Dienstag, 20. August 2019

[ #Vorarlberg ] Der Mann mit dem schwarzen Koffer: Der Vorarlberger Kaufmann Bela Rabelbauer


Am 11. September 1980 musste Bela Rabelbauer in Untersuchungshaft im Fernsehen mitverfolgen, wie Kühlschrank und Perserteppich in seiner Fussacher Villa vom Exekutor beschlagnahmt werden. Eine Seminararbeit von Oliver Gingrich aus dem Jahre 2001 erzählt den Sachverhalt nach.

Bela Rabelbauer wurde als Sohn eines Steirers in Westungarn geboren. Er wuchs in Wien, Osttirol und Hallstatt auf und besuchte 1948 kurzfristig das Priesterseminar Hollabrunn. Der junge Mann versuchte sich in verschiedensten Berufen, auch als Mitarbeiter von Radio Vatikan, und wohnte ab 1968 zumeist in Fußach in Vorarlberg, wo er verschiedene "Firmen" gründete und international als Kreditvermittler auftrat. Er war neben vielen anderen Affären Anfang der 1980er Jahre in eine aufsehenerregende Parteispendenaffäre verwickelt.

Der Mann mit dem schwarzen Koffer. Der "Unternehmer" übergab als Exponent eines Vorarlberger „Bürgerforums“ am 17. September 1979 einer Gruppe von hochrangigen Vertretern der ÖVP in den Räumen des österreichischen Parlaments einen Koffer mit dem Inhalt von 4 Millionen Schilling in bar als den ersten Teilbetrag einer Parteispende von insgesamt 10 Millionen Schilling (heute etwa 700.000 Euro). Sie sollten dazu dienen, für sein Bürgerforum zwei Nationalratsmandate zu „kaufen“.

Durch einen Bericht des Journalisten Peter Pelinka in der Arbeiter-Zeitung (dem Zentralorgan der damals allein regierenden SPÖ) vom 29. August 1980  wurde die Transaktion aufgedeckt, das Geld später zurückgezahlt. Wegen seiner Rolle in der Parteispendenaffäre erhielt Rabelbauer in der Presse den Übernamen "Der Mann mit dem Koffer".

Bela Rabelbauer wurde 1988 wegen schweren Betrugs und einer Reihe anderer Finanzdelikte zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Abbüßung eines Teils seiner Strafe gelang es ihm, ins Ausland zu fliehen, er wurde aber 1994 in Thailand verhaftet und 1996 nach Österreich ausgeliefert. Obwohl er mehrfach in gravierender Weise mit dem Gesetz in Konflikt geriet, gelang es Rabelbauer immer wieder, als „Millionenjongleur“ effektvoll öffentlich in Erscheinung zu treten. Er verfasste auch Bücher, in denen er zum Teil versuchte, sich selbst als „Aufdecker“ darzustellen.

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Montag, 15. Juli 2019

[ #Lochau ] Lieb ist Laydes Anfangkh über kurz oder lankh

Der Salzburger Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau war kein Schürzenjäger sondern treu sorgender "Ehegatte". 

Wolf Dietrich von Raitenau (* 26. März 1559 in Schloss Hofen in Lochau am Bodensee; † 16. Jänner 1617 auf der Festung Hohensalzburg) glaubte von dem Tag an, als er noch als junger Domherr der schönen Salzburger Bürgerstochter Salome Alt begegnete, bis zu seinem Tod, dass die Erlaubnis für Priesterehen nur noch eine Frage von Tagen sein konnte.
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Sonntag, 14. Juli 2019

[ #Vorarlberg ] Vorarlberger Hausmannskost


Bettlersuppe, Hafaloab, Sure Räba, Brotsuppe, Brennsuppe, Nahna-Koscht, Stopfer und Riebel sind keine internationalen Küchenspezialitäten sondern Dokumente der unsäglichen Armut die in Vorarlberg noch bis zum II. Weltkrieg herrschte. 
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[ #Bludenz ] Vorarlbergs erste Papierfabrik - 1834 in Bludenz

RONDO Papier Frastanz
Quelle: Vorarlberger Wirtschaftsmuseum
Auch wenn die Papierfabrik in Frastanz schon über 100 Jahre alt ist, sie ist nicht die älteste. Die älteste mechanische Papierfabrik Vorarlbergs war die k.k.privilegirte Mechanische Papierfabrick Karl Blum in Bludenz. Sie wurde  gegründet 1834 gegründet und ist ein wichtiger Teil der Vorarlberger Wirtschaftsgeschichte. 

1834 wird Marianna Blum (geb. Gehring) der Betrieb einer Papierfabrik in Bludenz-Klarenbrunn auf dem Gelände der abgebrannten Spinnerei von Ganahl & Co. genehmigt. Bereits 1836 übernehmen die Söhne Karl und Johann Blum den Betrieb als "Mechanische Papier-Fabrick Bludenz".

Klarenbrunn

Um die Papierqualität zu verbessern, lobte Karl Blum mit anderen österreichischen Papierfabrikanten (darunter auch die noch heute bekannten österreichischen Papiererzeugern Neusiedler und Leykam) 1840 einen Preis für 2060 Gulden aus. Den Preis sollte für eine Abhandlung vergeben werden, welche sich mit der Qualitätssteigerung von Papier befasste. Insbesondere sollten die Maschinenpapiere dieselbe Festigkeit erreichen  wie die hangeschöpften. Die maschinell hergestellten Papiere litten damals insbesondere wegen der enthaltenen Säuren.

1841 hatte die Papierfabrik Karl Blum eine Maschine, betrieb ein Wasserrad mit 20 PS und beschäftigte 43 Arbeiter Sie erzeugte um 83.250 Gulden Papier und gehörte zu den drei größten Papierfabriken von Tirol-Vorarlberg. In Vorarlberg war sie die größte. Ab 1843 wurden Papiertapeten und Buntpapiere erzeugt und 1845 wird das Privileg "Landesfabrik" erteilt.

Besitzer einer Landesfabrik genossen Privilegien. Landesfabrik konnte man nur auf Ansuchen werden, wenn man ein Fabrikunternehmen in einem größeren Umfange betrieb, viele Arbeiter beschäftigte und damit den Nationalwohlstand beförderte. Sie genossen einen besonderen Schutz der Verwaltung. So durften sie als "k.k.privilegirte Fabrik" den kaiserlichen Adler führen und auch Niederlassungen in den Provinzhauptstädten der Monarchie gründen. Schließlich waren sie vom Zunftzwang befreit und konnten trotzdem Lehrlinge ausbilden. Ihre Betriebsstätten waren von Militäreinquartierungen befreit. Auch Kinder ab neun Jahren durften in den Landesfabriken - wie wohl auch anderswo - arbeiten.

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Freitag, 28. Juni 2019

[ #Hohenems ] Salomon Sulzer - Einer der bedeutendsten Vorarlberger


Die Legende berichtet, dass Salomon Sulzer mit elf Jahren in Hohenems beinahe ertrunken wäre. Die Familie gelobte darauf, ihn zum Kantor ausbilden zu lassen. Tatsächlich bewarb sich Sulzer bereits mit dreizehn Jahren und schaffte über seinen Tod am 17. Januar 1890 hinaus berühmt zu werden.

Legende. Die Encyclopaedia Britannica sagt ... he earned the sobriquet “father of modern synagogue music” and the respect of such composers as Franz Liszt, Robert Schumann, and Franz Schubert. An important publication was Shir Zion (1840–66; “Song of Zion”), a comprehensive collection of music for the sabbath, festivals, and holy days, for cantor, choir, and congregational responses with...: " Shir Zion ist auf der Website www.shulmusic.org vollständig digitalisiert online und kann als Zip-Datei heruntergeladen werden. www.ShulMusic.org wird von Stephen Simpson, einem nach Israel ausgewanderten Briten organisiert, der urheberrechtsfreie jüdisch-religiöse Musikwerke online stellt.


