Sonntag, 14. Februar 2016

[ #Feldkirch ] Lob der Migration: Eduardo Frei - Der chilenische Staatspräsident "aus Feldkirch"

Während man hierzulande von den Migranten Anpassung, sprich "Integration" verlangt, lässt man die erfolgreichen Auswanderer wiederum nicht los, beansprucht sie für die "Heimat". So geschehen auch mit dem seinerzeitigen christdemokratischen Staatspräsidenten von Chile, Eduardo Frei.

Im Internet steht eine Dissertation zum Download zur Verfügung, die es in sich hat. Sie vermittelt in dem Abschnitt über seine seine "schweiz-, österreichischen Wurzeln" nicht nur eine Menge Information zur Migration nach und aus Vorarlberg - vorwiegend vor dem ersten Weltkrieg - nein, sie ist auch spannend zu lesen. Spannend auch Eduardo Freis Aufstieg in einem südamerikanischen Land, zwischen den Mühlsteinen der konservativen Eliten und der revolutionären Kräfte. Sie macht damit ein Land und dessen Geschichte, ja vielleicht die eines ganzen Kontinents verständlicher. Die Dissertation sollte also nicht nur bei Vorarlbergsien-Sammlern, sondern auch bei an Gesellschaft, Geschichte und Entwicklung Interessierten zwingend in der "eBibliothek" stehen.

Migrationsgeschichte. Die Geschichte des chilenischen Staatspräsidenten Eduardo Frei "aus Feldkirch" ist eine vielfältige Migrationsgeschichte, die sich beileibe nicht auf die Enge der Feldkircher Neustadt reduziert und reiht sich vorzüglich in die vielen Vorarlberger (unerzählten)Migrationsgeschichten ein. Eduardo Frei selbst ist auch nicht aus Feldkirch, aber sein Vater ist in der Feldkircher Neustadt aufgewachsen, sein Vorfahren in Frastanz, in der Felsenau. Und trotzdem blieben sie Schweizer. Schweizer die von der katholischen Mehrheitsbevölkerung als Protestanten angefeindet wurden und trotzdem Mobilität und Erfolg bewiesen und sich dabei nicht nur anpassten, "integrierten". Als sich dann die Familie in Feldkirch auflöste, verstreuten sie sich wieder "über alle Lande".  Sein Sohn, Eduardo Frei Ruiz-Tagle (* 1942), wurde wiederum zum chilenischen Präsidenten gewählt. Ist auch er noch ein "Feldkircher"?

Abstract. Eduardo Frei Montalva war von 1964 bis 1970 chilenischer Staatspräsident und gehört neben Arturo Alessandri und Salvador Allende zu den bedeutendsten Reformpolitikern des Landes.  
Seine familiären Wurzeln reichen zurück nach Vorarlberg bzw. in die Schweiz. Sein Vater Eduard Frei war um 1909 nach Chile gekommen, um sich da niederzulassen und mit der Chilenin Victoria Montalva eine Familie zu gründen. Eduardo war der erstgeborene Sohn (geb. 1911). Der Auswanderer war 1885 in Feldkirch zur Welt gekommen, besuchte dort das Gymnasium und erlernte den Beruf eines Buchhalters. Er stammte einer schweizer Familie aus dem Toggenburg ab. In Chile arbeitete Eduardo Frei als Buchhalter, zuerst bei einem Weinproduzenten, danach bei der Staatlichen Eisenbahn in Santiago. Eduard Frei verstarb 50-jährig an einem Krebsleiden.

Die politische Karriere Eduardo Freis ist eng verbunden mit der katholischen Bildungslandschaft Chiles. Während seines Jus-Studiums an der Katholischen Universität geriet er in den Sog eines Studienzirkels, das sich vor allem mit der sozialen Frage im Blickfeld der katholischen Soziallehre auseinandersetzte. Aus diesem erging eine Gruppe Jugendlicher, die sich zusehends politisierte, was schließlich 1939 in der Bildung einer eigenen Partei, der "Falange Nacional", kuliminierte. Frei gehörte der Gruppierung von der ersten Stunde an an, agierte aber anfangs noch von der zweiten Reihe aus. In den 1940er-Jahren stieg er zur Führungsperson der Partei auf und sollte bis zu seinem Tod 1982 die Lichtgestalt der Christdemokraten sein. Frei verfügte über großes politisches Talent. Er überzeugte sowohl als Minister (1946) als auch als Parlamentarier im Senat (1949-1964), kandidierte 1958 erstmals für die Präsidentschaft, als er Dritter wurde, und schließlich nochmals 1964, als er gegen Allende haushoch gewann.  
Frei verkörperte den dritten Weg zwischen den verhärteten Fronten des Kapitalismus und Marxismus. Sein Programm, die "Revolution in Freiheit", versuchte, sowohl längst fällige soziale Reformen durchzuführen als auch private Initiativen insbesondere der Klein- und Mittelunternehmer zu unterstützen. Die Revolution in Freiheit sollte zwar nicht scheitern, aber auch nicht verwirklicht werden. Frei erreichte die erhofften Ziele nicht. Folglich verloren die Christdemokraten 1970 die Präsidentschaft an den Sozialisten Salvador Allende, der die eingeleiteten Reformen Freis um ein Wesentliches vertiefte. Allende polarisierte jedoch mit seinem Programm die Gesellschaft, was schließlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft und zur Militarisierung der Zivilbevölkerung führte. Das Land befand sich am Rande eines Bürgerkriegs, als das Heer am 11. September 1973 die Regierung putschte und unter der Führung von Augusto Pinochet eine Militärdiktatur installierte, die den Rechtsstaat beseitigte und zahlreiche Menschenrechtsverletzungen beging. 
Frei ging sowohl bei Allende als auch bei Pinochet auf strikten Oppositionskurs. Er rechtfertigte zuerst den Militärschlag, machte aber kehrt, als er merkte, dass das Militär die Macht an sich reißen und ein eigenes politisches Programm schmieden würde. Frei starb dann im Jänner 1982 völlig überraschend nach einem einfachen chirurgischen Eingriff. In den letzten Jahren haben Untersuchungen an den Überresten Freis ergeben, dass dieser vergiftet worden sein könnte. Doch zwingende Beweise fehlen noch.

