Dienstag, 21. Februar 2017

[ #Hittisau ] Nationalsozialismus im Bregenzerwald

Es sind oft kleine Dinge, derer man sich aber auch in der Provinz uneingeschränkt freuen kann: Herr Thomas Schwärzler hat für die Erlangung der Matura sich im Rahmen seiner Fachbereichsarbeit mit dem Thema Nationalsozialismus im Bregenzerwald mit speziellem Bezug auf die Gemeinde Hittisau befasst.

Provinz der Provinz. Es darf keineswegs als selbstverständlich betrachtet werden, dass junge Menschen in der "Provinz der Provinz" sich dieses Themas annehmen. Es ist auch heute noch nicht ganz leicht und allzuschnell kann da ein junger Mensch mit dem "Glück des Zuspätgeborenen" auch auf dem Eis ausrutschen.

Es ist eine bemerkenswerte und damit auch schwierige Arbeit aber auch deshalb, weil das klassische Nazithema Antisemitismus, Holocaust, Diktatur, Hitlerfaschismus hier nicht mithilfe einer umgangreichen Literatur abgearbeitet werden kann.
      
Antiwien-Ressentiments. Der Antisemitismus im Bregenzer Wald war allenfalls einer ohne Juden, ohne einen solchen zu Gesicht bekommen zu haben. Der zweite Aspekt, der die Arbeit so interessant macht ist der Sachverhalt, dass dieser ländliche Bereich nicht nur schon vor der nationalsozialistischen Machtergreifung ohne jüdische Bevölkrung war, sondern auch weitgehend ohne die Organisationen der (sozialdemokratischen) Arbeiterschaft. Ein Umstand, der bis in die heutigen Tage nachwirkt. Eine Opposition zu den klerikal bestimmten und herrschenden Christlichsozialen Partei musste, um (auch schon ohne Verbot im Bregenzer Wald bestehen zu können) sich gleicher oder ähnlicher Stereotypen und Ressentiments bedienen, wie es schon die Christlichsozialen taten, sie ideologisch unterwandern. Die antisozialistischen Stimmungen und Strömungen, die Vorurteile gegenüber den politischen und institutionellen Organen der Arbeiterschaft mussten geteilt werden. (Man beachte einmal die Kontinuität: die Stimmenzahl der Sozialdemokraten nach 1945 im Bregenzerwald). Und auch (beinahe) alle Vorarlberger Wahlniederlagen der Nachkriegs-ÖVP hatte sie einer Opposition oder Parteineugründungen zu verdanken, die ihre eigenen Anti-Wien-Ressentiments und die gegenüber der organisierten Arbeitnehmerschaft teilten.

Mentalitätsgeschichte. Eine Anmerkung sei gestattet: Zweimal musste ich unwillkürlich ins Bücherregal greifen. Einmal  bei der Altersstruktur der NSDAP-Mitglieder. Das Referat von Kurt Bauer, das er am Österreichischen Historikertag in Innsbruck (2005) gehalten hatte.  War dort dieser demografische Befund nicht einleuchtend erklärt?

Der zweite Griff - und ein größeres Lob kann man schwerlich der Arbeit noch entgegen bringen - war der Griff nach der mentalitätshistorischen Studie von Lucie Varga im (leider vergriffenen) Suhrkamp-Taschenbuch 892: "Ein Tal in Vorarlberg  - zwischen Vorgestern und Heute." Gemeint ist das Montafon. Anlass waren die Interviews, die mich sofort an Varga erinnerten. Warum eigentlich haben die Schulen für diesen Zeitgeschichte-Abschnitt nicht einen Nachdruck dieses einmaligen Textes zur Verfügung?

Jodok Fink. Eine solche Arbeit, wie sie die vorliegende ist, ist schon von der Recherche, der Zeit und den Möglichkeiten begrenzt. Sie kann daher nicht alle Aspekte berücksichtigen. Das schaffen auch größere Arbeiten und dickere  Bücher nicht. Dennoch hat mir ein Verweis auf den "Bregenzerwälder Bauern" Jodok Fink, Vizekanzler und Präsident der provisorischen Österreichischen Nationalversammlung von 1919 gefehlt. In seiner Regierungsfunktion als Vizekanzler neben Staatskanzler Karl Renner war er ein Mann des Ausgleichs zwischen den Bürgerlichen und der Arbeiterschaft. Wäre Österreich und vor allem die Christlichsoziale Volkspartei ihm gefolgt, wäre die Geschichte (Österreichs) ohne Zweifel anders verlaufen. Stattdessen hat man eine Politik und Rhetorik betrieben, die viele Menschen ins nationalsozialistische Lager teiben musste.


[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

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