Kein Zweifel: Er gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten die Vorarlberg je hervorgebracht hat. Aber wissen wir über diesen bedeutenden Vorarlberger wirklich Bescheid?

Synagogengesang, Goethe, Revolutionslieder. Das kompositorische Hauptwerk Sulzers, das auch seinen Ruf als Reformator des Synagogengesangs begründete, ist das in zwei Teilen erschienene "Schir Zion" (Gesang Zions) mit zum überwiegenden Teil selbst komponierten Werken für den gottesdienstlichen Gebrauch. Unter den frühen modernen Synagogenkomponisten hat Sulzer am radikalsten mit dem überkommenen jüdischen Chorstil gebrochen. Salomon Sulzer gelang es, den westeuropäischen Synagogengesang von den bloßen Schönheitsversuchen und Übertreibungen zu befreien und er war der erste Kantor, der Noten- und Harmonielehre vollständig beherrschte. Er schrieb Kompositionen, die alt und neu miteinander vereinten, und erstmals in der jüdischen liturgischen Musik Harmonien vorführten. Nur wenige Sulzers frühe Chorsätze lehnen sich an starke traditionelle Weisen an. In den meisten finden wir keine jüdische und keine christliche, sondern eine allgemein humane Religiosität, stille Andacht und fromme Stimmung etwa im Geist der zeitgenössischen Malerschule der "Nazarener". Die neuen Kompositionen wurden zum ersten Mal mit vierstimmiger Chorbegleitung geschrieben und beeinflussten den Gebetsstil in vielen Synagogen. "Schir Zion", in dem alle Gebete des Jahres gesammelt sind, prägt den Synagogengesang bis in die heutige Zeit und ist für die Judenheit eine mit den Kantatenjahrgängen von Johann Sebastian Bach vergleichbare Sammlung gottesdienstlicher Musik.


Shir Zion. In "Shir Zion I" ist musikalisch nur wenig genuin Jüdisches anzutreffen; die uralten, so genannten "Mi-sinai-Melodien" tauchen nur vereinzelt und entstellt auf; die einfache Dur-Moll-Harmonik und die Periodizität der Wiener Klassik dominieren. Siebenunddreißig Werke christlicher Komponisten wie Ignaz von Seyfried, Joseph Drechsler, Franz Volkert, Wenzel Wilhelm Würfel und allen voran Franz Schubert nahm Sulzer 1840 in sein "Shir Zion I" auf, ohne die Namen der Urheber zu verschweigen! Charakteristisch synagogal dagegen sind vor allem die Solorezitative für den Kantor und das responsoriale Wechselspiel zwischen Kantor und Chor, das die traditionelle Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst stilisiert. Einen real praktizierten Gemeindegesang lehnte Sulzer, der einer rein künstlerischen Ästhetik huldigte, energisch ab.


Muezzin der Türken. In "Shir Zion II" (1866) nimmt die Tradition allerdings wieder einen größeren Raum ein. Es waren schließlich Chasanim aus dem von Sulzer und seinesgleichen gering geschätzten, orthodox-konservativen Osteuropa, die ihn in Kontakt mit der in Polen und Russland noch liebevoll gepflegten traditionellen Chasanut brachten. Sie waren nach Wien zu dem respektvoll bewunderten Kantor gekommen, um sich den neuen Stil anzueignen und hinterließen ihrerseits markante Spuren, die sich in "Shir Zion II" nachhaltig bemerkbar machten. 163 von insgesamt 372 Nummern tragen die Bezeichnung "A. W." ("Alte Weise"). Der größere Teil dieser 163 ist natürlich für den Vortrag des Kantors bestimmt, und beeindruckten diese Gesänge und Rezitative die Zeitgenossen als eigenartig und "orientalisch". Sulzers Version von Jehuda Halevis berühmtem Zionslied erinnerte 1866 den Musikkritiker der "Neuen Freien Presse" Eduard Hanslick an den Muezzin der Türken und offenbarte ihm die Verwandtschaft jüdischen und orientalischen Gesangstils. Neben dem kompositorischen Hauptwerk "Shir Zion" in zwei Teilen existieren noch der Band "Dudaim" (1860) mit Chören für Kleinstbesetzung und eine Fülle von Gelegenheitsarbeiten weltlicher Natur.


Jüdischer Aufbruch in die Moderne. In den heutigen säkularen Zeiten wird Salomon Sulzer allenthalben als Gesangsbuchautor abgetan oder in die Reihe der "Denkmäler der Tonkunst in Österreich" gestellt. Außer Acht gelassen wird bei dieser "Würdigung", dass die Synagoge per Definitionem kein "Gotteshaus" wie die Kirche ist, sondern ein Haus der Versammlung, ein Haus der Gemeinde. Wie kaum einem anderen Kantor gelang Sulzer eine so unnachahmliche und überzeugende Mischung aus modernem Kunstanspruch, Tradition und praktischer Anwendbarkeit für die Synagoge. Daneben war Salomon Sulzer aber auch als Komponist weltlicher Lieder tätig: Neben Revolutionsliedern zum 1848er Jahr vertonte er unter anderem Gedichte von Goethe. In die 1848er Revolution war er so verstrickt, dass er sich für kurze Zeit gar im Gefängnis wieder fand. Sulzer gehört als Erneuerer der Synagogenmusik zu den Vorreitern der Moderne, wie übrigens auch der aus Böhmen stammende Rabbiner Abraham Kohn, der in Hohenems bedeutende Reformen durchsetzte. Sulzer war ein begnadeter Sänger und musikalischer "Superstar" seiner Zeit, ein Freund Schuberts und anderer Musikgrößen. Er ist eine Ikone des jüdischen Aufbruchs in die Moderne und kann nicht nur eingeschränkt als die bedeutendste jüdische Persönlichkeit angesehen werden, die Vorarlberg hervorgebracht hat. Er ist einer der Größten überhaupt, derer sich Vorarlberg rühmen darf!

Weggenossen - Zeitgenossen. Zu seinen Zeit- und Weggenossen gehörte die klassische Wiener Musikszene. Sulzer nahm an den Wiener Schubertiaden teil, sang oft und gern Schuberts Lied "Die Allmacht" . Er musste auch wiederholt öffentlich aufgetreten sein, denn 1837 wurden ihm diese Auftritte von den Vertretern der jüdischen Gemeinde ausdrücklich untersagt, da sie mit der Würde des Vorbeteramtes unvereinbar seien. Der daraus resultierende Verdienstentgang wurde ihm jedoch großzügig entschädigt. Seine Freundschaft mit Franz Schubert führt unter anderem dazu, dass dieser im Juli 1828 den 92. Psalm für Bariton und gemischten Chor Gebetsgesang für Sulzer vertonte. Salomon Sulzers und Franz Schuberts hebräische Psalm-Vertonungen gehören zu den bedeutendsten Leistungen komponierter Aufklärung und sind in ihrer spirituellen wie melodiösen Einmaligkeit wert, auch außerhalb der Synagogen umgesetzt zu werden. Sulzer war auch wegen seines wunderbaren Bariton-Tenors weit bekannt und man kann im Zusammenhang mit dem 92. Psalm wohl behaupten, dass Salomon Sulzer es war, der einen Schubert uraufführte. Er sang auch bei der ersten Aufführung im Sommer 1828 die Solopartie. Von 1844 bis 1847 erteilte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Gesangsunterricht; die Revolution von 1848 setzte dem allerdings ein Ende.