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Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis:
Vorwort 7
Einleitung   9
I. Die Migration von Vorarlberg nach Chile im 19.
Jahrhundert  14
A) Die Überseemigration europäischer Staaten 16
1. Allgemeine Aspekte der Auswanderung  16
2. Die Migration nach Südamerika  17
3. Die Auswanderung aus der Donaumonarchie  18
Schriften- und Quellenverzeichnis   20
B) Vorarlberg im 19. Jahrhundert und das
Emigrationsverhalten im „Ländle“ 22
1. Allgemeine Aspekte der Auswanderung  23
2. Die Auswanderung nach Südamerika  24
Schriften- und Quellenverzeichnis   27
C) Der Andenstaat Chile 29
1. Allgemeine Aspekte der Immigration  29
2. Der Beitrag Österreichs zur chilenischen Immigrationsbewegung 33
3. Vorarlberger in Chile - Pater Peter Fink  34
Schriften- und Quellenverzeichnis   40
II. Der chilenische Staatspräsident Eduardo Frei
Montalva und seine schweiz-, österreichischen Wurzeln   43
A) Die schweiz-, österreichischen Wurzeln – Eduard Frei aus Feldkirch  46
1. Elias Frei aus Neßlau   46
2. Die Familie Eduard und Genovefa Frei   51
3. Der Chile-Wanderer Eduard Frei  58
Schriften- und Quellenverzeichnis   65
B) Die Kinder- und Jugendjahre Eduardo Freis 69
1. Die Geburt und frühe Kindheit  69
2. Lontué  71
3. Die Schulzeit in Santiago 73
Schriften- und Quellenverzeichnis  78
C) Die Formierung eines Politikers. Von der Universität
bis zur Gründung der „Falange Nacional“ (1928-1939) 79
1. Die Politisierung Freis (1928-1934) 79
a) Die Universität   79
b) Geschichte Chiles 82
Die spanische Kolonialzeit  84
Die Unabhängigkeit Chiles und das 19. Jahrhundert  88
Die Unabhängigkeit und die politische Entwicklung des Landes 88
Die innerstaatliche Integration 91
Die wirtschaftliche Entwicklung und Infrastrukturierung des Landes  92
Die Gesellschaft   96
Rückständigkeit  97
Der politische Umbruch  100
Die soziale Frage   100
Die Präsidentschaft Alessandris und die Diktatur Ibáñez   102
c) Die Politisierung Freis  106
Die ANEC („Associación Nacional de Estudiantes Católicos”)  107
Vom Studienzirkel zur Parteimitgliedschaft 114
Der Weg zur Gründung der „Juventud Conservadora“ 115
Die Politisierung Freis    120
2. Die Ideologisierung Freis (1934-1939)  131
a) Iquique 131
b) Die „Konservative Jugend“  136
Das Kabinett Arturo Alessandri II (1932-1938)  136
Das Innenleben der „Konservativen Jugend“ 140
Die Loslösung. Die Bildung einer eigenständigen Partei   144
3. Die Gedankenwelt Freis 150
a) Nähere Berührungspunkte  151
b) Tiefere Berührungspunkte 158
Die geistigen Inspiratoren   158
Jacques Maritain   164
c) Die Gedankenwelt Freis  174
Die gesellschaftliche Krise  177
Die Konturen Chiles  181
Wege aus dem Sumpf. Die „christliche Revolution“ 185
Schriften- und Quellenverzeichnis   192
D) Der politische Aufstieg Freis. Vom Parteiobmann
zum Staatspräsidenten (1939-1964)...   200
1. Chile im Zeitalter der Importsubstitution  201
a) Der Staat im Wandel  201
b) Die Gesellschaft im Wandel  203
c) Die Wirtschaft im Wandel 204
d) Wachstum, Gegensätze, Ungleichheit 206
2. Das steinige Jahrzehnt. Die ersten politischen Fußstapfen Freis (1939-1949) 212
a) Die „Radikalen“ Präsidenten (1938-1952) 212
b) Jahre des Aufbaus    216
c) Die Bewährungsprobe   221
3. Vom Senator zum Präsidentschaftskandidaten (1949-1958)  228
a) Das politische Sprungbrett. Frei als Senator   228
b) Die Präsidentschaft Carlos Ibáñez„  231
c) Die Partei: Von der „Falange Nacional“ zur „Demócrata Cristiano“  232
d) Der Aufstieg zu einer politischen nationalen Größe. Vom Senator zum
Präsidentschaftskandidaten 236
4. Der Weg nach oben  241
a) Die Administration Jorge Alessandri und die kubanische Revolution 241
