Donnerstag, 8. Juni 2017

[ #St.Gallenkirch ] Jura Soyfer in Gargellen verhaftet!

Am 13. März 1938 wurde Jura Soyfer in Gargellen (Ortsteil von St.Gallenkirch im Montafon) beim Versuch, mit Skiern in die rettende Schweiz zu kommen, von übereifrigen Vorarlberger Zollbeamten verhaftet. Vom Gemeindekotter in St. Gallenkirch, nach Bludenz in den Arrest und ins Landesgericht Feldkirch. Schließlich nach Dachau und Buchenwald  - und mit 26 Jahren in den Tod.

So starb eine Partei. Als im März 1933 das österreichische Parlament von der christlichsozialen Partei ausgeschaltet und im Februar 1934 die Arbeiterbewegung militärisch zerschlagen wird, ist er aktiver Teil des Widerstandes. Dieser Widerstand hat drastische Folgen für ihn. Kurz vor der Premiere eines neuen Programms im Kabarett ABC, in dem seine neue "Broadway- Melodie" aufgeführt werden sollte, wird Jura Soyfer am 17. November 1937 verhaftet, weil man ihn mit einem gesuchten Kommunisten verwechselt. Verwechslung hin oder her, in einer Diktatur macht sich allemal auch verdächtig, wer verwechselt werden kann und seine Wohnung wird auf verbotene Schriften hin untersucht und man findet Verbotenes. Schließlich auch das Fragment seines Romans "So starb eine Partei", ein in der österreichischen Literatur einmaliges Beispiel eines Psycho- und Soziogramms einer Partei. Besonders beeindruckend schon das satirisch-ernste "Vorspiel" des Romans, in dem Soyfer gleichsam die Krankengeschichte der Republik von 1919 bis 1932 als Voraussetzung für den Weg in die Niederlage durch das Dollfuß-Regime schildert. Er wird "gemäß § 1 des Gesetzes zur Bekämpfung staatsfeindlicher Druckwerke" angeklagt und erst am 17. Februar 1938 wieder entlassen.

Amtliche Feststellung der austrofaschistischen Schergen: 
"Am 17. ds. (Anm.: November 1937) wurde nach längerer Beobachtung der 25 Jährige Schriftsteller Jura Soyfer, VII. Lindengasse Nr. 41 welcher verdächtig ist, Leiter des Agitationsbureaus der K.P.Oe. zu sein und den Pressedienst der "Roten Fahne" zu redigieren, verhaftet. In seiner Wohnung wurde auch komm. Material gefunden. Gleichzeitig wurde auch seine Freundin Helene Ultmann, 21 Jahre alt, Korrespondentin bei der Firma Gerngroß A.G., IX., Löblichgasse Nr. 8 wohnhaft, verhaftet. Auch bei ihr wurde komm. Material gefunden." (Schreibweise laut Original- d. Verf.)
Furchtbar komisch. In einem Brief unmittelbar nach seiner Freilassung aus dreimonatiger Untersuchungshaft des austrofaschistischen Ständestaates schrieb Jura Soyfer "etwas fürchterlich Komisches" sei ihm passiert. Er will sagen: Mit Komik könne man dem Geschehen nicht ankommen und er wollte seinen Mitmenschen nicht die ganze Traurigkeit wahrhaben lassen.


"Marschlied für deutsche Kinder," Mai 1933

        Hänschen klein
        Geht allein
        Vor den strammen Dreierreih'n.
        Seht, wie fein
        Stehn dem Schelm
        Säbel doch und Helm!
        Und es lacht sein Mütterlein:
        Lieb Vaterland, magst ruhig sein!
        Eins und zwei,
        Fest und treu
        Steht die Wacht am Rhein!

Die "Komik" setzt sich fort, die nicht ganz einmonatige "Freiheit" verdankte er ausgerechnet Hitler: Am 17. Februar 1938 kommt er im Zuge einer allgemeinen politischen Amnestie frei, die nach den Verhandlungen Schuschniggs mit Hitler auf dem Obersalzberg ("Berchtesgadener Diktat") dazu dienen soll, die illegalen Nationalsozialisten freizulassen, um sie als "nationale Opposition" in die staatlich gelenkte austrofaschistische Heimwehrorganisation Vaterländische Front einzugliedern.

