Mittwoch, 14. Juni 2017

[ #Hohenems ] Regina Ullmann (*14.12.1884-†6.1.1961)

Aus der bis ins späte 19. Jahrhundert blühenden jüdischen Gemeinde hier in Hohenems gingen eine Reihe von Schriftstellern hervor: So stammte die Mutter von Stefan Zweig aus der Hohenemser Familie Brettauer, der Vater von Jean Améry nannte sich noch Maier und war ein Hohenemser Jude, und die Schweizer Erzählerin Regina Ullmann wurde in St. Gallen geboren, wohin ihr Vater, ein Arzt aus Hohenems, ausgewandert war.

Rega. Regina Ullmann, auch Rega genannt (* 14. Dezember 1884 in St. Gallen, Schweiz; † 6. Januar 1961 in Ebersberg, Oberbayern) wird 1884 im schweizerischen St. Gallen geboren, Ihre Kindheit erscheint - das sollte man heute angesichts tatsächlicher oder nur vermeintlicher "Problemkinder"  auch zu würdigen wissen - nicht in die Zeit zu passen. In allem wirkt sie verlangsamt. Das Lernen scheint ihr schwer zu fallen und ihre Motorik ist langsam, so als stünde ihr "etwas im Wege". Das schreibt sie später wie über sich selbst in der Erzählung "Von einem alten Wirtshausschild". Sie spricht wenig, schließlich nur in stockenden, stotternden Sätzen. Aus mütterlicher Fürsorge wird sie deshalb in eine Privatschule für "gehemmte" Kinder geschickt.

1902 - nach dem Tod ihres Vaters zog Regina Ullmann mit ihrer Mutter von St. Gallen nach München. Dank ihres dichterischen Talents und ihrer eindrucksvollen Vortragskunst fand sie Zugang zu den verschiedensten Künstlerkreisen im Schwabing der Jahrhundertwende.


Als sie dann nämlich schreiben kann, verfasst sie beachtliche Gedichte und Prosa, so dass bereits 1907 ihr erstes Buch, die "Feldpredigt", veröffentlicht wird. Nach Gedichten (1919) erscheint 1921 dann der Erzählungsband "Die Landstraße". Ihre Prosa der fürsorglichen Beobachtung des Abseitigen, verbunden mit der Witterung für drohende Katastrophen und bildstarke Sinnlichkeit, wurde vielfach mit jener Robert Walsers verglichen. Die Literatur-Redaktion von "Die Zeit - Online" nennt Regina Ullmann, die geheimnisvollste und kühnste Schweizer Erzählerin des 20. Jahrhunderts.

Regina Ullmann: Erwachen

Ich lag in dir noch unverzeigt,
du tiefer Felsen in einer Nacht;
so kalt wie Stein und trostesarm.

Da fühlt ich plötzlich,
wie der Tag sich an dem Sein im Licht verfing
und liebewarm und flammenhaft
sich an die kleinsten Dinge hing.

Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
der sich an einem Zimbal schlug,
erhörbar,  und meines Engels Morgengang.


Zeitgenossen.
Es gibt reichlich Bewunderung von Zeitgenossen für Ullmanns unverwechselbaren Stil. Hermann Hesse schwärmte, es dufte in ihrer Dichtung nach Brot und Honig, nach Kerze und Weihrauch. Zu den Bewunderern zählten  auch Thomas Mann und Robert Musil. Rainer Maria Rilke, ein aktiver Förderer der Dichterin, nannte die "Feldpredigt" etwas "Schönes, Wahres, Einfaches" und gab damit eine Einschätzung, die auf das Gesamtwerk zutrifft. In einem Vorwort sagt er über "Rega": "Ihre Seele ist wie ein Blindgeborener, den ein Seher erzogen hat."

Ungeachtet ihrer literarischen Erfolge in den 1920er Jahren war sie immer wieder depressiv und bekam dann Hilfe von Freunden und Gönnern. So verschaffte ihr Rilke den Kontakt zum Inselverlag, Wilhelm Hauenstein ebnete den Weg zu Zeitungen und Zeitschriften.

Deutschland - hin und zurück.
Unglückliche Lieben und zwei dramatische Geburten prägten zunächst ihr Leben und sie schrieb in dieser Zeit die Dichtung "Feldpredigt" und das Buch "Von der Erde des Lebens". Dem religiösen Sektierer Ludwig Derleth zuliebe wechselte sie vom jüdischen zum katholischen Glauben. Regina Ullmanns Leben war von Rastlosigkeit geprägt und sie zog immer wieder um: Burghausen, Mariabrunn bei Dachau und wieder zurück nach München.

Als ihre Tochter Gerda den Feldkirchner (Oberbayern) Gärtnermeister Hans Kahl heiratete, lebte sie immer wieder für längere Zeit bei der Tochter und ihren Enkelkindern in Feldkirchen. Im Nationalsozialismus wurde Regina Ulmann als jüdische Autorin verfolgt und verließ mit ihrer betagten Mutter Deutschland und floh nach Österreich und in die Schweiz. 20 Jahre lang lebte sie wieder in St. Gallen. Erst 1959 kehrte sie endgültig nach Deutschland zurück. Ihre Tochter Camilla pflegte damals die verarmte und schwerkranke Regina Ullmann in Eglharting bei Kirchseeon. Am 6. Januar 1961 starb Regina Ullmann im Ebersberger Krankenhaus. Begraben wurde sie in Feldkirchen.

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise u.a.
Ehrengabe der Museumsgesellschaft St. Gallen (1944). Kulturpreis der Stadt St. Gallen (1954). Ab 1949 außerordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München, bis 1935 Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband.

Werke u.a. Feldpredigt, Einakter (1910). Von der Erde des Lebens, Kurzprosa (1910). Gedichte (1919, Insel). Die Landstrasse, Erzählungen (1921/2007, Nagel & Kimche). Vom Brot der Stillen, Erzählungen (1932). Der Apfel in der Kirche und andere Geschichten (1932, Herder). Der Engelskranz, Erzählungen (1942, Benzinger). Schwarze Kerze, Erzählungen (1954, Benzinger). Ausgewählte Erzählungen (1979, Suhrkamp, hrsg. und mit einem Nachwort von Friedhelm Kemp). Ich bin den Umweg statt den Weg gegangen, Lesebuch (2000, Huber).

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