Die damalige Welthauptstadt der Musik, Wien, verehrte Sulzer. Franz Liszt rühmte Sulzer in seinem Tagebuch: "In Wien besuchte ich den berühmten Tenor Salomon Sulzer. ... Einige Augenblicke lang konnte ich seine Seele durchdringen und die Musik unserer Väter erkennen. Selten wurde ich so gerührt wie an diesem Abend". Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann und Niccolo Paganini, besuchten des öfteren wegen Sulzer den Wiener Stadttempel. Die englische Schriftstellerin Frances Trollope lobte in ihrem Werk "Vienna and the Austrians" (London: 1838, deutsch: Trollope, Frances: Ein Winter in der Kaiserstadt, Wien im Jahre 1836, Promedia Verlag, Wien 2003): "There is in truth so wild and strange a harmony in the songs of Israel as performed in the synagogue in this city, that it would be difficult to render full justice to the splendid excellence of the performance, without falling into the language of enthusiasm.... The volume of vocal sound exceeds anything of the kind I have ever heard; and being unaccompanied by any instrument, it produces an effect equally singular and delightful."

Salomon Sulzer. (*30.3.1804 Hohenems, † 17.1.1890 Wien, jüdischer Kantor und Komponist) Salomon Sulzer wurde 1804 in Hohenems, der bedeutendsten jüdischen Gemeinde Westösterreichs, geboren. 1817 wurde in Hohenems die Vorbeterstelle vakant, und der gerade erst "Bar mizwa" Gewordene wurde vorgeschlagen. Allerdings stellte sich ein Teil der Gemeinde der Berufung dieses noch sehr jungen Kandidaten entgegen, und es bedurfte einer ausdrücklichen kaiserlichen Bestätigung, um die Anstellung durchzusetzen. Als Voraussetzung wurde ihm eine dreijährige Lehrzeit eingeräumt, die er dazu benützte, um als Meschorer einen Kantor Lipmann, auf "Kunstreisen" durch Elsass-Lothringen und die Schweiz zu begleiten, Eindrücke, die seine grundsätzlich westaschkenasische Kulturzugehörigkeit noch verfestigten. Nach dieser gründlichen traditionellen Praxisausbildung strebte Sulzer als Kind des heraufdämmernden Assimilationszeitalters auch nach "europäischen" musiktheoretischen Kenntnissen, die er sich in Karlsruhe aneignete.1820 trat er sein Amt in Hohenems an und erwies sich trotz seiner Jugend als der Aufgabe gewachsen. In den fünf Hohenemser Jahren entfaltete er eine rege idealistische Tätigkeit, die bereits auf den späteren Reformer hinweist. So schuf er einen Chor und ein kleines Streichorchester, die sicher zu dem hohen kulturellen Niveau dieser jüdischen Gemeinde in späteren Jahrzehnten beitrugen.

1826 wurde Sulzer an den im Jahr zuvor neu errichteten Wiener Stadttempel als Kantor berufen. Er traf am 28. Jänner 1826 in Begleitung seiner beiden Meschorerim in Wien ein, erhielt bei seinem Probevortrag allgemeine Zustimmung und fungierte erstmals bei der Einweihung des Stadttempels am 9. April 1826. Sulzer galt bald auch außerhalb des Wiener Judentums als markante Persönlichkeit. Salomon Sulzers wunderbarer Bariton war weit über die Stadtgrenzen bekannt. Zu seinen begeisterten Bewunderern und Freunden zählten die Komponisten Franz Schubert, Franz Liszt, Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann und Niccolo Paganini, die des öfteren den Wiener Stadttempel besuchten, um Sulzer zu hören.

Als Begründer des modernen Synagogengesanges, der einen Kompromiss zwischen den streng orthodoxen Liedern des östlichen jüdischen Kulturkreises und den geistig offenen Bestrebungen des westjiddischen Kulturbereiches darstellte, brachte er es weit über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus zu Ruhm und Ansehen. Sein Lebenswerk veränderte den Ablauf des jüdischen Gottesdienstes, seine musikalische Ausgestaltung als auch den Berufsstand und das Selbstverständnis des jüdischen Kantors nachhaltig. Sein temperamentvoller Gesangsstil wirkte vorbildhaft für die nachfolgende Kantorengeneration. Der "Wiener Ritus", eine gemäßigte Form des jüdischen Gottesdiensts, geht auf Sulzer und I. N. Mannheimer zurück.

In den späten Lebensjahrzehnten wurden Sulzer zahlreiche öffentliche Ehrungen zuteil. 1868 wurde er Ritter des Fanz Joseph-Ordens. In Wien bekam der gebürtige Hohenemser Oberkantor für seine Verdienste auf musikalischem und humanitärem Gebiet 1874 die Ehrenbürgerschaft (taxfreies Bürgerrecht der Stadt Wien) verliehen. 1876, zum 50jährigen Jubiläum der Einweihung des Stadttempels, rekapitulierte er in einer "Denkschrift" das halbe Jahrhundert seines Wirkens. 1881, nach 56 Dienstjahren wurde der 77jährige schließlich von Joseph Singer abgelöst. Nach seinem Tod am 17. Jänner 1890 wurde er in einem Ehrengrab in der "Reihe der Großen" am Wiener Zentralfriedhof unter reger Anteilnahme beigesetzt.

Musikerfamilie bis Auschwitz. Auch seine Kinder schlugen musikalische Laufbahnen ein: Seine Tochter Marie (verh. Belart, * 14.4.1828 Wien, † 22.3.1892 Wien. Sängerin - Sopran). Ausgebildet am Konservatorium in Mailand, wo sie an der Scala ihre Laufbahn begann. Weitere Auftritte in Frankreich, Spanien, Italien und Wien (am Kärntnertortheater). Später gab sie Gesangsunterricht an der Wiener Opernschule und privat. Sie war mit dem Sänger Bonaventura Belart verheiratet.

Die Tochter Henriette (verh. Biacchi * 24.9.1832 Wien, † 13.11.1907 Wien) war Sängerin (Alt). Studierte wie ihre Schwester in Mailand und begleitete sie auch nach Frankreich. Sie vermählte sich mit dem Bassisten Annibale Biacchi, der unter Kaiser Maximilian Direktor der Oper in Mexiko war, wo sie als Sängerin auftrat. Nach dem Ende des Kaiserreichs (1867) lebte sie bis 1871 in Wien, dann in der Nähe von Florenz/I.

Eine weitere Tochter Sophie (verh. Altschul, * 4.4.1840 Wien, † ca. 1885 New York/USA) war ebenfalls Sängerin und Gesanglehrerin in New York.

Sohn Julius (* 26.7.1830 Wien, † 13.2.1891 Wien) war wiederum Komponist, Dirigent, Violinist. Ausgebildet u.a. von seinem Vater. Nach mehreren Reisen (Europa, Asien) wurde er 1868 Erster Kapellmeister der italienischen Oper in Bukarest. 1870 war er Operndirektor in Turin. Während der Weltausstellung 1873 in Wien führte er im Prater Singspiele und Konzerte auf. 1875–89 war er Kapellmeister am Wiener Burgtheater.

Der Sohn Joseph (* 11.2.1850 Wien, † 14.1.1926 Wien) war Violoncellist und Komponist. Er war bis 1868 Schüler von K. Schlesinger am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. 1868 ging er mit seinem Bruder nach Bukarest, kehrte 1873 nach Wien zurück und war ab 1874 Mitglied des Orchesters der Hofoper und des Quartetts von J. Hellmesberger sen. 1892 wurde er zum Musikdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde ernannt.