Der Anschluss Österreichs wird bereits Zug um Zug von der österreichischen Regierung vorbereitet. Die Darstellung, die Austrofaschisten seien österreichische Patrioten gewesen, ist nicht einmal für die Märchenbücher geeignet. Zwar wurden die Strukturen der NSDAP nach dem Juliputsch der Nazis 1934 zerschlagen. Das Juliabkommen des Jahres 1936 verschaffte den Nazis wieder mehr Luft und sie konnten sich trotz weiter bestehenden Verbots reorganisieren. Eine Plattform bot ihnen dazu das Volkspolitische Referat innerhalb der Vaterländischen Front, der Einheitspartei und Massenorganisation des autoritären Ständestaates. Die Etablierung der NSDAP, ihrer Gliederungen und Organisationen ging daher nach dem Anschluss Österreichs schnell und reibungslos vor sich.

Subalterner Vorarlberger Zoll. In den Wochen nach Hitlers "Berchtesgadener Diktat" – wie es die amtlichen Geschichtsschreiber noch immer nennen, wenn zwei Diktatoren ihre Völker verkaufen - vom 12. Februar 1938 spitzt sich die Lage dramatisch zu. Am Mittwoch, den 9. März kündigt Bundeskanzler Kurt Schuschnigg (1897-1977) für den 13. März, eine Volksbefragung für "ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" an. Selbst in diesen Stunden denkt er nicht an ein freies demokratisches Österreich als Alternative zu Hitlerdeutschland sondern an ein faschistisches. Die Österreich haben die Wahl zwischen Skylla und Charibda. Sie werden sich – wohl auch nicht ganz frei – für den Schmied und gegen das Schmiedle entscheiden.

Hitlers Truppen waren noch nicht in Österreich, aber bereits am 11. März hatte die Finanzlandesdirektion in Feldkirch noch die Aufforderung erhalten, die Grenzen abzuriegeln und der Feldkircher Auto-Touringklub hatte gar auch schon am Freitagabend, 11. März, blitzschnell die Grenzen zu Liechtenstein besetzt und so Fluchtmöglichkeiten behindert. In Feldkirch herrscht auf dem Bahnhof Willkür. Keine "preußische", sondern Feldkircher Willkür. Die "Machtergreifung" durch die Vorarlberger Nationalsozialisten erfolgt ebenfalls bereits am 11. März. Gerade auch am Feldkircher Bahnhof. Erst am Morgen des 12. März ziehen deutsche Soldaten in Bregenz ein und in ihrem Gefolge Schutzpolizisten, die sofort an die Schweizer Grenze beordert werden, um "die wilden Verhaftungen durch einheimische Vorarlberger SA und SS in die systematischen Bahnen des hitlerdeutschen Terrors zu lenken."


St. Gallenkirch – Dachau. Jura Soyfer hat keinen Pass und so wurden am 13. März 1938 Jura Soyfer und sein Freund Hugo Ebner beim Versuch, mit Skiern in die rettende Schweiz zu kommen, von vorauseilend dem Führer gehorsamen österreichischen Beamten in Montafon verhaftet. Ihre Vereidigung auf "den Führer" erfolgte aber erst am 18. bzw. 19.März 1939. Sein Freund Hugo Ebner wurde ebenfalls verhaftet, wiewohl er ein Visum in die Schweiz hatte. Sein Verschulden war, dass seine Jause in alten (schon vor dem "Anschluss" in Österreich durch den Ständestaat verbotenen) Gewerkschaftszeitungen eingewickelt war. Die beiden werden im Gemeindekotter in St. Gallenkirch festgehalten, am nächsten Tag nach Bludenz und schließlich am 16. März ins Landesgericht nach Feldkirch überführt. Und dort treffen sie als Mitgefangenen den Vorarlberger Altlandeshauptmann, Altbundeskanzler, Rechnungshofpräsidenten Dr. Otto Ender, der 1934 als Verfassungsminister für die autoritäre Ständestaatverfassung verantwortlich zeichnete.

