Samstag, 13. Februar 2016

[ #Vorarlberg ] "Echte Vorarlberger" und "fremde Bettler"

Malingesellschaft (Teile der Belegschaft der Textilfirma Jenny & Schindler, Kennelbach 1899)
"Fremdsein" ist nichts Natürliches. Fremde und Einheimische haben eines gemeinsam: Sie werden nicht vorgefunden, sondern erfunden.

Das Land Vorarlberg zählt seit mehr als hundert Jahren – neben Wien – zu den höchstindustrialisierten Regionen Österreichs. In dieser Zeit wurde Vorarlberg zugleich zu einem klassischen Zielland der Arbeitseinwanderung. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert stellen die Zuwanderer aus anderen österreichischen Regionen wie auch aus anderen Staaten ständig einen Anteil von etwa 10 bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Industrialisierung und Zuwanderung sind siamesische Zwillinge: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Gleichzeitig wurden von den alteingesessenen politischen Eliten immer auch Strategien zur Ausgrenzung dieser Zuwanderer entwickelt. Doch "Fremdsein" ist nichts Natürliches. Fremde und Einheimische haben eines gemeinsam: Sie werden nicht vorgefunden, sondern erfunden.

Himmelschreiendes aktuelles Bettelverbot. In der Stigmatisierung der Zuwander als abzuschiebende Arme oder meist umgekehrt Arme als Fremde war man in Vorarlberg immer recht aktiv. So herrschte im Ländle bis vor kurzem ein generelles Bettelverbot. Im Sammlungsgesetz steht schon seit 1948 festgeschrieben (das damals im Langtitel übrigens noch immer gleichlautete wie das von den Nationalsozialisten 1934 erlassene Gesetz), dass "an einzelne Not leidende Personen oder deren Familienangehörige Sammelbewilligungen für ihre persönlichen Zwecke oder Armutszeugnisse zur Sammlung milder Gaben nicht ausgestellt werden dürfen". Eine Sammelbewilligung wäre aber die Grundvoraussetzung für eine "an eine Mehrheit von Personen gerichtete Aufforderung zu Geld- oder Sachleistungen". Wer in Vorarlberg bettelte, riskierte eine Strafe von bis zu 400 Euro. 2010 wurden doppelt so viel Strafen wegen Bettelns verhängt als 2009.  Der Vorarlberger Landtag hat im Herbst 2013 mit einem einstimmigen Beschluss das generelle Bettelverbot im Land aufgehoben. Dieser Schritt musste nach einer Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs im Juni 2012 gesetzt werden. Weiter untersagt bleiben aber aggressives und organisiertes Betteln sowie Betteln mit Kindern. Die Gemeinden können außerdem ein Bettelverbot an bestimmten öffentlichen Plätzen erlassen. Dabei war wohl zuerst an die erlauchten Bregenzer Festspielgäste gedacht.

Mittlerweile hat man das Betteln aus dem Sammlungsgesetz gestrichen, hingegen im Sicherheitsgesetz ein faktisches Bettelverbot wieder eingeführt. Mittlerweile gibt es in allen Städten in bestimmten Bereichen entsprechende Verbote und eine Verwaltungspraxis die ganz der unseligen Geschichte folgt. Jugendliche Bettler kommen in den Verwaltungsarrest, wenn sie die Strafe nicht bezahlen können, was ja bei Bettlern grundsätzlich der Fall ist.

Verlagsinformation. Markus Barnay (1989): "Echte Vorarlberger" und "fremde Bettler". Bildung von Landesbewußtsein und Ausgrenzung von Zuwanderern in Vorarlberg im 19. und 20. Jahrhundert. Zuerst erschienen in: Die Roten am Land. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich, hgg. von Kurt Greussing, Steyr: Museum Industrielle Arbeitswelt 1989, S. 133-137. Der historische Text steht als Online-Text und als kostenloser Download online.

Markus Barnay. Der Autor ist 1957 in Bregenz geboren. Studium der Politwissenschaften in Wien und Berlin. Seine Dissertation wurde unter dem Titel "Die Erfindung des Vorarlbergers" veröffentlicht. Er arbeitete erstmals 1978 als Freier Mitarbeiter im Aktuellen Dienst des ORF-Landesstudios Vorarlberg, später u.a. auch für die Kulturabteilung, für Ö1 und seit 1988 für "Vorarlberg heute". Er ist einer der Chefs vom Dienst von "Vorarlberg heute" und beschäftigt sich gerne mit historischen Themen. Markus Barnay ist auch Gründungsmitglied beim Theater KOSMOS.

Malin-Gesellschaft. Die Johann-August-Malin-Gesellschaft widmet sich der Erforschung der Vorarlberger Zeitgeschichte, und hier besonders ihren lange vernachlässigten Themen wie Antisemitismus, Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Sie bringt sich auch in öffentliche Debatten zu diesen Fragen ein. Diese Publikation und ihre freundliche kostenfreie Online-Stellung ist ein Teil dieser auch sonst beachtenswerten Tätigkeit.


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