Montag, 20. März 2017

[ #Bludenz ] Vorarlberger Grenze: Von Pilgern und Pülchern


Erlass Landespraesidium Innsbruck 1819 © VLA
1819 wurden die Behörden angewiesen, Wallfahrten aus Bludenz und Montafon nach Einsiedeln in der Schweiz zu verhindern.

Pilger genossen durch die Zeiten einen mitunter zweifelhaften Ruf. Schon Maria Theresia ließ angesichts des aufkommenden Rationalismus ausufernde Wallfahrten als Müßiggang bekämpfen. Kaiser Joseph II. untersagte um 1780 überhaupt Wallfahrten, was zum Erlöschen so mancher Wallfahrt beitrug. Einer der Gründe, für die Untersagung weiter und mehrtägiger Wallfahrten war eben auch die Tatsache, dass es bei Nächtigung und Heimmarsch so heilig nicht zuging.

Auch schon das ganze Mittelalter hindurch spielten Pilger(ströme) natürlich auch eine Belastung für die ansäßige und am Wege liegende Bevölkerung, Mit Rechtsvorschriften wollte man die Gefahren einengen. Ja selbst die bepilgerten Orte, welchen ja durchaus daraus auch wirtschaftliche Erfolge erwuchsen, bemühten sich um Aufenthaltsbeschränkungen.

Obwohl im frühen Mittelalter prinzipiell nur wenig gereist wurde, gab es doch einige Gruppen, die nahezu dauernd unterwegs waren. Hierzu gehörten unter anderem Bettler, Gaukler, Wandergesellen, Hausierer, Musikanten, Korbflechter, Holzfäller, Lehrer, Priester, Wahrsager, Sterndeuter, Schatzgräber, Schausteller, Reliquienhändler, Puppenspieler, Fuhrleute, Bartscherer, Kaufleute und eben auch Pilger. Und mit den sich entwickelnden Verkehrswegen, mit dem Wachstum von Zentralstaaten wuchs auch die "wandernde" Bevölkerung. Für das 18. Jahrhundert dann geht die Geschichtswissenschaft von einem ständig wandernden Bevölkerungsanteil von mindestens zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Sinnsuche. Bittgänge, Prozessionen und Wallfahrten gelten in unseren Breiten als Phänomene katholischer Volksfrömmigkeit. Europa kennt ja bis heute noch eine unermessliche Zahl von Wallfahrtsorten, welche auch in säkuläreren Zeiten noch immer nicht nur ein touristisches Angebot sondern auch religiös motiviert sind: Die berühmten wie Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela, die jedes Jahr hunderttausende von Pilgern anziehen, und die unzähligen kleineren und kleinen wie Altötting, Einsiedeln, Mariazell, Kevelaer, Lourdes oder Tschenstochau, die häufig nur regionale Bedeutung genießen. Freilich hat die unendliche Zahl von Jakobswegen heute nur noch selten religiöse, häufig esoterische oder sportive Motive, von den Sinnsuchern bis hin zu jenen ehrgeizigen Sammlern von Jakobswegen mit einer Collect-them-all-Mentalität.

Pilger und Pülcher. In Metternichs Polizeistaat kamen bei Pilgerreisen ins Ausland politische Verdachtsmomente hinzu. Die Vorbehalte waren so groß, dass sich in der deutschen Sprache das positiv besetzte Wort Pilger auch zu einer Bezeichnung für einen Strolch geformt hat. Aus dem Pilger wird der Pülcher, ein Halbverbrecher, verdächtiges Subjekt.

Erlass Justiz- und Polizeikommission
St. Gallen 1834 © VLA
Samen der Schwärmerei. Am 10. September 1819 wies das Landespräsidium für Tirol und Vorarlberg die Behörden an, zunehmende Wallfahrten aus den Landgerichten Meran, Schlanders, Glurns, Nauders, Ischgl, Landeck, Bludenz und Montafon nach Einsiedeln in der Schweiz zu verhindern, da dadurch der "Samen der Schwärmerei" leicht auch ins Inland getragen werden könnte. Die Route führte über Feldkirch und Liechtenstein. Auch die St. Galler Regierung musste 1832 einen Beschluss vom 1. Oktober 1827 einschärfen, ausländischen Pilger ohne Papiere nicht einreisen zu lassen oder wieder über die Grenze abzuschieben, da sich häufig gefährliche Personen als Wallfahrer tarnten, um in den Kanton St. Gallen einzuschleichen.

