Mittwoch, 5. Juni 2019

[ #Bregenz ] Egon Schiele: ... ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See ...

Egon Schiele / Das alte Schloss in Bregenz  - 1912
Am 25. Januar 1914 schrieb Egon Schiele: "Mir ekelte vor meiner früher so innig geliebten melancholischen Landschaft in Neulengbach. - es trieb mich als Gegensatz an die Grenze(!); ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See und ferne weiße sonnige Berge der Schweiz .- ..."

Aktstudien. Egon Schiele übersiedelte 1911 nach Krumau, der Heimatstadt seiner Mutter. Kurz zuvor macht er Bekanntschaft mit dem Modell Wally Neuzil, die sein bevorzugtes Modell und seine Freundin wird. Er geht mit ihr eine freie Lebensgemeinschaft ein und nimmt sie mit nach Krumau. Dort beginnt eine künstlerisch ersprießliche Tätigkeit. Bald aber läuft es der kleinstädtischen Gesinnung zuwider, dass Schiele auch sehr junge Krumauer Mädchen zu Aktstudien heranzieht und darüber hinaus in "wilder Ehe" mit Wally lebt. Schiele muss aus Krumau fort und lässt sich nach einer kurzen Zwischenstation bei seiner Mutter in Neulengbach, nahe bei Wien, nieder. Schiele fällt aber wie in Krumau als Künstler auf. Seine berühmten Jungmädchenakte machen ihn zum Skandalmaler der Wiener Gesellschaft und bringen ihn in seinem kurzen Leben ins Gefängnis.

Untersuchungshaft. Am 13. April wird Schiele in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen wegen angeblicher Entführung einer Minderjährigen und anderer Delikte. 125 erotische Zeichnungen wurden beschlagnahmt. Am 30. April wird er ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt. Die Hauptbeschuldigung, eine Minderjährige verführt zu haben, erweist sich als haltlos. Weil Kinder aber gelegentlich in Schieles Atelier seine Aktstudien zu Gesicht bekommen, scheint damit dem Gericht der Tatbestand der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" gegeben. Es verurteilt Schiele deswegen zu drei Tagen Arrest, die aber mit der vierundzwanzigtägigen Untersuchungshaft verbüßt sind. Ermöglicht wurde die Verhaftung des Künstlers durch den Paragraphen 516 des damaligen Strafgesetzes (Die Geburtsstadt Tulln hat übrigens ausgerechnet im alten Gefängnis ein kleines Schiele-Museum eingerichtet). Das alles bedeutet für Schiele einen schweren Schock. Die Zeit von Neulengbach, eine seiner produktivsten Perioden, war auf diese Weise zu Ende gegangen.

Selbstpotraits. Unzweifelhaft sind die Akte in Schieles Werk ein ganz wesentlicher Bestandteil. Schiele äußerte sich dazu: "Kein erotisches Kunstwerk ist eine Schweinerei, wenn es künstlerisch bedeutend ist, zur Schweinerei wird es erst durch den Beschauer, wenn er ein Schwein ist". Was den genialen Bürgerschreck vor fast 90 Jahren hinter Gitter gebracht hat, hängt heute in jedem dritten Wohn-/ Schlafzimmer! Aber unberücksichtigt bleibt auch, dass von den 245 erhaltenen Gemälden - dazu kommen noch rund 2000 Zeichnungen - über hundert Selbstporträts sind, oder besser: Selbstdarstellungen. Denn die meisten dieser Bilder sprengen den Rahmen dessen, was man gemeinhin ein Selbstporträt nennt. Für Schiele ist die Selbst-Darstellung stets Selbst-Suche. Suche nach den Grenzen und Konturen seines Selbst.

Bregenz. Die Zeit im Gefängnis hatte bei dem jungen Schiele natürlich ihre Spuren hinterlassen, Schiele fühlt sich zunächst unfähig, zu arbeiten. Er teilt sich ein Atelier mit seinem Freund und Mitglied der "Neukunstgruppe", Erwin Osen. Bis zum Jahresende unternimmt er mehrere Reisen; zunächst nach Kärnten und Triest, in der zweiten Jahreshälfte zieht es ihn nach München, Bregenz und Zürich. Im Sommer 1912 fuhr Schiele mit der Bahn nach Bregenz und wohnte in einem Gasthaus am See (Reichstr. 13, heute abgerissen). Selbstredend nützte Schiele die Zeit am Bodensee auch zum Zeichnen und Malen. Im November bezieht er wieder ein eigenes Atelier in der Hietzinger Hauptstraße in Wien. Neben den Modellen die weiterhin zahlreich sein Atelier besuchen, entstehen in Schieles Räumen in den nächsten Jahren zahlreiche Portraits von Freunden und Förderern. In der von Franz Pfemfert herausgegebenen Berliner Zeitschrift "Die Aktion - Wochenzeitschrift für Politik, Literatur und Kunst" werden seit 1913 sowohl Zeichnungen als auch Prosagedichte Schieles aufgenommen.


Egon Schiele - Kastanienbaum (Blick vom Seeufer bei Lochau...) 1912

Egon Schiele. Egon Schiele wurde am 12.6.1890 in Tulln als 4. Kind des Bahnhofsvorstandes im Gebäude des Tullner Bahnhofs geboren. Ab 1906 besucht das Eisenbahnerkind die Akademie der Bildenden Künste, die er nach drei Jahren enttäuscht abbricht. Die Anfänge seines künstlerischen Schaffens stehen noch im Zeichen nachimpressionistischer Stiltendenzen, ab 1907 wendet er sich unter dem Einfluss Gustav Klimts dem Jugendstil zu. Seine Auseinandersetzung mit der dominierenden künstlerischen Richtung erfolgt jedoch auf sehr eigenständige Art und Weise. Sich von den ästhetisierenden, ornamentalen Tendenzen des Jugendstils abwendend, findet Schiele ab 1910 zu seinen typischen expressionistischen, teilweise ekstatisch anmutenden Ausdrucksstudien. Ausdrucksstark, mit expressionistischer Gestik bildet er nicht nur Sichtbares ab, sondern beschreibt Seelenzustände, fängt das Temperament und die inneren Spannungen der Abgebildeten ein. Stilistisch entfernt er sich immer mehr von seinem Freund und Förderer Gustav Klimt und den Wiener Sezessionisten. Erst in seinen letzten beiden Lebensjahren erlangt Schiele Anerkennung als Portraitist. Er hatte enormes Talent und eine egomane Besessenheit, wie man schon an der Zahl seiner Werke ersehen kann.

Spanische Grippe. In den Jahren 1918 und 1919 ging das Influenza-Virus als "Spanische Grippe" in die Geschichte ein. Der erste Weltkrieg wütete. Leid, Trauer und Schmerz überzogen viele Länder. Jeden Tag hatte man Tausende von Gefallenen zu beklagen, was war da schon ein Kranker in einem Militärcamp? "Ein Drückeberger, jemand der nicht an die Front will...". So dachte auch dieser Armeeangehörige der unter starken Schmerzen seinen Dienst verrichtete. Tagelang schleppte er schon eine fiebrige Erkrankung mit sich, als er sich endlich beschloss zum Militärarzt zu gehen. "Erkältung!" lautete kurz und knapp die Diagnose des Arztes und er steckte den Armeeangehörigen ins Bett und lies ihn gehörig schwitzen. Dieser "Erkältungs"-Erkrankte war der Anfang einer verheerenden Grippe-Pandemie, der erste Erkrankte an der "Spanischen Grippe" starb. So geschehen am 11. März im Jahre 1918 in einem Militärcamp in Kansas/USA. Nach Angaben der WHO starben bei der Pandemie weltweit mindestens 40 Millionen Menschen. Der Name "Spanische Grippe" rührt daher, dass die Presse in Spanien weitaus freier war als in den am ersten Weltkrieg direkt beteiligten Staaten. Nachrichten über die Krankheit wurden daher in vielen Ländern zensiert, so dass die ersten alarmierenden Berichte über diese Pandemie aus dem neutralen Spanien kamen.

