Sonntag, 5. März 2017

[ #Vorarlberg ] Ernst Krenek in Vorarlberg und Karl V. bei den Bregenzer Festspielen

Die Oper "Jonny spielt auf!" des Wieners Ernst Krenek wurde am 10.Februar 1927 uraufgeführt. Die Österreichische Tabakregie schuf deswegen zwar die Zigarette "Jonny". Für die Nazis war die Oper Symbol für die "Verniggerung des Abendlandes" und auch Österreich tat auf Druck der Heimwehr mit. Kaum bekannt ist, dass Ernst Krenek wie auch seine Eltern mehrfach in Vorarlberg waren, zumindest in Bregenz, in Bludenz, in Brand, in Gargellen, in Lech.

Bregenzer Festspiele. 2008 widmeten die Bregenzer Festspiele im Rahmen ihres Schwerpunktes "Macht und  Musik" dem Werk des österreichischen Komponisten Ernst Krenek eine umfassende Darstellung, die überaus positiv aufgenommen wurde. Die Idee zum Krenek-Schwerpunkt war in einer intensiven, mehrjährigen Planungsphase und in enger Zusammenarbeit zwischen Intendant David Pountney, Gladys Nordenstrom Krenek, der Witwe des Komponisten, und dem Ernst Krenek Institut entstanden. Im Zentrum standen die szenischen Produktionen von "Karl V." und "Kehraus um St. Stephan", Aufführungen im Konzertbereich ergänzten die umfangreiche Präsentation.  Mit dem Bühnenwerk mit Musik "Karl V.", der 1933 vollendeten ersten Zwölftonoper, wurde nicht nur das Thema der Festspiele, "Macht und Musik" von zwei künstlerisch unterschiedlichen Perspektiven aufgerollt. Die beiden Werke repräsentieren auch Kreneks intensive Auseinandersetzung mit der bevorstehenden politischen  Katastrophe.

Aus dem Briefwechsel von Ernst Krenek mit der Universal Edition (1921-1941) gehen jedenfalls mehrere Belege dafür hervor, dass Krenek in Vorarlberg war. 

Nach seiner letzten Deutschlandreise vor Hitlers Machtübernahme kündigt Krenek in einem Brief aus dem Bregenzer Hotel Weißes Kreuz, wo er ein paar Tage mit seiner Frau verbrachte, an Heinsheimer seine Rückwanderung nach Wien an. Dieser teilt ihm am 21. August 1933 als Leiter der Opernabteilung der Universal Edition mit, dass die Bundestheatervewaltung den Vertrag über Karl V. unterschrieben habe.  Freilich ist dann die Aufführung  vereitelt worden und Krenek wollte deswegen offenbar auch beim Vorarlberger Landeshauptmann Dr. Otto Ender intervenieren. Heinsheimer frägt jedenfalls am 28. Juli 1934 an, ob Krenenek bezüglich Karl V. schon irgendwelche Entscheidungen getroffen habe, ober er in ihrer Sache in Vorarlberg irgendeine Fühlung aufgenommen habe.  Zur Erläuterung: drei Tage vorher am 25.7.34 war der austrofaschistische Bundeskanzler Dollfuß durch nationalsozialistische Putschisten ermordet worden.


Krenek antwortet ihm, dass er deswegen nicht in Bregenz war, weil wegen der tubulenten Personalveränderungen "dort in allen Ämtern, vom Landeshauptmann angefangen"  kaum was Nützliches und Verbindliches zu erreichen gewesen wäre und man "mit dem Rat des jetzt dauend in Wien befindlichen Dr. Ender am weitesten kommen dürften".  Der Vorarlberger Landeshauptmann war  im September 1933 als Bundesminister ohne Portefeuille in die austrofaschistische Regierung berufen worden.  Im selben Schreiben scheint aber Krenek wegen der Aufführung Karl V. auch bereits resigniert  zu haben, denn er fragt Heinsheimer an, wie es denn im schlimmsten Falle um die Konventionalstrafe stehe. Krenek war seit der Machtübernahme Hitlers in einer schwierigen finanziellen Lage, denn sein deutsche Konto war gesperrt.

