Samstag, 6. April 2019

[ #Vorarlberg ] Praktisch, aber anstößig - Skihasen in Skihosen

Bild: Trude Jochum-Beiser 
* 2. 9. 1927 Lech /Vorarlberg, Skisportlerin. Erste österreichische Olympiasiegerin im alpinen Skisport . 1948 Olympische Winterspiele/St. Moritz Schweiz/Kombination Gold und 1952 Olympische Winterspiele/Oslo Norwegen/Abfahrt/Gold.

In den 1930er Jahren standen im Vorarlberger Landesschulrat die Skihosen zur Diskussion. 

In den 1930er Jahren standen auch im Vorarlberger Landesschulrat die Skihosen zur Diskussion. Dürfen die Mädchen aus den Schulen der Berggemeinden ausnahmsweise Hosen tragen? Frauen in Hosen galten lange Zeit als Tabubruch, ja als "erotische Sensation". Sie brachten vermeintlich Männer in Wallung und angeblich auch deren Frauen in Rage.In Wirklichkeit ging es nicht um "Maskulierung" der Frauen oder um die Emanzipation der Frauen, es ging um die religiös verbrämte Vorrangstellung des Mannes.

Modefrei. Denn die Mode dürfte kaum solche Wallungen bewirkt haben, schon gar nicht die "selbstgestrickten" Skihosen von armen Bergbauernmädchen. Die Mädchen mit Gamaschen und Breecheshosen, Eschenbrettern ohne Stahlkanten und mit Haselnusstock! Die Erfahrung der Menschen damit entsprach wohl eher jener zeitgenössischen deutschen Zeitungsmeldung: "Die Damen sind alle vermännlicht, kaum dass man sie von den Männern unterscheiden kann. Eleganz und weiblicher Charme gewinnen nicht durch diese Maskulinisierung.“

Landesschulrat. Der amtierende Landesschulinspektor Heinrich Winsauer vertrat im Kollegium die  Auffassung, dass die Skihose für Mädchen bei Ausübung des Skisports "vom gesundheitlichen und  ästhetischen Gesichtspunkte aus  die angebrachte Kleidung sei" und beantragte, in Berggemeinden den Mädchen, die die weiten Schulwege auf Skiern zurücklegen, auch in den Klassen das Tragen von Skihosen zu gestatten, zumal keine Umkleidemöglichkeit bestehe.

Kirche. Damit löste Winsauer keine Euphorie aus. Im Landesschulrat gab es Bedenken.  Landeshauptmann Dr. Otto Ender war erst im Dezember 1930 zum  österreichischen Kurzzeit-Bundeskanzler berufen worden, kehrte jedoch im Juli 1931 schon wieder in die Landesregierung zurück. Unter dem konservativen und wenig demokratiefreundlichen Landeshauptmann war kein Platz für solche Reformen, schon gar nicht gegen die Zustimmung der Kirche. Ender war ein Befürworter der obrigkeitlichen Zensur und hatte willkürlich und gegen die österreichische Bundesverfassung die Zensur im Vorarlberger Kino wieder eingeführt.

Politik. Der Landesschulrat war da auch keine Ausnahme, sondern wachte wohl mehr über die Einhaltung der Moral und Disziplin als er am Fortgang der Bildung der Vorarlberger Jugend interessiert war. Keine gänzlich unbekannte Erscheinung auch in der heutigen scheinbar modernen Zeit. So beschloss der Landesschulrat auch, eine Stellungnahme der Apostolischen Administratur Feldkirch einzuholen. Bischof Sigismund Waitz ließ draufhin ausrichten, dass er Skihosen für Schulmädchen als keine dringende Notwendigkeit erachte und die kirchliche Behörde durch eine Befürwortung der Skihose als Schulkleidung nicht dazu beitragen möchte, dass sich ein  solcher Usus mit ihrer Zustimmung  einbürgere. Das hatte Gewicht. Der Landesschulrat sagte untertänigst und prompt gegen jedwede sachliche Begründung und gesundheitlicher Rücksichtnahme nein.

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