Auch dessen Sohn Rudolf ( * 23.10.1885 Wien, † 16.2.1943 Auschwitz) widmte sich bis zu dessen Ermordung in Auschwitz als Sänger (Bariton, Tenor) der Musik. Er wurde ans Deutsche Theater in Prag engagiert. Danach sang er an der Volksoper Wien und an der Komischen Oper in Berlin. Am Berliner Neuen Operettentheater wechselte er zum Operettentenor, war nach dem Ersten Weltkrieg bis 1922 am Carltheater, anschließend wieder in Berlin und bei Gastspielen erfolgreich.


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Donnerstag, 27. Juni 2019

[ #Vorarlberg ] Geschützte Tiere in Vorarlberg


Darauf sollten auch alle Outdooraktivisten achten: Geschützte Tiere in Vorarlberg nach der Vorarlberger Naturschutzverordnung.

Schutz von Tieren. Alle frei lebende Tiere dürfen nicht absichtlich beunruhigt, verfolgt, gefangen oder getötet werden. Einige Tier.arten sind nach jagdrechtlichen Bestimmungen jagdbar Ihre Brutstätten und Nester dürfen nicht entfernt oder zerstört werden.

Naturwacht, Waldaufseher, Jagdschutzorgane, Fischereiaufseher und Naturschutzbeauftragte der Bezirkshauptmannschaften beraten, kontrollieren die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und zeigen Übertretungen an.

Ausgenommen davon sind von den Säugetieren die Schermaus, die Hausmaus, die Feldmaus und die Ratte.

Geschützt sind neben den Säugetieren und den Vögeln auch:
  • alle Reptilien und Amphibien
  • von den Fischen der Bitterling, die Koppe, der Steinbeisser und der Strömer.
  • von den Krebsen der Steinkrebs und der Dohlenkrebs
  • von den Insekten die Schmetterlinge, die Hornisse, die Hummeln, die hügelbauenden Waldameisen, die Libellen, der Schmetterlingshaft, der Bienenwolf sowie die Käfer mit Ausnahme der Haus- und Vorratsschädlinge.
  • von den Weichtieren die Weinbergschnecke, die Schmale Windelschnecke, die Flussmuschel, die Malermuschel, die Gemeine Teichmuschel und die Große Teichmuschel
Schutz des Lebensraumes. Zum Schutz des Lebensraumes gefährdeter Tier- und Pflanzenarten ist insbesondere Folgendes zu beachten:
  • Röhrichte oder die Bodendecke dürfen nicht abgebrannt werden
  • In der Zeit vom 15. März bis 30. September dürfen außerhalb bebauter Bereiche Hecken nicht geschnitten und Röhrichte nicht abgemäht werden
  • Auf Alpflächen dürfen keine Herbizide verwendet werden, ausgenommen zur Einzelpflanzenbekämpfung
  • Beim Düngen im Nahbereich von Gewässern und ihrer natürlichen Ufervegetation, Mooren, Streue- und Magerwiesen, Hecken, Waldrändern und Lesesteinmauern ist ein ausreichender Abstand einzuhalten, sodass diese nicht beeinträchtigt werden.
  • Jeder Einzelne ist verpflichtet, sich naturverträglich zu verhalten. Vor allem bei der Freizeitgestaltung sollte Rücksicht auf Natur, Tiere und Landschaft genommen werden. Dies gilt besonders in noch weitgehend unberührten Gebieten und sensiblen Lebensräumen.
  • Das Wegwerfen von Abfällen in der Landschaft ist verboten.

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Dienstag, 18. Juni 2019

[ #Vorarlberg ] Der Lehrerinnenzölibat in Vorarlberg: Als die Lehrerinnen noch "Fräuleins" waren


Als die Lehrerinnen noch  "Fräuleins" waren.

Manche alt und verbittert, andere jung und liebenswürdig, immer aber unverheiratet. Dieses Bild aus zahlreichen Spielfilmen der Zwischenkriegszeit hat sich eingeprägt, und es hat einen realen Hintergrund. Denn Ursache für das Fräulein-Schicksal des weiblichen Lehrkörpers war das "Lehrerinnen-Zölibat", das bei Heirat grundsätzlich die Kündigung der Frau aus dem Dienstverhältnis vorsah. Ein knappes Dokument des Landesarchivs erzählt davon, ein eBook mit 233 Seiten mehr.

Doppelverdiener = Arbeitsplatzräuber. Das Schlagwort vom notwendigen Abbau der "Doppelversorgung" bzw. der insbesondere gegen berufstätige Ehefrauen gerichtete "Kampf gegen die 'Doppelverdiener'" gewann schon in der Ersten Republik auch angesichts einer hohen Zahl an Arbeitslosen kontinuierlich an Wirkmacht. Viele Frauen der betroffenen Berufsgruppen opponierten gegen diese Entwicklung, die sie früh voraussahen, auch in Form von eigens einberufenen Protestversammlungen, und vermochten sie doch nicht aufzuhalten.

Fortschritte nicht im Westen. In Westösterreich herrschte ohnedies das Bild der Lehrerin als Nonne vor, war die Lehrerausbildung auch vorwiegend in kirchlichen Händen. Bereits 1921 wurde durch ein Bundesgesetz die Aufnahme von weiblichen Kräften bei der Bahn und in den Postdienst gesperrt, und 1922 führte als erstes das Land Salzburg wieder ein Lehrerinnenzölibat ein; dem folgten bald andere Länder wie Tirol, Vorarlberg und – eingeschränkt – Kärnten, Steiermark und Niederösterreich. Von hier führt der Weg schließlich bis in den austrofaschistischen Ständestaat, als nach mehreren Versuchen zu Beginn des Jahres 1933 das so genannte "Doppelverdienergesetz" beschlossen wurde, welches die sofortige Entlassung verheirateter Frauen aus dem Bundesdienst, bzw. Kündigung im Falle der Eheschließung vorsah.


Frauenfeindliche Vorarlberger Landespolitik. Im Prinzip wurde in Vorarlberg bis zur Schulreform auch nach dem II. Weltkrieg an dieser frauenfeindlichen Politik festgehalten. 1949 wurde durch den Nationalrat die dienstrechtlichen Ungleichbehandlungen zwischen männlichen und weiblichen Lehrern ausdrücklich außer Kraft gesetzt. Doch die Vorarlberger Landesregierung sträubte sich noch lange, und auch ganz real. verheiratete Lehrerinnen zu akzeptieren. Freilich die "Kinderschwemme" der Baby-Boomer zwangen auch die verkarstete und männerdominierte Vorarlberger ÖVP letztlich dazu, auch verheiratete Frauen im Lehrberuf zu akzeptieren. Die (verheiratete) Grundschullehrer(in) ist inzwischen nahezu ein reiner Frauenberuf geworden. Gehalten hat sich aus dieser Ideologie allerdings bis heute eine frauenfeindliche Haltung in Fragen der öffentlichen Kinderbetreuung.

eSource. Ein knappes Dokument des Landesarchivs erzählt davon. Dazu kommt nun der verschriftlichte Vortrag von Ulrich Nachbauer "Lehrerinnenzölibat in Vorarlberg" in der Reihe "Verbotene Liebe" des Vorarlberger Landesarchivs am 12. Mai 2010 in Bregenz sowie eine Veröffentlichung der Vierteljahreszeitschrift Montfort von demselben Autor.

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Montag, 17. Juni 2019

[ #Feldkirch ] Lob der Migration: Eduardo Frei - Der chilenische Staatspräsident "aus Feldkirch"


Während man hierzulande von den Migranten Anpassung, sprich "Integration" verlangt, lässt man die erfolgreichen Auswanderer wiederum nicht los, beansprucht sie für die "Heimat". So auch mit dem seinerzeitigen christdemokratischen Staatspräsidenten von Chile, Eduardo Frei.