Die glückliche Schweiz war an diesem Krieg nicht beteiligt. Aber auch die Schweizer Armee brauchte Kriegerdenkmäler. Und so baute man den während des ersten Weltkrieges an der Spanischen Grippe verstorbenen Schweizer Wehrmännern im ganzen Land Erinnerungsstätten. Dass Gesundheit und Leben von "Soldaten" auch vor dem Debnkmal nicht viel wert waren zeigt, dass von den 21.500 Schweizer Epedemieopfern nicht weniger als 3000 Soldaten waren. Trotzdem würde man sich mehr solcher statt anderer "Kriegerdenkmäler" wünschen.Die ihnen gewidmeten Denkmäler erforderten eine spezielle Typologie und eine schweizerische Ikonographie ohne heroische Kampfgebärden. Die Bildhauer schufen nun in der ganzen Eidgenossenschaft friedliche Allegorien und Soldaten auf Wache. Als das bekannteste gilt das Forchdenkmal.

Am 6. Februar 1918 stirbt Gustav Klimt. Am Tag danach hat Schiele den toten Klimt im Allgemeinen Krankenhaus dreimal gezeichnet. Durch den Tod Klimts war er plötzlich der anerkannt führende Künstler Wiens. Im März stellt die Wiener Sezession Schiele und seiner Gruppe ihr Gebäude zur Verfügung, Schiele selbst den Hauptsaal. Er ist mit 19 großen Gemälden und 29 zum Teil aquarellierten Zeichnungen vertreten. Künstlerisch und materiell bedeutet diese Ausstellung für ihn den ersten wirklichen Erfolg. Seine Gattin ist im sechsten Schwangerschaftsmonat als sie am 19. Oktober an spanischer Grippe erkrankte. Neun Tage später verstarb sie und wurde am 31. Oktober am Ober-St. Veiter Friedhof beigesetzt. Am Abend des 27. Oktobers hatte Egon Schiele noch zweimal seine Frau gezeichnet. Es waren seine letzten Arbeiten. Egon Schiele stirbt jung, am 31.10.1918 in Wien - mit nur 28 Jahren - an der Spanischen Grippe, am selben Tag an dem das Begräbnis seiner Frau stattfand.

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Dienstag, 4. Juni 2019

[ #Rheintal ] Schiffsmühlen am Alpenrhein



Mühlentechnologie auf dem Alpenrhein.


Die angeblich erstmalige Anwendung von Schiffsmühlen soll durch die Römer im Jahre 537 während der Belagerung durch die Goten belegt sein. Ab dem Mittelalter befanden sich jedenfalls auch schon an vielen Flüssen Europas solche schwimmende Wasserkraftanlagen zum Mahlen von Getreide. Mit der Dampfmaschine, Inbdustrialisierung und den Flussregulierungen sind sie jedoch nahezu vollständig aufgegeben worden. Nicht zu übersehen ist dabei die Entwicklung der Transporttechniken (Eisenbahn), die ein Vermahlen des Mehles vor Ort überflüssig, längere Transportwege möglich machten.

Der Rhein wurde für die Gewinnung von Energie, zunächst wohl ebenfalls durch eine Reihe von Mühlen aller Art genutzt. Dabei wurde die Energie des Rheins auch für den Betrieb von Getreidemühlen genmutzt und wurde mittels Wasserrad auf die Mahlsteine übertragen.

Die Schiffsmühlen waren aufgrund ihrer Verankerung auf einem Bootskörper mobil und in der Lage, auf die sich verändernden Gegebenheiten des Flusses zu reagieren. Das war ein wesentlicher Vorteil gegenüber den fest- und landverankerten Mühlen, die auf den notwendigen Wasserstand angewiesen waren. Unterschlächtige Wasserräder trieben die Mühlen an. Räder und Mühleneinrichtung waren auf einem Schiff montiert. Das Schiff wurde in der stärksten Strömung des Flusses verankert. Da sich das Schiff mit dem Wasserstand hob und senkte, tauchten die Räder immer gleich tief ein.

Ab dem Jahr 1466 lassen sich solche Schiffsmühlen auf dem Alpenrhein auf Vorarlberger Seite nachweisen, wiewohl sie offenbar bereits davor in Anwendung waren, denn das Jahr dokumentiert nur eine Urkunde in der die Verlängerung eines entsprechenden Lehens gewährt wurde. Die letzte überlieferte Schiffsmühle auf dem Rhein kann mit dem Jahr 1861 dokumentiert werden. Auch auf Schweizer Seite sind an die zwanzig Schiffsmühlen dokumentiert.



Ein 36seitiger Ausstellungskatalog (AK 5: 400 Jahre Schiffsmühlen am Alpenrhein 1466 - 1861. Führer durch die Ausstellung. 17. Juni bis 30. August 1991) zur Vorarlberger Schiffsmühlengeschichte steht als Download zur Verfügung.

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[ #Schlins ] Die Erfindung eines Vorarlbergers: Das evangelische Pfarrhaus


Durch den Zölibat war es katholischen Priestern nicht möglich zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wer die höheren Weihen empfangen wollte, war dem Zwangszölibat unterworfen. 

Die Reformatoren sprachen sich eindeutig gegen den Zwangszölibat aus. Von 1520 an heirateten evangelische Theologen. Auf dieser Grundlage entstand das evangelische Pfarrhaus, das die Familie des Pfarrers beinhaltet (Pfarrer, Pfarrersfrau, Pfarrerskinder).

Evangelisches Pfarrhaus. Bartholomäus Bernhardi (1487 - 1551) gilt als der erste Pfarrer der  in den Ehestand getreten ist (Frühjahr 1521) und dafür nicht hingerichtet wurde, da der damalige Kürfürst Friedrich der Weise Bartholomäus Bernhardi nicht auslieferte. Er heiratete 1521, noch vier Jahre früher als Luther. Die "Schutzhaft" Luthers auf der Wartburg hinderte diesen an der ersten Verehelichung eines Priesters teilzunehmen. Deftig gratulierte ihm Luther aus der Wartburg: "dass er den neuen Ehemann bewundere, der in dieser stürmischen Zeit nichts fürchte und dazu so sich beeilt habe. Gott wolle ihn leiten und geben, dass er in dem sauren Salat, den er sich damit angerichtet habe, doch auch einige Süßigkeiten verspüren möge."

