Montag, 5. Juni 2017

[ #Vorarlberg ] Die ersten "Mohren" in Vorarlberg

1784 eröffnete Herr Josef Mohr in Dornbirn eine Gaststätte mit angeschlossener Brauerei, benannte das Haus "Zum Mohren" und verwendete hierfür das Familienwappen, welches einen Mohr abbildete. 

Auf dem Flaschenetikett prangt über dem Namenszug "Mohren" der Scherenschnitt eines Kopfes, der allen "Schwarzen-Klischees" entspreche: enorm wulstige Lippen, krauses Haar, affenartige Gesichtszüge, markante Nase.  Freilich hatte der Josef Mohr wohl kaum einen wirklichen "Mohren" je zu Gesicht bekommen, wiewohl es ja doch bereits ein paar seltene Anlassfälle - wie wir heute wissen - gegeben hätte.

Dass das historische Mohrenbild nur dem Dornbirner Bierbrauer als "rassisitisch" angelastet wird, ist eine arge Verkürzung.:

  • Das höchstoffizielle Wappen der Gemeinde Mandach, einst Habsburgerbesitz, im Schweizer Kanton Aargau trägt ein vergleichbares Bild, welches  den hl. Mauritius darstellen soll, welcher auch der Schutzpatron der Kirche von Mandach ist. 
  • Die kreisfreie Stadt Coburg in Bayern zeigt ein noch in dem erwähnten Sinne weitaus "rassistischeres" Signet. Das Wappen zeigt auch hier den heiligen Mauritius, den einzigen Heiligen, der im Mittelalter mit dunkler Hautfarbe dargestellt wurde. 


Gertrude Fussenegger. Ein "Mohr" belastete auch die Vorarlberger Schriftstellerin Gertrude Fussenegger zweifach. In der Mohrenlegende (1937) wird die "Errettung" eines nach Tirol entführten afrikanischen Buben berichtet. Dieser beobachtet im Tiroler Schnee die Heiligen Drei Könige und muss fortan "kein rechtloser Fremdling" mehr im fernen Kreuzfahrerland bleiben.(DerStandard). Die Mohrenlegende, eines ihrer ersten Bücher, wurde von den NS-Gutachtern als Kritik an der Rassenideologie und „katholisches Machwerk“ verfemt. Nichtsdestotrotz war sie bekennendes Mitglieder der NSDAP. Im Zuge der Vergangenheitsbewältigung in Österreich wurde dasselbe Werk später wiederum als „rassistisch“ verurteilt.

Vorarlbergs Mohren. Bislang galten zwei Mädchen, die 1855 ins Kloster St. Peter bei Bludenz gebracht wurden, als die ersten bekannten Afrikaner im Land. Sie waren  nur zwei der mehr als 800 Mädchen, die zwischen 1847 und 1864 von Pater Nicolò Olivieri und seinen Helfern auf den Sklavenmärkten in Kairo und Alexandria freigekauft und zur Erziehung nach Europa gebracht wurden, um - entsprechend dem Missionsziel der Zeit - ihre Seelen zu retten." Es galt, die Seelen der verfluchten Kinder Chams (Gen 9,24-25) durch die Taufe vor der ewigen Verdammnis zu bewahren und «diese Kinder für den Himmel zu retten. An den ungetauften Heidenkindern fürchtete man denn dennoch ihre sogenannte Rohheit, Wildheit, Unerzogenheit, ihren Egoismus, ihre Undankbar¬
keit usw. Die Bludenzer Schwestern nahmen die ihnen anvertrauten Kinder, mit denen sie nicht recht fertig wurden, damals als "wilde Thiere in Menschengestalt" wahr. Die meisten der so geretteten Kinder starben übrigens nach weniger als drei Jahren in Europa. Todesursachen waren schwerwiegende Kinderkrankheiten aus ihrer traumatischen Vergangenheit, aber auch die Ansteckung durch europäische Viren, gegen die sie nicht immun waren und wofür es keine Impfungen gab; dies sind klassische Migrationsschicksale früherer Zeiten.

Raphael Antoni Pau. Doch nun hat das Vorarlberger Landesarchiv aufgetan, dass es schon 1763 zumindest einen Afrikraner, einen sogenannten "Mohren" in Vorarlberg gab. Im Januar 1763 leitete der Bludenzer Vogteiverwalter Franz Josef Gilm von Rosenegg ein Gerichtsverfahren ein, bei dem der Angeklagte widerstandslos den Diebstahl einer hohen Geldsumme in Außerbraz gestand. Obwohl die Schärfe des Gesetzes dafür den Tod durch den Strang vorsah, wurde der Delinquent nur zu zwölf Peitschenhieben und zum Verweis aus allen habsburgischen Erblanden verurteilt, denn es handelte sich bei ihm laut dem Vogteiverwalter um einen gutmütigen, ziemlich geschickten und besserungsfähigen Menschen.

Sein Name lautete Raphael Antoni Pau. Er war 1708 oder 1709 in Amachuté oder Amande in Abbessinien geboren worden. Auf einer Handelsreise in Afrika sollen ihn Negrer oder Schwarze zusammen mit zahlreichen Landsleuten gefangen genommen, nach Japonien gebracht und dort an Holländer verkauft haben. Von diesen sei er daraufhin über Jakarta nach Amsterdam verschifft und dem polnischen König August nach Leipzig veräußert worden. Dieser habe ihn später einer Gräfin in Breslau verehrt, wo er sich um 1730 katholisch taufen ließ. Ab den Vierzigerjahren sei Pau in adeligen und militärischen Diensten zu Frankfurt am Main, in Frankreich und wiederum in Schlesien gestanden. 1757 habe sein Weg über Prag nach Norditalien und später über Tirol (Pians) nach Braz geführt. Seit Herbst 1762 betätigte er sich im Klostertal mit geringem wirtschaftlichen Erfolg als Heiler. Seine Künste wollte er vor 10 oder 12 Jahren von der angesehenen ungebornen türckischen Doctorin bei Mainz erlernt haben.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

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