Mittwoch, 22. November 2017

[ #Bregenz ] In monasterio Prigantino: Ältestes Vorarlberger St. Nikolaus-Patrozinium in Bregenz (1172)

Schiedsspruch 1172 © VLA
1172 wurde eine St.-Nikolaus-Kapelle in Bregenz Mehrerau zugespochen. Dieser Schiedsspruch ist das älteste schriftliche Zeugnis für die Verehrung des hl. Nikolaus in Vorarlberg.

Die monatlichen Kleinausstellungen von Archivalien des Vorarlberger Landesarchives sind ein Beitrag zu einem "Online-Gedächtsnis" Vorarlbergs. Monat für Monat wird aus den Archivbeständen des Vorarlberger Landesarchives ein "Fundstück" präsentiert, wobei sichtlich möglichst ein aktueller Bezug hergestellt wird.

In monasterio Prigantino. Im Dezmber 2012 wird eine Urkunde eines Schiedsspruches vorgestellt: Unter Vorsitz des Bischofs Otto von Konstanz wird in Gegenwart vieler Laien und Kleriker wird 1172 "in monasterio Prigantino" also im Kloster in Bregenz, dem Kloster Bregenz durch Richterspruch die Nikolauskapelle an der Nordseite der Mutterpfarre Bregenz zugesprochen, welche der Leutepriester Eberhard für sich beanspruchte. Vier Mitglieder des Konstanzer Domkapitels waren ebenfalls anwesend, sogar der Stellvertreter (Vicedominus). Die Rechtssprechung scheint offenbar als eine Gemeinschaftsaufgabe des Domkapitels im Sinne einer Chorgerichtsbarkeit wahrgenommen worden sein.

Neben der ersten Erwähnung eines Nikolaus-Patroziniums in Vorarlberg wäre eben wohl auch der damit dokumentierte frühe Interessenskonflikt zwischen mächtigem Kloster und einfachem Leutepriester, bzw. Kloster und Stadtkirche interessant.

Univ.-Prof. Dr. Alois Niederstätter stellt die Archivalie folgendermaßen vor:
"Im Jahr 1172 kam im Kloster Mehrerau eine illustre Runde zusammen, um einen Streit zu schlichten. Den Vorsitz führte Bischof Otto von Konstanz, ihm zur Seite standen Domherren, Archidiakone, der Abt von Kreuzlingen, weitere Geistliche und eine Reihe von Adeligen. Es ging um die Verfügungsgewalt der hier erstmals urkundlich genannten, an der Nordseite der Bregenzer St. Gallus-Pfarrkirche bestehenden St.-Nikolaus-Kapelle, die der „Leutpriester“ (plebanus) Eberhard gemeinsam mit dem Zehnt für sich beanspruchte.
Nach langer Rede und Gegenrede wurden Kapelle und Zehnt der Mehrerau zugesprochen, allerdings sollten die Mönche in jedem dritten Jahr Gemüse und Wein mit Eberhard teilen.
Damit liegt das älteste Zeugnis für die Verehrung des hl. Nikolaus von Myra im heutigen Vorarlberg vor. Sein Kult stammt aus dem byzantinischen Raum, im 10. Jahrhundert gelangte er aus Italien in den deutschsprachigen Raum. Zu seiner Verbreitung trug vor allem bei, dass 1087 Seefahrer aus Bari die dem Heiligen zugeschriebenen Gebeine in Myra entwendeten und in ihre Heimatstadt brachten. Im Verlauf des Mittelalters benannte man nördlich der Alpen etwa 2200 Kirchen nach ihm.
Zunächst in erster Linie Patron der Seeleute und Händler, wurde der hl. Nikolaus nach und nach zum Helfer in allen Lebenslagen, seit dem 16. Jahrhundert ist er als Gabenbringer für die Kinder bezeugt."

Hl. Nikolaus, Kirchenfenster
Göfis, um 1230 © VLA
St. Nikolaus-Scheibe aus Göfis. Die 78 cm hohe und 34 cm breite Scheibe ist die einzige erhaltene romanische Glasmalerei in Vorarlberg und zählt zu den ältesten und besten in Österreich. Durch Stilvergleiche wird ihre Entstehung von Kunsthistorikern auf die Zeit nach 1200 angesetzt. Die Scheibe ist im unteren Teil vermutlich bei einer Renovierung beschnitten worden. Sie ist heute im Besitz des Landesmuseums.

Die Nikolausverehrung nahm zur Zeit der Kreuzzüge einen besonderen Aufschwung. Die Scheibe aus Göfis ist neben der erwähnten urkunde ein Beleg früher Nikolaus-Verehrung in Vorarlberg. St. Nikolaus galt als Patron der Reisenden. Der Heilige, durch den Namenszug im äußeren Bogenrand oben eindeutig identifiziert, hält in der linken Hand den Bischofsstab und erteilt mit der rechten den Segen. Die flächige, stilisierte Formgebung der Figur, unter Beigabe einfacher geometrischer Ordnungselemente mit feinen ornamentalen Auszierungen (besonders im hellen Hintergrundfeld) ist ein Merkmal der romanischen Glasmalerei.

Alois Niederstätter.
Leiter des Vorarlberger Landesarchivs und Universitätsdozent. Geb. 1955 in Bregenz, Studium der Geschichte und Germanistik in Salzburg, Dr. phil. 1980, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsfor­schung, Habilitation für Historische Hilfswissenschaften und alemannische Landesgeschichte, Gastprofessor in Innsbruck im Som­mersemester 1997 und im Sommersemester 2002; Forschungsschwerpunkte: zahlreiche Publikationen zur Geschichte des Mittelalters, insbesondere des Spätmittelalters, sowie zur Regionalgeschichte des Bodenseeraumes.

Ao.Univ.-Prof. Dr. Alois Niederstätter ist Lehrbeauftragter am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Lehrtätigkeit: Geschichte des Mittelalters, Vorarlberger Landesgeschichte, Historische Hilfswissenschaften.

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