Donnerstag, 11. Februar 2016

[ #Vorarlberg ] Der Lehrerinnenzölibat in Vorarlberg

Als die Lehrerinnen noch  "Fräuleins" waren.

Manche alt und verbittert, andere jung und liebenswürdig, immer aber unverheiratet. Dieses Bild aus zahlreichen Spielfilmen der Zwischenkriegszeit hat sich eingeprägt, und es hat einen realen Hintergrund. Denn Ursache für das Fräulein-Schicksal des weiblichen Lehrkörpers war das "Lehrerinnen-Zölibat", das bei Heirat grundsätzlich die Kündigung der Frau aus dem Dienstverhältnis vorsah. Ein knappes Dokument des Landesarchivs erzählt davon.

Doppelverdiener = Arbeitsplatzräuber. Das Schlagwort vom notwendigen Abbau der "Doppelversorgung" bzw. der insbesondere gegen berufstätige Ehefrauen gerichtete "Kampf gegen die 'Doppelverdiener'" gewann schon in der Ersten Republik auch angesichts einer hohen Zahl an Arbeitslosen kontinuierlich an Wirkmacht. Viele Frauen der betroffenen Berufsgruppen opponierten gegen diese Entwicklung, die sie früh voraussahen, auch in Form von eigens einberufenen Protestversammlungen, und vermochten sie doch nicht aufzuhalten.

Fortschritte nicht im Westen. In Westösterreich herrschte ohnedies das Bild der Lehrerin als Nonne vor, war die Lehrerausbildung auch vorwiegend in kirchlichen Händen. Bereits 1921 wurde durch ein Bundesgesetz die Aufnahme von weiblichen Kräften bei der Bahn und in den Postdienst gesperrt, und 1922 führte als erstes das Land Salzburg wieder ein Lehrerinnenzölibat ein; dem folgten bald andere Länder wie Tirol, Vorarlberg und – eingeschränkt – Kärnten, Steiermark und Niederösterreich. Von hier führt der Weg schließlich bis in den austrofaschistischen Ständestaat, als nach mehreren Versuchen zu Beginn des Jahres 1933 das so genannte "Doppelverdienergesetz" beschlossen wurde, welches die sofortige Entlassung verheirateter Frauen aus dem Bundesdienst, bzw. Kündigung im Falle der Eheschließung vorsah.


Frauenfeindliche Vorarlberger Landespolitik. Im Prinzip wurde in Vorarlberg bis zur Schulreform auch nach dem II. Weltkrieg an dieser frauenfeindlichen Politik festgehalten. 1949 wurde durch den Nationalrat die dienstrechtlichen Ungleichbehandlungen zwischen männlichen und weiblichen Lehrern ausdrücklich außer Kraft gesetzt. Doch die Vorarlberger Landesregierung sträubte sich noch lange, und auch ganz real. verheiratete Lehrerinnen zu akzeptieren. Freilich die "Kinderschwemme" der Baby-Boomer zwangen auch die verkarstete und männerdominierte Vorarlberger ÖVP letztlich dazu, auch verheiratete Frauen im Lehrberuf zu akzeptieren. Die (verheiratete) Grundschullehrer(in) ist inzwischen nahezu ein reiner Frauenberuf geworden. Gehalten hat sich aus dieser Ideologie allerdings bis heute eine frauenfeindliche Haltung in Fragen der öffentlichen Kinderbetreuung.

eSource. Ein knappes Dokument des Landesarchivs erzählt davon. Dazu kommt nun der verschriftlichte Vortrag von Ulrich Nachbauer "Lehrerinnenzölibat in Vorarlberg" in der Reihe "Verbotene Liebe" des Vorarlberger Landesarchivs am 12. Mai 2010 in Bregenz sowie eine Veröffentlichung der Vierteljahreszeitschrift Montfort von demselben Autor.

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