b) Die PDC im Kalten Krieg   244
c) Frei auf dem Weg in die „Moneda“ 251
d) Die Präsidentenwahlen von 1964 255
5. Eduardo Frei außerhalb der Politik  262
a) Die Familie  262
b) Die Person Frei   264
6. Die Gedankenwelt Freis 265
a) Das schriftliche Testament  265
b) Die Einflüsse auf die Gedankenwelt Freis 267
c) Bestandsaufnahme   269
Die westlichen Staaten  269
Lateinamerika  271
Chile 274
Gesellschaft   274
Wirtschaft 276
Politik und Bürokratie   278
d) Quo Vadis, Chile?     279
Schriften- und Quellenverzeichnis 287
E) „La Revolución en Libertad“. Die christdemokratische
Regierung (1964-1970) 293
1. „Die Revolution in Freiheit“. Das Programm und die Regierung 294
2. „Ein Parlament für Frei“. Die Euphorie (1964-1967)  299
a) Das Land in Bewegung. Die Reformpolitik 302
Der Staat 302
Wirtschaft 303
Industrie, Infrastrukturierung, Energie und Kommunikation  303
Agrarreform    305
Chilenisierung des Kupfers   309
Gesellschaft    312
„Promoción Popular“    312
Bildung   315
Wohnbau und Gesundheitswesen 317
Internationale Politik  318
b) Das Land in Bewegung. Schönwetter und die ersten Gewitterwolken 323
3. „Es gibt keine schwierigere Aufgabe in der Welt als die Verwirklichung der
Revolution in Freiheit“. Die Ernüchterung (1967-1969) 330
a) Die Reformpolitik 331
Agrarreform    332
Chilenisierung des Kupfers   334
Verfassungsreform 335
Internationale Politik  336
b) Der Einbruch   341
Das Land spaltet sich   341
Die Partei spaltet sich   347
4. „Unser Experiment war kein Misserfolg“. Die Einsicht (1969-1970)  351
a) Chile im Wahlkampf    351
b) Der Aufstieg Allendes  357
5. „Die Revolution in Freiheit“. Das Resultat  362
a) Die Ergebnisse in Zahlen 362
Staat 363
Wirtschaft und Infrastruktur   363
Gesellschaft    366
Politische Partizipation und Gewerkschaft  369
b) Die Analyse  369
Der vordergründige Blick   371
Der hintergründige Blick  374
Schriften- und Quellenverzeichnis 382
F) Der kämpferische Frei. Der Christdemokrat unter Allende
und Pinochet (1970-1982)  388
1. Das sozialistische Experiment  388
a) „Die populistische Orgie“. Die Regierung der Unidad Popular
im ersten Jahr    390
Die Unidad Popular im Aufwind   390
Eduardo Frei kehrt zurück   393
b) „Die Krise“. Die sozialistische Regierung gerät in Nöte   400
Die Regierung im zweiten Jahr  400
Die Wirtschaft  401
Das Regierungsbündnis  403
Das Parlament und die Opposition 404
Gewalt und Militarisierung  405
Die Bevölkerung   406
Frei verbindet die PDC mit dem rechten Lager   408
c) „Die Katastrophe“. Das Ende des sozialistischen Experiments 414
Parlamentswahlen. Freis Rückkehr ins Hohe Haus  414
Die Lage eskaliert   419
Der Putsch. Das Militär erhebt sich 423
2. Das Militärregime   427
a) Die Implementierung einer Diktatur (1973-1977)  427
Vom Militärputsch bis „Chacarillas“ 427
Die Grundsatzerklärung der Junta und die „Chicago-Boys“  427
Der Machtanspruch Pinochets und die Ansprache in „Chacarillas“  433
Der Wandlungsprozess Freis  435
Frei verteidigt sich 435
Der innere Konflikt 442
Frei geht auf Konfrontation   447
b) Frei kämpft für die Demokratie  459                                                                                
Die Festigung der Diktatur  459
„Glaubt Pinochet, die Chilenen hätten nichts gelernt“? Freis Kampf
für die Demokratie  462
„Die Welt, die wir kannten, stürzt ein“. Das geistige Gerüst Freis  462
Frei im Ausland   464
Frei im Inland  467
Widerstand gegen die autoritäre Verfassung 470
c) Der Tod Freis  477
Epilog: Wurde Frei ermordet?        485
Schriften- und Quellenverzeichnis   492
Literatur- und Quellenverzeichnis 498
Zusammenfasssung 512
Lebenslauf   513

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