Aber das ist nur der sensationelle Teil der Nachricht, dass ausgerechnet ein vorarlbergstämmiger Priester der erste verheiratete in diesem Metier war. Der nachhaltigere Aspekt ist der des evangelischen Pfarrhauses, das mit seiner Verehelichung von ihm begründet wurde. Das Pfarrhaus war immer eine kulturtragende Institution, oft die einzige in der Gemeinde. Die meisten Pfarrerskinder erhielten eine solide kulturelle Ausbildung. Aus dem Pfarrhaus gingen viele bedeutende Wissenschaftler und Künstler hervor. Von den 1.631 in der "Allgemeinen deutschen Biographie" behandelten Männern stammten 861 aus dem evangelischen Pfarrhaus. Die Pfarrersfrau hielt zuerst ihrem Mann den Rücken frei für seine Arbeit. Sie unterstützte ihn zwar auch bei seiner Gemeindearbeit, hielt sogar sehr oft das Pfarrhaus aufrecht und am Laufen, aber das wurde als normal und vorerst wohl nicht weiter erwähnenswert angesehen. Erst in neuerer Zeit, da sie oft auch einen eigenen Beruf ausübte, hat sich das Bild der Pfarrersfrau so grundlegend geändert und hat mit der Berufung von Pfarrerinnen einen zeitgemäßen Wandel in der Rollenverteilung im Pfarrhaus mitbewirkt. Jetzt übernimmt immer öfter eine Frau die Arbeit in den protestantischen Gemeinden, ihr zur Seite ein "Pfarrerinnenmann".


Bernhardi Bartholomäus. (*24.8.1487 in Schlins/Feldkirch, †21.7.1551 in Kemberg bei Wittenberg) Bartholomäus Bernhardi studierte in Erfurt, war seit 1504 in Wittenberg und wurde Magister artium. In Chur erhielt er die (katholische, altgläubige) Priesterweihe, kehrte aber bald nach Wittenberg zurück und wurde Professor der Physik, 1512 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1518 Rektor der Universität. Bartholomäus Bernhardi promovierte 1516 zum Lic. theol. unter dem Vorsitz Martin Luthers, auf dessen Seite er 1517 im Ablassstreit stand und wurde 1518 Propst und Pfarrer in Kemberg. Bartholomäus Bernhardi verkündigte nicht nur die evangelische Lehre, sondern trat auch 1521 als erster Prediger in den Ehestand. Er vermählte sich trotz seines Priestergelübdes in Kemberg mit der Kemberger Bürgerin Gertraude Pannier. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Damit wurde er der Begründer des evangelischen Pfarrhauses. Der Erzbischof von Magdeburg, Kurfürst Albrecht von Mainz, verlangte vom Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, die Auslieferung Bernhardis an das geistliche Gericht. Zu seiner Rechtfertigung sandte Bernhardi dem Erzbischof eine Verteidigungsschrift: "Apologia pro M. Bartholomaeo praeposito, qui uxorem in sacerdotio duxit", die in mehreren lateinischen und deutschen Ausgaben in Erfurt und Wittenberg 1521 und 1522 erschien. Da sich der Erzbischof mit dieser Rechtfertigungs- und Verteidigungsschrift nicht zufrieden gab, wandte sich Bernhardi an seinen Landesherrn, den Kurfürsten von Sachsen, der seinen Prediger schützte und nicht auslieferte.

Berhardis Ehe war auch von dem Reformator Karlstadt in einer Druckschrift verteidigt worden ("Das die Priester Eeweyber nemen mögen vnd sollen. Beschutz red des würdigen herren Bartolomei Bernhardi, probsts zü Camberg, so von Bischoff von Meydburg gefordert, antwurt zü geben, das er in priesterlichem standt, eyn iungkfrauw zü Ee genommen hatt." Andreas Rudolff-Bodenstein von Karlstadt - Strassburg: Reinhard Beck Erben 1522). Karlstadt war wiederum wegen Berhardi erst zum Reformator geworden. Er war anfangs ein Gegner der neuen Theologie Luthers, den er am 18.10.1512 zum Dr. theol. promoviert hatte und wollte ihn aus Augustinus widerlegen, kam aber durch das Studium der Schriften Augustinus zu der Erkenntnis, dass Luthers Schüler Bartholomäus Bernhardi, der am 7. September 1516 die ockhamistische Lehre, dass der Mensch aus eigener Vernunft und Kraft die Gebote Gottes erfüllen könne, bestritten hatte, doch recht habe, und trat nun selber am 26.04.1517 mit 151 Disputationsthesen "de natura, lege et gratia" öffentlich für die neue Lehre ein.

Index Librorum Prohibitorum. An prominenter Stelle steht deshalb seit der ersten Veröffentlichung des "Index Librorum Prohibitorum" auch  Bartholomäus Bernhardi aus Schlins, übrigens neben drei anderen "Feldkirchern". Der "Index Librorum Prohibitorum" war ein Verzeichnis der für jeden Katholiken bei Strafe der Exkommunikation verbindlich verbotenen Bücher. Besonders schwer wog die Sanktion bei Nichteinhaltung des Index für gläubige Katholiken: die von selbst eintretende Exkommunikation, also der Ausschluss von den Sakramenten. Die Strafe trat in Kraft beim Lesen verbotener Bücher, beim Verteidigen ihres Inhalts, beim Aufbewahren solcher Schriften, bei ihrer Weitergabe.


Vorarlberger im Bild.  Berühmt ist Lukas Cranachs (d.Ä.) Dessauer Abendmahlsbild, das auch einen "Vorarlberger" zeigt. Dieses Abendmahlsbild von Cranach ist ein "Who is Who" der Reformation: Es versammelt alle wichtigen mit der Reformation verbundenen Leute in Deutschland: den Stifter Joachim von Anhalt, den Maler Lukas Cranach, Herzog Georg von Anhalt (nach neueren Forschungen handelt es sich jedoch um Georg Helt), Martin Luther, Bugenhagen, Justus Jonas, Caspar Cruciger, Melanchthon, Johann Forster, Johann Pfeffinger, Georg Major und den aus Schlins/Feldkirch stammenden Bartholomäus Bernhardi. Dieses Bild ist als Epitaph für den Dessauer Fürsten Joachim (geb. 1509) gestiftet worden von seinen Neffen Fürst Joachim Ernst und  Bernhard. Fürst Joachim war der erste Landesherr Anhalts, der in Anhalt den reformierten Glauben einführte. Das Bild hing ursprünglich in der Kirche St. Marien in Dessau. Zum Glück überstand es die Zeitläufe und befindet sich heute in der Johanniskirche in Dessau.

In Kemberg steht ebenfalls ein Cranach-Altar, allerdings von Cranach dem Jüngeren. Wie in dieser Zeit bei einer Reihe von Altären und Epitaphen üblich, ist auch hier das Bild der Taufe Christi um eine Gruppe von Reformatoren vermehrt, in der neben dem amtierenden Propst Matthias Wenckel die Bildnisse von Luther, Melanchthon, Bugenhagen, Bernhardi, aber auch des vierundfünfzigjährigen Lucas Cranach erscheinen. Leider ist dieser Altar 1994 bei einem Brand erheblich beschädigt worden. Allerdings hat dieses Bild  der Nachwelt erhalten werden können.

Wie sehr Luther den "Feldkircher Bartholomäus" schätzte, geht aus dem Schreiben Martin Luthers Mitte Oktober 1516 an seinen Ordensmitbruder in Erfurt, den Augustiner Johannes Lang hervor: "Es besagt nichts, dass sich Deine Gabrielisten über meine, vielmehr des Bartholomäus Feldkirchen Thesenreihe (Anm.: De viribus et voluntate hominis sine gratia) verwundern, da sich auch die Meinigen bisher gewaltig darüber wundern. Freilich ist die Thesenreihe selbst nicht von mir gemacht, sondern Magister Bartholomäus hat sie so aufgestellt, nämlich bewogen durch das Geschwätz der Kläffer gegen meine Vorlesung. Ich weiß, was Gabriel sagt: Es ist alles treffend, außer wo er von der Gnade, der Liebe, der Hoffnung, dem Glauben, den Tugenden redet; wieviel er da mit seinem Skotus pelagianisiere, ist nicht derart, dass ich es jetzt brieflich vorbringen könnte."

