Dienstag, 14. Februar 2017

[ #Vorarlberg ] Vorarlberger Kitschtransport: Wiener Funken

Der Vorarlberger Funkenbrauch wurde 2010 in die UNESCO-Liste Immaterielles Kulturerbe in Österreich  aufgenommen. Seit den 1980er-Jahren wird mit Unterbrechungen auch in Wien ein Vorarlberger Funken abgebrannt, gefördert aus Mitteln der Vorarlberger Landesregierung aus dem ohnedies knappen Kulturförderungsbudget.

Was ursprünglich von Vorarlbergern in Wien als heimatlicher Brauch, der ein Stück der eine ganze Tagesreise entfernten offenbar auch vermissten Heimat erhalten sollte, wurde alsbald als Teil der überheblichen Alemannentümmelei, als Anti-Wien-Propaganda gebraucht. Die vor allem heidnische, vermeintlich alemannische Tradition aus dem Dorf stand im Gegensatz zu der offenen und urbanen, die Dörfler aus der Provinz verunsichernden Großstadtkultur. Und so reisten auch immer zum Funkenabbrennen konservative Vorarlberger Politiker in Wien an um sich den Vorarlberger Wählern in Wien zu zeigen.

Politikevent. Doch was hat es wirklich mit diesem Vorarlberger Brauchtumsexport auf sich. Wenn man in einer Masterarbeit aus dem Jahre 2015 an der Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften zwischen den Zeilen liest, dann erkennt man rasch den wahren Wert dieser Veranstaltung als politischerKitsch-Event, der mit Brauchtum wenig zu tun hat.

Wo in Vorarlberg würde man sich beim Funkenabbrennen am Funkensonntag vorher ein Reihe von "Begrüßungsansprachen" von Politikern anhören oder einen DJ durch den Abend führen lassen. Der Eventabsicht ist wohl auch geschuldet, dass der Funken in Wien im Gegensatz zum Vorarlberger Brauchtum nicht am Funkensonntag, das ist der erste Sonntag nach Aschermittwoch, also am ersten Fastensonntag abgebrannt wird. 2015 fiel der Funkensonntag bekanntlich auf den 22. Februar. In Wien brannte der Funken aber erst einen Monat später, am 21. März 2015.


Hexenverbrennung. Auch die Funkenhexe wird unkritisch tradiert. Ist selbst schon hier in Vorarlberg die symbolische Hexenverbrennung umstritten, weil  als gut, richtig, lustig und schön dargestellt wird, was vielen Frauen gerade auch in Vorarlberg Leid und Unrecht zugefügt hatte. Erfolglos hatte auch das Vorarlberger Frauenreferat gefordert, wenigstens beim vom Land Vorarlberg geförderten Wiener Funken von der Unsitte der Hexenverbrennung Abstand zu nehmen.

Esoterik. Verärgert sind die Vorarlberger Funkenbauer jedoch höchstens darüber, dass in Wien beim Hexenverbrennen keine Pyrotechnik verwendet werden darf und der Knall deshalb aus Lautsprechern dem Event-Publikum vorgetäuscht werden muss. Dass in einer Großstadt andere sicherheitstechnische Standards zu gelten haben als auf einer Dorfwiese, scheint den wackeren "Alemannen" schwer verständlich zu sein. Der heidnische Ursprung des Funkens hingegen scheint die alemannisch-wienerischen Funkenmacher zu besonderem Kitsch zu verleiten. Kinder können ihren Kinderfunken in Feuerschalen im "Lebensbaumkreis" am Nachmittag feiern.  Der Lebensbaumkreis symbolisiert durch seine Kreisform den Verlauf eines ganzen Jahres. Jeder Baum ist – ähnlich den Sternzeichen – einer gewissen Geburtsdekade zugeschrieben. Und dank versteckter Technik sprechen diese Bäume auch zu den Menschen.


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