Montag, 11. Juli 2011

Der Wiener "blutige Sonntag" (1911) im Spiegel der Vorarlberger Presse

Denkmal für die Opfer vom 17. Sept.1911
Am Sonntag, den 17. September 1911 schoss das Militär "Ihrer Majestät", des habsburgischen Kaisers Franz Josef I. auf demonstrierende Arbeiter und Arbeiterinnen in Wien.

Am 17. September 1911, an einem Sonntag, eröffnete das Militär "Ihrer Majestät Franz Joseph I." – Regierungschef war Baron Paul Gautsch von Frankenthurn – in Wien das Feuer auf Demonstranten. Laut Polizeibericht folgten 36.000, laut Veranstaltern 100.000 Teilnehmer den u.a. Reden des sozialdemokratischen Politikers Franz Schuhmeier.

Tote, Verwundete, Eingekerkerte. Außer den vier toten Arbeitern Otto Brötzenberger, Franz Joachimsthaler, Leopold Lechner und Franz Wögerbauer, gab es 149 Verletzte, mehr als 488 Personen wurden verhaftet und 283 zu schwerem Kerker verurteilt. Justizminister Viktor von Hochenburger hatte dafür die Schwurgerichte, die eigentlich für "politische Verbrechen" zuständig waren, ausgeschaltet und die Staatsanwälte angewiesen, hohe Strafanträge zu stellen. Dabei hatte die Arbeiter letzlich nur Hunger und Not auf die Straße getrieben.

Weiterungen. Am 5. Oktober 1911 gab es darüber eine parlamentarische Debatte im Wiener Reichsrat. Als Victor Adler, unter dem Tagesordnungspunkt "Teuerungsrevolte" Justizminister Hochenburger für die Eskalation der Ereignisse verantwortlich machte, fielen Schüsse, welche ihr Ziel, nämlich Hochenburger und den späteren Ministerpräsident Karl Stürgkh verfehlten. Der Schütze, der 20-jährige arbeitslose Tischlergeselle Nikola Njegos wurde überwältigt und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb während der Haft.

Am Ottakringer Friedhof erinnert ein von den Sozialdemokraten gestiftetes Denkmal an die Opfer der Teuerungsrevolte. Der sozialdemokratische Redner Franz Schuhmeier wurde am 11. Februar 1913 von Paul Kunschak, dem geistig verwirrten, arbeitslosen Bruder des Begründers der christlichen Arbeiterbewegung und späteren Nationalratspräsidenten Leopold Kunschak, in der Halle des Wiener Nordwestbahnhofs erschossen.

Vorarlberg. Die Teuerungsrevolte, der "Blutsonntag" führte auch im Vorarlberger Landtag zu heftigen Debatten und zu einer sehr unterschiedlichen Bewertung in den weltanschaulich gebundenen Zeitungen. In ihrer Mittwochausgabe berichteten das christlichsoziale "Vorarlberger Volksblatt" und das "Bregenzer Tagblatt", das "Deutsch-freisinnige Organ für das Land Vorarlberg", am folgenden Tag die sozialdemokratische "Vorarlberger Wacht" ausführlich über die Vorgänge in der Reichshauptstadt. Gemäß der politischen Ausrichtung der Zeitungen fiel die Berichterstattung unterschiedlich aus. Eine Beitrag darüber von Dr. Werner Bundschuh "Die Wiener Septemberunruhen - der "blutige Sonntag" von 1911 im Spiegel der Vorarlberger Presse" in der Zeitschrift Montfort steht bei der Johann-August-Malin-Gesellschaft sowohl als eText als auch als durchsuchbares PDF online.

Malin-Gesellschaft. Die Johann-August-Malin-Gesellschaft widmet sich der Erforschung der Vorarlberger Zeitgeschichte, und hier besonders ihren lange vernachlässigten Themen wie Antisemitismus, Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Sie bringt sich auch in öffentliche Debatten zu diesen Fragen ein. Die freundliche kostenfreie Online-Stellung ist ein Teil dieser auch sonst beachtenswerten Tätigkeit.

Link ➨ 
Werner Bundschuh: Die Wiener Septemberunruhen - der "blutige Sonntag" von 1911 im Spiegel der Vorarlberger Presse - Erschienen in: Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs, Jg. 44, 1992, Nr. 4, S. 349-361

11.7.11

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