Jodok(us) Mörlin (lateinisiert "Maurus"). Die Feldkircher Familie Mörlin war im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit ein wappenführendes Patriziergeschlecht. Immerhin war sie so bedeutend, dass ihr Wappen noch 1936 auf dem Feldkircher Rathaus angebracht wurde.  Jodok Mörlin wurde um 1490 in Feldkirch geboren. 1508 studierte er in Freiburg, 1509 mit einem Stipendium in Leipzig, und 1510 in Wittenberg. Hier machte er dann Karriere: 1512 wurde er Magister, 1514 Professor der Metaphysik, und 1516 Dekan der Wittenberger Artistenfakultät. Für einige Jahre blieb Jodok Mörlin als Professor der Philosophie an der Universität Wittenberg, 1521 Pfarrer in Westhausen in Thüringen: "Denn nachdem der letzte päpstliche Pfarrer Henningus Gode anno 1520 mit Tod abgegangen, und der Pfarrdienst vacant worden war, so wurde 1521 im Frühling M. Jodocus Morlinus, Presbyter Magdeburg Diözes und Professor Philosophie zu Wittenberg, von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen und seinem Bruder Herzog Johannsen zu Sachsen, dem Bischof Konrad zu Würzburg, als eine wohlqualifizierte Person, zu solchen Pfarrdienst präsentiert, auch auf Befehl des Weihbischofs, Joh. von Guttenberg, durch den Archidiakonus Joh. von Lichtenstein anno 1521, den 9. April, gewöhnlicher Maßen investiert und eingewiesen". Sein Sohn Joachim Mörlin wurde Bischof von Samland in Königsberg und hatte durch seine Mitarbeit am  "Corpus Prutenicum" die kirchliche Reorganisation Preußens bewerkstelligt! Im dortigen Dom errichtete man ihm zu Ehren gar ein Denkmal.

Johannes Dölsch. Er aus Feldkirch stammend, wurde auch einfach Doctor Feldkirch genannt und tritt zweimal in den ersten Jahren der lutherischen Reformation hervor. Als Eck im Jahre 1520 mit seiner Bannbulle aus Rom kam und außer Luther auch noch eine Reihe von Anhängern Luthers mit dem Bann gestraft wurden, gehörte auch Dölsch zu ihnen. Er war damals Professor der Theologie und Stiftsherr in Wittenberg, hatte Luther in einer Schutzschrift verteidigt, und Eck muss ihn wohl für bedeutend genug gehalten haben, um gegen ihn vorzugehen. Von den Wittenberger Professoren war nur noch Carlstadt diese "Ehre" zuteil. Später spielte er eine Rolle in den Wittenberger Unruhen, die die Abschaffung der Messe begleiteten. Er widersetzte sich Luthers Vorgehen und hatte sich den Zorn seines großen Freundes zugezogen. Die erste Spur von Johannes Dölsch findet sich 1502 in der Heidelberger Matrikel. Hier ist er mit zwei andern Feldkirchern immatrikuliert als: Johannes Piliatoris de Feltkirchen nona Decembris Wolfgannus Thischer Curiensis dioc.Vtalricus Scriptoris. Die drei Studenten, zu denen sich ein Vierteljahr später noch zwei Landsleute gesellten, waren in Heidelberg seit längerer Zeit die ersten Studenten aus Feldkirch. In Heidelberg blieb Dölsch vom Dezember 1502 bis zum Ende des Wintersemesters 1503/4. Im Sommer 1504 zog er mit Bartholomäus Bernhardi und Christoph Metzler (dem späteren und ersten nichtadeligen Bischof von Konstanz) nach Wittenberg. Hier sind alle drei im Sommer (23. Mai) immatrikuliert. Im Herbst wurde er Baccalaureus, in angaria sanctae crucis (= 18. Sept 1504).  Anderthalb Jahr später, am 10. Februar 1506, wurde er  Magister artium als zweiter unter elf. Im nächsten Jahre finden wir ihn wieder in Feldkirch, als neugeweihten Priester. Der katholischen Sitte gemäß hat er in der Pfarrkirche seiner Heimatstadt seine Primiz. Dölsch kam danach nach Wittenberg zurück, um sich hier der akademischen Laufbahn zu widmen.

Protestanten in Vorarlberg. Dass Luthers Lehre auch in Bernhardis früherer Heimat zu dieser Zeit Niederschlag fand, zeigt die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde in Feldkirch: Sein Bruder Johannes versucht in einer Reihe von populären Schriften die Theologie Luthers in Vorarlberg bekannt zu machen. Er muss Pseudonyme verwenden, so z.B. Hans Walser zum Roten Brunnen. Nachdem die drei Freunde Dölsch, Bartholomäus Berhardi und Christoph Metzler 1504 zuerst die Reise nach dem neugegründeten Wittenberg unternommen, strömten die Feldkircher in auffallender Menge nach, erwarben sich auch gerne hier einen akademischen Grad, besonders in den späteren Jahren, als Luthers Stern aufgegangen war. Ein Blick in die Liste der Baccalaurei und Magistri bestätigt dies.

Um 1520 wird in Feldkirch evangelisch gepredigt (Jeremias Lins, Hieronymus Pappus). Die "neue" alte Botschaft des Evangeliums findet in der Bevölkerung dankbaren Zuspruch. Jedoch nicht bei der Regierung. Die beiden in Bludenz evangelisch predigenden Pfarrer Luzius Matt und Thomas Gasser werden von der Regierung zwar zunächst gefangen gesetzt, jedoch von der Bürgerschaft wieder aus dem Gefängnis befreit. Theologen, Nonnen, aber auch "Laien" werden um ihres Glaubens willen aus Feldkirch vertrieben und wirken in anderen Gebieten - hauptsächlich in Deutschland - weiter für die Reformation. Bekannten sich auch viele Laien wie auch Theologen zur protestantischen Lehre so mussten sie alle das Land verlassen und erhielten in protestantischen Ländern Asyl. Es war nicht einmal erlaubt, im Ausland bei einem Protestanten eine Arbeit anzunehmen. Der aus Feldkirch vertriebene Pirmin Gasser, der seinen Sohn auf den Namen Luther taufen ließ, wirkte als Stadtarzt in Lindau und so erging es auch Jodok Mörlin, der in Wittenberg wirkte. Als Zwangsmaßnahme wird ein Beichtspiegel verfasst: Jeder, der zu Ostern nicht bei der (Pflicht-)Beichte war, wird befragt und muss bei mangelnder Rechtfertigung die Stadt verlassen.

Eine größere Zahl von Bürgern verlässt lieber das Land, als die religiöse Überzeugung aufzugeben. So auch Hanns Salzmann, ein Feldkircher Bürger, der zu Protokoll gibt, er gehe dann zur Beichte, wenn sein Herz danach verlangt, nicht weil es äußere Pflicht sei; er wolle Feldkirch verlassen und dennoch als ein guter Feldkircher sterben.