Über die Gefängnisse in Bludenz, Feldkirch und Innsbruck kam Jura Soyfer ins KZ Dachau und wurde von dort am 23. September 1938 ins KZ Buchenwald transportiert. Im KZ Dachau schrieb er das berühmte "Dachau-Lied", das von Herbert Zipper vertont wurde. Als in Buchenwald Typhus ausbrach, wurde er als Leichenträger eingeteilt, infizierte sich mit Typhus und verstarb - bereits im Besitz eines US-amerikanischen Einreisedokuments - am 16.2.1939 an Typhus.

Dachaulied. Herbert Zipper berichtete im Jahre 1988 der “Österreichischen Musikzeitschrift”, wie das Lied tatsächlich entstand:

„Im August 1938 im Konzentrationslager Dachau: Jura Soyfer und ich mußten eine ganze Woche lang einen Lastwagen mit Zementsäcken beladen, die außerhalb des Lagers gestapelt waren. Anschließend mußten wir diesen Wagen ins Lager ziehen und wieder entladen. Deshalb sind wir täglich bis zu dreißigmal durch das Eingangstor des Lagers durchgegangen. Eines Tages - es war, glaube ich, der dritte oder vierte Tag - sagte ich zu Jura, der an derselben Stange wie ich gezogen hat: 'Weißt Du, diese Aufschrift über dem Tor -Arbeit macht frei - ist wirklich ein Hohn. Wir müssen unbedingt ein Widerstandslied machen, unseren Mitgefangenen ein bißchen Mut geben.' Und Jura antwortete: ,Ja, ich glaube, ich habe sogar schon daran gearbeitet.'
Es war etwa drei Tage später - wir mußten dann in einer Kiesgrube arbeiten, wo wir bis zum Bauch im Wasser gestanden sind -, als Jura zu mir kam und sagte, daß er schon fertig sei und mir den Text vortrug, denn aufschreiben konnte man ihn natürlich nicht. Wenn man einen solchen Text gefunden hätte, dann wäre das eine Todesursache gewesen oder man wäre wirklich sehr, sehr unangenehm behandelt worden. Und so habe ich den Text eben auswendig gelernt."
   
Jura Soyfer sagte dem Mitgefangenen den Text zwei- oder dreimal vor. dann konnte dieser beginnen, den Text zu vertonen. Zipper war es gewohnt, im Kopf zu komponieren. Das war im KZ von Vorteil, denn er mußte nichts aufschreiben - was er sich auch nicht getraut hätte.
     
Das Dachau-Lied ist ein Marschlied, in dem sich die Häftlinge selbst Mut zusprechen. „Es muß so sein, daß die ersten drei Strophen nur die Umgebung, die Tatsachen, die Gefühle beschreiben, ohne wirklich die Foltern aufzuzählen -, daß geschlagen oder aufgehängt wird. Das wollten wir beide nicht.
Nein, es ist nämlich viel stärker, in allen Kunstwerken, wenn es sich um die menschliche Bestialität handelt, nicht die Gewalttätigkeit selbst zu zeigen, sondern sie in der Vorstellung des Zuhörers entstehen zu lassen, weil die Vorstellung immer stärker ist als die Wirklichkeit. Das haben wir besprochen, obwohl es ein Kampflied sein sollte. Schon in der ersten Zeile ,Stacheldraht mit Tod geladen', da fühlt man bereits die Situation. Oder ,Vor der Mündung der Gewehre leben wir bei Tag und Nacht'. Das sind Andeutungen, die die Atmosphäre wirklich beschreiben, aber nicht die Gewalttätigkeit selbst. Wir verlangen nur ,Heb den Stein und zieh den Wagen', was wir wirklich gemacht haben, aber erwähnen nicht die Greueltaten."

