl."Mirantisches Flötlein"). Auch wenn er mit dem Eintritt in den Orden der Kapuziner seine Veröffentlichungen mit Laurentius zeichnen sollte, seine Urheberschaft wollte er nicht in einem anonymisierten Ordensnamen untergehen lassen und so benennen sich seine Schriften regelmäßig als "MIRANTische".




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[ #Vorarlberg ] Die verfassungsrechtliche Position der Gemeinden in Vorarlberg

Die einzelne Gemeinde hat nach Österreichischen Bundesverfassung und auch nach den Landesverfassungen keinen Bestandschutz. 

Zwar ist die Gemeinde als Institution bundesverfassungsrechtlich vor der Abschaffung – an  die ohnehin niemand denkt – geschützt, der Bestand der einzelnen Gemeinde ist jedoch maßgeblich vom Willen des einfachen Gesetzgebers abhängig.
Zwangsweise Gemeindeauflösungen und Gemeindefusionierungen sind nach dem geltenden Verfassungsrecht ohne weiteres möglich. Die Organisation und die Aufgaben der Gemeinden sind in Österreich bundesverfassungsrechtlich detailliert geregelt. Dies stellt an sich eine bundesstaatliche Anomalie dar, die nur historisch erklärbar ist.
Ein Blick in die Verfassungen unserer bundesstaatlichen Nachbarn zeigt, dass das Gemeinderecht in weitem Umfang dem gliedstaatlichen Gesetzgeber übertragen ist. Daher findet sich in den bundesstaatlichen Verfassungen unserer Nachbarstaaten im Wesentlichen lediglich die kommunale Bestandsgarantie, die Bundesverfassungen enthalten sich jedoch detaillierter Aussagen über Funktion und Organisation der Gemeinden. Aus den Materialien zur B-VG-Novelle 1962 ergibt sich deutlich, dass die österreichischen Gemeinden diesen bundesstaatstypischen Weg nicht gehen wollten.

Der Österreichische Gemeindebund und der Österreichische Städtebund, die die Gemeindeverfassungsnovelle 1962 inhaltlich weitgehend vorbereitet hatten, wollten die Gemeinden in der Bundesverfassung und nicht in den Landesverfassungen verankert wissen, da sie nicht allein den Ländern „ausgeliefert“ sein wollten.


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Mittwoch, 31. August 2022

[ #Vorarlberg ] Inatura - Die Erlebnis Naturschau in Dornbirn


Die Inatura ist ein einzigartiges Museumskonzept, das Besucher interaktiv an spannende Themen heranführt und Forschung, Naturwissenschaft und Technik mit 4000 Ausstellungsexponaten „begreifbar“ macht und besitzt das Österreichische Museumsgütesiegel  und gilt als das größte und modernste Naturmuseum im Bodenseeraum. 

Die inatura ist sowohl Erlebnisausstellung als auch Dokumentationszentrum über die Natur Vorarlbergs. In der Ausstellung machen multimediale Präsentationen, Spiele und Präparate zum Begreifen die Natur mit allen Sinnen erlebbar. 

Die Science Zones präsentieren verblüffende Phänomene der Physik. Die inatura ist aber auch eine Forschungsstätte, in der die belebte und unbelebte Natur des Landes dokumentiert wird. In Mitteleuropa einzigartig ist die gesetzlich verankerte Stellung des Museums im Naturschutz.

Auf dem Museums-Rundgang durch die Lebensräume des Landes kann man die im Lande lebenden Tiere und Pflanzen aus nächster Nähe sehen. In vielen Experimenten, mit Anschauungsobjekten, Filmen und Bildern lernen Besucher spielerisch gezielte Themen kennen.

Die Inatura ging im Jahr 2003 aus der ehemaligen Vorarlberger Naturschau hervor und wurde auf einem ehemaligen Werksgelände (Rüsch-Werke) inmitten des neuen Dornbirner Stadtparks eingerichtet. Die Rüsch-Werke, in deren Areal die inatura und der Stadtgarten situiert sind, waren ein wichtiger Turbinenbaubetrieb in der Österreich-Ungarischen Monarchie, die führende Maschinenfabrik in Vorarlberg



Stadtgarten. Die inatura liegt inmitten des neuen 25.000 m² großen Stadtgartens von Dornbirn. Mit seinem Dornröschengarten, der Gehölzsammlung mit Bäumen aus allen Weltteilen und schattigen Ruheplätzen bietet er sich als idealen Ort zur Entspannung an. Das inatura-Cafe bietet Köstlichkeiten aus Küche und Keller, die im Sommer auch im Freien serviert werden.

Die ehemalige Montagehalle (Rüsch-Werke) gegenüber der inatura wird vom Kunstraum Dornbirn bespielt. Zeitgenössische Kunst im Spannungsfeld zur Natur steht im Mittelpunkt. Der Kunstraum bietet jenen Künstlern ein Arbeitsfeld, für die die Natur, ihre Geschichte, deren Wahrnehmung, Wissenschaft und Erforschung den zentralen Ausgangspunkt ihrer Arbeit bildet. 

Gesellschafter der Inatura sind das Land Vorarlberg und die Stadt Dornbirn. Der Betrieb wird von der inatura Erlebnis Naturschau GmbH in Dornbirn geführt.

inatura - Erlebnis Naturschau
Jahngasse 9, 6850 Dornbirn
T +43 (0)5572 232 350
F +43 (0)5572 232 358

Öffnungszeiten. Täglich 10.00 - 18.00 Uhr. Für Schulklassen zusätzlich Montag bis Freitag von 08.30 - 10.00 Uhr nach Voranmeldung. Schließtage: 01. Jänner und 25. Dezember


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