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[ #Vorarlberg ] Museen in Vorarlberg


Herzlich willkommen in der Vorarlberger Museumslandschaft!

Mit über 60 Museen bei bald 400.000 Einwohnern weist Vorarlberg eine außergewöhnliche Dichte an Ausstellungen und Sammlungen auf.

In allen Städten in Vorarlberg und vielen Gemeinden bieten Museen und Ausstellungen ein reichhaltiges Angebot. Dort werden verschiedenste Themen präsentiert, manche als Heimatmuseen im engeren und weiteren Sinne, die sich besonders dem Thema der Menschen in Vorarlberg seit der ersten Besiedelung, mit ihren kulturellen Traditionen bis hin zu ihrer wirtschaftlichen und Technikgeschichte beschäftigen.

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Mittwoch, 15. Mai 2019

[ #Dornbirn ] Herta-Maria Witzemann - in Dornbirn geborene Stararchitektin


In Vorarlberg vergessen?

Herta-Maria Witzemann wurde am 10. Dezember 1918 in Dornbirn als Tochter von Johann (11.12.1879) und Klara Witzemann (geb. Rhomberg, 12.8.1884) geboren. Ursprünglich stammten die Witzemanns aus Hohenems. Der Vater war Realschullehrer in Reutlingen, wohin seine Familie mit ihm verzogen ist. Dort ging Herta-Maria Witzemann von 1924 bis 1937 in die Grundschule und das Realgymnasium. Ungewöhnlich auch für eine Frau damals, dass sie ihr Studium erst nach einem Praktikum bei einem Schreiner aufnahm.

Kunstgewerbeschule Wien. Auch Herta-Maria Witzemann (*1918 in Dornbirn / † 1999 in Ludwigsburg/D) hatte wie die durch die Frankfurter Küche berühmt gewordene Margarete Schütte-Lihotzky an der Kunstgewerbeschule in Wien, aus der die heutige Universität für angewandte Kunst Wien hervorgegangen ist, studiert. Freilich in anderen Zeiten. Trotz Anfeindungen durch den Nationalsozialismus lehrte dort noch Oswald Haerdtl. Margarete Schütte-Lihotzky und Oswald Haerdtl, waren u.a. im "Roten Wien" an der Werkbundsiedlung beteiligt. Herta-Maria Witzemann war nach ihrem Diplom Assistentin in der Fachklasse von Haerdtl in Wien und Mitarbeiterin im Atelier Haerdtls.


Haerdtl gestaltete übrigens die Räume von Bundeskanzler Leopold Figl am Ballhausplatz und die aus Dornbirn stammende Innenarchitektin richtete später (1963) dem deutschen Bundeskanzler Erhard seinen Kanzlerbungalow ein und leitete 1967 den Umbau. Auch dem saudiarabischen König verschönerte sie seinen Palast. Zu ihren Werken gehören die Raumgestaltung der Rathäuser in Reutlingen, Pforzheim, Gerlingen, Bietigheim, Dürrheim und St. Georgen, die Rundfunk- und Fernsehstudios für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, die Kurhäuser der Bäder Krozingen, Dürrheim und Buchau, etliche Verwaltungsgebäude, das Spielkasino und Kurhaus Baden-Baden, das Wilhelmspalais, das Neue Schloss und der Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart, die Restaurants des Stuttgarter und Mannheimer Fernsehturms, ...

Starke Frau. Die gebürtige Dornbirnerin avancierte zur Stareinrichterin, Von ihren Fans wird sie gern mit ihrem Leitsatz, „man muss einem Raum dienen können“ zitiert. Bereits 1948 war sie selbstständig. Ab 1952 Professorin für Möbelbau, avancierte sie in den 1950er Jahren zu einer beachteten Persönlichkeit mit Bedeutung über Deutschlands Grenzen hinaus. 1957 erhielt sie eine Silbermedaille auf der Triennale in Mailand, damals die wichtigste internationale Designschau. Klassisch ist der von ihr entworfene runde Bistrotisch, der bis heute in Produktion ist und den wir alle aus vielerlei Kaffeehäusern kennen.

Ihrer Initiative ist auch die Einführung des Diplomabschlusses für Innenarchitekten an der Stuttgarter Kunstakademie zu verdanken. Bis dahin gab es ein solches an keiner Hochschule Deutschlands. Auch wenn ihre Karriere so leichtfüßig klingt, immerhin war sie gar Präsidentin des Bundes Deutscher Innenarchitekten, so hat sie sich als Frau ihr Selbstbewusstsein erst erkämpfen müssen, denn, so bedauerte sie, „wir Mädchen haben davon in der Kindheit viel zu wenig mitbekommen“.

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Dienstag, 14. Mai 2019

[ #Hohenems ] Ein Pionier der Pille: Eugen Steinach aus Hohenems

Einstein, Freud und Steinach
Elf mal war er für den Nobelpreis vogeschlagen worden. In den 1920er Jahren wussten alle, was es heißt, sich "steinachen" zu lassen. Rund 40 Jahre Wissenschafts- und Medizingeschichte liegen zwischen dem "Steinach-Rummel" der 1920er Jahre und der ersten Markteinführung eines Ovulationshemmers.

Steinachgasse. Nicht nur in medizinischen Kreisen sondern sogar in den literarischen Salons der großen Welt genoss der aus Hohenems in Vorarlberg stammende Eugen Steinach (1861-1944) höchste Anerkennung. Durch seine Forschungen über die Physiologie der Hormon-Drüsen lieferte er wesentliche Grundlagen für die Entwicklung der Antibabypille. Zwischen 1921 und 1938 wurde er nicht weniger als elfmal für den Nobelpreis vorgeschlagen. Im Jahr 1955 wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) die Steinachgasse nach ihm benannt.

Steinachs Forschungen. Der UFA-Palast am Zoo präsentierte 1922 einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm. "Steinachs Forschungen" lassen angeblich einen Menschheitstraum in Erfüllung gehen: die ewige Jugend. Altersbekämpfung durch Hormone sorgt bis heute für Schlagzeilen, obwohl sie wissenschaftlich mehr als umstritten ist.


Dieser UFA-Film regte nicht nur das Interesse der Kinobesucher an, sondern auch das des Pharmaunternehmens Schering-Kahlbaum in Berlin. Das Schering-Hauptlabor begann 1923 mit der Hormonforschung. Es kooperierte mit dem Autor des Films dem Hohenemser Eugen Steinach (1861-1944) und dessen Assistenten Walter Hohlweg (1902-1992). 1928 wechselte dieser zur Schering AG und machte dort mit Hans Herloff Inhoffen bedeutende Entdeckungen, die den Weg zur Entwicklung von Ovulationshemmern eröffnete.

Viel später hatte sich dann herausgestellt, dass mit den Entdeckungen Steinachs die Möglichkeit geschaffen war, empfängnisverhütende "Pillen" auf den Markt zu bringen. Er gilt damit als Spiritus rector des ersten zyklusregulierenden Hormonpräparats. Obwohl Eugen Steinach weltberühmt war, wurden sein Laboratorium und seine Forschungsarbeiten 1938 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beschlagnahmt und zerstört. Er selber konnte 1938 nach einer Vortragsweise in die Schweiz nicht mehr nach Österreich zurückkehren. Seine Frau Antonie beging Selbstmord.