Am 30.6.1937 bittet Krenek die Universal Edition in einem Brief aus Bludenz zu Handen seines Vaters 1000 Schilling auszuzahlen. Auch am 31.8.1939 telegrafiert Kreneks Vater an die Universal Edition von Bludenz aus, dorthin die August und September Raten zu überweisen.

Lange bevor hatte allerdings Krenek bereits schöpferische Kontakte zu Vorarlberg. Seine Komposition "Maria ging in Garten | op. 77a/4 | für gemischten Chor a cappella" nennt dafür als Textquelle: "Riefensberg im Bregenzerwald, aus: H. Pommer, "Volkslieder und Jodler aus Vorarlberg", Wien 1926".

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Ernst Krenek. (* 23. 8. 1900 Wien, † 22. 12. 1991 Palm Springs) Der am 23. August 1900 in Wien geborene Krenek traf mit dieser Oper "Jonny spielt auf" den Puls der Zeit. Sie stand innerhalb von zwei Jahren auf den Spielplänen von über 100 Opernhäusern und machte ihn finanziell unabhängig. Krenek lernte das Komponieren als Sechszehnjähriger an der Wiener Akademie bei Franz Schreker. 1920 bis 1923 folgte er seinem Lehrer an die Staatliche Musikhochschule Berlin. In dieser Zeit entstanden seine ersten Kompositionen mit freier Tonalität.

1925 bis 1928 ging er als Assistent des Intendanten und Musiktheoretikers Paul Bekker zunächst nach Kassel, dann nach Wiesbaden. Anfang der dreißiger Jahre beschäftigt er sich intensiv mit Musikästhetik und der Zwölftontechnik. Die Aufführung der Oper "Karl V.", die 1933 von der Wiener Staatsoper in Auftrag gegeben wurde, schafften die Nazis trotz ihres Verbotes in Österreich - zu vereiteln. 1938 ging Krenek nach Amerika ins Exil, wo er verschiedene Gastvorlesungen hielt und als Professor an diversen Universitäten unterrichtete. 1947 wurde er amerikanischer Staatsbürger und wählte Los Angeles als festen Wohnsitz. 1966 siedelt er nach Palm Springs über. Erst 1984 wird die Oper "Karl V." erstmals an der Wiener Staatsoper aufgeführt. Ab 1950 kam Krenek gelegentlich nach Europa zurück – für Konzertreisen oder als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen und hielt sich ab 1982 in den Sommermonaten im Mödlinger Arnold-Schönberg-Haus auf. Ernst Krenek starb am 22. Dezember 1991 in Palm Springs, Kalifornien.

Nazi-Propaganda gegen
"Entartete Musik"
verwendet das Sujet von
"Jonny spielt auf".
Die Produktivität des Komponisten und Autors Ernst Krenek umfasst fast sieben Dezennien des 20. Jahrhunderts und zeichnet sich durch eine markante Vielseitigkeit aus. In Europa wurde seine "von intellektueller Neugier geprägte Neigung zu abrupten, überraschenden Veränderungen der musikalischen Schreibweise" häufig als Diskontinuität kritisiert, während sie ihm in den USA den Titel des "one-man history of twentieth-century music" einbrachte. Als er starb hinterließ er ein in seiner stilistischen Offenheit und Experimentierfreudigkeit beeindruckendes musikalisches Oeuvre von mehr als 240 Werken. Er komponierte siebzehn Bühnenwerke (Opern, Fernsehopern, Schauspiele), Orchesterwerke, Kammermusiken und Vokalmusiken. Er hatte in seinen Werken unterschiedliche Stile und Techniken verwendet: Atonalität (2. Sinfonie 1922; szenische Kantate "Die Zwingburg" 1924), Neoklassizismus (1. Violinkonzert 1924), Neue Sachlichkeit (Oper "Jonny spielt auf" 1927), Zwölftontechnik (Oper "Karl V." 1938), elektronische Musik (Pfingstoratorium "Spiritus intelligentiae Sanctus" 1956) und Serialismus ("Sestina" 1957). In zahlreichen Essays verlieh er den aktuellen Vorgängen seiner Zeit literarischen Ausdruck, schrieb fast all seine Libretti selbst und hinterließ mit seiner Biographie "Im Atem der Zeit" ein lebendiges Zeugnis der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

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