Donnerstag, 2. März 2017

[ #Vorarlberg ] Jugendprotest und kultureller Aufbruch in Vorarlberg nach 1970


[Free eBook] Der Vorarlberger Politologe Karl Schall veröffentlichte ein Buch zu diesem wichtigen zeitgeschichtlichen Thema, das kostenlos zum Download zur Verfügung steht. 

1971: Das Jugendfestifal "Flint" wird zu
Grabe getragen. © Landesarchiv
Das "Pop-Blues-Folk-Lyrik-Film-Festival Flint", Vorarlbergs erstes Open Air Festival, das 1970 auf dem Gelände der Neuburg bei Götzis über die Bühne ging und ein Jahr später verboten wurde, war der Startschuss für einen kulturellen Aufbruch im Land, das selbst konservativen Beobachtern bis dahin demokratie- und kulturpolitisch eher einer Demokratur glich, wie Vorarlbergs erster Nachkriegslandeshauptmann Ulrich Ilg in seinen Lebenserinnerungen zustimmend vermerkt, als einer Demokratie westeuropäischer Prägung.

Naturschutz gegen Flint. Vorbild für Flint war das Open-Air-Festival in Woodstock. Am 4. Juli 1970 fand das erste Festival dieser Art in Vorarlberg, Flint I, auf der Neuburg statt. Rund 1.000 Jugendliche hörten die Gruppen "The Gamblers" (mit Walter Batruel, Martin Hämmerle, Dieter Kycia und Hermann Schartner), "The Wanted" (Rolf Aberer, Reinhold Bilgeri, Reinhard Woldrich, Benny Gleeson, Mandi Marte), "Venus observed" (Band der Stella Matutina), "Game" (Bludenz) und "James Cook Formation" (Lindau). Michael Köhlmeier sang selbstverfasste Protestsongs sowie Lieder von Degenhardt und Brecht. Außerdem wurden Texte von Bertolt Brecht, Wolf Biermann, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Thomas Bernhard, Julian Beck und Allen Ginsberg rezitiert. Nach dem Erfolg von Flint I sollte nun das zweite Flint-Festival auf der Neuburg noch größer und besser organisiert werden. Jedoch wurde wenige Tage vor dem geplanten Beginn das Gebiet der Neuburg durch die Landesregierung unter Naturschutz gestellt.

Zensurpolitik. Kennzeichnend für die Nachkriegsperiode bis 1970 war eine strenge Verbots- und Zensurpolitik im kulturellen Bereich. Verboten wurde die Aufführung von Theaterstücken und Filmen, das Tragen von Bikinis und 1962 sogar das Twist-Tanzen. Das Flint-Verbot 1971 markierte dann einen Wendepunkt und einen Bruch mit dem herrschenden politischen Katholizismus, der vor allem im Jugend- und Kulturbereich prägend war. Denn der Unmut vieler Jugendlicher über diese Maßnahmen stachelte ihren Widerstandsgeist an, der unter anderem in der Bewegung für offene Jugendhäuser manifest wurde.

Die "Gruppe Vorarlberger Kulturproduzenten" war es, die diesem Widerstandsgeist einen intellektuellen, künstlerischen und kulturpolitischen Ausdruck gab. Sie initiierte von 1972 bis 1976 die "Randspiele", ein spartenübergreifendes Kulturfestival, das erstmals in Vorarlberg zeitgenössische Kunst einem breiten Publikum zugänglich machte. Mit den "Randspielen und ihrem "Programm der Weltoffenheit" wurde, wie es der ehemalige Vorarlberger Kulturlandesrat Guntram Lins formulierte, "ein wesentlicher, neuer Abschnitt begründet" - ein Abschnitt, der Vorarlberg kulturell, aber auch demokratie- und gesellschaftspolitisch in die Moderne beförderte.

Der Politologe Karl Schall veröffentlicht ein Buch zu diesem wichtigen zeitgeschichtlichen Thema. Die Kultur ist politisch geworden, sagt er, und zwar in einer Zeit, die geprägt war von Verboten und Zensurmaßnahmen. Das Jugendschutzgesetz der 70er-Jahre war praktisch die Fortschreibung der NS-Polizeiverordnung aus dem Jahre 1942, so Schall. Es gab einen sehr großen Verbotskatalog vor allem im Freizeit- und Veranstaltungssektur, beispielsweise die Zensur von Filmen oder das Verbot des Twist-Tanzes.