Eugen Steinach (*22.1.1861-†14.5.1944). Eugen Steinach entstammt einer bedeutenden jüdischen Arztfamilie, die über mehrere Generationen in Hohenems ansässig war. Bereits sein Vater Simon Steinach war physioligisch-wissenschaftlich tätig und führte als einer der ersten in Vorarlberg die antiseptische Wundbehandlung ein.

Eugen Steinach war Physiologe und Sexualforscher (* 22. Januar 1861 in der Jüdischen Gemeinde in Hohenems; † 14. Mai 1944 in Territet bei Montreux), Enkel von Wilhelm Steinach, Sohn von Simon Steinach. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Feldkirch studierte Eugen Steinach 1879/80 Chemie und Zoologie an der Universität Genf, ab 1880 Medizin an den Universitäten Wien und Innsbruck. 1886 promovierte er zum Dr. med. der Univ. Innsbruck.

Von 1886 bis 1888 war Eugen Steinbach Assistent am Physiologischen Institut in Innsbruck, ging danach als Assistent nach Prag, wo er sich 1890 für Physiologie an der deutschen Universität habilitierte: Ab 1895 als ao. Professor und ab 1906 ordentlicher Professor. In Prag gründete er 1903 das erste Laboratorium für allgemeine und vergleichende Physiologie an einer deutschsprachigen Universität und war bis 1912 deren Vorstand.

1912 schaffte er in Wien die von ihm bis 1932 geleitete Physiologische Abteilung an der Biologischen Versuchsanstalt der Akademie der Wissenschaften, ab 1919 war er Professor für Physiologie an der Universität Wien. 1932 ging er in den Ruhestand.

Eugen Steinach forschte am anatomischen Institut der Universität Wien bei Emil Zuckerkandl zur Funktion der Drüsen. 1909 erhielt er den Ignaz-Lieben-Preis (eine Art österreichischer Nobel-Preis) für seine Untersuchungen über die Summation von Nervenreizen, 1918 ein zweites Mal für seine experimentellen Arbeiten über die Pubertätsdrüsen der Säugetiere.

Ab 1923 sind ihm in Zusammenarbeit mit dem deutschen Pharmaunternehmen Schering-Kahlbaum wesentliche Vorarbeiten für das erste Hormonpräparat Progynon (1928) zu verdanken. Gemeinsam mit anderen Forschern gelang ihm bis 1935 die chemische Strukturanalyse der Sexualhormone als Basis zur Synthese, wodurch 1938 das erste synthetische Hormonpräparat hergestellt werden konnte.

Hormonforscher. Eugen Steinach war Dr. h.c. der Universität Rostock, verfasser über 60 Aufsätze und Bücher, 1921–38 wurde er elfmal für den Nobelpreis für Physiologie und Medizin vorgeschlagen. Berühmt wurde er durch die Steinach-Operation ("Steinachsches Verfahren"), die Vasoligatur, eine nicht unumstrittene Methode, bei der durch Durchtrennung der Samenleiter die körpereigene Produktion von Testosteron angeregt und verjüngende Effekte erzeugt werden sollten.

Steinach gilt als der bekannteste Hormonforscher seiner Zeit, und seine Methoden wurden auch in der Veterinärmedizin erfolgreich angewendet. Karl Kraus erwähnte ihn mehrmals in der "Fackel", er zählte zum Bekanntenkreis Arthur Schnitzlers, 1920 schrieb der Komponist und Musikdirektor Willy Kaufmann den Foxtrott "Steinach Rummel", und im Simplicissimus wird in 23 Beiträgen auf ihn bzw. auf den von ihm ausgelösten Rummel bezug genommen. Sein 1923 im UFA-Filmpalast in Berlin uraufgeführter Film stellte seine endokrinologischen Forschungen einem breiten Publikum vor.

Nationalsozialismus. Eugen Steinach war in jener Zeit auch häufig Ziel antisemitischer Angriffe und Karikaturen. Er beendete nach der Beschlagnahmung seiner Bibliothek und seiner Forschungsunterlagen durch die Nationalsozialisten im März 1938 seine wissenschaftliche Karriere. 1938 verblieb er nach einer Vortragsreise in der Schweiz, wo er nach dem Selbstmord seiner Frau Antonie im Exil lebte.

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[ #Blons ] Lawinenkatastrophe (1954) in Vorarlberg


Die Sondermarke zur Lawinenkatastrophe des Jahres 1954 in Vorarlberg zeigt allerdings eine verschneite Tiroler Ortschaft, St. Christoph am Arlberg.

Sonderpostmarke. Die Post- und Telegraphenverwaltung gab über Ermächtigung der Bundesregierung vom 2. Februar 1954 zugunsten der Lawinenopfer 1954 eine Sonderpostmarke zum Nennwert von einem Schilling und einem Zuschlag von 20 Groschen, Verkaufspreis also 1,20 S, heraus. Der Erlös des Zuschlages wurde dem Lawinenfonds der österreichischen Bundesregierung gewidmet. Infolge der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit wurde als Sonderpostmarke eine Aufdruckmarke herausgegeben. Als Marke wurde die Wertstufe 2,- S der Landschaftsserie 1945/47 mit dem Bild von St. Christoph am Arlberg gewählt. Auf der in leicht geänderter - blaugrüner - Farbe hergestellten Sonderpostmarke wurden in Groteskschrift in zwei Zeilen die Legende "Lawinenopfer 1954", ferner die neue Wert- und Zuschlagsangabe sowie die Währungsbezeichnung aufgedruckt. Die Wahl dieser Marke erfolgte lediglich, weil auf ihr eine Gebirgslandschaft im Schnee dargestellt ist und sich die Komposition des Bildes für den Überdruck besonders eignete - das Unglück selbst hat sich ja nicht in dieser Gegend ereignet.

Lawinenkatastrophe 1954 in Vorarlberg. Sie hatte ihren Schwerpunkt im Großen Walsertal, dort besonders die Gemeinden Blons, Sonntag, Fontanella und St. Gerold. Sie umfasste auch das Montafon, dort besonders Bartholomäberg, das Klostertal, dort besonders Dalaas, den Bregenzerwald, dort besonders Mellau und Hittisau.


Im Großen Walsertal gingen vom 10. bis 12. Jänner 1954 über 100 Lawinen ab. 147 Menschen wurden verschüttet, 80 kamen sofort ums Leben oder starben bald an ihren Verletzungen. 46 Häuser und 92 Ställe wurden total zerstört, viele Gebäude schwer beschädigt. Dazu kam der große Verlust an Vieh und Habe. Allein in Blons verschütteten Lawinen 96 der 365 Bewohner, 55 starben. 28 Häuser und 46 Ställe wurden zerstört.

Am 9. Dezember 1953 maß man in der Vorarlberger Berggemeinde Blons im Walsertal gar 30 Grad und Frühlingsblumen sprießten. Seit Jahrhunderten hatten die Walser Bergbauern mit der Unberechenbarkeit des Wetters leben gelernt, doch dieser warme Herbst ist beängstigend. Einen Monat später beginnt ein Winter, den man in Vorarlberg nie vergessen wird: binnen 24 Stunden fallen bis zu 2 Meter Schnee, es besteht höchste Lawinengefahr. Der an sich natürliche Lawinenschutz, der Bannwald, wurde von den traditionell großen Walserfamilien bereits über die Jahrhunderte dezimiert. Sie hatten ihn gerodet, um mehr Platz für Mensch und Vieh zu schaffen, einfach um ihre karge Existenz zu sichern.