Im Internet steht eine Dissertation zum Download zur Verfügung, die es in sich hat. Sie vermittelt in dem Abschnitt über seine seine "schweiz-, österreichischen Wurzeln" nicht nur eine Menge Information zur Migration nach und aus Vorarlberg - vorwiegend vor dem ersten Weltkrieg - nein, sie ist auch spannend zu lesen. Spannend auch Eduardo Freis Aufstieg in einem südamerikanischen Land, zwischen den Mühlsteinen der konservativen Eliten und der revolutionären Kräfte. Sie macht damit ein Land und dessen Geschichte, ja vielleicht die eines ganzen Kontinents verständlicher. Die Dissertation sollte also nicht nur bei Vorarlbergsien-Sammlern, sondern auch bei an Gesellschaft, Geschichte und Entwicklung Interessierten zwingend in der "eBibliothek" stehen.

Migrationsgeschichte. Die Geschichte des chilenischen Staatspräsidenten Eduardo Frei "aus Feldkirch" ist eine vielfältige Migrationsgeschichte, die sich beileibe nicht auf die Enge der Feldkircher Neustadt reduziert und reiht sich vorzüglich in die vielen Vorarlberger (unerzählten)Migrationsgeschichten ein.

Vater  Eduard Frei Schlinz
Eduardo Frei selbst ist auch nicht aus Feldkirch, aber sein Vater ist in der Feldkircher Neustadt aufgewachsen, sein Vorfahren in Frastanz, in der Felsenau. Und trotzdem blieben sie Schweizer. Schweizer die von der katholischen Mehrheitsbevölkerung als Protestanten angefeindet wurden und trotzdem Mobilität und Erfolg bewiesen und sich dabei nicht nur anpassten, "integrierten". Als sich dann die Familie in Feldkirch auflöste, verstreuten sie sich wieder "über alle Lande".  Sein Sohn, Eduardo Frei Ruiz-Tagle (* 1942), wurde gar zum chilenischen Präsidenten gewählt.

Ist auch er noch ein "Feldkircher"?

Abstract. Eduardo Frei Montalva war von 1964 bis 1970 chilenischer Staatspräsident und gehört neben Arturo Alessandri und Salvador Allende zu den bedeutendsten Reformpolitikern des Landes.  
Seine familiären Wurzeln reichen zurück nach Vorarlberg bzw. in die Schweiz. Sein Vater Eduard Frei war um 1909 nach Chile gekommen, um sich da niederzulassen und mit der Chilenin Victoria Montalva eine Familie zu gründen. Eduardo war der erstgeborene Sohn (geb. 1911). Der Auswanderer war 1885 in Feldkirch zur Welt gekommen, besuchte dort das Gymnasium und erlernte den Beruf eines Buchhalters. Er stammte einer schweizer Familie aus dem Toggenburg ab. In Chile arbeitete Eduardo Frei als Buchhalter, zuerst bei einem Weinproduzenten, danach bei der Staatlichen Eisenbahn in Santiago. Eduard Frei verstarb 50-jährig an einem Krebsleiden.

Die politische Karriere Eduardo Freis ist eng verbunden mit der katholischen Bildungslandschaft Chiles. Während seines Jus-Studiums an der Katholischen Universität geriet er in den Sog eines Studienzirkels, das sich vor allem mit der sozialen Frage im Blickfeld der katholischen Soziallehre auseinandersetzte. Aus diesem erging eine Gruppe Jugendlicher, die sich zusehends politisierte, was schließlich 1939 in der Bildung einer eigenen Partei, der "Falange Nacional", kuliminierte. Frei gehörte der Gruppierung von der ersten Stunde an an, agierte aber anfangs noch von der zweiten Reihe aus. In den 1940er-Jahren stieg er zur Führungsperson der Partei auf und sollte bis zu seinem Tod 1982 die Lichtgestalt der Christdemokraten sein. Frei verfügte über großes politisches Talent. Er überzeugte sowohl als Minister (1946) als auch als Parlamentarier im Senat (1949-1964), kandidierte 1958 erstmals für die Präsidentschaft, als er Dritter wurde, und schließlich nochmals 1964, als er gegen Allende haushoch gewann.  
Frei verkörperte den dritten Weg zwischen den verhärteten Fronten des Kapitalismus und Marxismus. Sein Programm, die "Revolution in Freiheit", versuchte, sowohl längst fällige soziale Reformen durchzuführen als auch private Initiativen insbesondere der Klein- und Mittelunternehmer zu unterstützen. Die Revolution in Freiheit sollte zwar nicht scheitern, aber auch nicht verwirklicht werden. Frei erreichte die erhofften Ziele nicht. Folglich verloren die Christdemokraten 1970 die Präsidentschaft an den Sozialisten Salvador Allende, der die eingeleiteten Reformen Freis um ein Wesentliches vertiefte. Allende polarisierte jedoch mit seinem Programm die Gesellschaft, was schließlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft und zur Militarisierung der Zivilbevölkerung führte. Das Land befand sich am Rande eines Bürgerkriegs, als das Heer am 11. September 1973 die Regierung putschte und unter der Führung von Augusto Pinochet eine Militärdiktatur installierte, die den Rechtsstaat beseitigte und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beging. 
Frei ging sowohl bei Allende als auch bei Pinochet auf strikten Oppositionskurs. Er rechtfertigte zuerst den Militärschlag, machte aber kehrt, als er merkte, dass das Militär die Macht an sich reißen und ein eigenes politisches Programm schmieden würde. Frei starb dann im Jänner 1982 völlig überraschend nach einem einfachen chirurgischen Eingriff. In den letzten Jahren haben Untersuchungen an den Überresten Freis ergeben, dass dieser vergiftet worden sein könnte. 
Zwei Präsidenten: Vater und Sohn 
Mord durch Pinochets Leute. 37 Jahre nach dem Tod des früheren Staatschefs Eduardo Frei Montalva mussten tatsächlich sechs Angeklagte wegen ihrer Mordbeteiligung ins Gefängnis. Es steht damit fest, der Präsident war anläßlich einer recht gewöhnlichen Routine-Operation 1982 in einem Krankenhaus von Pinochets Gefolgsleuten vergiftet worden.  Nach Eduardo Frei Montalva wurde eine chilenische Antarktis-Forschungsstation benannt; die große Frei-Station (Base Presidente Eduardo Frei Montalva) befindet sich auf King George Island.