Fremde Vagabunden. Das Wort Pilger kommt aus dem Lateinischen (peregrinus = ausländisch, eigentlich der außerhalb des ager romanus Wohnende). Schon darin liegt auch eine Ausgrenzung und es ist kaum vorstellbar, dass die mittelaterliche Welt den Fremden und das Fremde offener empfing als es heute geschieht. Selbst wenn man anerkennt, dass die Armen in der mittelalterlichen Gesellschaft auch eine wichtige soziale Funktion erfüllten, indem sie den Reichen erlaubten, sich durch Almosen auf ihre Kosten in das Himmelreich einzukaufen, so musste das Bettlen an den Pilgerrouten doch auch als Belastung empfunden worden sein. Pilger waren ja häufig auf das Betteln angewiesen, mussten also mit einem gewissen Nachdruck ihren Lebensunter- und Lebenserhalt organisieren, ganz zu schweigen von jenen, welche überhaupt nur vorgaben zu pilgern aber vom Bettel lebten.

Zu dem unbekannten Fremden und den verwirrend fremden Sitten, Gebräuchen, Sprachen und kulturellen Ausdrucksformen kam dazu, dass der Pilger-Ansturm per se nicht nur Fromme mitzog. Nicht nur wer vor Strafe, Schande und Gläubigern fliehen musste, konnte da gut untertauchen. Unter den Pilgern waren ja auch Personen die aus Buße für Verfehlungen die Pilgerreise antraten. Kaum zu glauben, dass sie auf der abenteuerlichen Pilgerreise die Disziplin finden konnten, neuerlichen Verfehlungen und Versuchungen zu widerstehen. Auch Wallfahrten, die ja beinahe ausnahmslos mit dem Versprechen des Sündenablasses verbunden waren, waren doch wohl kaum ein geeignetes Mittel die Rückfallquote zu senken.

Zudem wurden seit etwa Mitte des 13. Jahrhunderts Wallfahrten auch als Sühnemittel bei Vergehen wie Meineid, Unzucht, Betrug oder sogar Totschlag von weltlichen und kirchlichen Gerichten verhängt. Zwar wohl eher selten zugunsten der gemeinen Bevölkerung sondern einflußreicherer Kreise. So waren die Sühne- und Bußwallfahrten möglicherweise zwar auch mildere Strafen, welche die frühere Strafen des dauerhaften Exils, der Vertreibung, der Auswanderung ablösten. Man war mißliebige und unangenehme, vielleicht sogar gefährliche Zeitgenossen so zumindest auf Zeit los.

Diese Büßer spielten im mittelalterlichen Pilgerwesen eine bedeutende Rolle und dürften damit auch ihren Teil zum negativen Bild vom Pilger beigetragen haben. Ein mittelalterlicher Führer für Pilger, das Liber Sancti Jacobi warnte schon davor und selbst in Santiago de Compostela wurden Aufenthaltsbeschränkungen erlassen. Räuber, Diebe, Betrüger tummelten sich in den Pilgerscharen ebenso wie auch die Prostitution Angebot und Nachfrage fand.

Vorboten der Moderne. Die Pilgerreisen waren nicht nur Vorbote der modernen Reiselust und eine frühe touristische Attraktion, ein Abenteuerevent. Sie kannte auch die gezielte wirtschaftliche Nutzung und die Massenproduktion. Aus Einsiedeln wird für das Jahr 1466 der Verkauf von 130.000 Pilgerzeichen berichtet.

Massenproduktionen und bewegliche Lettern. Die Pilgerspiegel waren Gebilde aus Metall, Muscheln, Pergament oder Papier. Die metallenen meist als Flachrelief aus einer Legierung aus Blei und Zinn, gegossen in Modeln aus Schiefer oder Speckstein. Im 14. und 15 Jahrhundert war die Aachener Heiligtumsfahrt die größte Wallfahrt in Deutschland. Die Quellen berichten von bis zu 150.000 Pilgern. Von Johannes Gensfleisch Gutenberg wird berichtet, dass er von Strassburg aus um 1439 Aachen mit Pilgerzeichen versorgte. Aus diesem Geschäft und dem Gießen der Pilgerzeichen wird seine Erfindung der beweglichen Lettern, die Erfindung des modernen Buchdrucks hergeleitet.

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