Herbert Zipper erinnert sich auch noch, wie zwei Gitarristen und ein Geiger das Lied im KZ erlernten, und wie es verbreitet wurde. „Ich weiß noch, daß ich es ein paar Tage mit mir herumgetragen und mir gedacht habe, was ich machen soll, und dann ist mir ein sehr guter Geiger, der der Kapo war, eingefallen, der sich sofort bereit erklärte, das Lied zu erlernen. Jura hat den einen Gitarristen gekannt, und ich habe mit dem anderen gearbeitet. An einem Abend habe ich es mit dem Geiger einstudiert. Wir hatten ungefähr eineinhalb Stunden Zeit, bevor die Sirene ertönte. Danach durfte man ja nicht mehr auf sein, sonst wurde man sofort erschossen. Da habe ich ihm das Lied beigebracht, am nächsten Tag wiederholten wir es, und da haben sie es alle drei schon gesungen ...

     
Dachau-Lied

        1. Stacheldraht, mit Tod geladen,
        ist um unsre Welt gespannt.
        Drauf ein Himmel ohne Gnaden
        sendet Frost und Sonnenbrand.
        Fern von uns sind alle Freuden,
        fern die Heimat, fern die Fraun,
        wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
        Tausende im Morgengraun.

        Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt
        und wurden stahlhart dabei:
        Sei ein Mann, Kamerad,
        bleib ein Mensch, Kamerad,
        mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad,
        denn Arbeit, Arbeit macht frei!

        2. Vor der Mündung der Gewehre
        leben wir bei Tag und Nacht.
        Leben wird uns hier zur Lehre,
        schwerer, als wir's je gedacht.
        Keiner mehr zählt Tag' und Wochen,
        mancher schon die Jahre nicht,
        und gar viele sind zerbrochen
        und verloren ihr Gesicht.
        Und wir haben die Losung ...

        3. Schlepp den Stein und zieh den Wagen,
        keine Last sei dir zu schwer.
        Der du warst in fernen Tagen,
        bist du heut schon längst nicht mehr.
        Stich den Spaten in die Erde,
        grab dein Mitleid tief hinein,
        und im eignen Schweiße werde
        selber du zu Stahl und Stein.
        Und wir haben die Losung ...

        4. Einst wird die Sirene künden:
        Auf, zum letzten Zählappell!
        Draußen dann, wo wir uns finden,
        bist du, Kamerad, zur Stell'.
        Hell wird uns die Freiheit lachen,
        vorwärts geht's mit frischem Mut,
        und die Arbeit, die wir machen,
        diese Arbeit, die wird gut!
        Denn wir haben die Losung ...

Otto Ender. Er war dagegen gerade mal sechs Monate in deutscher Haft und durfte sich nach dem Krieg deshalb als nazistisch Verfolgter bezeichnen. Kein Wunder: Bereits am 1. Mai 1933 hatte er klargestellt: "Was gesund ist am Hitlertum, wollen wir aufgreifen ...". In manchen historischen Darstellungen wird Ender dennoch als Vertreter des "demokratischen Flügels" der Christlichsozialen bezeichnet. Am Tage seiner Beerdigung wurde in Vorarlberg ein Tanzverbot ausgerufen und bis heute wird von der Vorarlberger Landesregierung für Auslandsstudenten ein "Otto-Ender - Stipendium" vergeben. Gegen seine demokratischen Flügel spricht neben dem Verfassungsentwurf auch sein politisches Handeln. So ließ er völlig rechtswidrig 1926 als Vorarlberger Landeshauptmann trotz des gesetzlichen Verbotes der Zensur den Film "Panzerkreuzer Potemkin" in Vorarlberg verbieten.