Und wieder ein Präsident. Der Tod bedeutete jedoch immer noch nicht das Ende der politischen Familiengeschichte. Freis gleichnamiger Sohn, Eduardo Frei Ruiz-Tagle, trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde 1994 zum Präsidenten Chiles gewählt.
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Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis:
Vorwort 7
Einleitung   9
I. Die Migration von Vorarlberg nach Chile im 19.
Jahrhundert  14
A) Die Überseemigration europäischer Staaten 16
1. Allgemeine Aspekte der Auswanderung  16
2. Die Migration nach Südamerika  17
3. Die Auswanderung aus der Donaumonarchie  18
Schriften- und Quellenverzeichnis   20
B) Vorarlberg im 19. Jahrhundert und das
Emigrationsverhalten im „Ländle“ 22
1. Allgemeine Aspekte der Auswanderung  23
2. Die Auswanderung nach Südamerika  24
Schriften- und Quellenverzeichnis   27
C) Der Andenstaat Chile 29
1. Allgemeine Aspekte der Immigration  29
2. Der Beitrag Österreichs zur chilenischen Immigrationsbewegung 33
3. Vorarlberger in Chile - Pater Peter Fink  34
Schriften- und Quellenverzeichnis   40
II. Der chilenische Staatspräsident Eduardo Frei
Montalva und seine schweiz-, österreichischen Wurzeln   43
A) Die schweiz-, österreichischen Wurzeln – Eduard Frei aus Feldkirch  46
1. Elias Frei aus Neßlau   46
2. Die Familie Eduard und Genovefa Frei   51
3. Der Chile-Wanderer Eduard Frei  58
Schriften- und Quellenverzeichnis   65
B) Die Kinder- und Jugendjahre Eduardo Freis 69
1. Die Geburt und frühe Kindheit  69
2. Lontué  71
3. Die Schulzeit in Santiago 73
Schriften- und Quellenverzeichnis  78
C) Die Formierung eines Politikers. Von der Universität
bis zur Gründung der „Falange Nacional“ (1928-1939) 79
1. Die Politisierung Freis (1928-1934) 79
a) Die Universität   79
b) Geschichte Chiles 82
Die spanische Kolonialzeit  84
Die Unabhängigkeit Chiles und das 19. Jahrhundert  88
Die Unabhängigkeit und die politische Entwicklung des Landes 88
Die innerstaatliche Integration 91
Die wirtschaftliche Entwicklung und Infrastrukturierung des Landes  92
Die Gesellschaft   96
Rückständigkeit  97
Der politische Umbruch  100
Die soziale Frage   100
Die Präsidentschaft Alessandris und die Diktatur Ibáñez   102
c) Die Politisierung Freis  106
Die ANEC („Associación Nacional de Estudiantes Católicos”)  107
Vom Studienzirkel zur Parteimitgliedschaft 114
Der Weg zur Gründung der „Juventud Conservadora“ 115
Die Politisierung Freis    120
2. Die Ideologisierung Freis (1934-1939)  131
a) Iquique 131
b) Die „Konservative Jugend“  136
Das Kabinett Arturo Alessandri II (1932-1938)  136
Das Innenleben der „Konservativen Jugend“ 140
Die Loslösung. Die Bildung einer eigenständigen Partei   144
3. Die Gedankenwelt Freis 150
a) Nähere Berührungspunkte  151
b) Tiefere Berührungspunkte 158
Die geistigen Inspiratoren   158
Jacques Maritain   164
c) Die Gedankenwelt Freis  174
Die gesellschaftliche Krise  177
Die Konturen Chiles  181
Wege aus dem Sumpf. Die „christliche Revolution“ 185
Schriften- und Quellenverzeichnis   192
D) Der politische Aufstieg Freis. Vom Parteiobmann
zum Staatspräsidenten (1939-1964)...   200
1. Chile im Zeitalter der Importsubstitution  201
a) Der Staat im Wandel  201
b) Die Gesellschaft im Wandel  203
c) Die Wirtschaft im Wandel 204
d) Wachstum, Gegensätze, Ungleichheit 206
2. Das steinige Jahrzehnt. Die ersten politischen Fußstapfen Freis (1939-1949) 212
a) Die „Radikalen“ Präsidenten (1938-1952) 212
b) Jahre des Aufbaus    216
c) Die Bewährungsprobe   221
3. Vom Senator zum Präsidentschaftskandidaten (1949-1958)  228
a) Das politische Sprungbrett. Frei als Senator   228
b) Die Präsidentschaft Carlos Ibáñez„  231
c) Die Partei: Von der „Falange Nacional“ zur „Demócrata Cristiano“  232
d) Der Aufstieg zu einer politischen nationalen Größe. Vom Senator zum
Präsidentschaftskandidaten 236
4. Der Weg nach oben  241
a) Die Administration Jorge Alessandri und die kubanische Revolution 241
b) Die PDC im Kalten Krieg   244
c) Frei auf dem Weg in die „Moneda“ 251
d) Die Präsidentenwahlen von 1964 255
5. Eduardo Frei außerhalb der Politik  262
a) Die Familie  262
b) Die Person Frei   264
6. Die Gedankenwelt Freis 265
a) Das schriftliche Testament  265
b) Die Einflüsse auf die Gedankenwelt Freis 267
c) Bestandsaufnahme   269
Die westlichen Staaten  269
Lateinamerika  271
Chile 274
Gesellschaft   274
Wirtschaft 276
Politik und Bürokratie   278
d) Quo Vadis, Chile?     279
Schriften- und Quellenverzeichnis 287
E) „La Revolución en Libertad“. Die christdemokratische
Regierung (1964-1970) 293
1. „Die Revolution in Freiheit“. Das Programm und die Regierung 294
2. „Ein Parlament für Frei“. Die Euphorie (1964-1967)  299
a) Das Land in Bewegung. Die Reformpolitik 302
Der Staat 302
Wirtschaft 303
Industrie, Infrastrukturierung, Energie und Kommunikation  303
Agrarreform    305
Chilenisierung des Kupfers   309
Gesellschaft    312
„Promoción Popular“    312
Bildung   315
Wohnbau und Gesundheitswesen 317
Internationale Politik  318
b) Das Land in Bewegung. Schönwetter und die ersten Gewitterwolken 323
3. „Es gibt keine schwierigere Aufgabe in der Welt als die Verwirklichung der
Revolution in Freiheit“. Die Ernüchterung (1967-1969) 330
a) Die Reformpolitik 331
Agrarreform    332
Chilenisierung des Kupfers   334
Verfassungsreform 335
Internationale Politik  336
b) Der Einbruch   341
Das Land spaltet sich   341
Die Partei spaltet sich   347
4. „Unser Experiment war kein Misserfolg“. Die Einsicht (1969-1970)  351
a) Chile im Wahlkampf    351
b) Der Aufstieg Allendes  357
5. „Die Revolution in Freiheit“. Das Resultat  362
a) Die Ergebnisse in Zahlen 362
Staat 363
Wirtschaft und Infrastruktur   363
Gesellschaft    366
Politische Partizipation und Gewerkschaft  369
b) Die Analyse  369
Der vordergründige Blick   371
Der hintergründige Blick  374
Schriften- und Quellenverzeichnis 382
F) Der kämpferische Frei. Der Christdemokrat unter Allende
und Pinochet (1970-1982)  388
1. Das sozialistische Experiment  388
a) „Die populistische Orgie“. Die Regierung der Unidad Popular
im ersten Jahr    390
Die Unidad Popular im Aufwind   390
Eduardo Frei kehrt zurück   393
b) „Die Krise“. Die sozialistische Regierung gerät in Nöte   400
Die Regierung im zweiten Jahr  400
Die Wirtschaft  401
Das Regierungsbündnis  403
Das Parlament und die Opposition 404
Gewalt und Militarisierung  405
Die Bevölkerung   406
Frei verbindet die PDC mit dem rechten Lager   408
c) „Die Katastrophe“. Das Ende des sozialistischen Experiments 414
Parlamentswahlen. Freis Rückkehr ins Hohe Haus  414
Die Lage eskaliert   419
Der Putsch. Das Militär erhebt sich 423
2. Das Militärregime   427
a) Die Implementierung einer Diktatur (1973-1977)  427
Vom Militärputsch bis „Chacarillas“ 427
Die Grundsatzerklärung der Junta und die „Chicago-Boys“  427
Der Machtanspruch Pinochets und die Ansprache in „Chacarillas“  433
Der Wandlungsprozess Freis  435
Frei verteidigt sich 435
Der innere Konflikt 442
Frei geht auf Konfrontation   447
b) Frei kämpft für die Demokratie  459
Die Festigung der Diktatur  459
„Glaubt Pinochet, die Chilenen hätten nichts gelernt“? Freis Kampf
für die Demokratie  462
„Die Welt, die wir kannten, stürzt ein“. Das geistige Gerüst Freis  462
Frei im Ausland   464
Frei im Inland  467
Widerstand gegen die autoritäre Verfassung 470
c) Der Tod Freis  477
Epilog: Wurde Frei ermordet?        485
Schriften- und Quellenverzeichnis   492
Literatur- und Quellenverzeichnis 498
Zusammenfasssung 512
Lebenslauf   513

[ #Vorarlberg ] Filmzensur: Im Westen nichts Neues

Filmzensur ist im westlichsten Bundesland Österreichs nichts Neues. Erst mit der Erfindung des Internets sind alle diesbezüglichen Bemühungen gänzlich verstorben, ohne dass deswegen Vorarlbergs Bevölkerung sittlich besonders gefährdet wäre. 