Innerhalb zweier Tage gingen in ganz Vorarlberg gar 388 Lawinen ab, 270 Menschen wurden verschüttet, knapp die Hälfte von ihnen starb. Einen ganzen Tag lang war die Gemeinde Blons, waren die Überlebenden mit der Tragödie allein, denn die Telefonleitungen waren verschüttet und "tot", die Straßen unpassierbar. Mit bloßen Händen suchten die Menschen nach ihren Angehörigen, häufig eben auch Kinder. Als die Behörden endlich von der Katastrophe erfuhren, setzte eine Völkerwanderung ein: B-Gendarmerie, Hilfsorganisationen, Feuerwehren und Hunderte Freiwillige aus dem In- und Ausland nahmen den Weg ins tief verschneite Walsertal.

Erinnerungswege. Drei Erinnerungswege und die Lawinen Dokumentation in Hüggen und im Gemeindezentrum Blons erinnern an die Lawinenkatastrophe im Jänner 1954 und dokumentieren den Wiederaufbau und die Schutzmaßnahmen, die getroffen wurden.


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Mittwoch, 8. Mai 2019

[ #Vorarlberg ] Rad- und Mountainbikewege in Vorarlberg online


Vorarlberg bietet mit seiner landschaftlichen Vielfalt auf kleinem Raum die besten Voraussetzungen für das Radwandern und Mountainbiken. 

Gemächliche Höhenwege, Mountainbike-Safaris, herausfordernde Gipfeltouren. Hier der Bergsee, dort die Alpweide, am Horizont Felsen und Hochgebirge. Ausblicke, die immer wieder aufs Neue begeistern. Vom Bodensee bis hinauf in die Bergwelt von Arlberg, Silvretta und Rätikon. Für Ausflüge mit dem Rad oder Mountainbike sind Vorarlbergs Landschaften wie geschaffen.

Ein landesweit markiertes und beschildertes Radwegenetz und ein im Aufbau befindliches Mountainbike- und Radwegenetz laden ein, Vorarlberg mit vielen Überraschungen zu erleben und zu erkunden. Das Wegenetz für Radfahrer und Mountainbiker liegt auch in digitaler Form online und kostenlos nutzbar vor. Dazu sind sie sortiert als Mountainbike-Touren zwischen leicht, mittel und schwer und als Radtouren.

Verhaltensregeln für Mountainbiker. Mountainbikerouten führen in ein Gelände, in dem besondere Anforderungen an die Eigenverantwortung der Mountainbiker gestellt werden. So können Steine und Bäume den Weg kurzfristig unpassierbar machen oder der Weg führt durch ein Steilgelände an Gefahrenstellen vorbei, wo Absturzgefahr besteht. Durch die Bewirtschaftung der Wälder und Alpen ist auch jederzeit mit Gegenverkehr, abgestellten Fahrzeugen oder Wegsperren zu rechnen. Beim Mountainbiking ist es wichtig, dass gewisse Verhaltensregeln eingehalten werden, um Konfrontationen mit anderen Nutzergruppen zu vermeiden und um die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Dazu gehören vor allem:
  • Verantwortungsvolles Fahren mit kontrollierter Geschwindigkeit und auf halbe Sicht, besonders bei Kurven, da jederzeit mit Hindernissen zu rechnen ist (zB Steine, Äste, Wegschäden, zwischengelagertes Holz, Weidevieh, Weidegatter, Schranken, Fahrzeuge und Forstmaschinen, Wegsperren usw).
  • Wanderer und Fußgänger haben Vorrang. Rücksichtsvolles Überholen erfolgt im Schritttempo.
  • Die land- und forstwirtschaftliche Bewirtschaftung hat auf den freigegebenen Wegen Vorrang. Weidegatter sind wieder zu schließen, vorübergehende Wegsperren werden eingehalten.
  • Die vorgesehenen, beschilderten Strecken nicht verlassen. Damit werden Natur- und Wildlebensräume geschont.
Eine gute Tourenplanung nimmt Rücksicht auf die Schwierigkeit der Strecke und das eigene Können. Dazu gehören auch Helm, Schutzausrüstung und ein technisch einwandfreies Mountainbike.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

Donnerstag, 2. Mai 2019

[ #Vorarlberg ] Kleine Warenkunde zum "Sura Kees" (Vorarlberger Sauerkäse)


Sura Kees (zu deutsch: Sauermilchkäse) wird auf den Alpen Vorarlbergs - so zumindest der nicht ganz ungewöhnliche Glaube der Landwirtschaft - seit Beginn der Nutzung der Bergweiden hergestellt.  Im Montafon kann die Erzeugung von Käse schon 1240 belegt werden.

Eine Website präsentiert Informationen über das regionale Erbe unserer Lebensmittelkultur - viele traditionelle Lebensmittelspezialitäten haben eine große wirtschaftliche Bedeutung und tragen wesentlich zur Stärkung der kulturellen Identität einer Region bei.

Kulinarisches Erbe. Auf Initiative des Lebensministeriums wurde in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich ein Register der traditionellen Österreichischen Spezialitäten erstellt. Traditionsreiche Produkte und Spezialitäten aus Österreich sollen so bekannter und deren besonderer Wert bewusster gemacht werden. Aus der Region Vorarlberg sind derzeit acht Produkte indexiert: Fraxner Kirsch / Fraxner Kriasiwasser, Subirer, Großwalsertaler Bergkäse, Jagdberger Heumilchkäse, Vorarlberger Alpkäse, Vorarlberger Bergkäse, der Ländle Apfel und der Montafoner Sura Kees. Dieser ist sicherlich mehr als nur eine Marketingbezeichnung sondern tatsächlich ein traditionelles regionales Produkt ohne welches Käsknöpfle niemals wie Käsknöpfle schmecken.

Sura Kees. Sura Kees (zu deutsch: Sauermilchkäse) wird auf den Alpen Vorarlbergs - so zumindest der nicht ganz ungewöhnliche Glaube der Landwirtschaft - seit Beginn der Nutzung der Bergweiden hergestellt. In Vorarlberg werden heute jährlich rund 2,5 Millionen kg Milch zu rund 250.000 kg Sura Kees verarbeitet. Für die Herstellung eines Laibes Sura Kees benötigt man je nach Eiweißgehalt zwischen 10 und 12 Liter Milch. Auf den zwölf Sennalpen im Montafon produzieren rund 800 Kühe die Milch für den Montafoner Sura Kees. Zusätzlich werden auf diesen Sennalpen 30.000 kg Sauerrahmbutter für den Eigengebrauch hergestellt.

Historische Belege. Jedenfalls kann im Montafon die Erzeugung von Käse bis in das Jahr 1240 zurückverfolgt werden; aus diesem Zeitraum stammt die erste urkundliche Nennung des Namens Montafon ("Jacobus, der Priester von Satteins und sein Bruder Rudophus zinsen jährlich zehn Käse (üblichen) Wertes...." aus dem "Necrologium Curiense" des Churer Domkapitels, um 1240). Mit sehr großer Sicherheit wurde aber schon lange vorher in Vorarlberg Käse hergestellt, denn die Kelten, sie gelten als die Pioniere der Käserei im Alpenraum, besiedelten Vorarlberg bereits vor Christi Geburt. Das beweisen Funde von Gebrauchsgegenständen der Kelten nicht nur in den Tälern, sondern auch auf Alpen und Bergpässen Vorarlbergs.