Und Otto Ender erinnert sich auch selbst: "Zu Peter und Paul 1933 war Bundeskanzler Doktor Dollfuß in Bregenz... . Kurz vor seiner Abreise nach Wien, ... eröffnete mir der Herr Kanzler, dass er mich in sein Kabinett aufzunehmen wünsche und mich mit der Leitung der Arbeiten zur Schaffung einer neuen ständischen Verfassung betrauen möchte." ... "Ich gehörte eigentlich nicht zu den Optimisten, die glaubten, es sei möglich, in kurzer Zeit die Gesellschaft ständisch aufzubauen. Ich habe an diesem Abend auch nicht zugesagt, wurde aber vom Bundeskanzler und Freunden gedrängt, ich möge mich der Aufgabe unterziehen. Ich stürzte mich zuallererst in ein intensives Studium der Enzyklika Quadragesimo anno und ihrer Kommentare sowie auf die einschlägige Literatur einschließlich der fascistischen" (sic!). Bundespräsident Miklas hatte übrigens in einem Gespräch mit Otto Ender, der als Dank für seine "Non-Verfassung" das in einer Diktatur arbeitslose Amt eines Rechnungshofpräsidenten ausübte noch am 11. März 1938 die Übernahme des Kanzleramtes angetragen. Miklas wollte keinem Nazi die österreichische Regierung anvertrauen, doch Ender drückte sich.

Besonders beachtlich die Schilderung dazu in Dr. Margit Schönherr's Buch über Vorarlberg im Jahre 1938: Am Abend des 11. März 1938 rief der illegale Gauleiter der Vorarlberger NSDAP, Anton Plankensteiner, den damaligen Landeshauptmann Ernst Winsauer in dessen Dienstwohnung im Gebäude des heutigen Landesarchivs an. Er traf dort auf eine deprimierte, aber scherzende Runde mit Landesstatthalter, Landesleiter der VF (Vaterländischen Front) und weiteren VF-Funktionären. Plankensteiner forderte Winsauer auf, ihm die Amtsgeschäfte zu übergeben; dieser, nahm das widerstandslos zur Kenntnis. Es wurde also faktisch das Amt "scherzend" in die Hand eines ähnlich gesinnten Schulfreundes gegeben. Winsauer zeigte sich aber auch nach 1945 dankbar und half Plankensteiner bei der Entnazifizierung.

Der braune Plankensteiner und der schwarze Winsauer wurden beide 1890 geboren. Beide wuchsen in Dornbirn auf. Sie waren Klassenkollegen an der dortigen Oberrealschule. 1908 zählten beide zu jenen fünf Schülern, die aus Anlass der Feierlichkeiten des 60-jährigen Thronjubiläums Franz Josefs I. an der Realschule die Laudatio Austriae aus dem dritten Akt von Franz Grillparzers "König Ottokars Glück und Ende" aufführten. Solche Freundschaften und Beziehungen führten wohl dazu, dass die illegalen Nationalsozialisten in Vorarlberg vor 1938 von den austrofaschistischen Behörden unter Landeshauptmann Winsauer "milder" behandelt wurden. Zeitzeugen verweisen in Lebenserinnerungen jedenfalls darauf. Faktum ist, dass Winsauer die Jahre der NS-Herrschaft im Vergleich zu anderen begünstigt überlebte.

Jura Soyfer. (* 8. Dezember 1912 in Charkow /Ukraine; † 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald) Der Vater war Industrieller, die Mutter führte ein großes Haus - dem gehobenen Bürgertum entsprechend. Jura und seine ältere Schwester Tamara hatten englische und französische Gouvernanten. 1920 verließ die Familie aufgrund der politischen Verhältnisse die Ukraine und kam über Konstantinopel schließlich im April 1921 nach Wien.

Bald danach ließ sich die Familie in Baden bei Wien nieder, um 1923 wiederum nach Wien zu ziehen. Jura besuchte das Gymnasium in der Hagenmüllergasse, Wien III. 1927, nach dem Justizpalastbrand, trat er den Sozialistischen Mittelschülern bei, 1929 begann er für das "Politische Kabarett" der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe zu schreiben, ab 1930 publizierte er regelmäßig in der "Arbeiter-Zeitung". 1931 maturierte er und inskribierte an der Universität Wien Germanistik und Geschichte und wurde nach 1933 aktiver Teil des Widerstands gegen den Austro-Faschismus.

