Montag, 22. Mai 2017

[ #Vorarlberg ] Kulturerbe "Scheibenschlagen" als Frevel verboten

Neben dem Abbrennen eines Scheiterhaufens (Funkens) gibt es in einigen Dörfern Tirols und Vorarlbergs am Abend des Funkensonntags den Brauch des Scheibenschlagens. 

Dabei werden im Feuer kleine glühende Holzscheiben auf einer Anhöhe mittels langer Stangen über einen schräg aufgelegten Brett abgeschlagen, sodass sie - ähnlich Sternschnuppen - Richtung Tal fliegen. Unmittelbar vorher spricht der Schläger einen Vers oder widmet die Scheibe einer prominenten oder persönlich nahestehenden Person. Man kann aber auch eine Person verspotten.

Erlen- oder Birkenholz. Zum Scheibenschießen werden eigens angefertigte Scheiben aus Erlen- oder Birkenholz auf 70 bis 120 Zentimeter lange Haselstöcke gesteckt, im sogenannten Vorfeuer zum Glühen gebracht und mit Hilfe einer kleinen Holzbank von den Stöcken abgeschlagen. Bei einem gelungenen Schuss beschreibt die glühende Scheibe einen leuchtenden Bogen am dunklen Nachthimmel. Jeder Schütze versucht, seine Scheibe möglichst weit zu schießen.


Feuergefahr. Erstmals urkundlich bezeugt ist das Scheibenschlagen bereits 1090. Damals führte eine brennende Scheibe zum Brand des Klosters Lorsch. Scheibenschlagen und Funkensonntag gehören somit zu den ältesten Fastnachtsbräuchen, die infolge des alten Fastnachtstermines (Aschermittwoch) am Sonntag Invocavit (Sonntag nach Aschermittwoch; Funkensonntag) stattfanden.

Der Brauch des Funkensonntags bzw. des Scheibenschlagens wird heute noch in Vorarlberg gepflegt. Das Funkenabbrennen am ersten Sonntag der Fastenzeit gehört heute zu den spektakulärsten und publikumswirksamsten Brauchtumsveranstaltungen Vorarlbergs. Die Ursprünge des Brauches liegen jedoch im Dunkeln, denn es fehlen stichhaltige Quellen zu seiner Geschichte. Besser steht es diesbezüglich um das Scheibenschlagen, das allerdings nur noch in wenigen Orten des Landes praktiziert wird. Die Aufnahme dieser Tradition in die Liste des immateriellen Kulturerbes (UNESCO) im Jahre 2016 verweist auf deren lange Geschichte und ehedem große Bedeutung.

Frevel. Der älteste bekannte Vorarlberger Quellennachweis für den Brauch des Scheibenschlagens findet sich in einem Verzeichnis von „Freveln“ (Vergehen), die in der Herrschaft Bludenz im Jahr 1604 geahndet wurden.

Damals bestrafte man etliche Burschen aus Bartholomäberg dafür, dass sie sich "in der heiligen fasten zeit, da man sich sonnderlichen aller andacht, demueth und gottsforcht gegen dem allmechtigen gott verhalten und gebrauchen solte, mit ungebürlichem scheibenschlagen, juzen und annderer unzüchten" wie dem Entwenden und Verbrennen von Hölzern und Dachschindeln vergangen hatten. In diesem Zusammenhang ist auch bezeugt, dass es am Bartholomäberg einen eigenen "scheiben plaz" gegeben hat, wo der Brauch ausgeübt wurde, indem man die angeglühten Holzscheiben in einer Art von Wettkampf und begleitet von Sprüchen möglichst hoch, weit und schön durch die Luft schleuderte.

Das Scheibenschlagen war ursprünglich wie das Fackelschwingen und das Abbrennen von größeren Feuern an unterschiedlichen Terminen im Jahr üblich. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bemühte sich der Bludenzer Stadtrat allerdings, das Treiben auf die „Alte Fasnacht“, also auf den Funkensonntag, einzuschränken. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sah sie sich der aufgeklärte Bludenzer Vogteiverwalter Franz Josef Gilm (von Rosenegg) bemüßigt, das Scheibenschlagen als einen verderblichen Brauch sogar noch einige Zeit vor dem bald ebenfalls geächteten Funkenbrennen zu verbieten.

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