Dass aber in Vorarlberg trotz verfassungsgemäßen Verbot der Zensur 1931 die Verfilmung von Erich Maria Remarque's Roman "Im Westen nichts Neues" (All quiet on the Western Front, USA 1929/30, Regie: Lewis Milestone) verboten worden war, das überrascht den Nachgeborenen doch einigermaßen. Widerstand gegen das Verbot des Antikriegsfilmes organisierten die Vorarlberger Sozialdemokraten, welche Fahrten zum Kinobesuch in St. Gallen organisierten.

Bereits Remarques Romanvorlage hatte großes Aufsehen verursacht und machten sich rechte Gruppierungen sofort daran, ihr Missfallen über den pazifistischen Grundton in gewalttätigen Protesten auszudrücken. Schon am 8. Februar 1930 hatte der thüringische Innen- und Volksbildungsminister Wilhelm Frick (NSDAP) verfügt, dass "Im Westen nichts Neues" in keiner Schule des Landes mehr gelesen werden darf. Das Werk wurde als "pazifistisch-marxistische Propaganda" bezeichnet.

In der Tagszeitung "Der Wiener Tag" konnte man dazu am 16. Dezember 1930 lesen: " ... hört man, dass das Innenministerium sich bereits mit der Frage beschäftigt, welcher Standpunkt zu dem Remarque-Rummel einzunehmen wäre. Man ist angeblich nicht gewillt, das gut Recht zur Aufführung des Antikriegsfilms zu verteidigen, sondern will irgendeinen biegsamen Paragraphen aus dem Kinogesetz heranziehen, um gegen den Sinn der republikanischen Rechtsordnung die Aufführung des Filmwerkes einfach zu verbieten." So sollte es auch kommen.

Durch die Verfassungsnovelle des Jahres 1925 die legislativen und exekutiven Kompetenzen im Film- und Theaterwesen vom Bund auf die Länder übergegangen. Daraufhin hatte Vorarlberg ein eigenes Film- und Kinorecht geschaffen, mit welchen die Filmzensur im Grunde wieder eingeführt worden war. Die österreichische Bundesregierung billigte diese Eingriffe in die Zensurfreiheit . Daneben bestand noch eine pseudlegale Möglichkeit unliebsame Filme aus dem Verkehr zu ziehen: Kam es bei einer Vorführung zu Krawallen, Zwischenrufen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, so konnte, nach einer Weisung des Ministerrates aus dem Jahr 1930, die zuständige Polizeidirektion sofort ein Verbot gegen den Film erlassen.

Gezielte Störaktionen der Nationalsozialisten waren damit vorprogrammiert. Die oben zitierte Meldung der Zeitung (Der Wiener Tag) zeigt dies deutlich: "Die österreichischen Nationalsozialisten halten sich verpflichtet, hinter der Radausucht ihrer deutschen Brüder nicht zurückzustehen. Seit bekannt wurde, dass der Remarque-Film 'Im Westen nichts Neues' am 3. Jänner in Wien vorgeführt werden soll, regnet es von ihrer Seite Proteste und Drohungen." Die Nazis vergaßen der Zeitung übrigens ihre demokratische Haltung nach dem Anschluss nicht: Die letzte Ausgabe der Zeitung erschien am 12. März 1938, dem Tag des "Anschlusses". Daraufhin schlossen die Nationalsozialisten die Redaktion, und die Zeitung wurde verboten. Die Redakteure Maximilian Schreier, Vincenz Ludwig Ostry und Rudolf Kalmar wurden von der Gestapo verhaftet und nach Deutschland in Konzentrationslager deportiert.

Der Antikriegsfilm hatte aber nicht nur bei den Nazis keine Chance. Auch bei den bürgerlichen Politikern waren längst die Demokratie, Frieden und Freiheit kein Modell mehr. In einer Parlamentsdebatte zu diesem Film sprachen sich die Abgeordneten der Christlichsozialen, des Heimatblockes und der Großdeutschen gegen den Film aus und sprachen schon wie die Nazis selber von "überflüssiger Kriegsabrüstung unseres Volkes". Der spätere Bundeskanzler Schuschnigg wandte sich "gegen den Pazifismus als Geschäft" und setzte sich in Hinblick auf eine "allgemein moralische, vaterländische und nationale Anständigkeit" für ein Verbot des Filmes ein.

Die österreichische Regierung schließlich empfahl den Landesregierungen ein Verbot über den Film zu verhängen und forderte damit - die Filmzensur war noch nicht wieder eingeführt worden - offen zu einem Verfassungsbruch auf. Oberösterreich und Vorarlberg kamen dieser Empfehlung sofort nach.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒

      Mittwoch, 5. Juni 2019

      [ #Bregenz ] Egon Schiele: ... ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See ...

      Egon Schiele / Das alte Schloss in Bregenz  - 1912
      Am 25. Januar 1914 schrieb Egon Schiele: "Mir ekelte vor meiner früher so innig geliebten melancholischen Landschaft in Neulengbach. - es trieb mich als Gegensatz an die Grenze(!); ich blieb in Bregenz 1912 und sah nichts als den verschieden stürmenden See und ferne weiße sonnige Berge der Schweiz .- ..."

      Aktstudien. Egon Schiele übersiedelte 1911 nach Krumau, der Heimatstadt seiner Mutter. Kurz zuvor macht er Bekanntschaft mit dem Modell Wally Neuzil, die sein bevorzugtes Modell und seine Freundin wird. Er geht mit ihr eine freie Lebensgemeinschaft ein und nimmt sie mit nach Krumau. Dort beginnt eine künstlerisch ersprießliche Tätigkeit. Bald aber läuft es der kleinstädtischen Gesinnung zuwider, dass Schiele auch sehr junge Krumauer Mädchen zu Aktstudien heranzieht und darüber hinaus in "wilder Ehe" mit Wally lebt. Schiele muss aus Krumau fort und lässt sich nach einer kurzen Zwischenstation bei seiner Mutter in Neulengbach, nahe bei Wien, nieder. Schiele fällt aber wie in Krumau als Künstler auf. Seine berühmten Jungmädchenakte machen ihn zum Skandalmaler der Wiener Gesellschaft und bringen ihn in seinem kurzen Leben ins Gefängnis.

      Untersuchungshaft. Am 13. April wird Schiele in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen wegen angeblicher Entführung einer Minderjährigen und anderer Delikte. 125 erotische Zeichnungen wurden beschlagnahmt. Am 30. April wird er ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt. Die Hauptbeschuldigung, eine Minderjährige verführt zu haben, erweist sich als haltlos. Weil Kinder aber gelegentlich in Schieles Atelier seine Aktstudien zu Gesicht bekommen, scheint damit dem Gericht der Tatbestand der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" gegeben. Es verurteilt Schiele deswegen zu drei Tagen Arrest, die aber mit der vierundzwanzigtägigen Untersuchungshaft verbüßt sind. Ermöglicht wurde die Verhaftung des Künstlers durch den Paragraphen 516 des damaligen Strafgesetzes (Die Geburtsstadt Tulln hat übrigens ausgerechnet im alten Gefängnis ein kleines Schiele-Museum eingerichtet). Das alles bedeutet für Schiele einen schweren Schock. Die Zeit von Neulengbach, eine seiner produktivsten Perioden, war auf diese Weise zu Ende gegangen.