Alp-Sennerei. Wurde in späterer Folge die Sura Kees-Erzeugung auch durch den aufkommenden Labkäse auf die Seite gedrängt, ist das Wissen um das SauerKäsen bis heute erhalten geblieben. Dies verdanken wir den Alpen im südlichen Teil Vorarlbergs, auf denen noch heute Sura Kees produziert wird, und aufgeschlossenen milchverarbeitenden Talbetrieben, die sich der traditionellen Sura Kees-Erzeugung angenommen haben.


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Sonntag, 28. April 2019

[ #Vorarlberg ] Elektrizität in Vorarlberg


Wasserkraft ist ein Kennzeichen der Vorarlberger Wirtschaft. 

Wie fing das an? Die erste permanente Stromerzeugung in Vorarlberg kam beim Bau des Arlbergtunnels zum Einsatz. In der Rotfärberei der Fa. F. M. Hämmerle in Dornbirn stand 1884 die erste mit Wasserkraft betriebene Gleichstromeigenanlage.

Die erste Vorarlberger Fabriksbeleuchtung hatte sieben Schuckert-Bogenlampen. Die erste öffentliche elektrische Beleuchtungsanlage fand sich hingegen ein Jahr später 1885 am Feldkircher Bahnhof.

Die 43seitige PDF Datei  ( Klaus Pfitzner: Elektrizität in Vorarlberg. Vom Luxusgut zur alltäglichen Selbstverständlichkeit) des Vorarlberger Wirtschaftsarchives sollte zum festen Bestand eines "virtuellen" Vorarlberger Heimatbuches gehören.

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Donnerstag, 25. April 2019

[ #Andelsbuch ] Jodok Fink: "Sommerzeit ist umgebracht"

Jodok Fink, Gemälde im Andelsbucher Rathaus

Im ersten Weltkrieg führten Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich als erste Staaten (1916) die Sommerzeit ein. Die habsburgische Kriegswirtschaft erhoffte sich damit eine Ressourceneinsparung in dem von ihr angezettelten Krieg, der Not und Elend auch an der"Heimatfront" verursachte. 

Kriegswirtschaft. Als die deutsch-österreichische Staatsregierung - mit den Folgen des von den Habsburgern hinterlassenen Desasters kämpfend für 1919 erneut eine Sommerzeit anordnete, beschlossen der Landesrat und die Vorarlberger Landesregierung, sie in Vorarlberg nicht einzuführen. "Mit Einführung bei uns gar keine Einsparungen verbunden",telegrafierten sie der Staatskanzlei. Als die Staatsregierung daraufhin ihre Vollzugsanweisung zurück nahm, telegrafierte Vizekanzler Jodok Fink nach Vorarlberg: "Sommerzeit ist umgebracht." Ab 1921 verzichtete auch Österreich auf die Sommerzeit.

Wiederauferstehung der Kriegswirtschaft. Eingeführt wurde die Sommerzeit erstmals am 30. April 1916 im Deutschen Reich, in Österreich-Ungarn und noch im selben Jahr auch in Irland. Die in Irland damals für die Sommerzeit eingeführte Bezeichnung „Daylight Saving Time“ (wörtlich übersetzt: „Tageslicht sparende Zeit“) beschreibt den Zweck, nämlich die Stundenzahl mit nutzbarem Tageslicht zu vergrößern.

Sie galt in Österreich bis 1920, in Ungarn bis 1919. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland galten ab 1940 die Sommerzeitreglungen des Deutschen Reichs, wieder eine kriegswirtschaftliche Maßnahme. Nach dem Krieg gab es in Österreich noch bis einschließlich 1948 eine Sommerzeit. In den 1970er Jahren wurde die Sommerzeit wieder aktuell. Sie hat ihren Ursprung in der Ölkrise von 1973 und sollte Energie sparen helfen. Energieersparnis war sie bekanntlich nicht. Österreich beschloss die Einführung der Sommerzeit erst 1979. 1980 wurde sie wie in Deutschland für die Zeit von März bis September wieder eingeführt. 1996 wurde sie wie in der gesamten EU bis Ende Oktober ausgedehnt.

Energieeinsparung brachte sie nie, da ist der Telegrammtext von Jodok Fink bis heute gültig. Ein Musterbeispiel für die Disziplinierung der europäischen Bevölkerung bleibt sie wohl noch lange.

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[ #Bludenz ] Die Bludenzer Reformatorenfamilie Kyber als Sprachschöpfer

Ex-libris Elias Kyber
Konrad Gesner (1516 – 1565) - einer der berühmtesten und wichtigsten Naturforscher  - hatte vielfältige Kontakte zu Vorarlbergern. Die bekannteste ist wohl die zu Rheticus (1514 – 1574), dessen Mitschüler er in der  Frauenmünsterschule in Zürich 1528 war .  Eine ganz besondere scheint jedoch die zu der Bludenzer Reformatorenfamilie Kyber gewesen zu sein.

Kurze und einfältige Form eines christl. Catechismi. Gesner war nach dem Tod von David Kyber der Herausgeber dessen "Lexicon rei herbariae trilingue". David und Elias Kyber waren Söhne des Bludenzer Spitalkaplans  Lucius Kyber (1490-1550) , der aufgrund seines Glaubens im Strassburger Exil lehrte, auch Pfarrer der Reichsstadt Gengenbach (Baden-Württemberg) war.  1545 erschien dort ein evangelischer Katechismus mit dem Wappen der Reichsstadt, für Gengenbach und die Nachbartäler (Kurze und einfältige Form eines christl. Catechismi für die Kirche zu Gengenbach, 1545), herausgegeben und dem Stadtrat gewidmet von den drei damaligen Prädikanten Lucius Kyber, Thomas Lindner und Lorenz Montanus. Lucius Kyber war der erste evangelische Prediger in Gengenbach. Er wurde 1549 nach Einführung des Augsburger Interims und dem damit verbundenen Zusammenbruch der Reformation mit Lorenz Montanus aus Gengenbach vertrieben.

Lucius, David, Elias. Cornrad Gesner widmet ihm und dem Reformator und Vater von David Kyber  in dem oben erwähnten Buch eine umfangreiche Vorrede. David Kyber war Hebräischlehrer und Arzt in Strassburg . Er verstarb  schon mit 28 Jahren 1553 an der Pest.  Konrad Gesner und der deutsche reformatorische  Humanist Nikolaus Gerbel 1485-1560) liefern in einer Art Zwiesprache in einer Vorrede  ein hexametrisches Gedicht aus 91 Versen, 44 davon sind Gesner zugeordnet, 47 Gerbel.


Lexicon rei herbariae trilingue. David Kybers Leistung liegt auch in der botanischen Fachsprache. Er hat  nicht nur  mit seinem dreisprachigen Lexikon (Lexicon Rei herbariae trilingue,Rihel, 1553 - 548 Seiten, lateinisch-griechisch-deutsch) terminologisch in die Fachsprache eingewirkt. Er hat auch für das seinerzeit beliebte  deutsches Kräuterbuch von Hieronymus Bock eine lateinische Übersetzung geleistet. Das Ringen um eine botanische Fachterminologie sowohl der alten Sprachen als auch des Deutschen entfaltet sich dabei im Spannungsfeld von Philologie und Empirie, was eine umfassende Dokumentation der Synonyme – im Dienste der Medizin – zur Folge hat. Nach Konrad Gesner ist etwa die Gartentulpe (Tulipa gesneriana)  in den lateinischen Botanikverzeichnissen benannt.  


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