1935 lernte Leon Askin den Dramatiker Jura Soyfer kennen:
"Im August 1935 kam Hans Weigel zu mir ins `ABC´, um mir mitzuteilen, dass er nur mehr wenig Zeit fürs `ABC´ hätte. Damit ich seinen Abgang leichter verkraften konnte, brachte er auch gleich einen Ersatz mit, den er mir mit wärmsten Worten anpries: `Hier ist ein junger Mann, der regelmäßig Artikel für die `Arbeiter-Zeitung´ verfasst und auch Gedichte und Chansons fürs Wiener Werkl schreibt, der wird dir jetzt deine Mittelstücke schreiben.´ So wurde der Dramatiker Jura Soyfer im `ABC´ eingeführt.
Wenn Jura Soyfer nicht in Buchenwald an Typhus gestorben wäre, wäre er einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker unseres Jahrhunderts geworden. Es erfüllt mich mit Stolz und Genugtuung, dass ich es war, der Jura Soyfer zum ersten Mal auf die Bühne der Kleinkunst gebracht hatte."
Im Mai 1936 führte das "ABC", dessen Hausautor Soyfer wurde, "Weltuntergang" auf. Als Autor taucht immer wieder das Pseudonm "Walter West" auf. Diesem folgten im März 1937 "Die Botschaft von Astoria", im September "Vineta - die versunkene Stadt" und im Dezember "Broadway-Melodie 1492". Die "Literatur am Naschmarkt" brachte im Oktober 1936 das Mittelstück "Der Lechner Edi schaut ins Paradies" heraus. Beide Kleinkunstbühnen spielten in der Folge Szenen von Soyfer, oftmals unter seinen Pseudonymen "Walter West" oder "Norbert Noll".
Am 13. März 1938 wurde Soyfer an der schweizerischen Grenze von österreichischen Beamten verhaftet und über die Gefängnisse Bludenz, Feldkirch und Innsbruck ins KZ Dachau gebracht. Dort entstand u.a. das berühmte "Dachau-Lied", das Herbert Zipper vertonte. Im September wurde Soyfer ins KZ Buchenwald transportiert, wo er am 16. Februar 1939 an Typhus verstarb. Vater, Mutter und Schwester konnten 1939 nach New York emigrieren, die Asche Jura Soyfers wurde ihnen von den Nazis nachgesandt.

Herbert Zipper. Herbert Zipper  (geb. 1904 in Wien, gest. 1997 in Santa Monica/California/ USA) absolvierte ein Musikstudium an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst bei Joseph Marx und war danach als Dirigent der Wiener Madrigalvereinigung und von 1930 bis 1933 als Lehrer für Musiktheorie und Komposition in Düsseldorf tätig. Nach der Machtergreifung Hitlers kehrte Zipper nach Wien zurück, gründete das Wiener Konzert­orchester und arbeitete als Komponist für Kleinkunstbühnen, wie die "Literatur am Naschmarkt", sowie für den Rundfunk.

Im Mai 1938 wurde Zipper wegen seiner "jüdischen Abstammung" nach Dachau deportiert, wo er ein Häftlingsorchester gründete und – gemeinsam mit Jura Soyfer, der den Text verfasste – das Dachaulied komponierte. Herbert Zipper konnte gegen Bezahlung eines Lösegeldes und mit Hilfe eines Visums von Guatemala das KZ – Soyfer und er waren mittlerweile nach Buchenwald verlegt worden – verlassen und emigrierte 1939 auf die Philippinen, wo er die Leitung des Manila Symphony Orchestra übernahm, dem er zeitlebens verbunden blieb. Während der japanischen Besatzung der Philippinen wurde er vorübergehend inhaftiert. Nach 1945 lebte Herbert Zipper in den USA, wo er, neben seiner Tätigkeit als Dirigent, starken Einfluss auf die Musikerziehung ausübte und für eine Reihe von musik­pädagogischen Projekten verantwortlich war.

[Zeitreiseführer #Vorarlberg ]

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