Verlagsinformation. Karl Schall: Feuersteine. Jugendprotest und kultureller Aufbruch in Vorarlberg nach 1970 - 2007, 200 Seiten, kt., 34 Abb., ISBN 978-3-900754-31-0, € 20.--. Kostenloser (durchsuchbarer) Download als PDF bei der Johann-August-Malin-Gesellschaft

Malin-Gesellschaft. Die Johann-August-Malin-Gesellschaft widmet sich der Erforschung der Vorarlberger Zeitgeschichte, und hier besonders ihren lange vernachlässigten Themen wie Antisemitismus, Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Sie bringt sich auch in öffentliche Debatten zu diesen Fragen ein. Diese Publikation und ihre freundliche Online-Stellung ist ein Teil dieser Tätigkeit.

 [Zeitreiseführer #Vorarlberg ]⇒
Inhalt zur schnellen Vororientierung vor dem Download:

1. Einleitende Bemerkungen 7
1.1. Fragestellung und zentrale Thesen 8
2. Vorgeschichte: Nachkriegszeit und kultureller Stillstand 11
2.1. Kontinuität und Führungseliten in Vorarlberg 11
2.2 's ischt und blibt subr's Lländle - Zensur und kulturelle Repression in Vorarlberg nach 1945 17
2.2.1. Beispiel Theaterzensur 18
2.2.2. Beispiel Twistverbot 19
2.2.3. Beispiel Badebekleidung und Printmedien 22
2.2.4. Beispiel Filmverbote 22
2.2.5. Lange Haare, kurzer Verstand und g'sunde Watschen 28
3. Jugendkultur im Aufbruch 31
3.1. "Flint": die Geburt des jugendlichen Widerstands in Vorarlberg 31
3.1.1. Flint 1 - kultureller Aufbruch der Vorarlberger Jugend 32
3.1.2. Flint 2 - die Erfindung des Naturschutzes in Vorarlberg 38
3.1.3. Medienecho und Kommentare zum Flint-Verbot 42
3.1.4. Die Beerdingung 47
3.2. Die Jugendhausbewegung in Dornbirn 50
3.2.1. Aller Anfang war WG - Wohngemenschaft als erster Schritt zur Selbstbestimmung 51
3.2.2. Der zähe Kampf ums offene Dornbirner Jugendhaus 53
3.2.3. Dornbirn - "Klein Zürich"? 60
3.2.4. Offenes Haus - Ende und Aus 65
3.2.5. Weitere Entwicklung und politische Relevanz der Jugendhaus-Bewegung 66
3.3. Die Jugendhaus-Bewegung in Bregenz 67
3.3.1. Zündende Idee - der Verein "Zündschnur" 68
3.3.2. Startprobleme 71
3.3.3. Politisch motivierte Initiativen um Bregenter Jugendzentrum - Frauen- und Friedensgruppen 79
3.3.4. Weitere Entwicklung - vom "Juz" zum Jugendhaus "Between" 85
3.3.5. Resümee 89
4. Initiativen an der Schnittstelle von Kultur und Politik 91
4.1. Randspiele 91
4.1.1. Die Vorarlberger Kulturproduzenten und ihre Entstehung aus dem Geist des literarischen Bewusstseins 91
4.1.2. Vorgschichte und Voraussetzungen 94
4.1.3. Prolog: Subventionsverhandlungen und Terminstreit 99
4.1.4. Erster Akt: Randspiele 1972 101
4.1.5. Zweiter Akt: Randspiele 1973 im Zeichen der Expansion 103
4.1.6. Dritter Akt: Randspiele 1974 oder die Vortsetzung der "schöpferischen Unruhe" 107
4.1.7. Epilog: Der Konflikt, das Ende und die Folgen 111
4.2. Wäldertage 117
4.2.1. Vorgeschichte 118
4.2.2. Wäldertage 1973 120
4.2.3. Wäldertage 1974 124
4.2.4. Wäldertage 1975 126
4.2.5. Wäldertage 1976 129
4.2.6. Wäldertage 1977 131
4.2.7. Ende und Bilanz der Wäldertage 133
4.2.8. Nachwirkungen und Gegenwartsbezüge 138
4.3. Spielboden 140
4.3.1. Der Spielboden als alternativer "Kulturverdichter" 140
4.3.2. "Wecken und Animieren" 144
4.3.3. Kulturkampf mit der Dornbirner Stadtverwaltung 146
4.3.4. Strukturelle Probleme und ihre Bewältigung 153
5. Abschließende Bemerkungen 157
6. Anmerkungen 162
7. Quellen 183
7.1. Archivalien, kleine Schriften, Manuskripte 183
7.2. Intervews und schriftliche Mitteilungen 186
7.3. Literatur 187
7.4. Bildquellen 192
8. Register 194
8.1. Personen 194
8.2. Orte 199
9. Abkürzungen 200

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