      Selbstpotraits. Unzweifelhaft sind die Akte in Schieles Werk ein ganz wesentlicher Bestandteil. Schiele äußerte sich dazu: "Kein erotisches Kunstwerk ist eine Schweinerei, wenn es künstlerisch bedeutend ist, zur Schweinerei wird es erst durch den Beschauer, wenn er ein Schwein ist". Was den genialen Bürgerschreck vor fast 90 Jahren hinter Gitter gebracht hat, hängt heute in jedem dritten Wohn-/ Schlafzimmer! Aber unberücksichtigt bleibt auch, dass von den 245 erhaltenen Gemälden - dazu kommen noch rund 2000 Zeichnungen - über hundert Selbstporträts sind, oder besser: Selbstdarstellungen. Denn die meisten dieser Bilder sprengen den Rahmen dessen, was man gemeinhin ein Selbstporträt nennt. Für Schiele ist die Selbst-Darstellung stets Selbst-Suche. Suche nach den Grenzen und Konturen seines Selbst.

      Bregenz. Die Zeit im Gefängnis hatte bei dem jungen Schiele natürlich ihre Spuren hinterlassen, Schiele fühlt sich zunächst unfähig, zu arbeiten. Er teilt sich ein Atelier mit seinem Freund und Mitglied der "Neukunstgruppe", Erwin Osen. Bis zum Jahresende unternimmt er mehrere Reisen; zunächst nach Kärnten und Triest, in der zweiten Jahreshälfte zieht es ihn nach München, Bregenz und Zürich. Im Sommer 1912 fuhr Schiele mit der Bahn nach Bregenz und wohnte in einem Gasthaus am See (Reichstr. 13, heute abgerissen). Selbstredend nützte Schiele die Zeit am Bodensee auch zum Zeichnen und Malen. Im November bezieht er wieder ein eigenes Atelier in der Hietzinger Hauptstraße in Wien. Neben den Modellen die weiterhin zahlreich sein Atelier besuchen, entstehen in Schieles Räumen in den nächsten Jahren zahlreiche Portraits von Freunden und Förderern. In der von Franz Pfemfert herausgegebenen Berliner Zeitschrift "Die Aktion - Wochenzeitschrift für Politik, Literatur und Kunst" werden seit 1913 sowohl Zeichnungen als auch Prosagedichte Schieles aufgenommen.


      Egon Schiele - Kastanienbaum (Blick vom Seeufer bei Lochau...) 1912

      Egon Schiele. Egon Schiele wurde am 12.6.1890 in Tulln als 4. Kind des Bahnhofsvorstandes im Gebäude des Tullner Bahnhofs geboren. Ab 1906 besucht das Eisenbahnerkind die Akademie der Bildenden Künste, die er nach drei Jahren enttäuscht abbricht. Die Anfänge seines künstlerischen Schaffens stehen noch im Zeichen nachimpressionistischer Stiltendenzen, ab 1907 wendet er sich unter dem Einfluss Gustav Klimts dem Jugendstil zu. Seine Auseinandersetzung mit der dominierenden künstlerischen Richtung erfolgt jedoch auf sehr eigenständige Art und Weise. Sich von den ästhetisierenden, ornamentalen Tendenzen des Jugendstils abwendend, findet Schiele ab 1910 zu seinen typischen expressionistischen, teilweise ekstatisch anmutenden Ausdrucksstudien. Ausdrucksstark, mit expressionistischer Gestik bildet er nicht nur Sichtbares ab, sondern beschreibt Seelenzustände, fängt das Temperament und die inneren Spannungen der Abgebildeten ein. Stilistisch entfernt er sich immer mehr von seinem Freund und Förderer Gustav Klimt und den Wiener Sezessionisten. Erst in seinen letzten beiden Lebensjahren erlangt Schiele Anerkennung als Portraitist. Er hatte enormes Talent und eine egomane Besessenheit, wie man schon an der Zahl seiner Werke ersehen kann.

      Spanische Grippe. In den Jahren 1918 und 1919 ging das Influenza-Virus als "Spanische Grippe" in die Geschichte ein. Der erste Weltkrieg wütete. Leid, Trauer und Schmerz überzogen viele Länder. Jeden Tag hatte man Tausende von Gefallenen zu beklagen, was war da schon ein Kranker in einem Militärcamp? "Ein Drückeberger, jemand der nicht an die Front will...". So dachte auch dieser Armeeangehörige der unter starken Schmerzen seinen Dienst verrichtete. Tagelang schleppte er schon eine fiebrige Erkrankung mit sich, als er sich endlich beschloss zum Militärarzt zu gehen. "Erkältung!" lautete kurz und knapp die Diagnose des Arztes und er steckte den Armeeangehörigen ins Bett und lies ihn gehörig schwitzen. Dieser "Erkältungs"-Erkrankte war der Anfang einer verheerenden Grippe-Pandemie, der erste Erkrankte an der "Spanischen Grippe" starb. So geschehen am 11. März im Jahre 1918 in einem Militärcamp in Kansas/USA. Nach Angaben der WHO starben bei der Pandemie weltweit mindestens 40 Millionen Menschen. Der Name "Spanische Grippe" rührt daher, dass die Presse in Spanien weitaus freier war als in den am ersten Weltkrieg direkt beteiligten Staaten. Nachrichten über die Krankheit wurden daher in vielen Ländern zensiert, so dass die ersten alarmierenden Berichte über diese Pandemie aus dem neutralen Spanien kamen.

      Die glückliche Schweiz war an diesem Krieg nicht beteiligt. Aber auch die Schweizer Armee brauchte Kriegerdenkmäler. Und so baute man den während des ersten Weltkrieges an der Spanischen Grippe verstorbenen Schweizer Wehrmännern im ganzen Land Erinnerungsstätten. Dass Gesundheit und Leben von "Soldaten" auch vor dem Debnkmal nicht viel wert waren zeigt, dass von den 21.500 Schweizer Epedemieopfern nicht weniger als 3000 Soldaten waren. Trotzdem würde man sich mehr solcher statt anderer "Kriegerdenkmäler" wünschen.Die ihnen gewidmeten Denkmäler erforderten eine spezielle Typologie und eine schweizerische Ikonographie ohne heroische Kampfgebärden. Die Bildhauer schufen nun in der ganzen Eidgenossenschaft friedliche Allegorien und Soldaten auf Wache. Als das bekannteste gilt das Forchdenkmal.

      Am 6. Februar 1918 stirbt Gustav Klimt. Am Tag danach hat Schiele den toten Klimt im Allgemeinen Krankenhaus dreimal gezeichnet. Durch den Tod Klimts war er plötzlich der anerkannt führende Künstler Wiens. Im März stellt die Wiener Sezession Schiele und seiner Gruppe ihr Gebäude zur Verfügung, Schiele selbst den Hauptsaal. Er ist mit 19 großen Gemälden und 29 zum Teil aquarellierten Zeichnungen vertreten. Künstlerisch und materiell bedeutet diese Ausstellung für ihn den ersten wirklichen Erfolg. Seine Gattin ist im sechsten Schwangerschaftsmonat als sie am 19. Oktober an spanischer Grippe erkrankte. Neun Tage später verstarb sie und wurde am 31. Oktober am Ober-St. Veiter Friedhof beigesetzt. Am Abend des 27. Oktobers hatte Egon Schiele noch zweimal seine Frau gezeichnet. Es waren seine letzten Arbeiten. Egon Schiele stirbt jung, am 31.10.1918 in Wien - mit nur 28 Jahren - an der Spanischen Grippe, am selben Tag an dem das Begräbnis seiner Frau stattfand.

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