Donnerstag, 11. Februar 2016

[ #Vorarlberg ] Weißwäsche: Vorarlbergs Beitrag zum Rot-Weiß-Rot-Buch 1946

Von Seiten der Geschichtswissenschaft wird das Rot-Weiß-Rot-Buch als nichtwissenschaftliches Werk abgelehnt, da es die Ereignisse in Österreich in den Jahren zwischen 1933 und 1945 verkürzt und selektiv darstellt. 
Das Ansinnen des damaligen Landeshauptmannes Ilg mag zwar aus der Zeit heraus verständlich sein, nämlich weiteren Schaden von Vorarlberg und Österreich abzuhalten. Ein solche Projekt kehrte allerdings unter den Teppich, dass auch Vorarlberg einen erheblichen Anteil an der nationalsozialistischen Machtergreifung hatte und dieeben damals handelnden Politiker auch in diese Vorgänge selber nicht unwesentlich und schuldhaft verstrickt waren. Sie waren jedenfalls nicht nur im Interesse Österreich und des Landes Vorarlberg aktiv. Es sollte auch ihr eigenes politisches Versagen und ihre Beteiligung an der Beseitigung der Demokratie vergessen gemacht werden. Schließlich war ja bereits ein prominenter Nazi Landesamtsdirektor geworden.
Gerechtigkeit für Österreich! Das Rot-Weiß-Rot-Buch (Untertitel: Gerechtigkeit für Österreich!) ist eine 1946 vom österreichischen Außenministerium in Auftrag gegebene Sammlung von Dokumenten aus der Zeit von 1933 bis 1945. Es stellt die Rolle des Staates Österreich vor dem Anschluss an das Deutsche Reich und die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges dar und sollte dadurch die außenpolitische Position der damaligen Regierung gegenüber den alliierten Besatzungsmächten stützen. Das Buch wandte sich aber auch an die österreichische Bevölkerung und wollte den Patriotismus gegenüber der jungen Zweiten Republik stärken. Es ist heute in der Geschichts- und Politikwissenschaft ein heftig umstrittenes Werk, da es den Staat Österreich als ein vom Deutschen Reich gewaltsam okkupiertes Land darstellt und die Beteiligung vieler österreichischer Bürger an den Verbrechen des Nationalsozialismus unerwähnt lässt.

Im Frühjahr 1946 rechnete die Bundesregierung noch mit einem schnellen Abschluss eines Staatsvertrages. Es galt, die alliierten Verhandler und die Weltöffentlichkeit zu überzeugen, dass Österreich im Sinn der Moskauer Deklaration von 1943 tatsächlich als erster Staat Hitlers Aggressionspolitik zum Opfer fiel und die Österreicher, wie gefordert, gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft Widerstand leisteten.

Im April 1946 erging vom Außenminister Karl Gruber (ÖVP) ein Rundschreiben an alle Behörden und Dienststellen in allen Bundesländern, Dokumente und statistisches Material aus der Zeit von 1933 bis 1945 nach Wien ins Ministerium zu schicken, da es sehr dringlich sei gegenüber der Weltöffentlichkeit und den alliierten Besatzungsmächten eine mit wissenschaftlichen Belegen ausgestattete Dokumentation der Rolle Österreichs in dieser Zeit vorlegen zu können. Dieses Rundschreiben würde an die Landeshauptleute ausgesandt und diese beauftragten dann die ihnen unterstellten Behörden.

Im erhaltenen Schreiben des Vorarlberger Landeshauptmanns Ulrich Ilg an die ihm unterstellten Dienststellen schildert er auch ganz offen, welche Intention hinter diesem möglichst schnell zu erstellenden Werkes steht (Zitat):
„Zweck dieser Darstellung ist es, die Tatsachen zu erhärten und ihre allgemeine Erkenntnis zu festigen, daß Österreich durch Gewaltmaßnahmen und Terror überwältigt und als jeder freien Willensäußerung beraubtes besetztes Gebiet in den Dienst der nationalsozialistischen Aggressions- und Kriegspolitik gezwungen wurde und daher, so wie alle anderen besetzten Staaten, nicht für die Handlungen und Auswirkungen dieser Politik verantwortlich gemacht werden kann.“
Von über 30 Vorarlberger Beiträgen fand nur einer auszugsweise in der Dokumentation Verwendung, die im Dezember 1946 schließlich als „Rot-Weiß-Rot-Buch“ erschien. Eine englische Übersetzung folgte im Jänner 1947. Immerhin sind das Dokumentationsmaterial aus der Besatzungszeit für Vorarlberg eine feine Quelle.

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